PETER LAUSCH
The Deserted Village
oder: Das verlassene Dorf auf Achill Island
Heinrich Böll verbrachte mit seiner
Familie 1955 zum ersten Mal
einen Sommer auf
Achill Island. Aus dem einen Sommer wurden viele. Er schrieb darüber ein
auf den ersten Blick unscheinbares "Irisches Tagebuch". Dieses Buch
ist durchaus kein <Tagebuch>, sondern eine Sammlung kleiner Essays
und
begründete einerseits Bölls bleibenden
Ruhm in einer breiteren, nicht unbedingt literarisch interessierten Öffentlichkeit, anderseits
beeinflusste es ganz wesentlich die Vorstellungen
einer ganzen Generation junger Menschen in Deutschland - und nicht nur
dort - von einer naturnahen Lebensweise außerhalb der gesellschaftlichen
Zwänge in Mitteleuropa.
Dies vor allem, nachdem
das kleine Buch als allererster Band im damals neu gegründeten Deutschen
Taschenbuchverlag in einer wohlfeilen Ausgabe erschienen war - seither
ist es unzählige Male (und mit einer Gesamtauflage von mehr als einer
Million Exemplare) neu aufgelegt worden, zuletzt 2011 als
Jubiläumsausgabe anlässlich des 60-jährigen Bestehens des dtv.
Es ist ein anrührendes Buch - doch es spart manches aus, das Böll nicht
gesehen hat oder, wenn ja, worüber er nicht schreiben wollte. Insofern
ist es ein Buch, das viele Fehlmeinungen über Irland und die Lebensverhältnisse
(auch als Aussteiger) dort zumindest mit verursacht hat. Darüber ließen sich
viele Bücher schreiben, aber ich
überlasse das gerne anderen.
Ich will mich auf Bölls Beschreibung des Verlassenen Dorfes am Südhang
des Berges Slievemore neben dem modernen Friedhof
beschränken, denn die Ruinen dieses aufgegebenen Dorfes sind, nicht
zuletzt dank Böll, in den vergangenen Jahrzehnten zu einem Touristenziel
geworden, das kein Reisender aus Mitteleuropa auslässt, wenn seine Reise aufs
auch heute noch ein wenig abgelegene Achill Island führt. So kann sich
an Ort und Stelle jeder
seine eigene Meinung über die Beschreibung der Ruinen, die Böll in
seinem Buch gegeben hat, an Hand der Wirklichkeit selbst bilden. Ich
denke, man merkt dann gleich, dass auch Böll insgeheim dem Zauber
Irlands verfallen war und auf Grund dieser Einstellung eine Reihe von
Irrtümern begangen hat.
Freilich, seit den 50er-Jahren ist unser Wissen um die Gott sei Dank
vergangenen Verhältnisse in Irland unvergleichlich gewachsen; viele Meinungen
Bölls, die er unwidersprochen festgehalten hat, halten heute der
Nachprüfung nicht mehr stand: Das kann man ihm nicht vorwerfen; er
hat keine wissenschaftliche Abhandlung über das verlassene Dorf
geschrieben, sondern einen Essay, wie ihn Dichter halt so schreiben.
Böll will sich nicht einmischen, schreibt
er öfters. Glück für ihn, dass damals über das jahrzehntelange himmelschreiende Unrecht an
"schlechten"
Mädchen und jungen Frauen noch nicht geredet wurde, das von
Klosterschwestern im Namen einer missverstandenen Religion begangen
wurde -
siehe bei Google unter
Magdalene Laundries. Darüber hätte auch der gute Katholik Böll nicht
schweigen können. Angesichts des gleichsam serienweisen sexuellen Missbrauchs von
Knaben und Mädchen durch pädophile Priester wäre ihm wohl der Satz über
"unsere allgütige Mutter, die Kirche" im Nachwort seines Buches nicht so
leicht gefallen wie damals - gar nicht zu reden vom geradezu prinzipielle Verschweigen dieser Untaten durch die höchsten
Amtsträger der irischen katholischen Kirche.
Dass noch in den 90er-Jahren ein katholischer Seelenhirte Mitglieder
seiner Gemeinde von der Kanzel aus öffentlich beschimpfte und ihnen die Hölle androhte,
weil sie ein junges Mädchen, das mit 14 Jahren ein Kind bekommen hatte,
mit milden Gaben unterstützten, und dass dieser Seelenhirte nicht von
seinem Bischof mit Schimpf und Schande davongejagt wurde, auch darüber ist
allzu lange geschwiegen worden.
