7. Teil -   Die Nikkormat-Modelle

Keine Firma kann auf Dauer allein mit einem Produkt kommerziell erfolgreich sein, das primär an den Bedürfnissen der Profis orientiert ist. Daran ändert sich auch nichts, wenn dieses Produkt, in unserem Fall die Nikon F, nicht nur von Profis gekauft wird, sondern auch von  betuchten Amateuren. Eine Profikamera ist keine Kamera für den Massenmarkt, simpel ausgedrückt. Die Nippon Kogaku K. K. war sich von Anfang an darüber im klaren, hatte sie doch entsprechende Erfahrungen bereits mit ihren Sucherkameras gesammelt.

Neben der Nikon F bot daher die Nippon Kogaku K. K. zwischen 1960 und  Ende 1965 auch eine Reihe von Kameras für den Massenmarkt an, die verschiedenen Modelle der Nikkorex, wie wir gesehen haben (Nikkorex 35, Nikkorex 35-2, Nikon Auto35 und Nikkorex Zoom-35). Alle genannten Modelle der Nikkorex waren Kameras mit Zentralverschluss, teils mit Wechselobjektiven, teils ohne, alle ohne Rapidspiegel, das heißt, nach der Aufnahme sah der Fotograf im Sucher - schwarz. Aus vielen Gründen verkauften sich diese Modelle, sagen wir, nicht gut. Es war nicht primär eine Frage der Qualität und Haltbarkeit, es war primär eine Prinzipienfrage. Für Einzelheiten verweise ich auf den 5. Teil.

Um den Nachteil des sehr begrenzten Objektivangebotes auszugleichen, bot die Nippon Kogaku K. K. von 1964 bis 1966 die Nikkorex F an, trotz des ähnlichen Namens eine vom Prinzip her ganz verschiedene Kamera mit Schlitzverschluss, der aber auch kein wirklicher Erfolg beschieden war. Vor allem verfügte diese Kamera über keine TTL-Messung, sondern nur über einen gesondert zu kaufenden und außen am Gehäuse ansteckbaren Belichtungsmesser mit Selenzelle. Das begeisterte die Käufer nicht gerade, zu offensichtlich waren die Vorteile der TTL-Belichtungsmessung. Auch diesbezüglich verweise ich auf den 5. Teil.

Die Nippon Kogaku K. K. lernte aus den Fehlern und Schwächen der Kameras vom Typ Nikkorex.

Nikkormat FS

Auf Grund der Überlegung, was braucht der Massenmarkt nicht, was die Nikon F verteuert, konstruierte die Firma die Nikkormat FS und verkaufte sie von Juli 1965 bis September 1967. Die Nikkormat FS besaß (wie alle anderen Modelle der Nikkormat-Reihe auch) einen vertikal ablaufenden Schlitzverschluss von Copal mit Belichtungszeiten von B sowie 1-1/1000 Sekunde und eine Synchronzeit für Elektronenblitz von 1/125 Sekunde - zum Unterschied vom waagrecht ablaufenden Verschluss der Nikon F mit Verschlussvorhängen aus Titanfolie und mit einer wesentlich längeren Lebensdauer. Der Verschluss von Copal hat aber auch Vorteile. Erstens ist er billiger, da ein Massenprodukt, zweitens ist er heute auch leichter reparierbar, weil er in viele andere Fabrikate anderer Firmen auch eingebaut wurde, drittens aber, und das war schon im Zeitpunkt der Markteinführung der Nikkormat FS ein Vorteil, erlaubt er wie beschrieben eine kürzeste Synchronzeit von 1/125s bei Elektronenblitz, ein ganz wesentlicher Vorteil beim Aufhellblitzen bei Tageslicht. 

