PETER LAUSCH
SLIGO

1. Geschichte:
Sligo ist die Hauptstadt des County
Sligo; der Name beider leitet sich ab vom irischen Sligeagh, was auf deutsch
<Platz der Muscheln> bedeutet. Die Küste von Sligo war in der
Vorzeit gekennzeichnet durch ein reiches Vorkommen von Muscheln, wovon
heute noch die <midden> Zeugnis ablegen, jene Haufen von Muschelschalen,
welche die Menschen der Jungsteinzeit zurückließen, nachdem sie offenbar
viele Jahre lang den
Inhalt der Schalen immer am selben Ort aufgegessen hatten. Midden sind nicht leicht zu finden; auf Oyster
Island gegenüber Rosses Point gibt es einen, westlich von Strandhill
einen anderen. Oyster Island ist nur mit einem in Rosses Point
gemieteten Boot erreichbar, den Midden bei Strandhill findet man
eigentlich nur mit Hilfe von Ortskundigen.
Die Gegend dürfte also schon früh
besiedelt gewesen sein, wenngleich sich keinerlei Überreste erhalten
haben, außer den Midden.
Der Name Sligeagh findet sich erstmals
in einer Handschrift über eine Schlacht im Jahre 537. Die nächste
Erwähnung stammt aus dem Jahre 807, als die damalige Siedlung von den
Wikingern überfallen und geplündert wurde. Es ist wohl anzunehmen, dass
der Ort spätestens von da an ständig bewohnt war, denn er ist günstig an
einer Furt des Flusses Garavogue gelegen und diese Furt ermöglichte den
Bau einer mittelalterlichen Straße Richtung Donegal.
1245 übernahm Maurice Fitzgerald die
Herrschaft über Ort und Grafschaft. Er errichtete im heutigen
Stadtzentrum eine Burg, von der sich nichts erhalten hat - sie lag
wahrscheinlich unterhalb des heutigen Rathauses, ihre Überreste wurden
wohl bei dessen Bau zerstört.
In den zahlreichen Auseinandersetzungen
zwischen den irischen Clans und der britischen Krone wurde die Stadt
seither mehrmals niedergebrannt, aber immer wieder aufgebaut, zu günstig war die
Lage an der erwähnten Furt und am geschützten Hafen in der Sligo Bay,
die bis zur Stadt reicht.
2. Gegenwart
Heute ist Sligo eine irische Kleinstadt,
die mit ihren knapp 18ooo Einwohnern dem Besucher nicht viel
Sehenswertes zu bieten hat. Die einschlägigen Reiseführer und die mehr
oder minder offiziösen Webseiten von Fremdenverkehrsverbänden etc. tun
sich schwer in der Anführung von Sehenswürdigkeiten. Was soll man schon
über eine Stadt schreiben, die lt. Wikipedia bei geringer Größe
angeblich 150 Pubs aufzuweisen hat?
Da verweist man also auf die zwei
größten Kirchen der Stadt, eine katholisch, die andere protestantisch,
die aber leider beide nicht sehenswert sind, stammen sie doch beide aus
dem 19. Jahrhundert. Die protestantische ist in neugotischem Stil, die
katholische in neuromanischem Stil errichtet, so wie sich halt die
Architekten und ihre Finanziers so etwas seinerzeit vorgestellt haben.
Das kennt man ja von anderswo.
Ja, und dann gibt es noch die Sligo
Abbey, die Ruine eines von Fitzgerald erbauten Dominikanerklosters, das
freilich einmal niederbrannte und im 15. oder 16. Jahrhundert mehr oder
minder neu aufgebaut wurde, unter Beibehaltung einiger alter Bauteile.
Wer die Besichtigung der Ruine versäumt und mehr als einen Tag in Irland
verbringt, der braucht ob des Versäumnisses nicht traurig sein. Besseres
sieht er allenthalben.

Aussicht vom öffentlichen Parkplatz in der Wine Street,
1988
Noch um 1980 war Sligo eine
herabgekommene Kleinstadt mit schäbigen Häusern und Geschäften, so als
wäre die Zeit so um 1930 stehengeblieben und seither hätte sich nichts
verändert.
In den 30 Jahren seither ist es mit
der irischen Wirtschaft aufwärts gegangen und die Stadt hat sich bedeutend
verändert: die hässlichen Ruinen entlang des Garavogue sind renoviert
und revitalisiert worden, teilweise wurden Gebäude auch neu gebaut. So
bietet sich von den Brücken über den Fluss ein durchaus hübscher Anblick.

