Die LEICA Standard
(in den USA meist als <Model E> bezeichnet

 

Scheinbar ist die LEICA Standard ein Rückschritt: Kaum hat Leitz bei der LEICA den mit der Entfernungseinstellung des Objektivs gekuppelten Entfernungsmesser eingeführt, wird 1932 einige Monate später neuerlich eine Kamera ohne diese segensreiche Einrichtung auf den Markt gebracht, an die sich so viele Fotografen in so kurzer Zeit gewöhnt hatten. Man muss nur in Fachzeitschriften, aber auch in der Tagespresse die damaligen Jubelmeldungen über den in der LEICA II eingebauten und gekuppelten Entfernungsmesser nachlesen. Mit ein wenig Achtsamkeit ist nun tatsächlich die Zeit der unscharfen Aufnahmen vorbei, auch bei wenig Licht, den damals noch recht unempfindlichen Filmen und bei den dadurch bedingten großen Blendenöffnungen.
   Was waren die Gründe? Einfach: die Wirtschaftslage. Viele an der LEICA interessierte Menschen konnten sich aus finanziellen Gründen keine LEICA kaufen, obgleich sie es gerne getan hätten, wäre sie bloß ein wenig erschwinglicher gewesen. Um das zu verstehen, und damit auch einen wichtigen Grund für den Aufschwung der Kleinbildfotografie zu erwähnen, müssen Sie sich in die 30er-Jahre zurückdenken. Autos waren für die Masse unerschwinglich, Fernsehen war nicht erfunden, Computer nicht, das Internet gab es auch nicht. Fotografieren wurde daher viel ernsthafter betrieben. Den Knipser gab es noch nicht, der einfach bloß im Vorbeigehen die Gattin oder die hoffnungsvollen Sprösslinge für wenig Geld ablichtet. Fotografieren war nicht nur eine ernsthafte, sondern auch eine schwer wiegende Angelegenheit. Und dann auf einmal eine Kamera, die ausgezeichnete Fotos machte und dabei noch leicht mitzunehmen war. Dass die Fotos dank der relativ billigen Filme auch nicht teuer waren - die Fa. Leitz wurde nicht müde, in ihren Werbeschriften auf die preiswert erhältlichen Filme hinzuweisen. Und es war ja auch wirklich wahr. 
   Leitz lieferte daher ab Oktober 1932 die LEICA Standard (oder auch: LEICA E) und ließ im übrigen die Produktion der LEICA I bis 1933 weiterlaufen. Die LEICA Standard ist nicht einfach eine Billigausgabe oder ein Aufguss der LEICA I; in ihr sind alle Änderungen und Fortschritte inkorporiert, die im Lauf der Zeit in LEICA I und LEICA II eingebaut worden sind. Sie konnte jederzeit zum Modell II umgebaut werden, und, nachdem die LEICA III angeboten wurde, auch zu einer LEICA III. 
   Die LEICA Standard samt Elmar 3,5/50mm wurde 1934 für RM 135.- angeboten. Der Umbau zur LEICA II kostete RM 85.-, der zur LEICA III RM 120.-
   Bei der LEICA Standard konnte  der Rückspulknopf zwecks leichterer Filmrückspulung ebenso ausgezogen werden, wie beim teuren Modell II. Man kann auch sagen, die LEICA Standard war die LEICA I mit herausziehbaren Rückspulknopf. Was war weggelassen worden gegenüber dem damaligen Spitzenmodell LEICA II? Der gekuppelte Entfernungsmesser. Statt dessen war die LEICA Standard mit einem einfachen Sucher ausgestattet und besaß auf der Oberseite einen Zubehörschuh, in dem ein (nicht gekuppelter) Entfernungsmesser aufgesteckt werden konnte. Den gab es auch prompt, mit der Code-Bezeichnung FOKOS. Er konnte in senkrechter und dank eines Zusatzteils auch in waagrechter Stellung aufgesteckt werden und ließ die Kamera mit senkrechtem Entfernungsmesser ein wenig seltsam aussehen. Sei´s drum, er erfüllte seinen Zweck. Leitz legte aber besonderen Wert auf die Feststellung, dass auch die Standard-LEICA mit allen auswechselbaren Objektiven benutzt werden kann, denn die Auswechselbarkeit der Objektive sei die Grundlage der Universalität des LEICA-Verfahrens, heißt es im Prospekt im September 1934! 
   Und welche Objektive waren damals lieferbar?
   Wie es in den Prospekten so schön heißt:
Elmar 3,5/50mm, das als zweckmäßiges Universalobjektiv dank seiner Brennweite angesprochen werden könne, die am ehesten der Formatdiagonale entspreche und mit der eine angenehm wirkende Perspektive erzielt werde.
Hektor 2,5/50mm, das bis zu einem gewissen Grad ebenfalls wie das Elmar einer universellen Verwendung zugeführt werden könne, wenngleich es dem Elmar bei voller Öffnung in der Leistung etwas unterlegen sei. Es komme aber den Wünschen jener LEICA-Fotografen entgegen, die häufig unter sehr ungünstigen Lichtverhältnissen arbeiten, also besonders hohen Wert auf die Lichtstärke des Objektivs legen müssen.
Elmar 3,5/35mm, das über Schwierigkeiten hinweghelfe, wie man sie bei der Aufnahme in Zimmern, in engen Straßen und bei Architekturaufnahmen antreffe, in dem man vom jeweiligen Standpunkt nicht alles Gewünschte erfassen könne. Besonders hervorzuheben sei die größere Tiefenschärfe. Aber allgemein lasse sich das Weitwinkelobjektiv auch für alle anderen Motive verwenden, insbesondere bei Aufnahmen mit schnell wechselnden Entfernungen.
Elmar 4/90mm
Elmar 6,3/105mm
Elmar 4,5/135mm
Hektor 4,5/135mm, wobei die beiden Elmare 4/90 und 4,5/135, aber auch das Hektor 4,5/135mm in günstiger Weise universell zu verwenden seien als das weniger lichtstarke, dafür aber verhältnismäßig kleine Elmar 6,3/105, das als Fernobjektiv für Reise und Touristik anzusehen sei.