Das Pentaprisma war nicht auswechselbar; Folge war, dass auch die Mattscheibe nicht ausgewechselt werden konnte (außer bei Beschädigung in der Werkstatt); es gab daher auch keine Wechselsucher. Aus Preisgründen fehlte bei diesem (Spar-) Modell auch die Möglichkeit, den Spiegel hochzuklappen, damit war die Verwendung extremer Weitwinkel wie des damaligen 4/21mm oder eines der damals begehrten <Fischaugenobjektive> 8/8 bzw. 5,6/7,5 mm ausgeschlossen. Ferner fiel der Motoranschluss den Einsparungsmaßnahmen zum Opfer. Der Blick in den Sucher zeigt auch nicht das ganze Bild, wie es bei der Belichtung auf dem Film erzeugt wird, sondern nur 92% des tatsächlichen Bildformats. "Eingespart" wurde auch der Aufsteckschuh auf dem Prismensucher, wie er bei SLRs anderer Erzeuger üblich war. Es gab zwar einen Aufsteckschuh, er musste aber extra gekauft werden und konnte nur am Sucherokular befestigt werden, auch eine Eigenheit, die erst im März 1975 mit der Einführung der Nikkormat FT2 wegfiel - siehe dort.

Schon beim ersten Blick auf die Kamera fällt auf, dass der Einstellring auf der Gehäuseoberseite für die Belichtungszeiten fehlt, ein Merkmal vieler nachfolgender Modelle. Statt dessen ist die Zeiteinstellung an einem drehbaren Ring um den Objektivanschluss angeordnet. Die passende Blende wird am Objektiv eingestellt. 

Die Nikkormat FS hat keinen Belichtungsmesser, weder einen außen aufsetzbaren noch einen eingebauten mit oder ohne TTL-Messung. Daher konnte auch die ASA-Einstellung wegfallen, ebenso der Mitnehmerstift für die Übertragung des Blendenwertes vom Objektiv zur Kamera mittels der charakteristischen <Gabel> auf den Objektiven.

Um möglichst früh auf den Markt zu kommen, entschied man sich, eine Kamera ohne Belichtungsmesser auszuliefern, weiß die Hofberichterstattung.  So ganz dürfte diese Geschichte nicht stimmen, denn  die FS erschien fast zeitgleich mit dem Modell FT mit TTL-Belichtungsmessung.

Die Kamera ist selten: wer die Wahl hatte, kaufte sich eine Nikkormat FT mit TTL-Belichtungsmessung.

So wie bei anderen Modellen von Nikon auch tauchen in Zeiten des weltweiten Internethandels mit Gebrauchtkameras auch bei uns in Europa immer wieder Kameras mit der Typenbezeichnung <Nikomat> auf der Prismenvorderseite oberhalb des Objektivs. Nikomat ist die in Japan von Nikon verwendete Produktbezeichnung - die meisten Kameras dieses Typs sind in Japan verkauft worden. Sollte jemand in Zweifel sein, welche Nikkomrat man vor sich hat, vor der Gehäusenummer stehen die Buchstaben <FS>.

Nikkormat FT

Nur wenige Monate nach der Nikkormat FS bot die Nippon Kogaku K. K. ab dem Jahre 1965 die Nikkormat FT an, die sich durch die TTL-Belichtungsmessung der letzteren und durch die  bei diesem Modell mögliche Spiegelarretierung von der Nikkormat FS unterscheidet. Ursprünglich war an eine außen, über dem Selbstauslöserhebel angebrachte CdS-Messzelle gedacht. Davon ist Nikon rechtzeitig abgekommen, erhalten hat sich jedoch ein entsprechender Prototyp. Rechtzeitig wurde jedoch entschieden, gleich die TTL-Messung einzubauen. Allerdings ist die Belichtungsmessung nur eine Ganzfeldmessung, während bei den Photomic-Belichtungsmesseraufsätzen bereits die mittenbetonte Belichtungsmessung eingeführt war. Eine Frage der Kosteneinsparung.

