Wer bin ich?

  
Ich bin schon ein alter Internet-Fan. Im Internet bin ich erst seit Mitte 1995, aber ich bin schon 60 Jahre alt und sicher älter als Sie! Es gibt zwar immer noch Leute, die älter sind als ich, aber es werden täglich weniger. 
  
In der Straßenbahn stehen immer öfter hübsche Frauen auf, um mir ihren Platz anzubieten. Ich fühle mich gar nicht geschmeichelt. 
  
In meiner Dienststelle ist unter meinesgleichen nur mehr einer noch älter und von manchen sagt man, man werde ihn mit dem Sarg hinaustragen müssen. Wegen einem musste sogar ein Bundesgesetz geändert werden, damit man ihn mit 83 los wurde. Die Arbeit hat ihm halt gefallen.
  
Was ich sonst noch bin? Beamter. Was ich als Beamter den ganzen Tag lang tue? Tue ich überhaupt etwas? Natürlich.
  
Was?
  
Ich beantworte Rechtsfragen. An mich wenden sich die Kollegen, die dienstliche Rechtsprobleme gelöst haben wollen. Ich löse sie. Dafür werde ich bezahlt; das mache ich seit 35 Jahren. 
  
Aufpassen muss man bloß, dass die Antworten nicht falsch sind, sonst könnte einer - auch ein lieber Kollege, denn das sind sie alle - kommen und mir durchaus nicht kollegiale Fragen stellen, welche die Haftung der Beamten betreffen. Aber das Risiko ist nicht groß, man darf sich halt nicht festlegen, wenn man sich der Antwort nicht sicher ist. Ganze Generationen von meinesgleichen haben das schon getan, ganze Berufsgruppen leben auch heute davon, unklare Antworten auf klare Fragen zu geben. 

  
"Wird es morgen regnen?", fragt einer den Meteorologen. "Morgen wird es regnen" ist keine kluge Antwort, denn was, wenn morgen die Sonne scheint? Wer weiß das schon? Doch nicht die Meteorologen? "Vereinzelte Schauer sind nicht ausgeschlossen", ist die viel bessere Antwort. Mit einer solchen Antwort können Sie  nicht wirklich was anfangen? Ihr Pech.
  
Mich fragt keiner nach dem Wetter, beruflich. Werden wir den Prozess gegen X gewinnen, soll ich statt dessen beantworten. Weiß ich? "Nun, derzeit stehen die Chancen gut, aber man muß das Beweisverfahren abwarten, wer weiß, was die Gegenseite vorbringt", ist daher meine Antwort - und sie ist richtig, wie immer der Prozess auch ausgehen wird.

  

So kurz ist meine Antwort fast nie. Ich schreibe statt dessen Rechtsgutachten über mehrere Seiten. So machen es alle in meiner Lage. Die Gutachten muss man nicht wirklich durchlesen: nur die letzten zwei Sätze sind von Bedeutung, wenigstens bei meinen Gutachten.  
  
Rechtsfragen aus dem Privatleben meiner Kollegen beantworte ich auch - gratis. Denn verlangen darf ich für diese Antworten nichts, sonst wäre ich ein so genannter Winkelschreiber, ein Rechtsanwaltspfuscher, einer, der den Rechtsanwälten die Butter vom Brot leckt, sozusagen, und Winkelschreiberei wäre bei uns in Österreich sogar strafbar. Sollte mir der dankbare Kollege nach meiner Antwort aber etwas schenken, das dürfte ich nehmen, nur verlangen darf ich nichts. 
  
Bloß - es schenkt mir keiner was.
  
Was ich sonst noch schreibe - außer Rechtsgutachten? Romane, Reiseführer etc. Welche, wollen Sie wissen? Sag´ ich Ihnen gerne. Klicken Sie bloß!
  
Was ich außerdem noch mache? Ich reise oft im Dienst in Gegenden, in die sonst keiner will, im Urlaub aber meist nach Irland. Heuer fahre ich statt dessen in die Bretagne.

© Peter Lausch
15. Februar 2001