| 12. Teil:Nikon
F4
1988, acht Jahre nach der Markteinführung der F3 legte die
Nikon eine neue Profikamera vor, die F4, die erste Profikamera von Nikon
mit Autofokus. Gleichzeitig ist die F4 eine der Kameras mit der
umfangreichsten elektronischen Ausstattung zur Steuerung der Kamera und
ihrer Funktionen gewesen. Das ist damals gelegentlich auch als Nachteil
empfunden worden, denn ach, die einfache Bedienung einer Nikon F ist
spätestens mit dieser Kamera Vergangenheit geworden. Darüber wird noch zu
schreiben sein.

Gleich zu Beginn: die Nikon F4 gibt es in verschiedenen
Varianten, von den vielen kleinen Änderungen, die Nikon vorgenommen hat,
gar nicht zu reden. Dazu gehört etwa ein geänderter Blitzschuh, nach wie
vor nach ISO-Norm, aber mit einem Passloch für Blitzgeräte von Nikon. Sehr
praktisch und wirksam gegen das Verrutschen eines nicht ausreichend
festgeschraubten Blitzgerätes und damit ein wirksamer Schutz gegen
Enttäuschungen beim Fotografen, alles in allem aber doch nur eine
Kleinigkeit. Nach dem Aufsetzen des Blitzgerätes wird durch Betätigung
eines Rades oberhalb des Blitzgerätefußes das Gerät nicht nur fest im
Zubehörschuh befestigt, zusätzlich wird ein Stift ausgefahren, der in
dieses Passloch eingreift und das versehentliche Verrutschen des
Blitzgerätes und damit dessen Fehlfunktion verhindert. Wer je eine
Aufnahme verpatzt hat, weil der Blitz nicht funktionierte, da der Fotograf
das Blitzgerät im Sucherschuh ein wenig verschoben hatte, weiß dies zu
schätzen.
Schon
von Anfang an lieferte Nikon die F4 in den USA mit einem Batterieteil
MB-21 für 6 Mignonzellen; der macht die Kamera zwar größer (höher) und
noch schwerer (statt den 1090 Gramm der F4 wiegt die als F4s bezeichnete,
nebenstehend abgebildete Kamera, fast 1,4 Kilogramm), ermöglicht aber eine
max. Bildfrequenz von fast 6 Bildern/s statt 4 Bildern/s bei der F4 mit
ihrem Batterieteil MB-20. Nicht jeder Käufer in den USA wollte sich mit
der schwereren Version abschleppen bzw. nicht jeder brauchte sie. Daher
wurden als Zubehör in den USA relativ viele MB-20 verkauft und daher sind
dort sowohl MB-20 als auch MB-21 wesentlich leichter zu erhalten als
hierzulande. Sie lassen sich klaglos gegeneinander austauschen. Allerdings
hat der MB-21 einen eigenen Auslöser (zusätzlich zum Auslöser an der
Kamera), praktisch vor allem bei Aufnahmen im Hochformat.

Ab 1991 wurde die F4e geliefert, eine F4 mit Batterieteil MB-23 und einem
zusätzlichen Batteriemagazin MS-23. Damit war auch außerhalb der USA eine
F4 mit einer max. Bildfrequenz von 5,7 Bildern/s erhältlich. Die F4e hat
zwei Vorteile gegenüber dem MB-20: Im Handgriff können nicht nur 6
Batterien (Größe AA) untergebracht werden, sondern wahlweise auch
NiCd-Akkus mit der Bezeichnung MN-20. Auch der MB-23 hat einen zweiten
Auslöser, praktisch vor allem für Aufnahmen im Hochformat.
Warum ist diese ab 1988 erzeugte Kamera so interessant und wichtig - für
manche Fotografen auch heute noch?
