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4. Teil: Nikon F
Spätestens Ende 1954, mit der Marktreife
der Nikon S 2, war man sich bei der Nippon Kogaku K. K. darüber klar
geworden, dass einerseits die Sucherkameras technisch nur schwer noch
weiter zu verbessern waren. Andererseits zeigten sich deutlich die den
Sucherkameras eigenen technischen Einschränkungen gegenüber den
Möglichkeiten einäugiger Spiegelreflexkameras. Dies würde auf lange Sicht
die Masse der potentiellen Kunden dazu veranlassen, hochwertige SLR
anstatt hochwertiger Sucherkameras zu kaufen, dachte man bei Nikon.
Dazu kam der rasante technische
Fortschritt bei der Entwicklung der SLR in den letzten Jahren; dazu kamen
schließlich die Fortschritte der Konkurrenz gerade in Japan bei der
Entwicklung solcher Kameras.
Deshalb vorerst ein Blick zurück:
1936 brachte Ihagee in Dresden die erste SLR für das Kleinbildformat
heraus, mit allen möglichen Nachteilen bei der Handhabung:
- Kein Rückschwingspiegel, nach der Aufnahme sah der Fotograf kein
Bild, wenn er in den Sucher blickte, sondern bloß – Schwärze.
- Keine Springblende, das heißt, wurde nicht gerade mit der größten
Öffnung fotografiert, war das Bild auf der Mattscheibe durch die
Einstellung mit Arbeitsblende recht finster und schwer zu beurteilen.
- Konnte es beurteilt werden, war es dank Lichtschachtsucher
seitenverkehrt, sehr unpraktisch bei der Fotografie bewegter Vorgänge.
Prismensucher gab es noch keine.
Die Kine-Exakta war, im Vergleich mit der
Leica II oder III eine auffällig klobige Kamera. So ist die Kine-Exakta
von 1936 im Rückblick ein unhandliches Ungeheuer, mit dem man zwar
durchaus fotografieren konnte, aber Vergnügen war das keines und schnell
war man auch nicht. Wie viele Schnappschüsse mögen mit einer Kine-Exakta
wohl nicht gelungen sein, weil der Fotograf nicht rechtzeitig auf den
Auslöser drückte, war er doch noch damit beschäftigt, die Schemen auf der
Mattscheibe zu beurteilen. Wahr ist andererseits, dass diese Nachteile vor
allem in der wissenschaftlichen Fotografie, aber letztlich auch bei Nah-
und bei Fernaufnahmen nicht wirklich ins Gewicht fielen, denn es gab ja
nichts Besseres oder auch nur Anderes.
Aber schon 1936 waren andererseits auch die Vorteile einer SLR
offenkundig:
- Balgengeräte und Lupenobjektive ermöglichten die Fotografie kleiner
Dinge, denn Bildausschnitt und Schärfe konnten einfach und ohne
Berechnungen etc. festgelegt werden,
- Teleobjektive konnten leicht verwendet werden. Ich weiß schon, zur
Leica und zur Contax gab es in späteren Jahren Spiegelreflexansätze, mit
denen dann das Fotografieren mit diesen an sich schnellen Kameras so
langsam wurde wie mit den nachmaligen SLR; ich weiß auch, dass Leitz
noch in den 60-er Jahren verbissen an diesen Visoflex-Spiegelkästen
festhielt, und sich auf diese Weise finanziell ein tiefes Grab
schaufelte, weil die Firma so tat, als hätte es bei den SLR keine
Fortschritte gegeben. Aber das ist eine andere Geschichte.
Nach dem 2. Weltkrieg ging es mit der Entwicklung der SLR aufwärts:
- Die Contax S hatte erstmals ein Sucherprisma mit einer
seitenrichtigen Abbildung des Motivs; diese Kamera war der Urahn der
erfolgreichen Pentacons aus Dresden.
- 1950 zog Ihagee mit der Exakta Varex nach und bot wahlweise Prisma
oder Lichtschachtsucher an.
- Die im Westen damals weitgehend unbekannt gebliebene und ab 1948 in
der DDR erzeugte Praktiflex besaß erstmals einen Rückschwingspiegel
(aber noch keine Springblende).
In Westdeutschland verfolgte die Firma
Wirgin mit ihren Edixa-Modellen und später Zeiss Ikon mit der
Contarex ein
ähnliches Konzept, während der Rest der deutschen Kameraindustrie
friedlich an den Sucherkameras weiterwerkelte oder sich in die Sackgasse
der SLR mit Zentralverschluss begab – siehe
Zeiss Ikon
Contaflex und Konsorten.
