Zenit 212k


   Für etwa 100 Euro (+Nebenkosten, wie Postversand nach Österreich oder Deutschland etc.) können Sie noch heute im Internet die Zenit 212k kaufen, eine vollmechanische SLR aus Russland mit Belichtungsmessung durchs Objektiv und Bajonettfassung (Pentax K-Bajonett) samt Objektiv 2/58 und Verschlusszeiten B und 1/8 bis 1/500 Sekunde.
     
   Ein interessanter Preis! Was bekommt der Käufer aber für sein Geld? Und: Was ist das für eine Spiegelreflexkamera?

 

Zuerst ein allgemeiner Rückblick
    

   1925 wurde die Leica lieferbar; seit 1934 ist die Leica II in der Sowjetunion nachgebaut worden. Die Kopien entsprachen zunächst bis zur letzten Schraube dem Vorbild. Unterschiedlich war allerdings die Qualität, wie nicht anders zu erwarten. 

   Durften die Sowjets das? Ja. 

   Die Sowjetunion war den internationalen Übereinkommen über Urheberrecht, Patentrecht und Musterschutz nicht beigetreten. Daher war es nach geltendem sowjetischen <Recht> unbeachtlich, dass der Nachbau ausländischer Produkte wie der Leica nach allgemeinem Verständnis (im Westen) zu Unrecht erfolgte. Probleme hätte es nur gegeben, wären diese Nachbauten im Westen verkauft worden – in der Sowjetunion waren Erzeugung und Vertrieb jedenfalls legal.
   
   Nachgebaut wurde die Leica II mit Gewindeanschluss M39 für Wechselobjektive. Bedingt durch die Eigenart der sowjetischen Staatswirtschaft erfolgte der Nachbau der Leica durch einige wenige Firmen. Bekannt im Westen sind FED geworden (benannt nach Felix Edmundowitsch Dserschinski, dem Gründer der Tscheka, des sowjetischen Geheimdienstes) sowie später die Firma KMZ mit der Zorki. 

   Solche Nachbauten erfolgten streng genommen bis 1950, danach wurden – auf der Basis der Schraubleicas – weiter entwickelte eigene Modelle auf den Markt gebracht. Diese können ihre Verwandtschaft mit den Vorbildern nicht verleugnen, weichen von ihnen jedoch soweit ab, dass man sie – mit ein wenig gutem Willen – als Eigenentwicklungen bezeichnen kann.
   
   Es ist nicht übertrieben, zu sagen, bis zum Erscheinen der Voigtländer/Cosina Bessa L und vor allem der Bessa R seien Modelle wie die FED 5 oder die Zorki 4K die fortschrittlichsten Weiterentwicklungen der Schraubleicas auf dem Markt gewesen. Über diese Kameras gibt u. a. die Seite von Guido Studer Auskunft.
   
   Alles ist relativ. Die frühere Firma Leitz (heute Leica Camera AG) hat die Erzeugung der letzten Schaubleica (IIIg) bald nach Erscheinen der Leica M3 mit Bajonettfassung aufgegeben. 

   Diese war übrigens den Schraubleicas so überlegen, dass auch die vielen kleinen Firmen und Werkstätten, die sich  in Japan als Kopisten von Schraubleicas betätigten, innerhalb weniger Jahre eingingen und die Produktion einstellten. Im übrigen haben auch heutige japanische Weltfirmen wie Canon und Yashica Sucherkameras „in der Tradition" der Schraubleicas hergestellt, allerdings auch wesentlich weiterentwickelt, sodass man bei diesen Firmen nicht mehr von Kopien sprechen kann.
   
   Durften diese japanischen Firmen das überhaupt? Ja, weil nach allgemeiner Auffassung die Patente der deutschen Industrie von den Alliierten frei gegeben worden waren und damit etwa die Entfernungsmesser, die Verschlüsse, die Objektivfassung und die Objektive, kurz, die ganze Leica, von einem jeden nachgebaut werden durfte. 

   Das gilt nicht nur für Leitz, sondern auch für alle anderen klassischen Modelle wie etwa die Contax. Die Nikon-Sucherkameras, mit denen Nikons Entwicklung zur Weltfirma begann, sind etwa eine Kombination von Contax- und Leitz-Gehäusen.
   
   Spätestens ab 1945 haben damit jedoch auch die sowjetischen Kameras das Odium der Rechtswidrigkeit verloren. Sie wurden auch im Westen angeboten und – mit mäßigem Erfolg – verkauft. So findet man sowjetische Kameras der Marken FED, Zorki, Zenit und Kiew sogar in den USA. Dort wird auch von manchen kleinen Firmen die Zenit 212k verkauft, etwa von Kiev Camera, eine Suche bei Google ergibt aber auch andere Lieferanten.
    
