PETER LAUSCH
Das Autorenduo Somerville & Ross

Somerville (links) und Ross
Am 17. Jänner 1889 trafen bei der
Sonntagsmesse in Castledown Berehaven Edith Anna Œnone Somerville und
ihre Cousine 2. Grades Violet Martin zusammen. Das wissen wir, weil
Somerville dieses Treffen in ihrem Tagebuch und 1917 in dem Buch <Irish
Memories> festgehalten hat. Mit diesem Treffen begann eine lebenslange
Schreib- und auch Lebensgemeinschaft zwischen den beiden Frauen, die aus
ähnlichen Verhältnissen stammten. Somerville war die Tochter eines
begüterten britischen Offiziers aus West-Cork und Martin die Tochter
einer ebenfalls begüterten Familie aus dem County Galway.
Somerville war zu diesem Zeitpunkt 27
Jahre alt, war privat erzogen worden und hatte in Düsseldorf und Paris
Kunst studiert. Ihr Leben lang zeichnete und malte sie und fand mit
ihren Bildern bei Ausstellungen durchaus Anklang.
Gemeinsam mit der erst 24 Jahre alten
Martin verlegte sie sich in der Folge primär auf das Schreiben von
Romanen und kurzen Geschichten.In diesen schilderten die beiden Frauen das
Zusammenleben der protestantischen Oberschicht, der sie selbst
angehörten, mit ihren irischen Landsleuten.
1890 begann die Arbeit am ersten Roman, <An Irish Cousin>. Da ihre Familien diese
literarische Tätigkeit nicht so gerne sahen und vom Publikum schreibende
Frauen auch nicht geschätzt wurden, veröffentlichten sie dieses Buch
unter einer Art Pseudonym als E. Œ. Somerville und Martin Ross (der
Familienname wurde zum scheinbar männlichen Vornamen, der Name des
elterlichen Hauses (Ross House) zum Familiennamen, oder kurz: <Somerville
and Ross>. Ihr nächstes Produkt, <The Real Charlotte> wurde auch von
Kritikern gelobt und verkaufte sich gut.
Am sicherlich bekanntesten wurden sie
mit einer Sammlung von durchaus humoristischen Kurzgeschichten über
einen ehemals britischen Major und dessen Leben als R. M. (= Resident
Magistrate, eine Art Bezirksrichter für kleinere Streitigkeiten) im
Südwesten Irlands, den <Some Experiences of an Irish R. M.>. Das
Buch erschien 1899. Wegen des großen Erfolges erschienen in den
folgenden Jahren zwei Fortsetzungen.
Violet Martin, oder <Martin>, wie
Somerville sie nannte, starb 1915 an einem Gehirntumor, anscheinend der
Spätfolge eines Reitunfalls der geübten Reiterin.
Sommerville verzweifelte beinahe an der
Vorstellung, wie sie ohne ihre geliebte Partnerin weiterhin Bücher
schreiben sollte, doch bei spiritistischen Sitzungen bat Martin sie,
weiterzuschreiben. In den nächsten 30 Jahren verfasste Somerville weitere 5
erfolgreiche Romane, die auch weiterhin unter den Autorennamen Somerville and Ross erschienen, denn sie behauptete, Martin erscheine in
ihren Träumen und gebe Tipps und Hinweise für die Gestaltung. Wahr ist
jedenfalls, dass zwei späte Romane <Mount Music> und <The Big House of
Inver> auf Entwürfen beruhten, welche die beiden Autorinnen ursprünglich
nicht weiterverfolgt hatten.
Im Alter wurde sie auch von der
schreibenden Zunft anerkannt: W. B. Yeats lud sie ein, Mitglied der <Irish
Academy of Letters> zu werden, einer angesehenen Vereinigung irischer
Autoren.
Somerville starb 1949 im Alter von 91
Jahren.
*
Namentlich die Bücher über den <Irish
R. M.> waren auch über den englischen
Sprachraum
hinaus ein Erfolg, doch vielen späteren Lesern erschienen die Werke von Somerville and Ross vom Thema her und vom Stil her überholt. Über
Somerville and Ross ist sozusagen die "Zeit hinweggegangen", was sich
auch daran zeigt, dass kaum eines ihrer Bücher in den letzten Jahren in
englischer Sprache neu aufgelegt worden ist, mit Ausnahme einer
Taschenbuchausgabe von <Some Experiences of an Irish R. M.>. In
deutscher Sprache ist keines ihrer Bücher erhältlich.
Allerdings kann man eine Reihe von
digitalen Ausgaben ihrer Werke in englischer Sprache gratis über
www.gutenberg.org
herunterladen, die im Format .pdf u. a. auch auf dem iPad gelesen
werden können.
Erstellt: 20. Juli 2011
© 2011/Peter Lausch
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