| PETER LAUSCH
Der Western Rail Corridor
Ein
kleiner Rückblick auf die Geschichte der Eisenbahn in Irland ist leider
unvermeidlich zum Verständnis der Wiederbelebung des nunmehr so
genannten Western Rail Corridors.
1.
Die erste Eisenbahnlinie auf der Insel wurde
bereits 1834 zwischen Dublin und dem Hafen in Dun Laoghaire erbaut,
damals (unter britischer Herrschaft) noch Kingstown. Diese rund 10 km
lange Linie hatte die Standard-Spurweite von 1435 mm (4 Fuß 8,5 in),
doch setzte sich diese Spurweite in der Folge in Irland nicht durch.
Weitere Linien wurden mit Spurweite 1600 mm (5 ft 3 in) errichtet,
verschiedene Linien mit Spurweite 1435, 1575 und sogar 1880 mm gegen
Mitte des 19. Jahrhunderts auf die Breitspur 1600 mm umgebaut.
Daneben wurden in Gebieten mit geringem
Verkehrsaufkommen zahlreiche Schmalspurbahnen mit einer Spurweite von
914 mm (3 ft) errichtet, die allein in der Grafschaft Donegal eine
Steckenlänge von etwa 300 km aufwiesen. Indessen waren sie alle
miteinander wirtschaftlich nicht lebensfähig und mit dem Aufkommen des
Autoverkehrs wurden sie aufgelassen – bei einem Teil der Linien wurden
indessen die Streckenrechte behalten, etwa bei der ehemaligen
Schmalspurbahn von Westport nach Achill. Der Streckenteil zwischen
Newport und Achill wird seit vorigem Jahr in einen asphaltierten Rad-
und Wanderweg umgebaut. Der bereits fertige Streckenabschnitt zwischen
Newport und Mulranny ist bereits nach 1 Jahr zu einer beliebten
Fahrradstrecke für Einheimische, weniger für ausländische Touristen,
geworden, was sich wahrscheinlich noch ändern wird. Und schon denkt man
in Irland über den Ausbau weiterer aufgelassener Eisenbahnstrecken zu
Rad- und Wanderwegen nach: in der gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage
wegen der relativ geringen Kosten eine naheliegende Entscheidung. Nicht
möglich ist das freilich für jene einstigen Schmalspurstrecken, bei
denen in den 30er-Jahren nicht nur der Betrieb eingestellt, sondern auch
gleich Schienen, Unterbau, Brücken und die Eigentumsrechte an der
Strecke selbst verscherbelt wurden, etwa in West-Cork die Strecke über
Ballydebob. Dort ist zwar noch das Eisenbahnviadukt über einen
Geländeeinschnitt erhalten, rechts und links davon ist das ehemalige
Gleisbett jedoch längst verbaut.
Einige wenige Streckenabschnitte solcher
Schmalspurbahnen in anderen Landesteilen werden von Museumsbahnen
genutzt, etwa ein kleines Teilstück der 1961 eingestellten Strecke der
West Clare Railway
durch einen Verein in Moytura Junction.
Ein besonderes Kuriosum stellt die einstige
Einschienenbahn nach System Lartigue zwischen Listowel und Ballybunion
dar –
einige Details hier.
In die von Dublin ausgehenden Hauptstrecken
nach Cork, Limerick, Galway, Westport und Sligo wurde vor allem ab 1960
investiert. Alle diese Strecken wurden seit 1925 (mit Ausnahme der
Linien nach Nordirland) in der Republik Irland
von der <Great Southern Railway> betrieben, später von der CIE. Seit
1987 lautet die offizielle Bezeichnung der irischen Bahn <Iarnrod
Eireann (Irish Rail)>.