Wie bei der damaligen Nikon F Photomic T (und ab 1967: Nikon F Photomic Tn) musste bei der Nikkormat FT bei jedem Objektivwechsel der Belichtungsmesser manuell an die größte Blende angepasst werden, indem mittels eines Index der Blendenzahlen die größte Blende der passenden Filmempfindlichkeit gegenübergestellt wird, umständlich, aber es funktionierte. Zwischen Prisma und Rückspulknopf befand sich das Fenster des Belichtungsmessers; durch Drehen der Verschlusszeitskala oder durch Änderung der Blendeneinstellung auf dem Objektiv brachte man eine Anzeigenadel mit einer Marke zur Deckung: Richtig eingestellt. Vorher muss allerdings der Belichtungsmesser durch Wegklappen des Schnellschalthebels vom Gehäuseeingeschaltet werden. Durch Andrücken wird der Belichtungsmesser wieder ausgeschaltet, eine damals durchaus originelle und im Übrigen praxisgerechte Lösung. Die Belichtungsmessung erfolgt durch zwei CdS-Zellen im Sucherprisma. Für die Belichtungsmessung war Strom notwendig, den lieferten Quecksillberbatterien.

In Japan und in den USA war die Nikkormat FT ein Erfolg, in Europa wurden sie nur selten angeboten und noch seltener gekauft. Das hat nichts mit der Qualität zu tun, auch nichts mit der Konkurrenzfähigkeit gegenüber den Modellen anderer Hersteller; es liegt ausschließlich daran, dass die Nippon Kogaku K. K. in diesen Jahren über kein leistungsfähiges Vertriebssystem in Europa verfügte und für ihre Produkte praktisch auch keine Werbung betrieb. Naturgemäß ist die Nikkormat FS die seltene der beiden. 
 

Nikkormat FTN

 

 

Erst mit diesem 1967 erschienenen und bis 1975 lieferbaren Modell wurde die Nikkormat-Reihe ein wirklicher Erfolg. Äußerlich entspricht diese Kamera zur Gänze dem Vormodell. 

Bei der Nikkormat FTN wurde der Abgleich zwischen Filmempfindlichkeit und größter Blende vereinfacht: jedes Objektiv wird vor dem Ansetzen an die Kamera auf Blende 5,6 gestellt, nach dem Ansetzen ans Gehäuse wird der Blendenring erst nach links und dann nach rechts bis zum Anschlag gedreht; damit wird dem Belichtungsmesser die größte und die kleinste Blende des verwendeten Objektivs mitgeteilt. Die umständliche Fummelei bei der Gegenüberstellung von Filmempfindlichkeit und größter Blende auf einer winzigkleinen Skala (sehr nett bei schlechter Beleuchtung!) entfällt von nun an. Dies wurde bei der großen Schwester erst ab September 1968 mit dem Modell Nikon F Photomic TN nachgeholt.

Das zweite wichtige neue Merkmal ist die mittenbetonte Messung der Belichtung. Dabei wird durch Einbau asphärischer Kunststofflinsen im Sucher erreicht, dass bei Messung der Belichtung ein zentraler Bildteil von 12 mm Durchmesser mit 65%, der äußere Bildteil mit 35% berücksichtigt werden. Dieser zentrale Bildteil wird durch den Mikroprismenring für die Entfernungsmessung gekennzeichnet. (Ein Schnittbildentfernungsmesser war nicht vorhanden). Dem liegt die Überlegung zu Grunde, dass der Fotograf das ihm Wichtigste wohl in der Regel in der Bildmitte anordnet. Die mittenbetonte Messung findet sich noch heute in den meisten SLR-Kameras der Nikon Corp., allerdings nur als eine von mehreren Möglichkeiten der Belichtungsmessung. Ihr ist zwar die 3D-Matrix-Messung mindestens gleichwertig, wenn nicht überlegen (heller Himmel, dunkler Vordergrund), aber brauchbar ist die mittenbetonte Messung noch immer, wie auch die vielen Millionen richtig belichteten Fotos seit der Einführung dieser Methode beweisen. Gleichsam, um diese neuen Errungenschaften auch schon beim ersten Blick zum Ausdruck zu bringen, gravierte Nippon Kogaku K. K. bei der neuen Kamera den Blockbuchstaben <N> vor der außen angebrachten Belichtungsanzeige an der Gehäuseoberseite, links hinten neben dem Sucherprisma (in Aufnahmehaltung gesehen, wie immer in diesem Bericht). Beibehalten wurden die Buchstaben <FT> vor der Gehäusenummer.

