Die TESSINA der CONCAVA S. A. 
 

 

2. Teil: Technische Beschreibung der Tessina:

 

Wie schon festgehalten: Die Tessina war im Zeitpunkt der Markteinführung um 1960 die kleinste zweiäugige Spiegelreflexkamera für Kleinbildfilm. Daran hat sich seither nichts geändert. Wie war die Verwendung von Kleinbildfilm in einer so kleinen Kamera und mit den Objektiven an der Schmalseite der Kamera möglich?

Einfach: die Tessina liefert Dias oder Negative auf Kleinbildfilm, aber die Dias oder Negative sind bloß 14x21 cm groß. Die konstruktive Besonderheit liegt darin, dass der Film von links nach rechts dem Boden der Kamera entlang geführt wird. Das Bild wird über zwei Prismen im Winkel von je 45 Grad abgewinkelt auf den normalen Kleinbildfilm projiziert. Allerdings verwendet die Tessina nicht normale Filmpatronen (die hätten sich wirklich nicht unterbringen lassen), sondern der handelsübliche Kleinbildfilm muss in eine spezielle Filmkassette umgespult werden. Diese ist konstruktiv ähnlich aufgebaut wie eine Kleinbild-Filmpatrone, bloß wesentlich dünner. Infolgedessen fasst eine Patrone auch nur max. 44 cm Schwarz-Weiß-Film, mit dem 24 Aufnahmen gemacht werden können. Werden dickere   Schwarz-Weiss-Filme oder Farbnegativfilme verwendet, passt in diese Kassetten nur ein 38 cm langes Filmstück, das für 18 Bilder reicht.

Früher gab es den Film für die Tessina bereits in Patronen fertig abgefüllt im Handel, z. B. die Filmtypen KB 14, 17 oder 21 von Adox und Kodaks Tri-X-Schwarz-Weiß-Film bzw. den Farbnegativfilm Ektacolor S und den Diafilm Ektachrome. Das ist lange her. Will man mit der Tessina heute fotografieren, konnte man jedoch damals und muss man  heute auf diese bequeme Lösung verzichten.

Statt dessen wird in der Dunkelkammer die entsprechende Filmlänge vom Kleinbildfilm  abgeschnitten und in die Tessina-Filmpatrone einlegt. Das ist nicht einmal so umständlich wie es klingt. Denn der Spulenkern hatte zwei Schlitze, mit denen der Film befestigt werden konnte und die Patronen selbst ließen sich leicht öffnen und schließen.

 

Wer das heute nachvollziehen will, muss darauf achten, dass er nicht nur die Tessina selbst, sondern dazu mindestens noch eine leere Filmpatrone benötigt.

Und will man es sehr bequem haben, muss man sich nach einem speziellen Ladegerät (sieh oben) umsehen, das aber im Durchschnitt so um die 150 Euro kostet - so es überhaupt im Gebrauchthandel angeboten wird. Es war immer selten; es hat jedoch den Vorteil, dass man keine Dunkelkammer für das Filmeinlegen benötigt, sondern den Film bei Tageslicht aus der Kleinbildkassette in die spezielle Filmkassette der Tessina umspulen kann.

 

Tessina

Aus dieser Abbildung einer Tessina von vorne ersehen Sie wesentliche Merkmale.

1. Als zweiäugige Spiegelreflexkamera besitzt die Tessina  - wie z. B. die Rolleiflex - ein Sucher-Objektiv (in der Abbildung links), dessen Bild mittels eines eingebauten Spiegels auf einer Mattscheibe auf der Oberseite sichtbar wird. Dieses - seitenverkehrte - Mattscheibenbild wird von oben betrachtet und ist, bedingt durch die kleinen seitlichen schwarzen Blenden einigermaßen deutlich zu erkennen, solange kein Sonnenlicht auf die Mattscheibe fällt. Zusammengeklappt ist der Sucher geschlossen und die Mattscheibe geschützt. Bedingt durch das Aufnahme- und Mattscheibenformat bereitet die Beurteilung der Scharfeinstellung bzw. des Bildaufbaus jedoch relativ häufig Schwierigkeiten. Alternativ kann dieser Sucher daher auch als Durchsichtssucher benützt werden. Vorteil: Aufnahmen von bewegten Motiven sind leichter zu machen als mittels eines seitenverkehrten Bildes. Nachteil: die Entfernung muss geschätzt und mittels der Schärfentiefeskala auf dem Drehrad der Entfernungseinstellung vor dem Sucher eingestellt werden.

Dieser Sucher kann nach hinten abgezogen und, sofern man hat, durch eine 8-fache Lupe ersetzt werden oder aber durch ein Prisma.  Dieses  sieht   so aus:

 

Alternativ kann ein Lupensucher mit Einblick von oben verwendet werden - einerseits die weitaus beste Lösung, da damit Aufnahmen aus Augenhöhe ohne Störlichteinfall möglich werden. Andererseits wird die Kamera praktisch doppelt so dick: Lösung: Prisma bei Nichtgebrauch abziehen und erst vor der Aufnahme in die Halterung einschieben. Gleiches gilt für den - viel selteneren, weil weniger praktischen - Lupensucher, von dem ich keine Abbildung bieten kann.