Zunächst ist die F4 eigentlich die letzte Kamera in der Tradition der
Profikameras Nikon F, F2 und F3, die aufeinander folgten. Die F4 stellt
allerdings eine so radikale Abkehr von der Tradition der früheren
Profikameras von Nikon dar, dass viele Fotografen auch weiterhin ihrer
mechanischen F3 die Treue hielten. In kleinen Stückzahlen ist die F3 bis
2000 erzeugt worden und erst bei der Photokina im September 2000 wurde
offiziell mitgeteilt, dass die Produktion nun endgültig eingestellt wurde.
Die Nikon F4 war die erste Profikamera von Nikon, die mit Autofokus und
einer TTL-Blitzbelichtungsmessung ausgestattet ist. Autofokus gab es zwar
als Vorläufer schon bei der recht glücklosen F3AF im Jahre 1983, aber erst
bei der F4 war der Autofokus im Gehäuse ein integrierender Bestandteil der
Kamera.
In der Tradition der Nikon F hat auch die
F4
(technische Details!) ein Sucherbild, das 100% des Bildes zeigt, das auf
dem Film aufgenommen wird. Sie hat neben dem vor der Aufnahme manuell
hochklappbaren Spiegel eine Abblendeinrichtung zur Beurteilung der
Tiefenschärfe und sie hat Matrixmessung, mittenbetonte Messung und
Spotmessung. Als Nachfolgerin der F3 ist die F4 nicht nur ausgezeichnet
geeignet für die manuelle Einstellung der Entfernung, sie hat zusätzlich
einen ausgezeichneten Autofokus. Bei dessen Bewertung darf der
Entwicklungsstand bei der Markteinführung 1988 allerdings nicht unbeachtet
bleiben. Heutige AF-SLR haben ein schneller ansprechendes und auch
leichter zu bedienendes AF-System, aber wenn Sie nicht ausschließlich
weiße Wände ohne Struktur oder vorbeirasende Formel 1-Boliden
fotografieren wollen, sind Sie auch heute noch mit einer F4 gut bedient.
An der Nikon F4 konnten und können die meisten älteren Objektive verwendet
werden, die Nikon je erzeugt hat. Die Kamera hat den umklappbaren
Mitnehmer für die Belichtungsmessergabel dieser alten Objektive.
Auch die alten Objektive zur Nikon F, die heutzutage schon 35 Jahre oder
noch älter sind, können verwendet werden - auch wenn sie nicht auf
AI-Fassung umgebaut worden sind.
Insofern sind die Jubelschreie auf manchen Internetseiten über die
Kompatibilität der Objektivfassung an sich berechtigt; zu eigentlichem
Jubel ist freilich nicht unbedingt Anlass, denn nur die
Arbeitsblendenmessung (bei manuell geschlossener Blende) ist bei diesen
alten Objektiven möglich und Matrix-Messung funktioniert auch nicht, die
anderen Messmethoden sind hingegen verwendbar.
Man konnte also seine alten Objektive verwenden. Wer, wohl mehr des
Interesses wegen, denn aus Notwendigkeit, dasselbe noch heute tun will,
kann es auch.
Wer an der allenfalls gebraucht gekauften "alten" F4 seine neuesten
optischen Wunderwerke verwenden will, der kann auch das, im Prinzip.
Allerdings berücksichtigt die F4 nicht die zusätzlichen Informationen,
welche von den neueren D-Objektiven geliefert werden. Blitzen können Sie
natürlich auch ohne diese Funktion, seinerzeit war die F4 eine hierfür
besonders gut geeignete Kamera, wie ja Nikon auch heute noch eine führende
Stellung bei der Blitzbelichtungsmessung innehat.
Verwendbar sind auch die AF-I- und AF-S-Objektive. Nur beschränkt
verwendbar sind die neuen Objektive der G-Serie ohne Blendeneinstellung am
Objektiv, nämlich nur bei Programm- und Blendenautomatik, weder bei
Zeitautomatik noch bei manueller Einstellung. Dasselbe gilt übrigens auch
für die F-601M, F-801 und F70 sowie für die F90 und F90X.