Allerdings, trotz der Investitionen in die Hauptstrecken wurden fleißig
unrentabel scheinende Nebenstrecken stillgelegt. 1975 etwa wurden
Personenzüge auf der Strecke zwischen Limerick. Ennis und Claremorris im
Norden Galways stillgelegt, wenig später folgte die Aufgabe des
Frachtverkehrs. Die unbenutzten Geleise wurden sich selbst überlassen
und von Unkraut und Sträuchern überwuchert, die Stationsgebäude, wie
etwa das in Sixmilebridge, verkauft. Die Strecke verfiel in einen
Dornröschenschlaf.
2.
Mit dem ab den 90er-Jahren erkennbaren
wirtschaftlichen Aufschwung (Irland=Celtic Tiger) wuchsen die
Begehrlichkeiten. Insbesondere bildete sich 2003 eine Initiative,
<West=On=Track>,
welche unter Hinweis auf die unverhältnismäßig geringen Investitionen in
die Bahninfrastruktur im Westen Irlands die Wiederbelebung der seit
Jahrzehnten aus wirtschaftlichen Gründen stillgelegten und allmählich
verfallenden Verbindungsstrecke zwischen Limerick und Sligo forderte.
Dafür wurde auch gleich ein schlagkräftiger Name gefunden: >The Western
Rail Corridor>.
Schaut man sich eine Landkarte Irlands an,
scheint ein solches Vorhaben durchaus sinnvoll: eine direkte
Nord-Süd-Verbindung fehlt dem Streckennetz im Westem Irlands. Denkt man
allerdings an die Siedlungsstruktur, den inzwischen erfolgten, wenn auch
infolge Wirtschaftskrise längst noch nicht abgeschlossenen Ausbau des
Straßennetzes insbes. zwischen Limerick und Galway und ferner an die
weitgehende Verlagerung des Gütertransports auf die parallel zur
Eisenbahnlinie führenden Straßen, hegt man leicht Zweifel an der
wirtschaftlichen Sinnhaftigkeit eines solchen Vorhabens.
Indessen Geld in Fülle war ja da in der
Hochkunjunktur, Budgetüberschreitungen kein Problem und der Druck der
Lobbys war deutlich. Die Politiker wiederum wollten Erfolgserlebnisse
und die Sicherung ihrer Mandate in zukünftigen Wahlen, und so wurden
Gutachten, in denen die Wiederaufnahme des Fahrbetriebs nicht bejubelt
wurde, solange umgearbeitet, bis alle Bedenken abgeschwächt und in
Nebensätze verdrängt waren. Ja, einer der Herren Politiker (der damalige
Verkehrsminister Martin Cullen von der Partei, welche zuletzt von den
Wählern in die Versenkung geschickt wurde) wollte gleich
eine – neue – Stichlinie zum Flughafen Shannon bauen. Alle 20 Minuten
sollte ein Zug fahren. Wer sich die Flugpläne dieses Flughafens, der
trotz Ausbau in den letzten Jahren seine größte Zeit hinter sich hat,
einmal ansieht, der kann über eine solche Schnapsidee nur den Kopf schütteln. Die
Handvoll Passagiere fährt weit preiswerter für den irischen Steuerzahler
und damit auch für die eigene Börse mit dem eigenen PKW bzw. mit dem
Bus.
Als Beispiel die
Abflüge
eines Samstags im Juni: 16 Abflüge am 25.6.2011, einschließlich
Charterflügen von Niki Luftfahrt GmbH, dabei werden die Passagiere meist
im Autobus gebracht bzw. abgeholt. Und nicht täuschen lassen von
Code-Sharing-Flügen von Air France und Delta: Nur ein Flugzeug der Delta
Airways fliegt tatsächlich.
Als dann die Evaluierung des Vorhabens
Errichtungskosten von mehreren hundert Millionen Euro ergab und einen
Betriebsverlust von mehr als 50% jährlich (die Baukosten wären ohnehin
uneinbringlich gewesen), wurde diese Schnapsidee wiederum zu Grabe
getragen.
3.