Das Aufnahmeobjektiv mit den Daten 2,8/25 mm ist mittig auf der Kameravorderseite erkennbar.  Durch dieses Objektiv gelangen die Lichtstrahlen, mittels zweier Prismen um 90 Grad nach unten abgelenkt, auf den Kameraboden, dem entlang der Film geführt wird. Das ist das ganze Geheimnis, weshalb die Kamera so klein und handlich sein kann und dennoch Kleinbildfilm verwendet. Das ist übrigens auch eine Schwachstelle. Werden die beiden Prismen im Lauf der Jahre auch nur geringfügig dejustiert, z. B. durch Sturz der Kamera, sind unscharfe Bilder die Folge. Vor dem Kauf einer gebrauchten Tessina sollte daher durch einen Probefilm genau geprüft werden, ob die spezielle Kamera auch tatsächlich scharfe Bilder liefert. Bei manchen ist das leider nicht der Fall.

Sucher- und Aufnahmeobjektiv werden durch den verschiebbaren Deckel an der Vorderseite bei Nichtgebrauch geschützt. Ist dieser Deckel nicht ganz zurückgeschoben, lässt sich der Auslöser (in der Abbildung links vorne erkennbar) nicht auslösen.

2. Mit dem zweiten, seitlich geriffelten Rad auf der Oberseite wird die Blende eingestellt; auf ihm ist auch das Filmzählwerk angebracht.

Dahinter - neben dem Sucher - befindet sich eine zweite Halterung. In dieser kann allerlei Zubehör befestigt werden. Abgebildet ist eine Belichtungstabelle; statt dessen kann aber auch ein recht kleiner, speziell für die Tessina konstruierter Selen-Belichtungsmesser eingeschoben werden, der dann mit der Blendeneinstellung gekoppelt ist - mittels des geriffelten Randes des Einstellrades. Auch ein normaler Sucherschuh kann dort eingeschoben werden, an dem z. B. ein Blitzgerät befestigt werden kann. Alternativ kann auch eine spezielle Tessina-Uhr eingeschoben werden, damit der Benützer der Tessina durch Blick auf seine Kamera feststellen kann, wie spät es ist.

Das können Sie mit Ihrer digitalen Kamera auch? Natürlich, moderne Kameraelektronik macht vieles möglich. Aber in den 60er-Jahren, als die meisten Tessinas verkauft wurden, war das neu und unerhört. Auch dass das Bild in der Kamera um 90 Grad gedreht wird, ist heute nicht mehr neu, aber damals ....

3. Die Tessina besitzt einen eingebauten Federwerksmotor, der 5 - 8 Aufnahmen (je nach Film) durchzieht. Aufgezogen wird dieser Motor durch Drehen eines Rades auf der Hinterseite - rechte Seite in Aufnahmehaltung.

4. Die Tessina besitzt einen Zentralverschluss mit Zeiten von 1/2 - 1/500 Sekunde und B. Das Zeitenrad befindet sich mittig an der Rückseite. Dort befindet sich auch der Blitzkontakt und die Synchroneinstellung. Bei älteren Kameras für X,F und M, bei neueren Kameras nur X und M.

Je nach Lebensalter wissen Sie vielleicht mit der Einstellung F nichts anzufangen. Aber noch in den 60er-Jahren hat man zum Blitzen meist Blitzgeräte mit Blitzbirnen verwendet, die es mit verschiedenen Merkmalen gab. Je nach Brenndauer wurde daher entweder M eingestellt, oder aber, vor allem bei Verwendung von lang leuchtenden Blitzbirnen, die vor allem von Profis verwendet wurden, F. Diese Blitzbirnen sind als erste durch die billiger und leistungsfähiger werden Elektronenblitzgeräte ersetzt worden, daher fehlt bei späteren Exemplaren der Tessina diese Synchro-Einstellung. Sie wird Ihnen bei Blitzaufnahmen sicher auch nicht abgehen, denn heute verwendet man faktisch ausschließlich Elektronenblitze. Dank des Zentralverschlusses lassen sich diese bei jeder Belichtungszeit, auch bei 1/500 Sekunde, mit der Tessina verwenden.

 

4. Am Filmende wurde der mit R bezeichnete Hebel betätigt und danach der Film mit dem Drehknopf auf der linken Seite in die Kassette zurückgespult.

5. Der Drehknopf auf der rechten Seite hat eine Doppelfunktion. Mit seiner Hilfe wurde einerseits der Film in der Aufnahmespule im Kamerainneren befestigt, andererseits ist er das Aufzugsrad für einen Federwerkmotor: einmal aufgezogen, konnte man hintereinander 5 - 8 Aufnahmen in schneller Folge machen. Daher fehlt auch ein eigentlicher Transportknopf oder Schnellschalthebel an der Tessina.

Fortsetzung hier.

 

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© PETER LAUSCH/2006
Verfasst: 9. Februar 2006

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