Mit keiner dieser Firmen stehe ich in Geschäftsverbindung. Für Lieferfähigkeit, Zuverlässigkeit, Funktionsfähigkeit der gelieferten Waren kann ich daher keine wie immer geartete Haftung übernehmen. Mein Hinweis auf diese Firmen ist daher nichts anderes als – Hinweis und keine Empfehlung. 
   
Die Zenit-Spiegelreflexkameras  

 
   Sie werden seit Anfang der 60er-Jahre von der Firma KMZ in großer Zahl und in vielen Modellen erzeugt, auch heute noch. 

   Die meisten Modelle waren bis 1990 nur Eingeweihten bekannt; im Westen ließ sich die dt. Firma Quelle zeitweise einzelne Modelle von der russischen Erzeugerin herstellen. So sind die Revueflex E und die Revueflex EM extra für Quelle angefertigte Zenit-Kameras und entsprechen vollkommen den Originalmodellen Zenit E und Zenit EM, ausgenommen die Beschriftung mit lateinischen Buchstaben. 
   
  
Alle Modelle der Zenit beruhen letztlich auf weiterentwickelten Schraubleicas vom Typ Zorki, denen ein Spiegelkasten angesetzt wurde. Das wirkt sich auch heute noch bei der 212k aus. Betrachten Sie die Abbildungen der Zenit auf der genannten holländischen  Seite, fällt besonders die Ähnlichkeit mit den Bedienungselementen der FED 4 und 5 auf (etwa Selbstauslöserhebel).

 
Die Zenit 212k:
   

   Die Zenit 212k erinnert mich an eine alte Frau, auf junges Mädchen hergerichtet. 

   Denn wie gesagt, die Zenit ist die vor allem äußerlich verjüngte Ausgabe der alten Zenit-SLRs, millionenfach erzeugt zwar, aber halt vom Konzept her aus den 60er-Jahren stammend und auf den noch früheren Modellen von Sucherkameras beruhend. 

   Unter dem modischen Plastik-Kleid schlägt daher ein recht altes Herz. Der Verschluss wird in russischen Kameras eigentlich unverändert seit vielen Jahren verwendet. Die Belichtungszeiten dieses Tuch-Schlitzverschlusses reichen daher nur von 1/8 bis zu 1/500 Sekunde. Nicht weiter tragisch, wer braucht schon die 1/4000 Sekunde einer Nikon FM2n? Der relativ langsame Ablauf der Verschlussvorhänge hat zur Folge, dass die Synchronisation mit Elektronenblitz nur mit 1/30 Sekunde erfolgt, wiederum, in Innenräumen kein Problem, aber Aufhellblitzen im Freien sollten Sie vielleicht doch eher mit einer Nikon F80 etc.

   Auch die TTL-Belichtungsmessung ist nicht auf dem neuesten Stand. Feinheiten wie mittenbetonte Mehrfeldmessung, Matrixmessung oder wie immer man  die Betonung des Sucherzentrums bei der Messung in der Fachsprache auch nennen mag, suchen Sie vergebens. Es handelt sich um eine sozusagen ganz gewöhnliche Ganzfeldmessung. Finden sich im Sucherbild daher besonders helle oder dunkle Stellen, führt dies zu einer bei Diafilmen kritischen Fehlbelichtung - kein Unglück, wenn Sie daran denken, die gemessene Belichtungsdaten manuell entsprechend zu korrigieren. Verwenden Sie hingegen, wie ohnehin über 90 Prozent aller Fotografen, Farbnegativfilm, wird Ihnen diese Schwäche recht gleichgültig sein: Extremfälle ausgenommen, gleicht der Belichtungsspielraum des Film derartige Mängel weitgehend aus.

   Belichtungszeit und Blende werden zwar durchaus modern mit Leuchtdioden angezeigt, der Belichtungsmesser reagiert aber relativ träge bei plötzlichen Änderungen der Beleuchtung und er ist nicht gerade empfindlich. Dieses Verhalten ist typisch für CdS-Dioden, bloß verwendet man im Westen seit Jahrzehnten modernere Messzellen. Die Messzelle ist im Prisma angebracht und daher nicht vollkommen gegen Streulicht geschützt. Infolgedessen ist das Meßsystem der Zenit 212k anfällig für Streulicht durch den Suchereinblick. Allerdings merken das in der Praxis nur Brillenträger so wie ich einer bin. Das Gegenmittel ist ganz einfach: Brille abnehmen vor der Belichtungsmessung. Dann sehen Sie das Sucherbild nicht scharf, sagen Sie? Das macht nichts, denn auch mit Brille sehen Sie das Motiv zwar scharf, aber dunkel. 

