Die TESSINA der CONCAVA S. A. 
 


Alle Abbildungen: © Leicashop Wien

Schon immer haben die meisten Hersteller Kameras gebaut, die mit den Kameras der Konkurrenz durchaus vergleichbar waren und sich nur in Details unterschieden. So war es bei den in den zu Beginn des 20. Jahrhunderts gängigen Plattenkameras, die sich primär durch ihre Größe unterschieden; so war es in den 30er-Jahren, als mehr oder minder alle Rollfilmkameras (ausgenommen das verwendete Rollfilmformat) einander zum Verwechseln ähnlich waren - gut war es, dass sich zu Beginn des Jahrhunderts eingebürgert hatte, den Herstellernamen an der Kamera anzubringen. Und wer die Vielzahl einander ähnlicher Amateurkameras für Kleinbildfilm, die ab 1950 in Deutschland angeboten wurde, merkt, es hat sich auch nach dem Krieg nichts geändert. So wenig, dass die auswechselbaren Objektive für das Kameramodell X gelegentlich auch an den Modellen anderer Marken verwendet werden konnten.

Nicht anders war es in Japan: in den 60er-Jahren, als dort eine Vielzahl von kleinen und kleinsten Firmen eine Vielzahl von einander zum Verwechseln ähnlichen Kameramodellen produzierte; kein Wunder, beruhten sie doch alle auf der Leica.

Nur gelegentlich findet man Kameramodelle, die auf einem neuen Denkansatz beruhen: die von Oskar Barnack konstruierte Leica ist wohl das bekannteste Beispiel, und wenn man will, in geringerem Maße auch die Contax.

Die von Heinz Kilfitt konstruierte Robot-Kamera ist ein solcher Ansatz, obgleich seinem ursprünglichen Entwurf noch der integrierte Federwerksmotor fehlte, der die Robot zu einer unverwechselbaren und ganz eigenständigen Kamera macht.

Naturgemäß gab es eine Vielzahl weiterer eigenständiger und origineller Entwicklungen, doch nicht alle haben sich durchgesetzt: manches erscheint dem Konstrukteuer und/oder Erzeuger vorteilhafter und praktischer als den potentiellen Käufern. Und manch anderes wird infolge der technischen Entwicklung obsolet, obgleich die Kamera ursprünglich ein überzeugendes (alternatives) Konzept verwirklichte.

Eines der besten Beispiele hiefür ist sicherlich die Tessina der Schweizer Firma Concava S. A in Lugano-Cassarate, erzeugt ab den 60er-Jahren; erst vor einigen Jahren ist die Produktion infolge steigender Herstellungskosten und nicht nur deshalb sinkender Nachfrage eingestellt worden. Auch wenn auf manchen Webseiten anderes zu lesen ist: die Tessina wird nicht mehr erzeugt und schon deshalb auch nicht mehr vertrieben.

Die Tessina kann daher nur mehr in gebrauchtem Zustand erworben werden. Sollte Ihnen irgendwo ein <fabrikneues> Exemplar angeboten werden, so hat es die letzten 10 Jahre auf irgendwelchen Regalen im Lager eines Fotohändlers oder bei einem Sammler verbracht. Zum üblichen Kaufpreis für gebrauchte Tessinas komme ich hier, jetzt nur so viel, eine Tessina L mit Belichtungsmesser in Schwarz wurde im Februar 2005 bei Christie's für 1920 brit. Pfund versteigert.

Was macht die Tessina zu einer besonderen Kamera?

Zunächst: Die Tessina ist die kleinste Spiegelreflexkamera für Kleinbildfilm.  Mit ihren Maßen von 25x68x53 mm sieht man ihr das nicht an. Allein das reicht als Alleinstellungsmerkmal ja wohl aus. Sie war auch die erste Spiegelreflexkamera mit integriertem Federwerksmotor für 5 - 8 Aufnahmen!