Erstmals bei einer Nikon oder Nikkormat wurden bei der FTN die eingestellten Verschlusszeiten im Sucher (unten) angezeigt. Sichtbar sind immer drei Verschlusszeiten, die mittlere ist die eingestellte Zeit. Am rechten Rand des Sucherbildes befindet die mit Plus- und Minussymbol versehene Klammer; wird die in der Klammer sichtbare Nadel auf die Mitte zwischen diesen Symbolen eingestellt, stimmt die Belichtung - wie die Nikkormat FTN sie eben errechnet.

Mit diesem Modell trat schließlich ein, was die Nippon Kogaku K. K. sich erhofft hatte: die Käufer waren mit der Qualität und den Möglichkeiten ihrer Nikkormat zufrieden. Wollten sie eine Kamera mit mehr Möglichkeiten, kauften sie nicht, wie die Besitzer von Nikkorex-Modellen, häufig Kameras der Konkurrenz, sondern die Nikon F bzw. die Nikon F2. Und wollten sie nach einigen Jahren ein Modell mit neuester Technik, kauften sie sich das jeweils gängige Nikkormat-Modell. Ich weiß, wovon ich schreibe.

Von der FTN gibt es übrigens mehrere Versionen: 1. waren die   Gehäuse wahlweise in Chrom oder in schwarzem Profilook lieferbar, 2. wurde die FTN 1973 kosmetisch überarbeitet: Filmtransporthebel und Selbstauslöserhebel wurden in schwarzes Plastik eingebettet. 

Nikkormat FT2

Ab 1975 wurde die  Nikkormat FTN zur Nkkormat FT2 durch serienmäßigen Einbau einer Mattscheibe mit Schnittbildentfernungsmesser anstatt des zentralen Mikroprismenflecks eingebaut und damit einem lange schon geäußerten Wunsch der Anwender Rechnung getragen. Auf den Mikroprismen war bei lichtschwächeren Objektiven wesentlich schlechter scharfzustellen und dank der in Mode kommenden Zoom-Objektive und der immer besseren Filme mit höheren Empfindlichkeiten wurde die Verwendung von relativ lichtschwachen Objektiven allmählich üblich (Anfangsöffnung 3,5 bis 5,6, je nach Brennweite). Endlich wurde auch fix ein Zubehörschuh auf dem Pentaprismendach des Gehäuses montiert, noch dazu einer mit ISO-Mittenkontakt. Aber es gab auch weiterhin einen Blitzanschluss an der Seite für Kabelblitze.

Neben diesen den Gebrauchswert erhöhenden neuen Eigenschaften finden sich eher kosmetische Änderungen, wie sie schon an den späten Exemplaren der FTN erfolgten: der Transporthebel ist mit Kunststoff überzogen und anders geformt etc. In der Abbildung oben sehen Sie die Kamera mit einigen, damals beliebten Objektiven: An der Kamera das Nikkor-H 2/50, rechts oben das Micro-Nikkor 3,5/55, rechts das Nikkor 2,5/105 und rechts vorne das Nikkor-H 3,5/28 mm.

Von ganz besonderer Wichtigkeit für den heutigen Nutzer ist freilich eine damals gar nicht wirklich erwähnenswerte Neuerung: die FT2 ist die erste Nikkormat, die anstelle der heute nicht mehr erhältlichen Quecksilberbatterien mit 1,3 V eine 1,5 V Silberoxydbatterie benötigt, wie sie heute faktisch überall zu kaufen ist. Die schon seit Jahren nur mehr auf Umwegen (wenn überhaupt) erhältlichen  Quecksilberbatterien hingegen müssen durch Alkali-, Silberoxyd- oder Lithiumbatterien mit 1,5 V Spannung ersetzt werden, welche die Belichtungsmessung verfälschen können.