Wahr ist freilich auch, dass sich statt dessen die vielen kleinen
japanischen Firmen mit dem Bau von Leica-ähnlichen Kameras zufrieden
gaben, die überwiegend den entsprechenden Modellen von Leitz zum
Verwechseln ähnlich sahen. Nur mit der Qualität haperte es
vergleichsweise, obgleich einzelne Firmen wie Canon und die später von
Yashica aufgekaufte Firma Nicca ebenso wie die Firma Minolta mit ihren
Sucherkameras durchaus langlebige Kameras lieferten. Auch verbesserten sie
die Vorbildkameras insofern, als sie etwa in ihre "Kopien" Messsucher
einbauten oder eine Rückwand, die sich öffnen ließ und dadurch das
Filmeinlegen, verglichen mit dem Original bedeutend vereinfachte.
Dennoch, der Fortschritt bei der Entwicklung von SLR kam aus Japan. Nur
eine kleine Aufzählung selbstverständlicher Eigenschaften einer modernen
SLR, die in den 50er-Jahren von der japanischen Kameraindustrie bei der
Entwicklung ihrer SLRs berücksichtigt wurden:
- 1950: Die erste japanische SLR für Kleinbild (alles bisherige und
folgende bezieht sich ausschließlich auf das Kleinbildformat) wurde von
Asahi gebaut. Noch wies sie einen Aufsichtssucher auf, d. h., der
Fotograf musste von oben auf ein bei Sonnenschein schlecht erkennbares
Bild auf der Mattscheibe sehen und dieses beurteilen, vergleichbar mit
der Exakta. Die Errungenschaft des Pentaprismas der ostdeutschen Contax
S etc. hatte sich noch nicht durchgesetzt. Zusätzlich gab es allerdings
auch einen Durchsichtssucher, um diesen Mangel einigermaßen zu
kompensieren (nur zur Vollständigkeit: die ostdeutsche Practina war
ebenso konstruiert).
- 1950 lieferte wiederum Asahi die erste japanische SLR mit
Rückschwingspiegel und löste damit das Problem, dass das
Mattscheibenbild nach der Aufnahme nicht zu sehen war (bis zum
neuerlichen Aufzug des Verschlusses, der mit dem Spiegel gekuppelt ist).
- 1954 erzeugte dann die nachmalige Firma Miranda die erste japanische
SLR mit einem Prismensucher.
- 1958 schließlich erzeugte die Firma Zunow die erste japanische SLR
mit Springblende, wenngleich auch nur, sagt man, in einer Auflage von 8
Stück täglich.
Mit anderen Worten:
Zwischen 1950 und 1958 wurde in Japan
alles das in neu entwickelte SLRs eingebaut, was eine moderne und
bedienungsfreundliche Spiegelreflexkamera ausmacht, mit Ausnahme des
Autofokus und eines leistungsfähigen Motors für den Filmtransport. Das kam
erst später.
Bei all diesen neuen Kameras handelte es
sich um SLRs mit Schlitzverschluss und Wechselobjektiven Die Japaner waren
damit von Kopisten zu technischen Marktführern geworden. In beiden
Deutschlands hinkte man der Entwicklung bereits hinterher, entwickelte die
Contaflex weiter und entwickelte neu die Retina-Reflex und Firmen wie
Wirgin mit der Edixa und Ihagee mit der Exakta Varex übernahmen von nun an
aus Japan, was dort entwickelt wurde.
Freilich, auch in Japan war nicht jede Firma in der Lage, sogleich alles
in ihre neuen Modelle einzubauen, was neu auf den Markt kam und die
Möglichkeiten der SLR in jedem Modell voll auszureizen. Minoltas erste
SLR, die SR-2, bekam zu ihrem Bajonettanschluss von Minolta nur 5
Wechselobjektive spendiert, Firmen wie Zunow und Asahi halfen sich u. a.
mit dem (universell verwendeten) Schraubgewinde der Prakticas und konnten
so den Mangel an eigenen Objektiven ausgleichen, daneben lieferten Firmen
wie Nikon geeignete Objektive. Zunow hatte etwa als
Objektivbauer einen guten Ruf, aber für die eigene SLR orderten sie
stilgerecht ein Normalobjektiv von Nikon – und bekamen es auch. So hielten
es auch andere Fabrikanten.
Was fehlte, war eine Kamera, die in sich alle die geschilderten
Fortschritte der Entwicklung vereinigte – und die Nippon Kogaku K. K.
beschloss, diese Kamera zu bauen.
Vorerst wurde jedoch die Nikon S 2
grundlegend neu überarbeitet. Was herauskam, war die
Nikon SP, die nach
meiner bescheidenen Meinung schönste Kleinbildkamera überhaupt, jedenfalls
aber der Höhepunkt aller Sucherkameras, die Nikon gebaut hatte und noch
bauen sollte.
