Voigtländer Vito IIa


© Peter Lausch, 2013

 

Die Lage auf dem Markt nach 1945

 

Nach 1945 drängte eine Vielzahl von alten und neuen Firmen auf den deutschen Kameramarkt. Die Lage schien günstig: spätestens ab der Währungsreform hatten die Leute erstmals wieder ein wenig Geld zur freien Verfügung. Auch war ein Teil der Kameraindustrie durch Bombardierungen im Krieg und Demontagen nach dem Krieg (vor allem in der sowjetischen Besatzungszone in der nachmaligen DDR, in der sich bis 1945 das Zentrum der Kameraindustrie befunden hatte) ausgefallen; namentlich die in der nachmaligen DDR befindlichen Betriebe sollten lange Zeit die frühere Qualität und vor allem die Kapazität nicht erreichen, sodass sie zur Deckung des Bedarfs im Westen Deutschlands und in den traditionellen Exportgebieten nicht in Frage kamen. Und in den späteren Jahren wurde die Kameraindustrie in der DDR u. a. durch eine Vielzahl bürokratischer und politischer Hürden beim Export behindert.

Vor allem aber: Die meisten deutschen Kameramodelle  vor dem Krieg waren Spitzenprodukte mit dadurch bedingten hohen Preisen. Selbst jene wenigen Firmen, welche die Vorkriegsproduktion mehr oder minder wieder aufnehmen konnten, erzeugten daher zu teure Modelle, die sich die Kunden  nicht leisten konnten.

Deshalb war nun die Stunde der kleinen und kleinsten Firmen, ja sogar die der besseren Bastler, gekommen. Wer nennt all die Namen, die mehr oder weniger erfolgreich und mehr oder weniger lange Kameras anboten und auf Käufer hofften. Abhängig von den finanziellen Ressourcen schieden sie mit der Zeit fast alle wiederum aus dem Markt aus.  Manche hatten einen etwas längerem Atem, aber Mitte der Fünfzigerjahre waren viele in Konkurs gegangen oder hatten rechtzeitig die Produktion eingestellt, wie etwa das Diax-Kamera-Werk in Ulm mit den gleichnamigen Kameras.

Übrig blieben auf Dauer vor allem jene Firmen, die bei den Kunden einen guten Namen noch aus der Vorkriegszeit hatten – und deren Produkte preiswert genug waren, um leistbar zu sein.

Dabei war es – so wie vor dem 2. Weltkrieg auch – rein technisch nicht so schwierig, eine Kamera auf den Markt zu bringen. Denn in Deutschland gab es eine Reihe von Produzenten für die notwendigen Zentralverschlüsse und es gab eine Reihe von Optikfirmen: alle lieferten sie, nahm man ihnen nur eine angemessene Menge ab, willig auch an andere Firmen ihre Produkte aus. Was blieb also: das Gehäuse im Wesentlichen, in das Verschluss und Objektiv eingepasst werden mussten.  Eine eigentliche optische Werkstatt war daher nicht nötig, wohl aber  Feinmechaniker, welche die Gehäuse herstellten und die Verschlüsse samt Objektiven in diese einpassten. Verschlusshersteller gab es nur 2 in der nachmaligen Bundesrepublik: Gauthier und Deckel, deren Produkte weitgehend deckungsgleich waren. Objektivhersteller gab es mehrere, deren mehr oder minder hochwertige Produkte praktisch jeden Bedarf befriedigten: vom durchschnittlich guten dreilinsigen Objektiv bis zum Spitzenprodukt von Zeiss oder Schneider.

Ein und dasselbe Grundmodell konnte daher in vielen verschiedenen Preisklassen angeboten werden: unübersichtlich und unrationell herzustellen, aber dafür für jedermanns Börse ein angepasstes Produkt. Fotografieren war damals eine reine Männersache, die Gattin, Freundin etc. stand vor der Kamera und nicht hinter ihr.

Voigtländer

Die  Firma zählte zu den traditionsreichsten Optik- und Kamerafirmen Deutschlands. Vor dem Krieg hatte sie zuletzt für Amateure überwiegend Kameras für Rollfilme im Format 120 erzeugt – die Kameras lieferten Negative im Format 6x9  cm. 