Die Modernisierung der stillgelegten
Eisenbahnstrecke zwischen Limerick und (vorerst) Galway war allerdings
nicht aufzuhalten. Entstanden ist eine modernen Gesichtspunkten
entsprechende Strecke mit Signal- und Schrankeneinrichtungen, die dem
Stand der Technik entsprechen, allerdings wurde die Strecke nur
einspurig gebaut, so wie sie gewesen war. Einige Haltestellen mussten neu
errichtet werden, Parkplätze ebenso. Die Haltestellen sind, sofern neu
gebaut, spartanisch: ein Bahnsteig, ein Absperrgitter, ein
Fahrkartenautomat und eine Anzeigentafel; außerdem ein WC und eine (oder
mehrere) Überwachungskameras. Ein Glashütterl, in dem sich ein paar
Passagiere bei Regen schutzsuchend unterstellen können, aber wirklich
nur ein paar. So sehen sie aus, die Haltestellen in Sixmilebrigde,
Ardrahen, etc., die Stationen in Limerick, Ennis, Gort, Athenry und
Galway waren vorhanden und sind zwar altmodisch, aber größer. Als Beispiel
für eine neu gebaute Station ein Bild der Station in Ardrahan:

Die Befürworter der Modernisierung hatten von
vielen Passagieren geträumt. Nunmehr verkehren Triebwagen seit 30. März 2010 auf der Strecke
zwischen Limerick und Galway, werktags in jede Richtung 5 Triebwagen
direkt und am Abend einer
mit Umsteigen, an Sonn- und Feiertagen gibt es in jede Richtung 4
Verbindungen. Die Passagierzahlen haben die Erwartungen bisher nicht
erfüllt, denn zwischen den genannten Orten verkehren auch Schnellbusse,
die preiswerter sind und auch nicht länger brauchen.
Die Befürworter lassen sich nicht
kleinkriegen: sie fordern die Verlängerung der Strecke bis Sligo und
träumen von hohem Passagieraufkommen. Das wird freilich nicht gespielt: ein
oder 2 weitere Haltestellen im Einzugsbereich von Galway werden noch
gebaut, allenfalls eine Verlängerung bis nach Tuam im Norden – auf dem
Rest der Strecke soll der Betrieb in absehbarer Zeit und jedenfalls vor
einer Erhöhung der zu erwartenden Fahrgastzahlen im Zuge einer Belebung
der Wirtschaft und einer Verdichtung der Siedlungsstrukuren nicht aufgenommen
werden. Ein Umbau in einen der neuerdings modischen Rad- und Wanderwege
wird erwogen, weil das nicht allzu viel kostet und Geld ist derzeit
knapp.
4.
Am Montag, den 6 Juni 2011, habe ich mir
das Vergnügen einer Bahnreise auf dieser Strecke nicht nehmen lassen. Im
Internet habe ich mir einen
Fahrplan
für diesen Tag ausgedruckt und bin von Sixmilebridge (6 km von meinem
Hotel beim Flughafen Shannon entfernt) nach Galway gefahren.
Der Parkplatz bei der neu gebauten Station
(das alte Stationsgebäude hat man klugerweise seinerzeit verkauft) war
sozusagen autoleer, der Bahnsteig zunächst auch menschenleer, dann kamen
noch 3 Leute. Aber immerhin, der Automat akzeptierte meine Kreditkarte,
druckte das <Day Return Ticket> um 19 € aus und gab auch die Kreditkarte
wieder zurück. Von der Überwachungskamera beschützt, warteten wir 4
Leute auf den Triebwagen, der sich als ein nach Diesel stinkender, 14
Jahre alter Doppeltriebwagen entpuppte, doch die Sitze waren recht
bequem.

