Exakta VX1000

 

Eine einäugige Spiegelreflexkamera für Kleinbild, mit Bajonettanschluss für Wechselobjektive von 20 - 2000 mm Brennweite, erzeugt von geradezu unzählbaren Herstellern, mit wechselbaren Sucheraufsätzen einschließlich eines TTL-Aufsatzes, mit Schlitzverschluss und Belichtungszeiten von B, 12 (Zwölf!) - 1/1000 Sekunden, mit Rapidspiegel und mit vollautomatischer Springblende, mit Schnelltransporthebel, mit einer seltsamen Herkunft - wie klingt das? Welche Kamera das ist? Die Exakta VX1000!

Bei der Photokina im Herbst 1966 stellte die Ihagee AG. aus der DDR ein Nachfolgemodell zur Exakta Varex IIb vor die VX1000, die ab 1967 bis Ende 1970 gebaut bzw. geliefert wurde. Ab 1970 wurde sie durch die von Pentacon gebaute Exakta RTL 1000 ersetzt - eine ganz andere Konstruktion.

Neu war die anders geformte Deckplatte des Gehäuses, neu war die Form der Entriegelung der eingebauten Rückspulsperre, neu war die Entriegelung des Sucheraufsatzes mit einem Hebel anstatt der Befestigung mittels Federdruck. Und neu war der eingebaute Rückschwingspiegel, der unmittelbar nach der Auslösung wieder in Aufnahmestellung herunterklappte.

Nicht neu war der Auslöser auf der Vorderseite des Gehäuses, links vom Objektivanschluss, nicht neu war ein Springblendenmechanismus im Gehäuse - er fehlte weiterhin, nicht neu war der Motoranschluss - auch er fehlte. Nicht neu war die klobige Form und nicht neu war auch die allmählich nachlassende Fertigungsqualität in der DDR, obgleich die VX1000 nach wie vor, verglichen mit anderen Kameras aus diesem Land, im Durchschnitt eine ausgezeichnete Qualität aufwies - alles ist schließlich relativ. Wer etwa den Filmtransporthebel an einer M-Leica und einer VX1000 betätigt, merkt den Unterschied in den Fertigungsqualität.

Exakta VX1000 mit Pancolar

 

Wie man eine VX1000 erkennt? Unterhalb der schwarz lackierten Metallplatte mit den Buchstaben EXAKTA ist VX1000 klein eingeprägt. Und wo die Erzeugerfirma ihren Sitz hat, ergibt sich aus dem eingeprägten Schriftzug "Ihagee Dresden" oder, wie bei der abgebildeten Kamera, einfach "aus Dresden" rechts neben dem Sucherprisma. Auf der Abbildung ist der Schriftzug nicht erkennbar.

Dies ist nur eine Variante der VX1000. Bei anderen Varianten gibt es andere Gravuren auf der Frontplatte: TL VX1000, oder VX1000 oder aber ELBAFLEX auf der Frontplatte und wiederum eingeprägt VX1000 auf der Gehäusevorderseite. Bis auf die Aufschriften sind alle Varianten identisch. Ursache für die unterschiedliche Namensgebung sind Rechtsstreitigkeiten zwischen dem früheren Eigentümer der Ihagee AG, dem Holländer Jan Steenbergen und der ihm von der DDR entzogenen Ihagee AG "in treuhänderischer Verwaltung durch den Optik VEB". Zu einer echten Enteignung reichte der Mut weder bei den Nazis noch in der DDR. Solange die Namensrechte in einem Land nicht zugunsten des früheren Eigentümers bzw. seiner Erben geschützt waren, hieß die Kamera EXAKTA VX1000; sonst wurde dort die Bezeichung VX1000, TL VX1000 oder - etwas klangvoller - Elbaflex - verwendet.

Exakta VX1000 von oben

Erst nach 1960 wurde die Rechtsfrage über die Namens- und Eigentumsrechte an der Fa. Ihagee AG i. V. (in Verwaltung) im Osten Deutschlands gerichtlich endgültig entschieden und 1968 wurde das Vermögen der Firma in das Kombinat VEB Pentacon übergeführt. Mit dem Urteil des Bundesgerichtshofes in Karlsruhe vom 30. Jänner 1969 wurden die Namensrechte an der Exakta auf die Erben des 1967 verstorbenen Gründers der Ihagee übertragen. Damit mussten auch die ostdeutschen Exaktas umbenannt werden. Die weiterhin verwendeten Bezeichnungen VX1000, Elbaflex und Exa für die Amateurausführung wurden beibehalten, weil die Namen erst nach 1945 eingeführt worden waren.