Nikon F:

Gleichzeitig mit der Entwicklung der SP begann die Firma mit der
Entwicklung einer einäugigen Spiegelreflexkamera, im folgenden Text wie
schon bisher von mir jeweils als SLR bezeichnet. Wie ausgeführt, wurden in
den Jahren vorher von der Konkurrenz einzelne technische Aspekte einer
solchen SLR geschaffen. Die Nikon Kogaku K. K. wollte indessen eine SLR
konstruieren, welche alle diese Eigenschaften und noch mehr in einem
Modell kombinierte.
Zunächst hatten offenkundig die Kaufleute das Sagen. Sie forderten eine –
so weit technisch machbar – weitgehende Übereinstimmung der neuen SLR mit
der gleichzeitig entwickelten Nikon SP, ein verständlicher Wunsch, um
Entwicklungskosten einzusparen. Er wird noch verständlicher, hält man sich
vor Augen, dass die Nikon Kogaku K. K. im Jahre 1957 ja durchaus nicht die
Weltfirma gewesen ist, die sie heute darstellt, mit einem Marktanteil von
ungefähr 20% bei den hochwertigen SLR. Vielmehr war die Nikon Kogaku K. K.
eine Firma, die bisher insgesamt bloß ein paar tausend Kameras hergestellt
hatte, nicht wenig für japanische Verhältnisse, wo Serien mit vielleicht
500 Stück durchaus üblich waren.
Dem Wunsch der kaufmännischen Abteilung wurde von den Konstrukteuren
weitgehend entsprochen. Stellt man eine SP neben eine Nikon F, sieht man
schon von außen deutlich die Übereinstimmung wesentlicher
Konstruktionselemente. Das Verschlusszeitenrad, der Auslöser mit dem
charakteristischen Kragen, der Transporthebel sehen sich nicht nur
ähnlich, sie sind identisch. Dem entspricht der Mechanismus im Inneren,
der identisch ist. Wenn dies nicht zutraf, wurde die SP mit Erscheinen der
SLR umkonstruiert. So weisen alle Nikon F von Anfang einen
Schlitzverschluss aus Titanfolie auf; ab der Produktionsaufnahme der Nikon
F wurde auch die Nikon SP mit einem solchen Verschluss ausgestattet. Die
beiden Modelle unterscheiden sich indessen insofern, als das
Spiegelreflexgehäuse zu groß war und die Nikon F dadurch ein wenig länger
wurde als die Nikon SP.
Nur am Rande: im Hinblick auf die Übereinstimmung wesentlicher Baugruppen
passen daher Ersatzteile für die Nikon F vielfach auch an die viel
seltenere Nikon SP, was Reparaturen wesentlich erleichtert, auch heute
noch, weil die Originalersatzteile, wenn überhaupt, dann nur mehr schwer
erhältlich sind und bei Reparaturen einer SP gelegentlich eine Nikon F
ausgeweidet werden muss.
Was sind nun die
wesentlichen Eigenschaften, die zusammengenommen die Nikon F zu einer
Kamera machen, welche die Entwicklung der SLR und damit der Fotoindustrie
veränderte:
- Die Nikon F war modular aufgebaut: Suchereinsätze, Objektive, die
Rückwand, die Mattscheiben waren austauschbar.
Die Nikon F bot vom ersten Tag an die
Möglichkeit, mindestens 6 speziell konstruierte Wechselobjektive
unterschiedlicher Brennweite, vom Nikkor 4/21mm bis zum 3,5/135 mm,
anzuschließen. Dazu kamen die langbrennweitigen Objektive, die an der
Nikon SP mit Reflexsucher verwendet werden konnten, diesen aber bei der
Nikon F naturgemäß nicht brauchten, dafür ein geeignetes Distanzstück.
Dieses Anbot wurde rasch ausgeweitet, zeitweise wurden zur Nikon F über
40 Originalobjektive angeboten (in den letzten Jahren waren zeitweise
bis zu 90 verschiedene Objektive von Nikon für die SLRs erhältlich,
Objektive mit und ohne AF zusammengerechnet).
Die Sucheraufsätze (Prisma,
Photomic-Prisma in mehreren Versionen, Lichtschacht, etc.)
Nikon hat, was man damals nicht wusste
und daher auch nicht schätzen konnte, das eigentliche Bajonett bis heute
beibehalten - was freilich nicht heißt, dass moderne Objektive an der
Nikon F anstandslos z. B. mit dem Belichtungsmesser zusammenarbeiten,
aber immerhin ....
Automatische Springblende der
Objektive und mit den Photomic-Aufsätzen Offenblendemessung, während die
Konkurrenz vielfach noch Kameras mit Arbeitsblendenmessung anbot
Der Sucher gibt alles wieder, was auf
dem Film abgebildet wird
Motoranschluss, wenngleich jeder
einzelne Motor von der Generalvertretung an die Kamera angepasst werden
musste.