Nikkormat FT3


Nikkormat FT3 mit angesetztem Winkelsucher

Mit der Einführung des AI-Systems durch die Nippon Kogaku K. K. musste auch das Gehäuse der Nikkormat FT2 1977 für diesen neuen Anschluss umgebaut werden. Bekanntlich entfällt mit dem AI-System die manuelle Eichung des Belichtungsmessersystems auf die größte Öffnung des jeweils verwendeten Objektivs und die erstmals  bei der Nikkormat FTN vereinfacht worden war. Statt dessen weisen die AI-Objektive eine spezielle Steuernocke auf, welche dem Belichtungsmesssystem automatisch, aber rein mechanisch die größte Öffnung mitteilt. Damit man aber auch allenfalls vorhandene Nikkore mit der Blendengabel verwenden konnte, bot Nikon den Umbau solcher Objektive in AI-Objektive an, sodass man auch mit den bisher gelieferten Objektiven eine Offenblendemessung der Belichtung durchführen konnte. Bei nicht umgebauten Objektiven war nur die Messung mit Arbeitsblende möglich. 

An sich sehen sich alle bisher erwähnten Modelle der Nikkormatreihe zum Verwechseln ähnlich.

Auf Anhieb erkennt man die FT3 an der Gravur FT3 vor der Gehäusenummer und am Hotshoe, die FT2 an der entsprechenden Gravur vor der Gehäusenummer und am Hotshoe, die FTN an dessen Fehlen und an der Gravur FT vor der Gehäusenummer und an einem N vor der außen angebrachten Belichtungsanzeige. Wenn Sie sehen wollen, wie eine Nikkormat FT3 ausschaut, klicken Sie hier und lassen Sie sich durch die für den japanischen Inlandsmarkt bestimmte Bezeichnung als Nikomat nicht stören.

Nimmt man heute, nach 25 Jahren, eine FT3 in die Hand, merkt man deutlich die seither erzielten Fortschritte, man merkt aber sicherlich auch, dass manches weggefallen ist, was früher ganz selbstverständlich war, denke ich.

Die Zeit der Digitalanzeigen ist erst später gekommen. Die FT3 zeigt die Belichtungszeit bei der Messung mit einem simplen Zeiger auf einer Skala; gemeinsam mit allen Nikkormats hat auch die FT3 einen mechanisch gesteuerten Verschluss, der senkrecht abläuft und damit immerhin eine Synchronisationszeit von 1/125 Sekunde ermöglicht, ganz nützlich für Blitzaufnahmen bei Tageslicht und auch heute noch nicht bei allen Kameras selbstverständlich - siehe Leica. Die Einstellung der Belichtungszeit erfolgt mittels eines Hebels an einer um den Objektivanschluss angeordneten Zeitenskala - praktischerweise verdeckt der Hebel bei Einstellung auf 1/15 Sekunde den Druckknopf für die Objektiventriegelung - aber die Zeit der Ergonomie war damals auch noch nicht wirklich gekommen. Und die Einstellung der Filmempfindlichkeit ist faktisch nur mittels Fingernagel an einer kleinen Skala möglich.

Die Nikkormat FT3 ist die letzte Kamera von Nikon für den Massenmarkt, die auf die traditionelle Weise zusammengeschraubt wurde, Schritt für Schritt und man sagt, an der fertigen Kamera hätten 20 Leute geschraubelt und geprüft. Man sagt auch, die FT3 habe durch die dadurch mögliche manuelle Anpassung der Toleranzen eine besonders hohe Zuverlässigkeit, auch heute noch. Sie sei sozusagen für ein ganzes Leben gebaut.

Und die FT3 verwendet eine 1,5 V Silberoxydbatterie, die überall erhältlich ist - zum Unterschied von den 1,35 V Quecksilberbatterien in den Vorgängermodellen.

Schon 1977 erschien allerdings die Nachfolgerin mit der Bezeichnung Nikon FM und damit wurde das Begräbnis dieser erfolgreichen Modellreihe mit mechanischen Verschlüssen von Copal eingeläutet. 1978 wurde schließlich die Produktion  der FT3 eingestellt.