Die erste Voigtländer Vito (damals nicht, heute schon meist als Vito I bezeichnet) wurde 1939 als überhaupt erste Kleinbildkamera dieser Firma vorgestellt, wenn auch kriegsbedingt nur in geringer Stückzahl. In Aussehen und Technik entsprach sie dem Üblichen: eine Kleinbildkamera mit versenkbarem Objektiv, welches hinter einer seitlich angelenkten Klappe in den Kamerakörper versenkt werden konnte. Ausgestattet mit einem Skopar 3,5/50mm und einem Compur-Verschluss, fehlte ihr eigentlich nur ein Entfernungsmesser. Der damals übliche stark verkleinernde Durchsichtssucher ist im Gehäuseoberteil mittig untergebracht; rechts daneben befindet sich das manuell einzustellende Filmzählwerk mit Einblick von oben. Rechts und links am Gehäuseoberteil befinden sich Filmtransport- bzw. Rückspulrad. Wie damals üblich, befindet sich der Auslöser nicht im Gehäuse, sondern ist oben auf der Objektivklappe angebracht. Film- und Verschlussaufzug sind nicht gekuppelt, der Verschluss wird durch einen separaten Hebel an der Objektivfassung gespannt.

Ab 1949 erzeugte Voigtländer eine Neuauflage. Äußerlich und innerlich unverändert, gab es die Vito mit unterschiedlichen Verschlüssen der dt. Firmen Deckel und Gauthier - mit unterschiedlichen Preisen - zu kaufen.  

Die von 1955 - 1957   erzeugte Vito II    mit Color-Skopar 3,5/50 mm war   mit verschiedenen Verschlüssen (zu verschiedenen Preisen) lieferbar, vom einfachen Pronto von Gauthier (B, 1-1/200 Sekunde + Selbstauslöser) bis zum vollsynchronisierten Synchro-Compur (B, 1-1/500 Sekunde + Selbstauslöser). 

Die Vito IIa

Von 1955 bis 1957 wurde die Kamera mit einem gefälligeren Gehäuse erzeugt und hieß Vito IIa. 

Die Vito IIa hat erstmalig jene Gehäuseform, welche viele Jahre lang typisch für alle späteren Vitos und Vitomatics (ja, mit geringen Designänderungen für den Großteil aller Sucherkameras von Voigtländer) geworden ist - aber sie war noch immer eine Kamera mit versenkbarem Objektiv. Vorteil war sicher, dass die Kamera mit zugeklapptem Deckel bequem in eine Sakkotasche passte, wenngleich, da aus Metall und Glas, ein wenig schwer. Der Nachteil aller dieses Spreizenkonstruktionen ist, dass der Mechanismus mit der Zeit ausleiert, was zu unscharfen Bildern führt und dass ferner der Lederbalgen löchrig wird und während der Aufnahme Licht durchlässt, was zu Verschleierungen der Aufnahmen führt. Dazu kommt, dass es aus mechanischen Gründen nicht einfach war, in solche Faltkameras zusätzliche Technik  einzubauen wie  Entfernungsmesser, gekoppelter Belichtungsmesser oder gar Automatiken.   Daher war diese Vito auch die letzte ihrer Art, welche in Braunschweig gebaut wurde. In der Folge erzeugte die Firma sehr erfolg- und variantenreich übrigens, Kameras mit fest montiertem Objektiv. Und schließlich ließen sich solche Kameras kostengünstiger herstellen – die Konkurrenz hatte das 1955 bereits mit einer Vielzahl von Modellen mit festmontierten Objektiven bereits gezeigt.

Die Vito IIa verfügte als erste der Vito-Kameramodelle über einen in der Abbildung oben links im Oberteil sichtbaren Schnellschalthebel; der Verschlussaufzug ist mit dem Filmtransport NICHT gekuppelt. Eingebaut wurde ein  Prontor SVS (B, 1-1/300 Sekunde + Selbstauslöser, vollsynchronisiert).  Es gibt auch eine damals preiswertere Version mit Pronto-Verschluss. Wie bei den älteren Modellen muss der Verschluss bei beiden Varianten durch einen eigenen Hebel vor der Aufnahme aufgezogen werden.

Erkennbar ist der Aufzugshebel für den Verschluss (rechts unten), der nach oben geschoben werden muss vor jeder Aufnahme. Erkennbar sind auch die beiden geriffelten Druckknöpfe, mit deren Hilfe die Objektivstandarte eingefahren und der Deckel der Kamera geschlossen wird.