Bedingt durch das modulare Bausystem waren
zur Nikon F vom ersten bis zum letzten Tag außer dem Prismensucher auch
andere Sucheraufsätze erhältlich - für allgemeine Zwecke waren aber nur
die Prismenaufsätze mit und ohne Belichtungsmesser begehrt. Die ab März
1959 erhältliche eigentliche Nikon F ohne Zusatz zum Modellnamen (wie oben
abgebildet) mit Prismensucher wurde von Anfang an mit einem
aufsteckbaren Selenbelichtungsmesser geliefert worden, den es in kurzer
Zeit in drei Varianten gab.
Von
April 1960 an (bis Juli 1965) wurde für die Nikon F ein statt Lichtschacht
oder Prismensucher aufsetzbarer Prismensucher mit außen liegender
CdS-Meßzelle angeboten, den es in 2 Ausführungen gab (abgebildet ist die
1. Ausführung) und mit dem die Nikon F das vertraute Aussehen mit dem
übergroßen Sucherprisma samt Belichtungsmesser erhielt. In dieser
Ausstattung heißt die Kamera Nikon F Photomic.
Von
August 1965 bis Mai 1967 war dann die Nikon F Photomic T erhältlich, mit
TTL-Innenmessung (Ganzfeldmessung), von Juni 1967 schließlich bis Juli
1968 die Nikon F Photomic Tn mit mittenbetonter Belichtungsmessung. Dies
war die 1. Nikon mit der von Nikon gleichsam als Standard verwendeten
mittenbetonten Messung, bei der der zentrale Teil des Bildes bei der
Messung wesentlich stärker gewichtet wird als die Ränder des Bildes -
ausgehend von der Regel, dass das bildwichtige Motiv in der Mitte des
Sucherbildes angeordnet wird. Diese Art der Messung bietet eine größere
Genauigkeit der Belichtungsmessung als die Ganzfeldmessung des Photomic T.
Ab
September 1968 bis Mai 1967 wurde dann die Nikon F Photomic FTN
gebaut, mit dem modernsten Aufsatz: mittenbetonte Messung, neue
Befestigung am Gehäuse und automatischer Eingabe der größten Öffnung des
jeweils verwendeten Objektivs. So richtig "automatisch" war dies freilich
nicht, aber dennoch ein großer Fortschritt gegenüber Photomic, Photomic T
und Tn.
Wie wurde bei diesen Modellen der Belichtungsmesser auf die größte
Öffnung der jeweils verwendeten Objektive abgeglichen?
Kompliziert. Der entsprechende ASA-Wert auf der Oberseite des
Zeitenknopfes wurde mit den beiden nach oben ragenden Stiften so lange
gedreht, bis die richtige ASA-Zahl dem auf der Außenseite des
Zeitenknopfes eingefrästen passenden Blendenzahl gegenüber stand, Hatte
das neu eingesetzte Wechselobjektiv eine abweichende größte Blende, musste
der Vorgang wiederholt werden, z. B., wenn ein Nikkor S 1,4/50 gegen das
Nikkor Q 4/200 ausgewechselt wurde. Vergaß man in der Eile auf diesen
Vorgang, wurden die Aufnahmen falsch belichtet.
Mit dem Photomic FTN (und auch mit allen anderen Aufsätzen und Kameras
bis zu den Modellen für AI-Objektive) wurde nach dem Ansetzen des neuen
Objektivs die Blende einmal auf die größte und auf die kleinste Blende
gedreht - damit war der Blendenbereich erfasst. Diese manchmal spöttisch
als "Ritsch-Ratsch-Bewegung" bei jedem Objektivwechsel war ein
Charakteristikum für Nikon-Kameras mit Belichtungsmessung für viele Jahre.
Die Nikon F war ferner die erste SLR, an
die problemlos ein elektrisch angetriebener Motorantrieb angesetzt werden
konnte, mehr noch, sie war die erste Kamera, die für die Belastungen des
motorischen Antriebs ausgelegt war. Dass dieser Motor klein und handlich
war, nur am Rande. Die Nikon F war nicht die erste SLR mit Motorantrieb
auf dem Markt, es
gab
andere Kameras, etwa die Alpa 11 si, an welche ein mehr oder weniger
unförmiger Motor angebaut werden konnte. Der abgebildete Nikon-Motor S 36
war eine so gelungene Konstruktion, dass andere Firmen die Entwicklung von
Motoren für ihre Kameras aufgaben. So war für die gleichzeitig mit der
Nikon F in den USA gezeigte
Minolta SR-2 ein Motor
vorgesehen, der nicht mehr weiterentwickelt wurde. Der Vorsprung der Nikon
Kogaku K. K. war einfach zu groß, der Markt stürzte sich zu gierig auf die
Nikon F.
