PETER LAUSCH                                                                  LEICASTORY

 

 

 

KLASSISCHES ZUBEHÖR ZUR LEICA - EIN RÜCKBLICK

VISOFLEX - Entwicklung des Spiegelreflexansatzes


Längere Brennweiten als 135 mm lassen sich bei Sucherkameras mit Entfernungsmesser wie etwa der Leica nicht zuverlässig scharfstellen, weil die  Basis des eingebauten Entfernungsmesser für eine präzise Scharfeinstellung ebenso zu klein ist wie das Bild  im Sucher. Leitz versuchte schon 1933 das Problem mit einem mittels Schraubgewinde an das Gehäuse anzuschraubenden Spiegelreflexansatzes zu lösen, von dem im Lauf der Jahre verschiedene Modelle angeboten wurden.

Insofern ist die erste Kleinbildspiegelreflex, nicht wie vielfach angenommen, die Kine-Exakta gewesen, sondern eigentlich die Leica mit Spiegelreflexansatz und dem ursprünglich dafür vorgesehenen Telyt 4,5/200mm.

Unmittelbarer Anlass für diese Entwicklung waren die damals bevorstehenden Olympischen Sommerspiele 1936. Das Reichspropagandaministerium beauftragte Zeiss Jena mit der Entwicklung eines langbrennweitigen Objektivs, mit dessen Hilfe die Sportler bei ihren Wettbewerben möglichst formatfüllend aufgenommen werden sollten. Zeiss entwickelte daraufhin das „Olympia-Sonnar“ 2,8/180mm.  Dieses Objektiv konnte direkt am Gehäuse der Contax angebracht werden, auch der gekuppelte Entfernungsmesser funktionierte. Mittels eines geeigneten Aufstecksuchers konnte mit ausreichender Genauigkeit das zu fotografierende Objekt (Sportler oder Sportlerin) ausgewählt werden.

Leitz wollte da nicht abseitsstehen und entwickelt auf eigene Kosten und eigenes Risiko ein vergleichbares Aufnahmesystem, ausgehend vom damals schon längst bekannten Spiegelreflexsystems in Kombination mit 2 bereits vorhandenen langbrennweitigen Objektiven, dem 4,5/200mm und dem 5/400mm Telyt. Man sagt zwar, das Telyt sei dem Olympia-Sonnar von der Abbildungsleistung her unterlegen, der zwischen Kameragehäuse und Objektiv angebrachte Spiegelreflexansatz machte die Kombination indessen handlich und leicht bedienbar und erwies sich der Lösung von Zeiss überlegen.

Ploot, Rückseite  PLOOT, Vorderseite

Links ein früher PLOOt mit Lupeneinblick von oben; rechts PLOOt mit abgewinkeltem Einblick.

 

Dieser Spiegelreflexansatz wurde als PLOOT (ein Codewort für eine verwechslungssichere Bestellung durch die Händler) bezeichnet und wahlweise mit dem Telyt 200mm oder 400mm angeboten. Als Alternative wurde auch das bereits bekannte 4,5/135mm Hektor in einer verkürzten Fassung angeboten, falls die längeren Brennweiten nicht benötigt wurden.

PLOOT+4,5/200mm

PLOOT mit Sucherlupe, Telyt 4,5/200mm und Doppeldrahtauslöser

Diese verkürzte Fassung des Hektor wurde nötig, weil der PLOOT infolge des darin eingebauten klappbaren Spiegels 62,5 mm dick war (bei den beiden Telyten war dies bereits berücksichtigt). Dieser Ansatz war daher optimal nur an entsprechend gefassten Teleobjektiven oder mit vorgesetztem Balgengerät verwendbar.

Mindestens bis 1939 war der PLOOT zwecks leichterer Handhabung auch mit einer Art Gewehrkolben lieferbar: Diese besondere Ausprägung des PLOOT als  "Fotogewehr", wurde für die Verwendung bei den Olympischen Spielen in Garmisch-Partenkirchen etnwickelt: am Gehäuse wurde ein Gewehrkolben angesetzt, mit welchem leichter unverwackelte Aufnahmen gemacht werden konnten und der den Reportern u. a. auch ermöglichen sollte, den Ablauf sportlicher Ereignisse zu verfolgen und am Höhepunkt Aufnahmen mit dem Telyt 4,5/200 zu machen.