Die Vito IIa ist heute relativ selten, kein Wunder, denn praktisch gleichzeitig bot Voigtländer die Vito B, eine sehr ähnliche Kleinbildkamera mit vergleichbaren Eigenschaften an – allerdings mit in einem starren Tubus fest eingebautem Objektiv.

Mangels Belichtungs- und Entfernungsmessers und mangels jedweder Art von Automatik, wie sie heutige Digitalkameras ganz selbstverständlich aufweisen, ist die Vito IIa einfach zu bedienen. Zeit und Blende eingestellt, Auslöser gedrückt, Film transportiert – bereit zur nächsten Aufnahme.

Allerdings bereitet die heute ungewohnte Gehäuseform vor allem Benützern, die mit vollautomatschen Digitalkameras und AF groß geworden sind, manchmal Probleme, die indessen ganz einfach zu lösen sind.

·       Hält man die Kamera mit geschlossenem Gehäusedeckel, muss man als Erstes einen Knopf im Boden der Kamera drücken, damit der Deckel aufspringt und das Objektiv nach vorne in Aufnahmehaltung gezogen werden kann. Der Deckel öffnet sich dazu ein wenig, wird oben und unten angefasst – der Objektivträger wird ausgezogen bis er einrastet.

·         Um einen Film in die Kamera einzulegen, d. h., um die Rückwand zu öffnen, muss ein Schieber links an der Rückwand gedrückt werden; dann wird die Rückwand durch Ziehen geöffnet. Sodann muss ein weiterer Schieber  (in Aufnahmehaltung oben links unter dem Rückspulknopf – auf der Rückseite der Kamera) nach links gedrückt werden.

·         Ausgelöst wird die Kamera durch Druck auf den kameraseitigen Stift auf dem Deckel, in den vorderen  Stift mit Gewinde kann ein Drahtauslöser eingeschraubt werden. Vor jeder Aufnahme muss der Verschluss aufgezogen werden - siehe Text zur Abbildung oben.

·         Die Buchstaben X und M auf der Objektivfassung bestimmen die Blitzsynchronisation, X dient für Elektronenblitze, M für die heute faktisch nicht mehr erhältlichen Blitzgeräte mit Birnchen.  Denn die heutigen Blitzgeräte mit Hot Shoe passen zwar in den Sucherschuh, es fehlt aber ein Verbindungskabel zum Blitzstecker an der Objektivfassung - in der oberen Abbildung der Nippel unter dem Hebel für den Verschlussaufzug. Sie brauchen einen Adapter mit einem Hotshoe an der einen Seite und einem Verbindungskabel. So etwas gab es einmal von Hama - heute ist das Ding kaum mehr erhältlich. Und natürlich fehlt auch die TTL-Blitzmessung, Sie müssen das Blitzgerät auf A stellen und eine passende Blende vorwählen, oder gleich an Hand der Leitzahl im manuellen Blitzbetrieb die Blende ausrechnen. Wollen Sie das wirklich? Meine Empfehlung: tun Sie sich Blitzen nicht an!

·         Steht der Hebel auf dem Buchstaben V daneben, wird der Selbstauslöser beim Auslösen betätigt.

Michael Butkus hat dankenswerter Weise eine Vielzahl von Gebrauchsanleitungen ins Internet gestellt – die Gebrauchsanleitung in englischer Sprache für die Vito IIa kann von dort gratis auf den heimischen PC geladen werden.

Ich empfehle dies dringend.

Nur deshalb habe ich mich bei den Besonderheiten der Bedienung so kurz gefasst.

Soll man so etwas kaufen?

Das hängt von Ihnen ab und ist eine ganz subjektive Entscheidung. Vielleicht wollen Sie Kameras von Voigtländer sammeln, vielleicht ist 1955 Ihr Geburtsjahr, vielleicht wollen Sie einfach – so wie ich – nachempfinden, wie man als Amateur damals fotografiert hat.

Ich habe meine voll funktionsfähige Kamera 2013 auf einem einschlägigen Flohmarkt in der Westbahnstrasse in Wien um € 10 gekauft und hätte sicherlich noch handeln können. Der Kaufpreis ist daher kein Problem.

 

© PETER LAUSCH/2014
Erstellt am 7. März 2014

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