- Die Nikon F war auch die erste SLR mit 100%-Sucher. Was im Sucher
sichtbar ist, kommt aufs Negativ. Auch heute zeigen fast alle SLRs nur
95-97% des Bildes im Sucher an, manche noch weniger.
Die Nikon F war jedenfalls die erste japanische SLR mit arretierbarem
Spiegel, um Verwacklungen bei Langzeiten zu verhindern und um ferner mit
dem Motor eine Bildfrequenz bis zu 4 Bildern/sec zu erreichen, aber auch,
um extreme WW-Objektive wie das 4/21mm anschließen zu können, dessen Tubus
den Spiegel beschädigt hätte – und umgekehrt. Erst später wurden solche
Objektive von Nikon als Retrofokus-Konstruktionen ausgelegt, wodurch sie
ohne Probleme an SLR ohne Arretierungsmöglichkeit des Spiegels
angeschlossen werden konnten. Diese Konstruktionen, die sich heute
weitestgehend bei Weitwinkelobjektiven für SLRs durchgesetzt haben,
beruhen übrigens auf einer Entwicklung von Angenieux für die Alpa-Kameras.
Die Nikon F war auch die erste japanische SLR mit einem Magazin für 250
Bilder. Damit konnte allerdings die Fa. Leitz bei einer Sucherkamera schon
vor dem II. Weltkrieg aufwarten und die wohl erste SLR mit einem solchen
Langmagazin war die ostdeutsche Praktina, die allerdings auf Grund von
Qualitätsmängeln kein Erfolg wurde.
Die Nikon F war von überzeugender
Qualität und einer extrem hohen Verlässlichkeit. Sie war praktisch die
erste Kamera aus Japan, welche in großem Maßstab die Mär widerlegte, die
Japaner könnten keine Qualitätskameras bauen und nichts komme in der
Qualität einer Leica oder Contax aus Deutschland gleich. Die Mär wurde im
Alltag schon ab 1959 widerlegt; wer heute nach 35 Jahren eine Nikon F in
die Hand nimmt, weiß, dass die Behauptung von damals Tatsache ist.
Natürlich lernte auch die Nippon Kogaku KK. dazu. Das zeigt einerseits die
Tatsache, dass viele Teile der Nikon F von früheren Modellen übernommen
wurden, vom Filmtransporthebel über die Rückwandverriegelung bis zu den
Ösen für den Tragriemen.
Andererseits lernte die Firma von kleinen Firmen. Zum Motor S36 etwa gab
es ein "Battery Pack", am Körper oder in der Jackentasche zu tragen, mit
einem Kabel mit dem Motor verbunden. Ein Amerikaner namens Jacobson baute
in Los Angeles das Powercon, einen an den Motor anschraubbaren
Batteriehalter, der Kabel und separaten Batteriebehälter ersparte. Später
gab es eine Billigvariante namens Remopak (siehe nebenstehende Abbildung) für eine Firma TPI, auch aus Los
Angeles. Erzeugt wurden insgesamt bloß etwa 1.000 Stück, nicht viel
natürlich, aber mit diesen Produkten wurde der Original-Batterieteil
obsolet.
Nippon Kogaku KK.
reagierte 1964 mit einem eigenen Produkt, 5 Jahre nach Einführung des
Motors F36 und 3 Jahre nach Erscheinen des Powercon bzw.
Remopak.
Kleine Ursachen, große Wirkungen: ohne
Jacobsen und die Firma TPI würden wir am Ende noch immer kleine
Batteriebehälter mit Kabelverbindung zur Kamera mit uns herumtragen -
denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal Ihre motorisierte Kamera
einschalten.
Selten wird der gesonderte
Batteriebehälter von Nikon auf Bildern gezeigt. Ich tue es auch nicht. Ich
zeige Ihnen statt dessen eine Nikon F mit dem Motor F36 und dem eigenen
ansetzbaren Batterieteil (Powerpack genannt) von Nikon:

Für eine größere Wiedergabe jeweils auf das Bild klicken
Übrigens: vom Remopak gab es eine Variante
mit eigenem Motor namens Remodrive - für die Leica M3. Mit dieser Variante
verdiente die Firma Jacobson wirklich Geld. Sie verkaufte den Remodrive an
Leitz und Leitz verkaufte das Produkt als Leica M-Motor für die M2 und die
M4; der heutige Leica-Motor ist ein später Nachfahre.