Blick nach Westen auf den Garavogue und die Rockwell
Parade von der Hyde-Brücke aus
Auch sind die übrigen Gebäude im Stadtzentrum großteils renoviert worden,
einige Hotels mit ansprechender Architektur neu gebaut worden, zwischen
O'Connell Street und Wine Street ist in früheren Hinterhöfen ein
Einkaufszentrum in zwei Etappen errichtet worden, was sicherlich zur
Belebung des Stadtzentrums beiträgt.

O'Connell-Street kurz vor 09,00 Uhr an einem Werktag.
Neu gefärbelte Häuserfronten, verbreiterte Gehsteige machen zwar
noch keine großstädtische Geschäftsstraße aus, aber gefälliger sieht es
schon aus als früher.
Seit einigen Jahren brüllt bekanntlich
der so genannte <Keltische Tiger> nicht mehr. Das hat Irland eine Reihe
von scheusslichen Bauvorhaben aus purer Großmannssucht erspart, führt
aber leider auch dazu, dass vor allem jene Geschäfte im Stadtzentrum,
die auf Touristen angewiesen sind, in finanzielle Schwierigkeiten
geraten. So ist etwa eine durchaus nette Buchhandlung an der Lockwood
Parade am Ufer des Garavogue, das Book Nest, schon wieder eingegangen
und auch im Einkaufszentrum machen manche Geschäfte den Eindruck, als
stünde die Geschäftsaufgabe bald bevor.
Aber immerhin, während der Tiger
brüllte, ist ja doch einiges Gefällige erbaut worden:

Blick von einem Fußgängerübergang über den Garavogue zur
Hyde-Brücke
und dem modernen Hotel.
Farbenprächtig sind die Fassaden so wie
überall in Irland auch in Sligo. Das hängt möglicher Weise mit dem
häufig wolkenverhangenen Himmel und dem vielen Regen zusammen:

Fassaden in der High Street (dezent gefärbelt)