Nikkormat EL

Die von Nikon zwischen Ende 1972 und Sommer 1977 erzeugte Nikkormat EL ist die erste Kamera von Nippon Kogaku K. K. mit einem elektronischen Verschluss. Mit der Markteinführung dieser Kamera begann eine Entwicklung, die seither immer weiter fortgeschritten ist und dazu geführt hat, dass moderne Kameras zwar nach wie vor den Fotoapparaten der 60-er Jahre äußerlich ähnlich sehen, im Inneren aber mehr Computern ähneln als Spitzenleistungen der Feinmechanik (die Abbildung zeigt die für den japanischen Markt gedachte, bis auf den Namen baugleiche Nikomat EL).

Begonnen hatte dieser Prozess gegen Ende der 50-er Jahre, als Agfa mit der Optima die erste Kleinbildkamera mit einer automatischen Einstellung der Belichtungsmessung auf den Massenmarkt brachte. Vorangegangen war die Agfa Automatic 66 eine Rollfilmkamera, die im Wesentlichen als Versuchsträger und dazu gedient hatte, die Reaktion des Marktes zu testen.

Zwar wurde in der Agfa Optima Zeit und Blende automatisch eingestellt, die Steuerung von Zeit und Blende erfolgte aber noch mechanisch über ein Hebelwerk, und der notwendige Strom wurde durch die Selenzelle des Belichtungsmessers geliefert.

Die Nippon Kogaku K. K. hatte bei Mamiya ab 1964 die Nikkorex 35 Auto bauen lassen (siehe 5. Teil ), die auf dem gleichen Prinzip basierte, aber eine SLR war. Automatisch war an dieser Kamera und an vielen anderen, welche die japanische Fotoindustrie erzeugte, bestenfalls, dass zur mechanisch eingestellten Belichtungszeit die passende Blende elektrisch angepasst wurde oder umgekehrt, das alles jedoch ohne TTL-Messung der Belichtung und meist mittels Selenzellen. Die Einführung solcher automatischer Verschlüsse bei SLRs verzögerte sich, weil vorerst ein kleines technisches Problem gelöst werden musste. Die Messzellen des Belichtungsmessers waren größenbedingt bei praktisch allen Fabrikaten im Prismensucher oberhalb des Schwingspiegels angebracht. Das bedeutete jedoch, dass der Belichtungsmesser während der Aufnahme, wenn der Spiegel hochklappte, keine Messung vornehmen konnte. Vorerst musste daher das Problem gelöst werden, dass ein simpler Abgleich des vor der Aufnahme gemessenen mit dem während der Aufnahme auf den Film fallenden Lichtes nicht möglich war.

Die 1972 erschienene neue Nikkormat EL mit elektronisch gesteuertem Verschluss unterscheidet sich daher in ihrem Inneren grundlegend von den bisherigen Nikkormats für den Amateurmarkt. 

Den charakteristischen Unterschied sehen Sie auf Anhieb: Die Kamera hat einen traditionellen Zeiteneinstellknopf auf der Kameraoberseite. Vorbei sind die Zeiten des Einstellrings für die Zeiten, der bei den früheren Modellen (bis zur FT3) um die Objektivfassung angebracht war. Die Nikkormat EL ist keine mechanische Kamera mehr im traditionellen Sinn, mit ihr hält die Elektronik wirklich Einzug in den Kamerabau bei der Nippon Kogaku K. K. Ausgehend von Empfindlichkeitseinstellung und der größten Öffnung des jeweils angesetzten Objektivs wird unter Berücksichtigung des Lichteinfalls bei der Belichtungsmessung ein Kondensator entsprechend aufgeladen. Während der Aufnahme entlädt sich dieser Kondensator; ist er entladen, schließt sich der Verschluss. Bei Einstellung auf Auto am Verschlusszeitenrad der Nikkormat EL sah der Fotograf im Sucher auf einer Skala links vom Sucherbild die möglichen Belichtungszeiten von 1/1000 sec bis 4 sec und konnte an Hand des Zeigerausschlages abschätzen, mit welcher ungefähren Belichtungszeit der Verschluss die Aufnahme belichten würde. Ungefähr deshalb, weil bei der Einstellung auf A (für Automatik) die üblichen Angaben für die Belichtungszeit (1/250 sec. oder 1/30 sec, zum Beispiel) nur mehr Annäherungswert haben, die tatsächliche Belichtung beträgt in Wirklichkeit zum Beispiel 1/245 sec. Wie bei allen Messsystemen ergibt sich nicht immer eine ideale Belichtung, denn nicht immer ist der Kontrast ideal, oder es gibt extrem helle oder extrem dunkle Teile im Bild, die bei der Messung berücksichtigt werden. Die Messung soll jedoch für den vom Fotografen gewählten wichtigen Bildteil (etwa bei einer Personenaufnahme das Gesicht) die richtige Belichtung ergeben. Daher wurde gerade bei derartigen Kameras die Messwertspeicherung zum wichtigen Verkaufsargument.