Wie gesagt, die F4 in ihren verschiedenen Versionen war die erste
Profikamera von Nikon mit Autofokus. Damit hat Nikon den Schritt getan,
den man 1980 mit der F3 noch nicht setzen konnte (und mit der 1983
erschienenen F3AF zaghaft und letztlich erfolglos wagte). Die F4 verfügt
über den gleichen Advanced AM200 -Modul für die AF-Messung wie die F-801.
Die Messung der Entfernung erfolgt allerdings schneller als bei der F-801.
Dies verdankt die F4 einem verbesserten (kernlosen) Motor für die
Scharfeinstellung. Dennoch, wie schon oben gesagt, machen wir uns nichts
vor: nach unseren heutigen Maßstäben merkt man eine relative Langsamkeit
der Scharfeinstellung. Fasst man diesen Satz positiv: Seit 1988 hat es
bedeutende Verbesserungen in der Geschwindigkeit der AF-Messung gegeben.
Neben diesem Motor für die Entfernungseinstellung der Objektive besitzt
die F4 noch drei weitere Motoren, einen für die Spannung des Verschlusses
und die Steuerung der Spiegelbewegung, einen für den Filmtransport und
einen weiteren für die Filmrückspulung. Deren Tätigkeit und die übrigen
Kamerafunktionen werden durch 9 Integrated Circuits im Gehäuse gesteuert,
die Matrix-Belichtungsmessung durch weitere 4 ICs im Prismensucher DP-20.
Mit diesem Sucher (Standard) kann man die Belichtung auf drei verschiedene
Arten messen: Matrix-Messung, wie erstmals in der FA, mittenbetonte
Messung, wie erstmals in der Nikon F Photomic Tn ab 1967 verwirklicht, und
Spotmessung. Matrix-Messung steht allerdings nur mit dem Sucheraufsatz
DP-20 zur Verfügung, weil nur er über die entsprechende Elektronik
verfügt. Mit dem sehr praktischen, aber leider vergleichsweise großen
Sportsucher DA-20 ist nur mittenbetonte Messung und Spotmessung möglich,
mit dem Lupensucher DW-21 und dem Lichtschachtsucher überhaupt nur
Spotmessung. Die Matrixmessung erfolgt auf die selbe Weise wie in der
F-801, nur kann man an der F4 auch AI-, AI-S und AF-Objektive ohne CPU
verwenden.
Die Matrixmessung funktioniert einwandfrei auch bei Hochaufnahmen.
Bekanntlich geht man bei der Matrixmessung u. a. von einem Vorbildmotiv
aus, in dem sich die hellsten Stellen (bei Landschaften im Querformat der
Himmel) oben befinden. Im Hochformat ist das aber je nach Haltung das
linke oder rechte Messfeld. Die F4 hat daher zwei Matrixsensoren. Bei
Hochformataufnahmen wird daher die Auswertung der 5 Messsektoren auf
Hochformat umgeschaltet - durch einen simplen Schalter mit
Quecksilberfüllung, das sich entsprechend bewegt. Übrigens funktioniert
die Matrixmessung bei Blitzaufnahmen nicht.
Im Kameraboden findet sich zwar ein Blitzsensor, der TTL-Messung
ermöglicht, aber leider nur mit mittenbetonter Messung. Mehr war 1988
technisch offenbar nicht drin. 1988 gab es auch noch ein weiteres Problem:
nicht alle Filmfabrikanten hatten ihre Filme auf einen Grauton von
einheitlicher Helligkeit umgestellt; bei Blitzaufnahmen musste bei manchen
Filmen daher ein Korrekturfaktor eingestellt werden, um Fehlbelichtungen
infolge zu heller oder zu dunkler Filmoberflächen auszugleichen - zuletzt
war das nur mehr bei den - ohnehin längst nicht mehr erhältlichen -
Polapan-Filmen nötig.