Ecke Grattan Street und High Street steht die <Maid of Erin>
als Denkmal an die fehlgeschlagene Rebellion von 1798.
Solche Denkmale findet man häufig in Irland, gemeinsam ist ihnen
der leicht dümmliche Gesichtsausdruck der als Symbol der angestrebten
Freiheit
von britischer Unterjochung dargestellten Damen
Nichts desto trotz ist Sligo einen
Aufenthalt wert, auch wenn sie dem Reisenden architektonisch bzw.
historisch nichts zu bieten hat.
Westlich der Stadt ist der frühzeitliche Friedhof von Carrowmore leicht erreichbar, wer will, kann den die Aussicht
beherrschenden Berg Knocknarea besteigen mit Queen Maeves Tomb obenauf,
einem Cairn aus der Vorzeit, der zwar ein Grab beinhalten dürfte, wohl
aber nicht das von Queen Meave, denn die ist keine historisch fassbare
Persönlichkeit.
Die Geschäftemacher versuchen,
möglichst viel Kapital aus der Tatsache zu schlagen, dass der nachmalige
Nobelpreisträger für Literatur, William Butler Yeats, mütterlicherseits
von einer reichen Familie Sligos abstammt, den Pollexfens. Also gibt es
in einem ehemaligen Bankgebäude neben der Hyde-Bridge, dem Yeats
Memorial Building, viele Erinnerungsstücke an Yeats und seinen malenden
Bruder Jack und die übrigen Familienmitglieder zu sehen. Kein Wunder
also, dass das Stadttheater sich als <Hawk's Well Theater> nach einem
Stück von Yeats bezeichnet, dass es jährlich in der Vorsaison eine Yeats
Summer School zu besuchen gibt, dass den Touristen der ganze Landstrich
als <Yeats Country> schmackhaft gemacht wird und es einen eigentlichen
Tourismus zu jenen Orten in der Umgebung gibt, die von Yeats in
Gedichten besungen wurden; ja, auch sein Grab ist zum wichtigen
Sightseeing-Punkt geworden, Lissadell House etwa auch. Auch Hotels und
Frühstückspensionen schmücken sich mit Yeat's Namen, etwa das Yeats
Country Hotel in Rosses Point, das es zu Yeats Zeiten noch gar nicht
gab, oder die Yeats Tavern in Drumcliff, für die gleiches gilt. Wer will, kann die landschaftlichen Sehenswürdigkeiten
östlich von Sligo besuchen, die teilweise Yeats in Gedichten beschrieben
hat, kann ein Festes Haus aus der Zeit der Ansiedlung protestantischer
Siedler im 17. Jahrhundert besichtigen (Parke's Castle) oder den
Wasserfall von Glencar.
Wer will, der kann auch an einem
prächtigen Sandstrand in Rosses Point baden oder zum
Strand von Strandhill fahren, aber dort nicht schwimmen, denn infolge
unterseeischer Strömungen ist dort das Baden lebensgefährlich und
verboten.
Ohne Auto oder Fahrrad sind diese
Besichtigungen umständlich, und, sobald man das Stadtgebiet verlässt,
teilweise gar nicht möglich. In Sligo gibt es weder innerstädtische
Autobuslinien noch sonst ein öffentliches Verkehrsmittel. Da
das eigentliche Stadtzentrum jedoch relativ klein ist, kommt man in der
Stadt durchaus auch zu Fuß und ohne Fahrzeug ans Ziel.
Anders ist es bei Ausflügen zu Zielen
außerhalb des Stadtgebietes. In die Umgebung (etwa nach Strandhill oder
Rosses Point) fahren zwar Autobusse, aber von einem Taktverkehr kann
keine Rede sein. Eine irische Eigenheit ist es auch, dass es zwar
gekennzeichnete Autobushaltestellen gibt (die Busse halten aber auch an
Stellen ohne solche Tafeln), dass aber an solchen Haltestellen die Fahrpläne
nicht angeschlagen sind.
In der Stadt Sligo selbst gibt es nicht
viele Unterhaltungsmöglichkeiten. In vielen Pubs gibt es an einem
Wochentag oder auch an mehreren am Abend Folk-Music zu hören, aber nicht
alles, was sich so nennt, verdient diesen Namen. Es ist halt in Irland
nicht anders als bei uns, wenn man an die unsäglichen Tiroler
Nudelmandeln, Beutelbubn, Kasermadln und Gido Giovanninos denkt, die
dennoch ein dankbares Publikum finden. Je jünger das einheimische
Publikum, das der Musiker harrt, desto weniger echt ist die <Traditional Music>.
Als Regel 2 mag sicher nützlich sein: wo sich allerlei Touristen
einfinden, dort sollte man lieber wieder gehen - oder aber einen
fröhlichen Abend bei vielen Bieren verbringen und mit irgendwelchem
Gedudel im Hintergrund zufrieden sein.
Über das Angebot von Unterkünften muss
heutzutage nichts mehr gesagt werden: zu einträglich ist das Geschäft
der Zimmervermittler im Internet, als dass nicht jede Suche mit Google
oder Bing ausreichend viele preiswerte, erstklassige und prächtige
Hotels und Bed & Breakfasts ergeben würde.
Problematischer ist vielfach die Suche
nach Essensmöglichkeiten: der irischen Küche hat man noch nie besonderen
Geschmacksreichtum nachgesagt, dafür viele kalorienreiche Speisen. Auch
in dieser Hinsicht gibt es Webseiten mit einschlägigen Hinweisen,
Wikitravel etwa. Indessen, irische Restaurants zeichnen sich durch
Speisekarten mit phantasievolle Namen der angebotenen Speisen aus: <Plaice with
Breadcrumbs, 2 Vegetables, Potatoes with Sauce Rosses Point> war z. B. eine
simple aufgetaute Scholle mit einer ebenso simplen Panade aus der Tiefkühltruhe,
Karotten mit Erbsen aus der Dose, halb gekochten Kartoffeln und einer
Sauce, in der der Koch alle ihm zugänglichen Zutaten seiner Küche in einer
Fertigsauce von Maggi oder sonst wem aufgekocht hat - und das zu fürstlichem Preis.
Dass
das entsprechende Restaurant im Zentrum von Rosses Point vor ein paar
Jahren das Zeitliche
gesegnet hat, nimmt nicht Wunder, verhindert aber nicht, dass unter
dem selben Namen wieder was auftaucht, das hoffentlich einen besseren
Gegenwert zu teuren Preisen bietet.
Grundregel: Traue niemals
<Profi-Testern>, daheim nicht und in Irland erst recht nicht.
Im Zweifel ein Veggieburger oder ein Big Mac, ungesund zwar, aber man weiß, was einem
erwartet.
In den Hotels, sofern dort abends
gekocht wird, sind die Chancen auf geschmackvolles Essen geringfügig
besser, aber der Wein wird wohl auch dort, aus irgendeinem Dorf in den
Anden stammen und dafür einen eindrucksvollen Namen auf dem Etikett
tragen.
Erstellt: 23. August 2011
© 2011/Peter Lausch
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