Sie gehört darüber hinaus zu den wenigen Kameramodellen, die je in der Schweiz gebaut worden sind. Die Firma Concava S. A., welche die Kamera auf den Markt brachte, war immer nur eine Handelsfirma. Gebaut wurde die Tessina von der Schweizer Firma Siegrist, und zwar bis zur Mitte der 90er-Jahre. Dann wurde die Produktion mangels Nachfrage eingestellt. Eine Zeit lang wurden vorhandene Exemplare noch von der amerikanischen Firma Karl Heitz weltweit verkauft - die Firma gibt es nicht mehr, der namensgebende Eigentümer ist verstorben. Die Webadresse www.karlheitz.com führt ins Nichts.

Ohnehin war es zuletzt so, dass der Käufer nach Zahlung des Kaufpreises monatelang auf seine Tessina warten musste, die anscheinend erst nach Bestellung gefertigt wurde - man sagt, nicht einmal 100 Stück im Jahr. Infolgedessen ist die Tessina eine sehr seltene Kamera. Noch seltener sind die Tessinas, die in den 90er-Jahren gefertigt wurden: nicht wegen technischer Besonderheiten, sondern weil die Produktion mangels Nachfrage zurückging.

Das ist aus mehreren Gründen verständlich:

  • Kein kleineres Format als Kleinbild 24x36 mm hat auf Dauer bestand gehabt - die nur mehr in Kleinserie erzeugten und niemals für den Massenmarkt bestimmten Minox Kameras für das Aufnahmeformat 7x11 mm sind kein Widerspruch.
  • Infolge des Aufnahmeformats 14x21 mm ist der Spiegereflexsucher nur von einer, sagen wir, begrenzten Anwenderfreundlichkeit. Das Bild im Sucher der ebenfalls 2-äugigen Spiegelreflexkameras von Rollei ist hingegen fast 6x6 cm groß und unvergleichlich leichter auf Schärfe und Bildgestaltung hin zu beurteilen.
  • Die durch das Konstruktionsprinzip der Tessian als 2-äugige Spiegelreflexkamera inhärenten Beschränkungen macht die Kamera für viele Aufnahmegebiete unpraktisch, wenn nicht untauglich.
  • Trotz der Verbesserungen des Filmmaterials seit Markteinführung der Tessina (in Bezug auf Schärfeleistung, Feinkörnigkeit, Empfindlichkeit) sieht man den mit dieser Kamera gemachten Bildern spätestens ab Vergrößerungen im Format 18x24 cm deutlich an, dass sie nicht von einer Kleinbildkamera stammen. Da ja die Tessina handelsüblichen Kleinbildfilm verwendet, wenn auch in besonderen Kassetten) ist dieser Qualitätsunterschied zum Vollformat 24x36 mm unverändert groß geblieben.
  • Alle Hersteller haben seit den 60er-Jahren immer kleinere Kameras für dieses Vollformat hergestellt - gegenüber zum Beispiel der jüngsten Kamerageneration (vor Ablösung durch digitale Kameras) ist der seinerzeitige Größen- und Gewichtsvorteil der Tessina verloren gegangen. Geblieben ist jedoch die - wie sich zeigen wird - vergleichsweise umständliche Bedienung der konstruktiv fast 50 Jahre alten Kamera.
  • Die Kamera ist praktisch nicht weiterentwickelt worden; die jüngsten Modelle unterscheiden sich bloß in  Designdetails von den ältesten Exemplaren. Eine 1965 gekaufte Tessina war daher technisch auf dem Stand von 1960.

Bleibt die simple Tatsache, dass jede Tessina eine seltene und kleine, handliche Kamera von höchster mechanischer Qualität ist - den Sammlern interessanter Kameras sind diese Eigenschaften Grund genug, recht hohe Preise für eine Kamera zu zahlen, mit der sie in der Praxis wohl nicht mehr als einen Testfilm machen werden. Auf die Gefahr hin, heftigen Widerspruch zu ernten, die Tessina ist keine Kamera, mit der man heutzutage noch fotografieren möchte. Das unterscheidet sie von vielen anderen gleichaltrigen Kameras.

Fortsetzung hier.

 

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© PETER LAUSCH/2006
Verfasst: 9. Februar 2006

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