Viel über Irland habe er gelesen,
er wisse fast zu viel, schreibt Böll in seinem 13 Jahre nach der Erstveröffentlichung
des Tagebuchs geschriebenen Nachwort. Aber noch nicht genug, Herr
Nobelpreisträger: wer die dunklen Seiten der irischen Gesellschaft
nicht sehen will, der sieht sie eben nicht. Und auch wenn darüber nicht
laut geredet wurde und in den Zeitungen nicht geschrieben, diese dunklen
Seiten existierten - und sie waren bekannt.
Sei es! De mortuis nil nisi bene, sagten schon die alten Römer.

Das von Böll erstandene Haus in Dugort, das jetzt fallweise
Schriftsteller beherbergt. Dem Gebot, die Bewohner nicht zu stören,
Folge leistend, nur dieses eine Foto von der Straße aus.
Seit Erscheinen von Bölls Buch ist auch das Wissen über die Geschichte
des Verlassenen Dorfes an den Hängen des Berges Slievemore entscheidend
bereichert worden.

Verlassene Dörfer wie dieses gibt es in
Irland viele, selbst auf Achill Island findet man einige, wenn auch
nicht in einer so prächtigen Lage und auch nicht so unübersehbar. Im
Unterschied zu diesen sind die Ruinen des schon von Böll in seinem
Irischen Tagebuch erwähnten Dorfes in den letzten 20 Jahren
archäologisch untersucht worden.
Anlass hiefür war einerseits die
Tatsache, dass über die Geschichte dieses Dorfes relativ wenig bekannt
war und weil andererseits bekannt ist, dass Achill Island bereits in der
Jungsteinzeit besiedelt worden ist. Tatsächlich haben sich an den Hängen
des Slievemore die Fundamente von Steinhäusern und von Feldmauern
erhalten, die teilweise errichtet worden sind, ehe sich die heute sichtbare
Moorschicht bildete. Während indessen
Steinsetzungen und <Standing
Stones> relativ einfach als solche erkennbar sind, auch wenn man über
die Motive der Erbauer nichts weiß, weiß man über den Verwendungszweck
vieler der Hausfundamente nichts wirklich Eindeutiges. Von einem runden
Steinfundament oberhalb des Dorfes etwa weiß man weder, ob es zu einem
überdachten Haus gehörte oder einen nach oben offenen Rundbau
darstellte.
Der sozusagen normale Besucher des
Verlassenen Dorfes sieht von diesen Überresten aus der Jungsteinzeit und
der Bronzezeit nichts; man muss kundigen Auges über die Weiden gehen und
wissen, wonach man zu suchen hat. Fachleute etwa reden von
jungsteinzeitlichen Feldmauern, der Laie sieht - mit Glück - eine
einigermaßen gerade Reihe von Steinen, die durchaus keine Mauer mehr
bilden, weil diese im Lauf der Jahrtausende einfach umgefallen ist.
Gut sichtbar indessen sind, sowohl von
der Ebene aus, als auch inmitten der Ruinen stehend, die Hausruinen des
Verlassenen Dorfes. Die Ruinen der meist nur aus einem Raum bestehenden,
mit dem Giebel nach Süden ausgerichteten Häuser (etwa 80 an der Zahl,
doch gibt es auch andere Zahlen, weil manche Häuser zwar auf alten
Karten eingezeichnet sind, aber nicht mehr existieren) erstrecken sich
auf einer Strecke von etwa 1,5 km entlang eines alten Gehweges, der auf
einer Seehöhe von ca. 60 Metern einst mitten durch die
Siedlung führte und bilden 2 Ortsteile, die durch einen Bach voneinander
getrennt sind (manche bevorzugen auch eine Unterteilung in 3 Ortsteile).
Diesen Gehweg benutzen heute auch die
Besucher der frei zugänglichen Ruinen. Heute indessen ist der Gehweg
versumpft und stellenweise rutschig. Vorsicht ist daher nötig
insbesondere bei der Überquerung des vom Slievemore mitten durch die
Ortschaft herabfließenden Baches geboten. Auch kippen manche Steine
leicht, wenn man auf sie draufsteigt.

Soweit feststellbar gehören die meisten
Bauten zum Typ des <Byre Houses>: ein Raum, der zur Hälfte als Stall für
Rinder und Schafe diente, während die andere Hälfte als Wohnraum für die
Bewohner genutzt wurde. In den Raum führt eine Tür, in manchen Häusern
findet sich eine Fensteröffnung: an der bergseitigen Wand ein Kamin,
manchmal Mauernischen für die Unterbringung von Habseligkeiten und quer
durch den Raum eine Rinne für die Absonderungen der Kühe und Schafe.