So wie bei der Einführung der Nikon F die Firma viele Bauteile dieser
Kamera bei der gleichzeitig gebauten Nikon SP verwendet hat, wurden
diverse Bauteile,
wie bereits gesagt, im Laufe der Jahre verändert; nach Erscheinen der
Nikon F2 (der weiterentwickelten Nikon F) wurden auch Bauteile der Nikon
F2 an der Nikon F verwendet. Dafür nur zwei Beispiele: der
Selbstauslöserhebel der Nikon F entspricht in der Schlussphase dem der F2,
der Filmtransporthebel der Nikon F wird ersetzt durch den der F2 etc..
Dies ist schön erkennbar an der nachfolgenden Abbildung einer schwarzen
Nikon F Apollo mit Motor F36 und Batteriepack. Geändert haben sich jedoch
eine große Zahl an Details, die freilich auf die grundsätzliche Funktion
der Kamera keinen Einfluss haben. Eine vergleichende Übersicht aller
Änderungen und der Gemeinsamkeiten der Nikon F mit der Nikon S2, SP, S3
und S4 gibt es
hier. Sollte der Link nicht funktionieren, die Webseite findet sich
unter www.nikonhs.org, Article
Archive, Comparisons.
Die vorstehende Aufzählung der Vorzüge
der Nikon F in ihren verschiedenen Varianten zeigt, wie fortschrittlich
die Kamera in den 60er-Jahren im Vergleich mit damaligen Kameras war. Im
Vergleich mit heutigen Kameras zeigen sich auch die - nach heutigen
Maßstäben gemessen - Schwächen der damaligen Konstruktion.
Manche dieser Schwächen sind im Lauf der
Produktionsdauer beseitigt worden. Deshalb etwa hat Nikon verschiedene
Photomic-Aufsätze angeboten. Die Variante mit Ganzfeldmessung -
Photomic T
- wurde durch die mittenbetonte Messung des
Photomic Tn
abgelöst; dieser Aufsatz wiederum wurde durch den
Photomic FTN
ersetzt, welcher, wie oben
ausgeführt, die umständliche Anpassung des Messsystems an die größte
Öffnung des verwendeten Objektives beseitigte.
Zusammenfassung:
Modular aufgebaute SLR mit
Belichtungsmesseraufsätzen und integriertem Motoranschluss, einer großen
Vielfalt an Zubehör und einem der größten Objektivangebote der damaligen
Zeit. Profiqualität. Mit der Markteinführung der Nikon F endet die
Vorherrschaft deutscher Kameras auf dem Profimarkt.

Nikon F mit Langfilmmagazin und
Motor F250
Technische Daten Nikon F (ohne
Photomic-Aufsatz):
Spiegelreflexkamera für Kleinbildfilm und
Wechselobjektive (Nikon F-Bajonettfassung); horizontal ablaufender
Schlitzverschluss mit Verschlussvorhängen aus Titanfolie (bei den
allerersten Modellen noch mit Tuchvorhängen), Bildformat 24x36 mm,
Verschlusszeiten: T, B, 1 - 1/1000 Sekunde, mechanisch gesteuert,
Synchronzeit: 1/60 Sekunde
Blitzkontakt an der rechten Seitenwand (von vorne gesehen), kabelloser
Blitzanschluss über Spezialschuh, der über die Rückspulkurbel geschoben
wird, mechanischer Selbstauslöser mit 10 Sekunden Vorlaufzeit, keine
Mehrfachbelichtungsmöglichkeit und kein Okularverschluss,
Spiegelarretierung, Abblendtaste, integrierter Motoranschluss für Motore F
36 und F 250,
Schnellschalthebel, automatisch auf Null stellendes Bildzählwerk,
Standardobjektiv: Nikkor 1,4/50 mm oder 2/50 mm,
Gewicht mit Prisma und Nikkor 2/50: 715 g.
Ungefähre heutige Preisbasis für
gut erhaltene und funktionsfähige Nikon F mit 1,4/50 mm: 500 Euro.
Hinweis:
Nikon rühmt sich, zum Unterschied von
anderen Firmen bis heute dem Bajonett der der Nikon F treu geblieben zu
sein, sodass auch die seither neu produzierten Objektive an der Nikon F
verwendbar seien.
Das ist auch wahr so; ganz so schön ist
es aber auch wieder nicht. Denn die Objektive der ab 1979 erstmals zur
Nikon EM lieferbaren Objektive <Series E>, die AF- und die AFS-Objektive
neuer Fertigung lassen sich zwar ansetzen und einstellen, die
Belichtungsmessung ist indessen nur nach der Stop Down-Methode mit
Arbeitsblende möglich. Nicht nur das, mit den Zoomobjektiven mit
veränderlicher Anfangsöffnung (z. B. AF Zoom-Nikkor 3,5-4,5/28-105 mm)
müssen Sie zumindest bei Diafilmen bei der Belichtungsmessung auch noch
die veränderliche Anfangsöffnung berücksichtigen. Und gar nicht verwenden
können Sie in der Praxis die neuen preiswerten Objektive der G-Serie, weil
diese keine Blendeneinstellung haben - die Einstellung wird elektrisch von
der Kamera gesteuert.