Klein und handlich im Sinne Barnacks war eine solche Ausrüstung nicht, denn der Würfel besaß zwecks Betrachtung des Bildes auf der Mattscheibe einen in Aufnahmestellung nach oben ragenden Metalltubus, an dem eine  5-fache Lupe angesetzt wurde; wahlweise konnte in den Strahlengang auch eine 30-fache Lupe eingeschwenkt werden, um die Scharfeinstellung zu erleichtern. Denn das Mattscheibenbild war nicht gerade hell und das Telyt 4,5/200 bzw. das  5/400mm sind schwierig scharfzustellen.  Später gab es auch einen Prismensucher mit abgewinkeltem Einblick von hinten, was das Fotografieren aus freier Hand erleichterte.

Der PLOOT wurde bis 1951 in verschiedenen Varianten geliefert, mit und ohne Zubehörschuh, mit verchromten oder vernickelten Metallteilen etc. Ab 1940 findet sich in Prospekten u. a. die Bezeichnung "Visoflexgehäuse" und in dieser Variante waren Lupe bzw. Prismensucher mittels Bajonett ansetzbar.       

1952 erfolgte der nächste Schritt: bei gleicher Gehäusetiefe wurde der Visoflex (I) auf den Markt gebracht und bis 1962 angeboten. Vom Visoflex I gibt es ab 1954 auch eine Variante mit Bajonettanschluss für die M-Leicas. Die dazu lieferbare Mattscheibenlupe mit einem um 45 Grad abgewinkelten Einblick bot ein seitenrichtiges und aufrechtstehendes Bild.

Ausgelöst wurden PLOOT und Visoflex (I) mittels eines speziellen Doppeldrahtauslösers, der so eingestellt wurde, dass der Spiegel im Ansatz mittels eines Kabels unmittelbar vor Öffnung des Verschlusses in die Höhe klappt - und nach der Aufnahme oben bleibt, bis er mit Hebelschwung wieder in Betrachtungsstellung nach unten klappt.

Klein und handlich im Sinne Barnacks war eine solche Ausrüstung nicht, denn der Würfel besaß zwecks Betrachtung des Bildes auf der Mattscheibe einen in Aufnahmestellung nach oben ragenden Metalltubus, an dem eine  5-fache Lupe angesetzt wurde; wahlweise konnte in den Strahlengang auch eine 30-fache Lupe eingeschwenkt werden, um die Scharfeinstellung zu erleichtern. Denn das Mattscheibenbild war nicht gerade hell und das Telyt 4,5/200 bzw. die langbrennweitigen Objektive (z. B. 5/400 mm) sind schwierig scharf einzustellen. 

 Der PLOOT wurde bis 1951 in verschiedenen Varianten geliefert, mit und ohne Zubehörschuh, mit verchromten oder vernickelten Metallteilen etc. Ab 1940 findet sich in Prospekten u. a. die Bezeichnung "Visoflexgehäuse" und in dieser Variante waren Lupe bzw. Prismensucher mittels Bajonett ansetzbar.

1951 erfolgte der nächste Schritt: bei gleicher Gehäusetiefe wurde der Visoflex (I) auf den Markt gebracht und bis 1962 angeboten. Vom Visoflex I gibt es ab 1954 auch eine Variante mit Bajonettanschluss für die M-Leicas. Die dazu lieferbare Mattscheibenlupe mit einem um 45 Grad abgewinkelten Einblick bot ein seitenrichtiges und aufrechtstehendes Bild.