So schaukelten wir ab 09.48 Uhr in 90 Minuten
eher langsam durch die Gegend, ich lernte sozusagen die Hinterseiten der
Ortschaften kennen, die ich in früheren Jahren mit dem Auto auf der
Hauptstraße schon passiert hatte. Bei jedem Übergang betätigte die
Zugführerin ausgiebig die Hupe, die Kühe auf den Weiden nahmen es
gelassen hin. Die Landschaft wirkte beruhigend auf die Nerven, um es so
auszudrücken:
Auf der ganzen Fahrt stiegen nur einige
Passagiere zu, ich denke, mehr als 15 Leute waren wir nicht in den 2
Waggons, immerhin die Reise begann pünktlich und endete pünktlich um
11.34 Uhr im Bahnhof von Galway.
Für die Rückreise hatte ich mir den Triebwagen
ab Galway um 14,30 Uhr ausgesucht. Die Besichtigung des Stadtzentrums
endete infolge einsetzenden Regens und mangels Regenschirms ein wenig
früher, die restliche Zeit verbrachte ich in einem Einkaufszentrum.
Um 14,30 Uhr stand auf dem Bahnsteig indessen
ein ganz moderner Intercity-Schnellzug nach Dublin, aber kein
bescheidener Triebwagen nach Limerick. Als sich einige Passagiere für
diesen Triebwagen angesammelt hatten, erklärte der Bahnhofsvorsteher,
der Triebwagen der Klasse 7200 habe einen Defekt (Bremsversagen) und
(sagte er nicht) machte daher seinen Ruf, chronisch unverlässlich zu
sein, alle Ehre. Ersatztriebwagen sei keiner vorhanden, aber keine
Angst, ich würde per Taxi nach Sixmilebridge befördert, die anderen –
potentiellen – Fahrgäste nach Limerick oder wo sie halt auf der Strecke
aussteigen wollten.
Wir benötigten zwei Taxibusse für je sieben Passagiere
und Gepäck. zwei mitreisende Schwestern erwiesen sich als ungeheuer
redelustig und waren gar nicht mehr zu stoppen, als sie erfuhren, ich
käme aus Österreich, der etwas asiatisch aussehende Nachbar indessen
sei als Ecuadorianer geboren, habe die spanische Staatsbürgerschaft
erworben und lebe jetzt seit Jahren in Belfast. Und beide wollten wir
Irland kennenlernen.
So vergingen die 1,5 Stunden Fahrzeit über die
gut ausgebaute N7 und die M7 (eine echte Autobahn) vergnüglich, ich
wurde auf dem noch immer leeren Parkplatz der Station in Sixmilebridge
neben meinem Auto abgesetzt – und kann mich alles in allem über den
Service nicht beklagen. Vor allem habe ich mir die lästige
Parkplatzsuche in Galway und die hohen Parkgebühren dortselbst infolge
der Benützung des Triebwagens erspart. Für die Bahngesellschaft war
meine Reise indessen nicht gerade ertragreich.
Auffällig war allerdings das geringe
Fahrgastaufkommen auf dieser Strecke. Viel mehr Passagiere sollen es
auch an echten Werktagen nicht sein (der 6. Juni 2011 war ein
Bankfeiertag, an dem fast alle Geschäfte geöffnet hatten). Infolgedessen
dürfte der Betrieb auf dieser Strecke für die irische Bahn ein echtes
Verlustgeschäft sein und dürften die Investitionskosten von über 100
Millionen € nie hereingebracht werden. Im ersten Betriebsjahr sollen nur
ca. 50000 zahlende Passagiere die Züge benützt haben, rechnet man auf
die Zahl der Züge um (6 Zugpaare an Werktagen, 5 an Sonn- und
Feiertagen, sind das nicht sehr viele pro Zug.
Alles in allem kein gutes Omen für den
Weiterbau Richtung Norden (denn auf einen faktischen Neubau läuft es
beim Zustand der vorhandenen Geleise und der technischen Anlagen
hinaus).
Erstellt: 26. Juni 2011
© 2011/Peter Lausch
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