Sonderausführungen der Nikon F
Red Dot
Als Nikon den ersten Photomic-Sucher einführte, den Photomic T, musste
dieser Sucher aus technischen Gründen eine bestimmte Mindesgröße haben und
passte nicht in den Suchereinsatz des Gehäuseoberteils. Daher musste die
Öffnung für den Suchereinsatz geringfügig vergrößert werden. Die Gehäuse
mit den Seriennummern 659xxxx bis 660xxxx erhielten daher vor der Nummer
einen zusätzlichen roten Punkt. Der zeigte an, dass das Gehäuse ohne
weitere Änderungen für den Photomic T geeignet war. Ab der Seriennummer
670xxxxx wurde der rote Punkt wieder weggelassen. Nikon ging davon aus,
dass kein Käufer einer Nikon F zu diesem Zeitpunkt mehr Zweifel haben
würde, dass auch der Photomic T passen würde. Noch etwas kennzeichnet alle
Red Dots: das alte Logo der Nippon Kogaku K. K.
Was die früheren Exemplare (vor 659xxxx) angeht, so konnten die in
autorisierten Werkstätten an den Photomic T angepasst werden. Daher finden
sich auch frühere Nikons mit Photomic T-Sucher ohne Red Dot.
Die Red Dots sind daher weder selten, noch sind sie etwas Besonderes. Sie
enthalten lediglich einen Hinweis auf eine geringfügige konstruktive
Änderung, wie Nikon sie sehr häufig vorgenommen hat, ohne viel Aufhebens
zu machen. Nur die Sammler denken anders und wünschen sich eine Red Dot
und sind zusätzlich bereit, dafür wesentlich mehr Geld auszugeben als für
eine "gewöhnliche" gleich gut erhaltene Nikon F mit der gleichen
Ausstattung.
Wollen Sie eine Red Dot, werden Sie in Europa wahrscheinlich kaum fündig
werden, denn in den ersten Produktionsjahren wurden Nikon F-kameras nur
sehr selten in Europa verkauft. Meine Nikon F Photomic T mit der
Gehäusenummer 672 1894 ist somit zwar eine mit dem alten Logo auf der
Gehäuseoberseite, aber leider keine Red Dot.
High Speed
Von
der Nikon F gab es ab 1971 auch eine "High Speed"-Ausführung, mit denen
sich mit einem angepassten Motor F36 bis zu 7 Bilder/sec. fotografieren
ließen. Allerdings musste dazu der Spiegel hochgeklappt und ein
spezieller Sucher angesetzt werden, sodass die Nikon F sozusagen zu einer
Sucherkamera ohne Entfernungsmesser wurde. Das Ganze war natürlich ein
gewisser Murks, gebaut im Konkurrenzkampf mit der Fa. Canon um die
schnellste Kamera. Gebaut wurde die Nikon F High Speed ohnehin nur in ganz
geringen Stückzahlen, max. 54 Stück. Nur zum Vergleich: Die sozusagen
normale Nikon F mit normalem Motor F36 lieferte unter günstigen Umständen
4 Bilder/sec. Damit ich keine Missverständnisse erzeuge: auch die High
Speed war eine normale Nikon F, nur der Motor war entsprechend schneller.
Und ebenfalls zur Vermeidung von Missverständnissen: 7 Bilder/sec. wurden
bei einer Verschlusseinstellung etwa auf 1/60sec naturgemäß nicht erzielt.
Mit Sicherheit wurden anlässlich der Olympischen Spiele in Montreal
weitere 20 Stück mit einer Geschwindigkeit von max. 9 Bildern/sec. gebaut,
dem Vernehmen nach aber nur mit dem Langfilmmagazin für 250 Aufnahmen auf
10m Film. Nur am Rande: 1978 schaffte dann die Nikon F2 High Speed sogar
10 Bilder/sec und 1996 die F3 High Speed 14 Bilder/sec. Und um den
Aufstecksucher zu vermeiden, soll für die Illustrierte Life eine Nikon F
High Speed mit einem halbdurchlässigen Spiegel (der Firma Canon) versehen
worden sein. Auch nur zum Vergleich: die serienmäßige und lieferbare Nikon
F5 liefert 8 Bilder/sec mit funktionierender AF-Einstellung.
Sammlerherz, schlage besser nicht höher, keiner weiß so recht, was aus den
wenigen Nikon F High Speed-Kameras geworden ist.