Ausgelöst wurden PLOOT und Visoflex (I) mittels eines speziellen Doppeldrahtauslösers, der so eingestellt wurde, dass der Spiegel im Ansatz mittels eines Kabels unmittelbar vor Öffnung des Verschlusses in die Höhe klappt - und nach der Aufnahme oben bleibt, bis er mit Hebelschwung wieder in Betrachtungsstellung nach unten klappt. 1953 wurde der Doppeldrahtauslöser durch einen anderen Auslöser mit einem Kabel ersetzt.

 Neu konstruiert war der ab 1958 in Schraub- und Bajonettanschluss bis einschließlich 1962 lieferbare Visoflex II. Er war bedeutend kleiner, die Gehäusetiefe war 22,5mm kleiner als bei den Vorgängermodellen.   Auch wurde die einfache Umstellung von Hoch- auf Querformat möglich. Dazu gab es einen Prismensucher und eine Lupe für den Einblick von oben. Der Visoflex II verfügte über keinen Rückschwingspiegel, sondern nach der Aufnahme blieb der Einblick finster, bis der Spiegel mit Hebelschwung in die Betrachtungsstellung heruntergeklappt wurde - so wie schon bei den Vorgängermodellen. Erst im Visoflex IIa wurde ein Rückschwingspiegel eingebaut.

Die geringer Tiefe des Visoflex II (und der nachfolgenden Modelle) machte die Verwendung von Objektiven mit kürzerer Brennweite möglich, die bis auf Unendlich scharfgestellt werden konnten, etwa 65mm und 90mm. Auch die Objektive für PLOOT und Visoflex I konnten verwendet werden, doch musste ein Zwischenring zum Ausgleich der Gehäusetiefe verwendet werden, der OUBIO (später als 16466 bezeichnet).

Ab 1962 bot E. Leitz Inc. New York den verbesserten Visoflex IIa an, der einen Rapidspiegel aufwies und nach der Aufnahme wieder selbständig herunterklappte.

VisoflexII mit Elmar 3,5/65mm

Visoflex II mit Elmar 3,5/65mm

Bei beiden Modellen wurde die umständliche Bedienung mittels Doppeldrahtauslösers durch einen Auslösehebel ersetzt. Da sich die Bauhöhe der Schraubleicas und der Leicas der M-Reihe voneinander unterscheidet, kann die Version für Schraubleicas (mit Lupe) an den M-Leicas nur mit Hilfe eines Doppeldrahtauslösers synchron ausgelöst werden; umgekehrt ist es genauso. Alternativ kann jedoch gesondert der Spiegel hochgeklappt und erst danach der Kameraauslöser betätigt werden - nicht unbedingt ein Nachteil bei Sachaufnahmen vom Stativ etc.

Übrigens: PLOOT und der ursprüngliche Visoflex (die heute eingebürgerte Bezeichnung Visoflex I macht ja erst seit dem Visoflex II Sinn!) können auch heute noch mittels Bajonettadapter und bei Verwendung eines Drahtauslösers uneingeschränkt an M-Leicas verwendet werden. 

Der von 1963 bis 1984 und nur in kameraseitiger Bajonettfassung lieferbare Visoflex III ist die letzte und die ausgereifteste Version. Der Rückkehrspiegel ist serienmäßig; wahlweise konnte mit dem oben auf der rechten Seite sichtbaren Drehknopf der Spiegel aber auch vor der Aufnahme manuell hochgeklappt und arretiert werden (Erschütterungsfreiheit) oder aber es wurde die Einstellung für ein sanftes Hochklappen des Spiegels unmittelbar vor der Aufnahme gewählt. 

Visoflex III

Visoflex III

 Die Abbildung oben zeigt am Visoflex III rechts unten (kameraseitig an der Hinterseite des Ansatzes) einen mit einem roten Punkt bezeichneten Hebel, der beweglich war: an die M-Leicas wurde der Ansatz angesetzt, indem das Bajonett des Visoflex durch Verstellung dieses Hebels in der Objektivfassung der Kamera befestigt wird. Dadurch erspart man sich die Abnahme der 90 Grad-Lupe.