Übrigens hatte man auch mit der Bezeichnung der Vormodelle als Exakta Varex Probleme, weil Varex zugunsten einer amerikanischen Kamerafirma (Argus) geschützt war. Die Exakta Varex IIa zum Beispiel hieß daher in den USA Exakta VX IIa. Daher auch die Bezeichnung VX1000 von Anfang an für das hier vorgestellte Modell. Aber die rechtlichen Aspekte der Eigentumsverhältnisse und des Namensrechtes sind eine ganz andere Geschichte.

Ab 1969 wurde auch eine vereinfachte Kamera gefertigt, mit 1/500 Sekunde als kürzester Belichtungszeit. 1/30 Sekunde war die längste einstellbare Belichtungszeit. Auch der Selbstauslöser wurde eingespart. Bis auf den vereinfachten Zeitenknopf und den fehlenden Blitzanschluss rechts neben dem Objektiv schaut dieses Modell nicht viel anders aus als hier gezeigte VX1000. Nur das Namensschild weist auf Anhieb auf den Unterschied hin: EXAKTA VX500 und manchmal auch bloß: VX500. Die VX500 war die letzte Exakta, die so aussah wie alle ihre Vorgängerinnen.

Das nachfolgende Modell EXAKTA RTL 1000 war nicht mehr von Ihagee, sondern von Pentacon, war eine ganz andere Konstruktion, wenn auch mit demselben Bajonettanschluss. Damit ging die Geschichte der bis in die Fünfziger-Jahre technisch führenden deutschen Modellreihe von Ihagee zu Ende.

Über die Gründe für den Niedergang der einstigen Vorrangstellung ist viel geschrieben worden. Neben dem allgemeinen Niedergang der (gesamt-) deutschen Kameraindustrie infolge der erstarkenden japanischen Industrie hinaus sind bei der Fa. Ihagee noch dazugekommen, dass mangels Kapital, mangels Zukunftsvisionen, mangels Rechtssicherheit und wahrscheinlich auch aus vielen anderen Gründen die Kameras nicht wirklich weiterentwickelt wurden. Die einzelnen Varianten (über die Sammler sich freuen) der VX1000 unterscheiden sich nur in Kleinigkeiten von der Exakta Varex (Exacta VX in den USA) des Jahres 1950 und von den Modellen der Zwischenzeit. Das war halt für 20 Jahre denn doch zu wenig Fortschritt. So gab es etwa zu keinem Modell einen elektrischen Motorantrieb. Dafür waren alle Zubehörteile von einer wirklich unerhörten Wuchtigkeit, als seien sie für einen Kampfpanzer bestimmt.

Objektive

Ihagee hat niemals Objektive selbst erzeugt. Einzelne als Exaktar etc. bezeichnete Objektive sind zugekauft worden. Dafür haben weltbekannte und weniger bekannte Firmen Objektive in einer Fassung für die Exakta angeboten. Insgesamt gibt es über 1000 verschiedene Objektive, die auf dem Weltmarkt erhältlich waren - viele davon sind nur Handelsmarken; dieselben Objektive tauchen unter verschiedenen Namen mehrfach auf.

Die bekanntesten Produzenten waren: Carl Zeiss, Jena, mit Objektiven in ganz unterschiedlichen Brennweiten wie dem Tessar, Biotar, Biometar, Pancolar, Sonnar, Flektogon. Auf Grund der namensrechtlichen Schwierigkeiten zwischen Carl Zeiss, Jena, und der entsprechenden Stiftung in der Bundesrepublik, durften auf vielen Märkten die von Carl Zeiss schon vor und während des Krieges verwendeten Namen nicht mehr verwendet werden - Carl Zeiss, Jena, half sich mit der Benennung der einschlägigen Objektive als T (für Tessar), S (für Sonnar), Bm (für Biometar) etc. Namensrechtliche Eigenschöpfungen wie Flektogon oder Pancolar waren davon nicht betroffen.

Als Standardobjektiv wurde von Haus aus die VX1000 meist mit dem Tessar (T) oder Pancolar ausgeliefert; die Kamera schaut dann so aus wie in den beiden Abbildungen (ausgestattet mit Pancolar 2,0/50 mm. Auch wenn es beide Objektive in äußerlich geringfügig geänderter Ausführung gibt: die schwarz-weiss gerippten Einstellringe sind für die VX1000 typisch und entsprechen dem Design der Kamera.