   Lieferbar war die Standard zunächst schwarz lackiert, später dann auch in Chrom, ab 1939 nur mehr in Chrom. 
   Die Kamera erfüllte ihren Zweck; in den 30er-Jahren wurden jährlich einige tausend Stück erzeugt; in den Kriegsjahren wurde zwischen 1941 und 1945 jeweils nur eine Handvoll dieser Kameras erzeugt. Die Standard ist ein recht langlebiges Modell gewesen, man sagt gewöhnlich, sie sei - mit kleinen, an sich unbedeutenden Änderungen - bis 1950 produziert worden. Das stimmt natürlich, bloß muss man wissen, dass von den insgesamt erzeugten über 27.000 Stück 1946 13 Stück, 1947 immerhin 461 Stück, 1948 und 1949 null Stück und 1950 letztmalig 57 Stück erzeugt wurden, insgesamt zwischen 1932 und 1950 fast 27.000 Stück.
   Die LEICA Standard unterscheidet man leicht am Fehlen des "Hockeyschlägers" an der Gehäusefront. Die ab 1947 gefertigten Modelle der LEICA Standard erkennt man auf Anhieb: sie beruhen auf dem Gehäuse der LEICA III; dort wo bei dieser der Langzeitenknopf sitzt, haben sie ein rundes Plättchen aus Aluminium mit einen Kunstlederüberzug, so wie etwa die Ig oder If. Manchmal findet sich statt den Kunstlederüberzugs ein kleines Plättchen aus Aluminium mit drei Schrauben - nicht übersehbar.
   Wer wollte nach 1945 mit einer veralteten LEICA Standard fotografieren? Die Abnehmer dürften Leute gewesen sein, welche die Kamera am Mikroskop oder für das Reproduzieren von Dokumenten und dgl. verwenden wollten.

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Peter LAUSCH
Zuletzt geändert am 
12.12.2004

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