Peter Lausch
Zeiss Ikon Tenax II
Eine interessante Kamera

Die Kamera im Kontext:

Nur kurze Zeit – 1938 und 1939 – wurde die Nettax II angeboten. Etwa 10 000 Stück wurden erzeugt.

Der Ausbruch des 2. Weltkriegs beendete letztlich die Produktion dieser interessanten Kamera infolge der zunehmenden Umstellung der Produktion der optischen Industrie auf kriegswichtige Produkte.

Relativ selten also, ist sie wegen ihrer Eigenschaften und dem Umfeld der frühen Kleinbildkameras von Zeiss Ikon dennoch bei Sammlern beliebt.

Vorgeschichte und Entwicklung:

An der Leipziger Frühjahrsmesse 1925 stellte die Firma Leitz die Leica vor, die erste Kamera für 36 Aufnahmen 24x36 auf perforiertem Film mit einer Breite von 35mm. Kurz darauf war die Leica dann auch tatsächlich lieferbar. Mit ihr begann der Siegeszug der sogenannten Kleinbildfotografie.

Grund genug für den größten deutschen Erzeuger von Kameras und optischen Geräten (die 1926 durch Zusammenschluß verschiedener kleinerer Firmen unter Führung der Carl Zeiss-Stiftung entstandene Zeiss Ikon A. G.), eine System-Kleinbildkamera anzubieten.  So wie vorher die Leica (I) und die Leica II wurde ab 1932 die von der  Zeiss Ikon A. G. angebotene Kleinbild-Messsucherkamera Contax auf Anhieb wegen ihrer leichten Bedienbarkeit und ihrer Präzision zum großen Erfolg. Die Ingenieure bei Zeiss hatten zwar dasselbe Negativformat verwendet, ansonsten aber eine in vielen Eigenschaften von der Leica verschiedene Kamera konstruiert.  So wie die Leica war auch die Contax eine teure Kamera, die sich nur Gutbetuchte leisten konnten /wollten. Anlass genug, 1934  eine billigere Kamera mit vergleichbarer Ausstattung anzubieten, mit Schlitzverschluss und Entfernungsmesser, aber mit einem fest eingebauten Objektiv, die Super Nettel. Besonderheit war, dass das Objektiv sich ins Gehäuse einfahren ließ und von einer Klappe verdeckt wurde, wodurch eine von den Traditionalisten gewohnte flache Kamera entstand. 1937  folgte dann die bauähnliche Nettax, bei der, bei im Wesentlichen gleichen Gehäuse wie die Super Nettel, das Objektiv nicht eingefahren werden konnte.

1935 hatte die Fa. Berning die Robot auf den Markt gebracht, eine Kleinbildkamera mit Bildformat 24x24 mm und einem neuartigen Rotationsverschluss, der, von einem Federwerk angetrieben, mehrere Aufnahmen in der Sekunde ermöglichte.

Der Chefkonstrukteur von Zeiss Ikon, Hubert Nerwin, nahm dies zum Anlass, nun seinerseits eine Kleinbildkamera zu konstruieren, die schnelle Aufnahmefolgen ermöglichen sollte: die Tenax, die heute als Tenax II bezeichnet wird, weil ein Jahr später eine vereinfachte   Tenax I angeboten wurde. Manchmal sagt man, die Tenax II sei die Antwort auf die Robot gewesen; im Hinblick auf die technischen Unterschiede stellt indessen die Tenax II eine ganz eigenständige Neuschöpfung dar und war auch nie eine Konkurrenz für die Robot.

Die Kamera

Die Tenax II war 1938, als sie erstmals angeboten wurde, eine fortschrittliche Messsucherkamera   für – relativ – schnelle Aufnahmefolgen. Ermöglicht wird dies durch einen massiven Transporthebel an der Kameravorderseite, der mit jedem Hebelschwung nach unten nicht nur den Film weitertransportiert, sondern auch den Compur-Rapid-Zentralverschluss aufzieht. Tranporthebel und Zentralverschluss samt Wechselobjektiven waren die wesentlichen Unterschiede etwa zu Super Nettel und Nettax. Beschleunigt wird der Transportvorgang durch eine Verkleinerung des Aufnahmeformats auf 24x24 mm wie bei der Robot. Dieses Format ist bei der Tenax II technisch bedingt durch den Verschluss: es handelt sich zwar technisch um einen „Zentral“verschluss, er sitzt jedoch nicht wie üblich zwischen den Linsen des Objektivs, sondern hinter dem Objektiv. Um Abschattungen in den Ecken zu vermeiden, wurde ein Zentralverschluss   mit größerer Öffnung gewählt, wie er sonst in Rolfilmkameras zu finden ist. Dieser Verschluss war zwar preiswerter, hatte jedoch einen Nachteil gegenüber einem Schlitzverschluss: er beschränkte die Auswahl der Wechselobjektive und ihre Lichtstärke. Da der Verschluss nicht im Schnittpunkt der Lichtstrahlen im Objektiv sitzt, konnten hochlichtstarke Objektive und solche, die zu weit in die Kamera hineinragen, nicht verwendet werden.  Die Kamera hat eine Bajonettfassung; doch gibt es wegen dieser konstruktiven Besonderheit  daher nur eine kleine Auswahl an auswechselbaren Objektiven zur Tenax II:

Carl Zeiss Jena 4cm f/2 Sonnar
Carl Zeiss Jena 4cm f/2.8 Tessar  
Carl Zeiss Jena 2.7cm f/4.5 Orthometar  
Carl Zeiss Jena 7.5cm f/4 Sonnar  

Bis zur Produktionseinstellung im Jahre 1939 wurden über 10 000 Tenax II gefertigt, davon wurden etwa 60 Prozent mit dem Sonnar als Normalobjekticv ausgeliefert, der Rest mit dem Tessar. Das Weitwinkel und das Teleobjektiv sind sehr selten und wenn erhältlich, dann infolge des Sammlerinteresses überteuert. die vor Jahren bei einer Auktion in Wien zu sehen war. Gelegentlich tauchen bei solchen Auktionen auch andere Objektive in einer zu Tenax II passenden Fassung auf, zweifelhaften Ursprungs (Basteleien) oder Prototypen.

Nerwin hat nachträglich auch eine Version der Tenax II für die Aufnahme von Röntgenbildern  konstruiert, ohne Sucher und Entfernungsmesser, mit überdimensionaler Rückspulkurbel und ebensolchem Transporthebel:

 

 Spezialausführung für Roentgenaufnahmen

 

Die Bedienung der Nettax II

Tenax II

Einlegen eines Films:

  • Stellen Sie die Kamera auf den Kopf, öffnen Sie die Rückwand samt Boden mit Hilfe der beiden Knebel und legen Sie sie beiseite.

  • Entnehmen Sie die Aufwickelspule, führen Sie den Filmanfang in den Schlitz ein und setzen Sie Aufwickel- und Filmpatrone in die Kamea ein.

  •  Schließen Sie die Rückwand mit Hilfe der beiden Knebel im Boden.

  • Straffen Sie den Film mittels der Rückwickelspule (in Aufnahmehaltung links).

  • Machen Sie 2 oder 3 Aufnahmen durch Betätigung von Transporthebel und Auslöser und stellen Sie dann das Zählwerk mit Hilfe der beiden Knöpfe auf Null. 

  • Die Kamera ist aufnahmebereit.

Tenax II, Oberseite

Aufnahmen mit der Kamera:

Der Blick durch den Sucher zeigt, was die Kamera auf Film bannen wird. In der Mitte sehen Sie den hellen Fleck des Entfernungsmessers. Bringen Sie allfällige Doppelbilder durch Drehen des Entfernungshebels (unter dem Objektiv, wie oben gezeigt) zur Deckung. Stellen Sie Belichtungszeit und Blende ein. Lösen Sie aus und transportieren Sie den Film mit dem Transporthebel rechts neben dem Objektiv eine Aufnahme weiter.

Haben Sie ausreichend große Hände und ein wenig Übung, können Sie bequem mit dem Zeigefinger auslösen und mit dem Mittelfinger den Transporthebel betätigen, ohne die Kamera vom Auge zu nehmen. Auf diese Weise erreichen Sie die vom Konstrukteur angestrebte schnelle Aufnahmefolge. Lassen Sie sich nicht täuschen, die Technik schreitet fort und mit jeder Digitalkamera um 100 Euro könneRückspuln Sieviel schneller auslösen.

Wollen Sie Aufnahmen mit dem Selbstauslösernmachen, schieben Sie den Hebel links unten an der Vorderseite des Gehäuses nach Aufziehen  des Verschlusses (mit dem Hebel links vom Objektiv) nach oben und lösen Sie aus.

Ist der Film vollfotografiert (ein Kleinbildfilm für 36 Aufnahmen im Format 24x36 ergibt 50 quadratische Bilder im Format 24x24 mm), drücken Sie nach der letzten Aufnahme den Rückspulknopf auf der Kameraoberseite und drehen den Film in die Patrone zurück. Dabei hilft die aufklappbare Rückspulkurbel. Wollen Sie den Film selbst entwickeln, spulen Sie ihn nicht ganz in die Patrone ein, das gelingt mit ein wenig Gefühl. Lassen Sie den Film entwickeln, spulen Sie solange zurück, bis der Widerstand beim Drehen nachlässt. Öffnen Sie sodann die Rückwand wie oben beschrieben und entnehmen Sie den Film.