 Übrigens bleibt bei den bei Markteinführung lieferbaren M-Leicas  und der Unterkante des Prismenaufsatzes ein Zwischenraum: der Visoflex II, IIa und III ist schon von Anfang an für die Verwendung an der M5 mit ihrer größeren Bauhöhe vorbereitet, auch wenn diese erst viel später auf den Markt kam. Am Visoflex III kann somit sowohl die Leica M5 als auch die Leica M6, M6 TTL und M7 angesetzt werden. Bei Hochstellung des   Spiegels ist sogar eine TTL Belichtungsmessung möglich, wenn auch recht umständlich und zeitraubend.

Optimal geeignet sind auch die sucherlosen Modell Leica MD, MDa und MD-2, sowie ferner die Leica M1 (zwar mit Sucher, aber ohne den am Visoflex nicht benötigten Entfernungsmesser).

Mit dem Aufkommen äußerst vielseitiger SLRs mit Springblende, Sucherprisma und TTL Belichtungsmessung, mit Wechselobjektiven, Balgengeräten und Zwischenringen war der Visoflexansatz zur Leica technisch überholt. Die Verkaufszahlen sanken, die Käufer von Leitz-Kameras waren verunsichert: M-Leica + Visoflex oder gleich die Leicaflex aus dem gleichen Hause.  Leitz versuchte mit vielen Inseraten und Propaganda die Vorteile der Sucherkamera mit zusätzlich ansetzbarer Spiegelfreflexeinrichtung herauszuarbeiten, indes, es half nichts. DerSiegeszug der Spiegelreflexkameras war unaufhaltbar. Leitz sprang viel zu spät auf diesen Zug auf, entwickelte halbherzig auch Spiegelreflexkameras (mit Hilfe von Minolta), aber der Mangel eines AF-Systems besiegelte endgültig den Niedergang dieser SLRs, wozu noch der misslungene Umstieg auf eine digitale Lösung wesentlich beitrug. Leitz bzw. nach Namensänderung schon Leica wurde von der Weltfirma zu einem mittelständischen Betrieb.

Trotz dieses Strukturwandels bleiben die Visoflex-Ansätze auch heute noch vollwertig nutzbare Zusatzgeräte, die technisch einwandfreie Aufnahmen ermöglichen - gewöhnungsbedürftig ist heute allerdings der mangelnde Komfort bei der Bedienung und die damit einhergehende bedächtige Aufnahmetechnik

 Naturgemäß ist primär der am weitesten entwickelte und auch jüngste Visoflex III empfehlenswert, der allerdings seltener und teurer ist als der Visoflex II.

 Zu beachten ist beim Kauf eines solchen Gerätes, dass die meisten damaligen Objektive zur Leica mittels diverser Zwischenstücke anzusetzen waren, ja manche Objektive in den Tubus und den Objektivkopf zerlegt werden konnten und dann für die Entfernungseinstellung auch noch eine so genannte Einstellschnecke notwendig war. Ein Visoflex II, IIa oder III sollte daher  möglichst  nur in Kombination mit einem passenden Objektiv oder aber mit passendem Anschlussring bzw., wenn nötig, Einstellschnecke gekauft werden.

Davon gibt es viele.  Beachten Sie, dass die diversen Zwischenringe in dieser Aufstellung die spätere Bezeicnung mit Bestellnummer tragen, an Stelle der früher verwendeten Bestellworte, etwa OUBIO=1644.

Tabelle der Adapter für Visoflex II+III


Die nachstehend gezeigte  Kombination von Visoflex III mit Telyt 4/200 besteht daher aus dem eigentlichen Objektiv und einem Anschluss-Stück OUBIO (später als 16444 bezeichnet). Damit wird ein kleinstes Bildfeld von 30,7x46,1 cm möglich. Reicht das nicht, kann noch ein Zwischenring für den Nahbereich (OUFRO/14020) eingeschraubt werden.

VisoIII + Telyt 4/200mm

Mit dem Visoflex III endet die Entwicklung von Spiegelreflexansätzen zur Leica.

3.April 2020
© Peter Lausch/2020