Im Westen waren als Normalobjektiv viele Konkurrenzprodukte vor allem westdeutscher Firmen erhältlich. Die nachfolgende Tabelle erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, ihr Zweck ist es, an wenigen Beispielen die Vielfältigkeit des um 1965 lieferbaren Angebots von Normalobjektiven für diese traditionsreiche Marke zu zeigen. Auch waren nicht alle Objektive für die VX1000 bestimmt, sie passen auch an die Vormodelle wie etwa die Exkta Varex IIa oder IIb. Ebenso passen alle Objektive für frühere Modelle auch an die VX1000 (und alle auch an alle Modelle der Exa, das erste Modell und späte Modelle mit Schraubgewinde M42 ausgenommen).

Enna

Ennalyth 1,9/50

ab 1963

Isco

Westrocolor 1,9/50

ab 1961

Isco

Iscotar 2,8/50

ab 1965

Ludwig, Weixdorf/DDR

Meritar 2,9/50

ab 1950

Meyer, Görlitz

Primoplan 1,9/50

37 - 1959

Meyer, Görlitz

Primotar 2,8/50

ab 1960

Schneider

Xenon 1,9/50

ab 1950

Steinheil

Macro-S-Quinon 1,9/55

ab 1965

Bewertung

Eine schöne VX1000 mit dem gezeigten Pancolar 2,0/50 mm von Zeiss kommt Sie auf etwa 120 Euro, je nach Erhaltung. Meine VX1000 war beim Kauf alt, aber ungebraucht und kostete im Jahr 2000 umgerechnet 140 Euro. Die Bedienung ist ein wenig ausgefallen, aber man gewöhnt sich dran.

Mit dem Exakta-Bajonett gibt es jede Menge gebrauchte Wechselobjektive zu meist niedrigen Preisen von bekannten Marken wie Zeiss, Schneider, Enna, Steinheil bis zu den weniger bekannten, etwa dem Taika Harigon, 1,2/58 mm. Von Zeiss, Jena, gefertigt, kostet ein Flektogon 2,8/35 mm etwa 70 Euro, ein Sonnar 4,0/135 mm etwa 60 Euro, ein Domiplan 2,8/50 mm von Meyer, Görlitz, etwa 10 Euro. Aber auch ein Tele-Ennalyt 3,5/135 mm von Enna mit Druckblende kostet nur etwa 50 Euro, ein Isconar 4,0/135 mm von Isco, Göttingen, etwa 20 Euro. Das sind Durchschnittspreise in Deutschland mit Stand August 2002. Verlangt der Verkäufer mehr, verlangt er einen Liebhaberpreis.

Kaufen Sie sich nach Möglichkeit nur ein Objektiv mit automatischer Druckblende, erkennbar bei allen Marken und Ausführungen an dem seitlichen "Auswuchs" vor dem eigentlichen Auslöser der Kamera. Die Funktion der Druckblende entspricht in etwa der unserer heutigen Springblende; was hier automatisch abläuft, machen Sie bei der Druckblende abgestuft: der Auslöser halb gedrückt schließt die Blende auf Arbeitsblende und ermöglicht die Beurteilung der Schärfentiefe, wenn gewünscht, weiterer Druck löst den Verschluss aus. Nach der Aufnahme öffnet sich die Blende wieder auf volle Öffnung, wie gewohnt. Objektive mit Rastblende bzw. Vorwahlblende sind unbequem und auch nicht billiger.

Auch das umfangreiche Zubehör, vom Balgengerät bis zur Mikroskophalterung ist zwar selten, aber dennoch preiswert erhältlich. Erklärung: kein Sammlerinteresse.

Fazit:

Erwerben Sie ein funktionierendes Exemplar, erwerben Sie eine nach heutigen Maßstäben umständlich zu bedienende, aber durchaus preiswerte Kamera , mit der Sie nachempfinden können, wie es war, um 1970 mit einer damals eigentlich schon veralteten SLR auf dem Stand von ca. 1955 zu fotografieren. Nicht alle Kameras funktionieren einwandfrei - daher ausprobieren und schriftlich Rückgaberecht vereinbaren (gegen Rückzahlung des Kaufpreises!).

Als Sammelgegenstand eignet sich eine VX1000 samt passenden Wechselobjektiven nur, wenn man sie zur Abrundung einer eigenen größeren Sammlung benötigt. Da häufig, technisch veraltet und ohne den Nimbus des großen Namens dürfte der Wert auch in Zukunft nicht steigen, denke ich.

 

 Geändert am 10.3.2014

Peter Lausch