Das Rückspulen können Sie sich nur dann ersparen, wenn Sie nach dem Kauf in der Kamera zwei Originalkassetten von Zeiss Ikon vorgefunden haben. Dann können Sie eine Kassette mit Meterware füllen und der Film wird in die Aufwickelkassette transportiert, die sich lichtdicht schließt, sobald Sie die Rückwand mit den beiden Knebeln öffnen. Das macht heute niemand mehr, es ist unbequem, die Kassetten für die Contax, die auch in der Tenax verwendet werden, gibt es kaum zu kaufen und Meterware, die Sie in der Dunkelkammer konfektionieren müssen, bekommen Sie, wenn überhaupt, nur auf Bestellung oder übers Internet. Ich erwähne diese Möglichkeit  nur der Vollständigkeit halber.

 

Ratschläge für den Kauf einer Nettax II

Tenax II, Rückseite

Einigermaßen gut erhaltene und funktionsfähige Tenax II kosten normalerweise bis zu 500 € mit dem Sonnar 2/50 mm. Die hier abgebildete Kamera wurde als Zustand B+ angeboten. Üblicherweise ist die Verchromung am Transporthebel und am Hebel der Entfernungseinstellung ein wenig abgeschabt. Die Belederung könnte einige kleine Beulen aufweisen, das ist eine Eigenart der Kameras von Zeiss Ikon aus dieser Zeit und rührt von der Oxydation des seinerzeit verwendeten Klebstoffs. Wahrscheinlich müssen Sie für eine einwandfreie Funktion kleinere Reparaturarbeitschmen durchführen lassen (Reinigen,  Schmieren etc.).

Sonnar 2/40 an Tenax II

Obgleich das Objektiv ausgewechselt werden kann, nützt das wenig. Die beiden Wechselobjektive, die zur Tenax geliefert wurden, sind extrem selten, kaum erhältlich und in der Regel teurer als die Kamera mit Standardobjektiv selbst.

Einen Blitzanschluss suchen Sie vergeblich;  der Compur Rapid Verschluss ist nicht synchronisiert. Manche Tenax II haben dennoch einen Blitzanschluss: der ist dann nächträglich eingebaut worden.

Sollten Sie mit der Kamera fotografieren und die Aunahmen digital verarbeiten wollen, müssen Sie bei den auch heute noch gebraucht erhältlichen Kleinbild-Diascannern von Nikon, Canon, Minolta und anderen beachten, dass Sie fürs Format 24x36 mm ausgelegt sind und nicht für die von der Tenax II gelieferten Aufnahmen im Format 24x24 mm. Das ergibt Probleme bei motorischen Filmeinzügen, weil dann nicht alle Bilder zur Gänze erfasst werden. Mit diversen Manipulationen gelingt es dann doch irgendwie.

 
Zusammenfassung:

Ich denke, die Ternax II ist in mancher Hinsicht den zeitgenössischen Leicas mit Schraubgewinde technisch überlegen, das Sonnar 2/40 mm ist von den Ergebnissen her denen eines Summicrons 2/50 mit Schraubgewinde gleichwertig. Ich finde auch den Transporthebel praktisch, ich finde die Rückspulkurbel und auch den Messsucher nützlich, den Leitz erstmals 1954 in die Leica M3 einbaute.

 Ob Sie sich eine Tenax II kaufen sollten oder eine, sagen wir, Leica II? Kommt darauf an. Sind Sie Optimist, kaufen Sie die im Durchschnitt etwas teurere, weil seltenere Tenax II: sie ist bequemer zu bedienen – nur das Filmeinlegen ist umständlich, wenn auch nicht so wie bei den zeitgenössischen Leicas. Sind Sie Pessimist, denken Sie daran, dass Sie eine über 70 Jahre alte Kamera erstehen, von der man im Vorhinein nicht weiß, ob man sie notfalls noch reparieren kann. Alte Leicas kann man reparieren – aber ehe Sie jubeln, die Reparaturkosten sind schnell höher als der Wert der Kameras und damit ist die eine wie die andere ein wirtschaftlicher Totalschaden. Risiko eines jeden Käufers, der seine alten Kameras nicht bloß in die Vitrine stellen möchte, sondern sie auch, dann und wann, benutzen, um sich zu erinnern (oder vorzustellen), wie die Leute seinerzeit fotografiert haben.

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© Leicashop Wien,

© PETER LAUSCH/2015
Erstellt am 24. September 2015

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