Manche Funktionen bei der Bedienung wurden durch die F4 vereinfacht; immer
wieder wird behauptet, mit der F4 würden besonders viele Aufnahmen im
Hochformat gemacht, weil die F4s und die F4e über Handgriffe mit
speziellem Hochformatauslöser verfügen, auf Deutsch: über einen zweiten,
bei Aufnahmen im Hochformat "griffgünstig" gelegenen Auslöser. Mag schon
sein.
Andere Funktionen sind allerdings umständlich zu bedienen: Wie spult man
den Film motorisch laut Betriebsanleitung wieder zurück? Nun, man drückt
Arretierungsknopf am Hebel R1 und klappt danach den Hebel aus. Danach
drückt man den Knopf neben der Aufschrift R2 und schiebt den daneben
angeordneten Hebel nach links, wobei man den vorher erwähnten Hebel R1
rechtzeitig loslässt - und dann wird der Film hoffentlich richtig
zurückgespult. "Hebel durch die Lasche ziehen......." hat einmal einer
gesagt. Nun ja, Nikon hat inzwischen wieder zu einfacheren Lösungen
zurückgefunden.
Unbeweint verabschiedete sich Nikon mit den beiden Suchern DP-20 und DA-20
auch von den speziellen Zubehörschuhen für Blitzgeräte und baute in diese
Sucher normale ISO-Blitzschuhe, wenn auch mit Passloch, wie oben erwähnt,
ein. Möglich wurde das, weil die Wechselsucher erstmalig für Nikon nicht
mehr von oben aufgesetzt werden, sondern von hinten auf stabilen Schienen
ins Gehäuse eingeschoben werden. Damit ist die notwendige Stabilität
gewährleistet und die Sucher können nicht mehr versehentlich vom Gehäuse
gerissen werden - ein bei den Photomic-Aufsätzen zu Nikon F und Nikon F2
nicht ganz unbekanntes Übel.
Aber lassen wir die Kleinigkeiten: mit dieser Kamera hat Nikon 1988, wie
ich meine, wiederum den angestammten Spitzenplatz unter den Profikameras
erlangt und für Jahre die Eigenschaften vorgegeben, welche die Konkurrenz
übertreffen musste - die ohnehin nur mehr aus Canon bestand, nachdem
Minolta kein konkurrenzfähiges Modell mehr hatte und die Reflexkameras von
Leica mangels Autofokus in der Reportagefotografie kaum mehr verwendet
werden.
Seit Ende 1996 wird die F4 von Nikon nicht mehr erzeugt.
Gebraucht findet man bei
Händlern die F4 nur selten und vor allem nur selten in äußerlich
makellosem Zustand. Die Nikon F4 wurde primär von Profis gekauft und deren
Kameras schauen halt, wenn sie hergegeben werden, nicht mehr neu aus.
Sollten Sie die Wahl haben, am häufigsten finden Sie in den USA die F4s,
denn dort wurde sie als Standard verkauft, in Europa hingegen die Nikon
F4. Die US-Kameras erkennen Sie an den Buchstaben US vor der
Gehäusenummer. Das war seinerzeit wichtig für die Garantieleistung, ist
heute aber nur mehr am Rande interessant. Aber mit Ausnahme von Handgriff
und Motor sind die Kameras ja identisch. Und die F4e hat den Nachteil des
höheren Gewichts und den Vorteil des Hochformatauslösers und der für
Menschen mit großen Händen besseren Ergonomie. Kein Vorteil ohne Nachteil.
Was Vorteil ist und was Nachteil, bestimmen Sie!
Das Internet hat auch die
Angebotslage ein wenig verändert. Wer will, kann heute bei E-Bay oder
anderen Internethändlern weltweit Gebrauchtkameras bestellen, daher ohne
Probleme auch die Nikon F4s, die ich oben abgebildet habe.
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© Peter Lausch
Zuletzt bearbeitet: 7. Juli 2005
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