Nikon F Apollo
Ab 1972 bis zum Produktionsende 1974 erhielten die Gehäuse der Nikon F
einen Selbstauslöserhebel und einen Transporthebel mit einer Verkleidung
aus schwarzem Plastik. Inoffiziell heißen sie Apollo, keiner weiß so
recht, warum, vielleicht, weil sie so schön waren wie Apollo? Diese
Ausführung ist nicht selten; für sie spricht allenfalls, dass - so wie bei
Autos - die letzten Jahrgänge oftmals die besten sind, weil alle
Verbesserungen der Produktionsjahre in diese Exemplare einfließen. Auch
handelt es sich um die - relativ - jüngsten Nikon F-Kameras. Dafür sind
sie meist auch teurer im Handel.
NASA
Mindestens 4 verschiedene Ausführungen von Nikon F-Kameras wurden von der
NASA den Astronauten in den Weltraum mitgegeben: Alle sind sie zum Schutz
vor Reflexionen mit schwarzem Speziallack versehen. Dazu gehört einmal
eine Nikon F Photomic FTN, eine Ausführung dieser Kamera mit fest
angebautem Motor F36, ferner Nikon F´s mit Lichtschachtsucher und Motor
F36 und schließlich eine Ausführung mit Sportsucher und Motor F36.
Navy KS-80A
Dabei handelt es sich um schwarze Nikon F-Kameras mit Motor und
Pistolengriff und Zoom-Objektiv 4,5/43-86mm, dessen Entfernungseinstellung
auf Unendlich eingestellt war. Damit ein jeder weiß, dass die Kamera der
Flotte der Vereinigten Staaten gehört, prangt auf dem Pistolengriff die
Aufschrift U. S. NAVY.
Wozu die Flotte so etwas braucht? Damit die amerikanischen Helden in ihren
Düsenjägern mit 4 Bildern/sec den Abschuss feindlicher Flugzeuge oder die
Wirkungsweise ihrer Bomben auf vietnamesische Dörfer zu Zeiten
fotografieren konnten, als noch keine automatischen Videokameras in ihre
Flugzeuge eingebaut waren.
US Air Force KE-48C
Eine so große Streitmacht wie es
innerhalb der amerikanischen Streitkräfte die Luftwaffe ist, benötigt für
diverse Zwecke auch Kameras. Auch die Air Force hat daher mindestens
einmal eine nicht genau bekannte Zahl von Nikon F-Kameras gekauft.
Nicht viele haben sich erhalten und die, welche man gelegentlich auf Fotos
sieht, scheinen recht abgewetzt und allgemein in schlechtem Zustand. Aber
eine Streitmacht, die angeblich im Vietnamkrieg defekte Nikons einfach von
den Flugzeugträgern ins Meer warf, geht nicht pfleglich mit ihrem Gerät
um. Innerhalb einer Woche sollen neue Kameras angeliefert worden sein, die
Rücksendung und Reparatur in den USA hätte 4 - 6 Wochen gedauert, wird
behauptet.
Sie werden daher kaum Gelegenheit haben, eine solche Kamera jemals in
natura zu sehen, geschweige denn zu kaufen.
Viel haben Sie damit nur insofern verloren, als jedes Sammlerherz beim
Gedanken an eine solche Nikon freudig schlägt und - viel Geld fällig wird,
denn diese Nikons sind außergewöhnlich selten. Erkennbar sind sie am
Schriftzug USAF auf der Oberseite des Gehäuses neben der Rückspulkurbel
und bekannt sind sie erst seit einem Artikel im
Journal
der Nikon Historic Society vor einigen Jahren.
Weiß beledert
Nur der Kuriosität halber: ein Herr namens John
Faber aus - den USA - ließ sich von Nikon zwei weiß belederte Nikons
bauen, mit den Seriennummern 650 7770 und 650 7771. Sollte daher Ihnen
eine Nikon F mit weißem Leder als Bezug des Gehäuses unterkommen, prüfen
Sie genau, ehe Sie kaufen. Wahrscheinlich stammt die Kamera aus Russland,
wo auch eine Reihe sehr seltener Leicas herkommt.
Keine Sonderausführung,
sondern nur eine <ganz gewöhnliche>
schwarze Nikon F Photomic T samt Tasche, Originalschachtel und
Bedienungsanleitung sehen Sie hier:

Diese 1960 gebaute Kamera
ist im Originalzustand: Original verpackt, ohne Gebrauchsspuren und ohne
dass jemals ein Film eingelegt worden wäre. Und es ist auch noch die
seltene schwarze Ausführung.
Bei einer Versteigerung in
Wien Ende 2003 hat der sicherlich glückliche Erwerber für dieses schöne
Stück 4000 Euro gezahlt.
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©
Peter Lausch
Zuletzt bearbeitet: 7. Juli 2005
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