Viele Häuser sind heute ganz oder
teilweise zusammengestürzt - wurden doch die Mauern ohne Verwendung von
Mörtel als so genannte Trockenmauern aufgetürmt. Sie waren nicht
verputzt, vielfach hat man aber dennoch Spuren von Mörtel gefunden, mit
dem seinerzeit die Ritzen zwischen den Steinen verschmiert worden waren,
um die Hauswände abzudichten.
Das obere Bild zeigt den typischen
Zustand einer solchen Hausruine. Erhalten ist noch am besten die
Ostmauer mit der einstigen Eingangstür und ihrem Türsturz; erkennbar
sind rechts und links jeweils Nischen im Mauerwerk für die Aufbewahrung
der Habseligkeiten. Die nordseitige Wand ist nur mehr bis in
halbe Höhe erhalten; das ist nicht bei allen Häusern so. Bei manchen
finden sich auch Ausnehmungen an der Nordseite; in der solcher Art
gebildeten Nische befand sich die offene Feuerstelle. Ansonsten wurde
vor der Nordwand gekocht und geheizt. Kochtöpfe etc. hingen an einem in
der Wand befestigten und schwenkbaren eisernen Halter. Vielfach war der
Boden der Herdstelle gepflastert, der Rest bestand aus dem
festgetretenen Erdreich. Die wenigsten Häuser besaßen einen Rauchfang,
der Rausch zog durch Ritzen im Strohdach ab bzw. durch die Türen. Die
meisten Häuser besaßen daher ursprünglich zwei Türen wie das oben
abgebildete. Die Türlaibungen weisen bei einigen Häusern noch Reste von
Mörtel auf - angenommen wird, dass sie den Türrahmen abdichteten. Zwei
Türen waren nötig, um den Luftdurchzug durch das Haus und damit das
sichere Abziehen des Rauches vom Herdfeuer zu gewährleisten. Das
hat zwar funktioniert, die Häuser dürften aber dennoch ab 1 - 1,5 Meter
Höhe über dem Boden von Rauch erfüllt gewesen sein. Deshalb waren
Sitzgelegenheiten Mangelware, man saß auf dem Boden, auf niedrigen,
vorwiegend dreibeinigen Hockern (mit nur 3 Beinen ließen sich
Bodenunebenheiten leichter ausgleichen), auf einem Holzstamm oder einem
dicken Brocken aus Torf. (Kleine) Fenster an der Westseite sind
selten, der Lichteinfall erfolgte durch die mehr oder minder geöffneten
Türen (wahrscheinlich Halbtüren wie in Norddeutschland heute als Zierrat
üblich).
Manche Häuser hatten - meist in der
nordwestlichen Ecke - eine Bettbank; auf dieser oder, wenn nicht
vorhanden, auf dem Boden schliefen die Bewohner auf einer Streuschicht.
Damit störte sie auch die Rauchschicht des Torffeuers am wenigsten.
Gäste saßen ehrenhalber beim Feuer, blieben sie über Nacht, schliefen
sie auch möglichst nahe dem Herd. Das mit Torf befeuerte Herdfeuer gloste Tag und Nacht; ging es während der Nachtstunden aus Unachtsamkeit
aus, konnten sich die Feen nicht am Feuer wärmen, hieß es, und
revanchierten sich mit Unglückfällen für das ungastliche Verhalten.
Wie vertrieb man sich die Zeit an den
langen irischen Sommerabenden und im Winter, wenn es wenig Arbeit zu
verrichten gab? Man erzählte sich Geschichten, Tratsch wohl auch, wie
wir heute sagen würden. Es gab aber auch eigentliche
<Geschichtenerzähler>; namentlich sie waren es, die das überlieferte
Erzählgut über Generationen unverfälscht bewahrt haben dürften - einer
der Gründe, warum es so viele Geschichten über vorgeschichtliche
Ereignisse gibt.
Vor allem in den einräumigen Häusern
sieht man oft noch im Boden quer durch den Raum eine steinerne Rinne,
sofern sie nicht durch Schutt verdeckt ist. In ihr floss im Winter, wenn
die Tiere im Haus gehalten wurden, die Jauche ab in die vor dem Haus
befindliche Mistgrube. So waren die Tiere vor der Witterung geschützt
und wärmten außerdem das Haus. An den Wänden vieler solcher Häuser
fanden sich früher eiserne Ringe zur Befestigung der Kühe und Ziegen.
Sie sind von Souvenierjägern größtenteils mitgenommen worden.
Oberhalb dieses als Stall genützten Hausteils befand sich vielfach ein
Holzboden auf Balken quer durch den Raum; die Kragsteine, die
diese Balken trugen, sieht man noch in einigen Häusern.