   Der wie mir scheint, eigentliche Mangel der Zenit 212k liegt in der veralteten Gebrauchsblendenmessung. Beim Druck auf den Auslöser wird der Belichtungsmesser (TTL immerhin!) aktiviert und schließt sich die Blende auf den voreingestellten Wert; gemessen wird bei diesem Wert. Mit anderen Worten: wollen Sie z. B. mit Blende 11 eine Aufnahme machen, schließt sich bei der Messung die Springblende auf diesen Wert - Sie stellen die Belichtungszeit ein. Zwar können Sie dabei wenigstens gleich die Schärfentiefe beurteilen - was bei den meisten modernen AF-Kameras  nicht mehr möglich. Durch dieses Meßsystem haben sich die Konstrukteure eine Menge von Steuerkurven oder elektrischen Kontakten erspart, wie sie sich in modernen Kameras bzw. Objektiven finden. Vorteil ist, dass Sie an der Zenit 212k auch alte Objektive verwenden können, die preiswert zu kaufen sind - Sie sehen, nichts hat nur Nachteile.

   In der Praxis läuft das darauf hinaus, dass Sie mit der Zenit 212k mit ein wenig Aufmerksamkeit und Überlegung einwandfrei belichtete Aufnahmen machen, ein wenig umständlich und weniger bequem zwar als mit anderen Kameras, dafür aber zu äußerst günstigem Preis.
   
   Die Zenit 212k hat ein Pentax K-Bajonett, sodass Sie auch Objektive anderer Hersteller verwenden können. Leider gibt es da häufig ein kleines Problem: So vor ungefähr 20 Jahren hat man bei KMZ in das SLR-Gehäuse der damaligen Zenit erstmals zusätzlich einen Belichtungsmesser eingebaut. Dafür brauchte man Platz. Der Platz fand sich im Gehäuseinneren, das, zum Unterschied vom Pentax K-Bajonett nicht genormt ist. Daher lassen sich zwar theoretisch alle Fremdobjektive mit diesem Bajonett an die 212k anschließen, aber nicht alle passen ins Gehäuse, was die vorgehende Feststellung einigermaßen entwertet. Also aufpassen! Dass für die Verwendung des generischen Bajonetts einer japanischen Firma keine Lizenzgebühren entrichtet werden, wird Sie ja wohl nicht weiter stören?



   Und noch etwas: da alle Zenit-SLRs aus dem Gehäuse einer Sucherkamera abgeleitet sind, fehlt es nach wie vor im Gehäuse an Platz für eine ausreichend große Mattscheibe. Infolgedessen zeigen alle Zenit-SLRs nicht das ganze Bild auf der Mattscheibe, sondern nur einen Teil; manche sagen, nur 80%; ich gebe das wieder, nachgerechnet habe ich nicht. 

   Man kann damit leben: wie schief auch immer Sie in den Sucher schauen, der Tante Berta schneiden Sie weder den Kopf noch die Füße ab und bringen sich auf diese Weise nicht um die Erbschaft. Dass der Sucher nicht alles zeigt, was auf den Film kommt, ist ja übrigens auch eine altbekannte Eigenschaft aller Sucherkameras und fast aller SLRs, stört aber weiter niemanden (meist sind es aber doch mindestens 97% des Bildformats, die Sie im Sucher Ihrer SLR sehen.
   
   Gar nichts ist einzuwenden gegen das Standardobjektiv, ein Zenitar 2/50.  Auch gegen die angebotenen russischen Wechselobjektive ist überhaupt nichts einzuwenden. Und mit der oben genannten Einschränkung und mit einem entsprechenden Ansetzversuch ans Gehäuse vor Kauf eines gebrauchten Fremdobjektivs sind auch Objektive mit Pentax K-Bajonett anderer Erzeuger verwendbar. 

   Übrigens gibt es auch einen Adapter, um Objektive mit M42-Gewinde zu verwenden, die es sonder Zahl im Gebrauchthandel zu günstigen Preisen gibt.
   

Fazit:

   Ist man gut beraten, sich eine Zenit 212k zu kaufen? 

   Ja, wenn man mit den geschilderten Eigenheiten leben kann und will und eine preisgünstige SLR sucht, die auch noch gut ausschaut - Geschmäcker sind natürlich verschieden, mir wenigstens gefällt die Zenit 212k vom Aussehen her wirklich.  

 

Erstellt am 2.9.2000
zuletzt geändert am 24. Jänner 2008
© Peter Lausch