Vor den Häusern jeweils üppige
Rasenflächen, welche die einstige Abfallgrube, den Misthaufen, bedecken, soweit nicht von
den Archäologen bereits
ausgegraben. Denn aus den Abfällen, insbesondere Tonscherben, lässt
sich das Alter der Häuser erschließen. Demnach ist die Siedlung offenbar
erst um ca. 1750 entstanden. Um 1837 ist die Gegend erstmalig vermessen
und eine Karte in großem Maßstab gedruckt worden. Auf dieser Karte
finden sich insgesamt 137 Gebäude. Vergleicht man diese Karte mit
einer modernen aus dem Jahre 1915, merkt man, dass manche, heute als
Ruinen vorhandenen Häuser erst nach 1837 errichtet sein dürften - man
nimmt an, das hänge mit dem Bevölkerungswachstum in Irland vor der
Großen Hungersnot in der Mitte des 19. Jahrhunderts zusammen. Andere sind
im Zuge der Errichtung des Friedhofs und der Zufahrtstraße zerstört
worden, manche dienten vielleicht auch als Baumaterial für neue Gebäude.
Ein Namen für die Ansiedlung findet
sich in den Unterlagen nicht. Verwendet wurden möglicher Weise statt
dessen die Flurnamen: TOIR für den östlichen Teil beim modernen
Friedhof, TOIR REABHACH für den Westteil.
Wie lange dasDorf bewohnt wurde, ist
schon weniger klar: vielfach wird behauptet, das Dorf sei im Verlauf der
großen Hungersnot (1845 - 1850) von den Bewohnern verlassen worden, die
ausgewandert seien. Letzteres dürfte für einzelne Bewohner zwar
zutreffen, heute neigt man aber der Meinung zu, die überwiegende
Mehrheit sei nach Dugort oder Keel umgezogen, weil sich dort ein
Lebensunterhalt durch Fischfang erzielen ließ. Andere wiederum sagen,
die Grundeigentümer hätten die Bewohner verjagt, als sie die jährlichen
Abgaben mangels Einnahmen nicht zahlen konnten. Aufzeichnungen fehlen,
auf die Erzählungen ist nicht immer Verlass - Böll zitiert eine alte
Frau, die behauptet, um 1880 sei das Dorf bereits verlassen gewesen.
Mag schon sein, sie vergaß bloß, dass
zumindest einzelne Häuser bis in die Zeit vor dem 2. Weltkrieg in den
Sommermonaten für das <Booleying> benutzt werden: Rinder- und
Schafherden wurden auf die Berghänge getrieben, weg von den Feldern und
Wiesen. Die Hirten, meist die jungen Burschen des nächsten Dorfes,
lebten den Sommer über in Behelfsunterkünften, im konkreten Fall in den
schon damals mehr oder minder baufälligen Hausruinen. Darauf deuten auch die heute
noch feststellbaren Feuerstellen vor den Häusern hin.
Infolge der mörtellosen Bauweise
verfallen die nicht benützten Häuser schnell. Dazu tragen auch Besucher
bei, die lose, scheinbar nutzlose Steine aus der Mauer lösen - die
Stabilität wird dadurch auf Dauer zerstört.

Noch immer erkennbar sind die von
verständnislosen Engländern seinerzeit so genannten <lazy beds>, welche
sich zwischen dem modernem Fahrweg und der Siedlung erstrecken: die
künstlich angelegten Mulden dienten der Entwässerung des Bodens, in den
Aufwölbungen wurden Kartoffeln gepflanzt. In Wahrheit waren die lazy
beds die für das regnerische Wetter im Westen Irlands optimale Form der
Bewirtschaftung und nur scheinbar mit wenig Arbeit verbunden. Der Anbau
von Kartoffeln ab dem 17. Jahrhundert ersetzte die Jahrhunderte alte
Weide- und Viehwirtschaft, aber auch den Anbau von Getreide.
Diese Änderung in der Bewirtschaftung
dürfte die eigentliche Grundlage für die Errichtung der Siedlung gewesen
sein; der Südhang des Slievemore ist zwar schon seit der Vorzeit für die
Viehwirtschaft benützt worden, aber eigentliche Siedlungen aus dieser
Zeit, so es solche denn überhaupt gab, sind bis dato nicht gefunden
worden.
*
Erreichbar ist das Dorf leicht, weil
schon von weitem westlich und oberhalb des Friedhofs von der Ebene
zwischen Keel und Dugort sichtbar. Beim Friedhof gibt es einen
Parkplatz; nach Westen führt, leicht ansteigend, ein geschotterter
Fahrweg zum westlichen Dorfende. Man kann aber auch von diesem Fahrweg
aus über die heutigen Schafweiden mit den einstigen <Lazy
Beds> gelangen und direkt
zum Dorf hinaufsteigen - und wieder hinunter zum Fahrweg.
Erstellt: 11. Juli 2011
© 2011/Peter Lausch
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