Alles das ist nicht neu; damals war es neu und heiß umstritten. Der Einführung der elektronischen Verschlüsse (richtig wohl. elektronisch gesteuerten Verschlüsse) nicht nur bei Nikon, sondern überhaupt, folgten hitzige Debatten, ob derartige Neuheiten überhaupt nötig seien, schließlich hätte man auch vor 30 Jahren schon richtig belichtet, wie die Bilder von damals ja eindrücklich zeigten. Und sei es nicht eigentlich schade, dass der "Automatik-Fotograf" gar nicht mehr auf die wichtigen Zusammenhänge zwischen Zeit und Blende achte, sondern gleichsam zum willenlosen Erfüllungsgehilfen der Elektronik werde? Die Einsichtigen wussten es schon damals: das Wesentliche ist nicht das Drehen an Rädchen und Hebeln, sondern das Bild. Die große Verbreitung der Fotografie ist ohne die Vereinfachung der Bedienung nicht möglich gewesen. Ohne die mit den Knipsern gemachten Gewinne wäre aber auch die Weiterentwicklung unserer kostbaren Kameras nicht denkbar. Seien wir den Knipsern dankbar. Und wer will, konnte 1972 ebenso wie heute sehr wohl Einfluss auf die Gestaltung seiner Aufnahmen nehmen.

Niemand konnte damals eine TTL-Messung bei Blitzaufnahmen konstruieren: es fehlten die technischen Voraussetzungen. Und was sich so einfach anhört, halt einen Kondensator einbauen, war leider auch nicht so einfach, denn mit dem einen Kondensator war es nicht getan. Im Gehäuse der mechanischen Nikkormats war einfach kein Platz mehr vorhanden für die zusätzlichen elektronischen Schaltungen. Die Lösung wurde in flexiblen Leiterplatten gefunden, die um das Sucherprisma angeordnet wurden. Dennoch brauchten die 74 Transistoren und 27 Kondensatoren, vereinigt in einem integrierten Schaltkreis, gemeinsam mit den notwendigen Leitungen so viel Platz, dass das Sucherprisma verbreitert werden musste. Dadurch ergibt sich das unterschiedliche Aussehen der Nikkormat EL im Vergleich mit Nikkormat FTN. Von allem anderen abgesehen, mir zumindest gefällt die Form der Nikkormat EL ohnehin besser, umso mehr, als durch den andersartigen Verschluss auch wieder ein traditioneller Zeitenknopf auf der Kameraoberseite rechts vom Sucherprisma möglich und notwendig wurde.

Die ganze Elektronik benötigte viel Strom. Für die relativ große Silberoxid-Batterie mit 6V Spannung (Varta V28PXL oder entsprechende) wurde ein nicht mehr ganz origineller Platz im Gehäuse gefunden: die Nippon Kogaku K. K. baute die Batterie an derselben Stelle ein wie Zeiss Ikon bei der Contarex S: unter einer Klappe im Boden der Kamera; allerdings war die Batterie nur von innen zugänglich, nachdem der glückliche Benutzer das Objektiv abgenommen und manuell den Spiegel hochgeklappt hatte. Da im Boden der Kamera noch aus der Zeit der Nikkormat FT her diverse Hebelchen verliefen, konnte die Batterie nicht anders angeordnet werden. Wer's weiß, kann damit leben.

Und schließlich gibt es noch eine kleine Besonderheit zu vermelden: der Verschluss lässt in Wirklichkeit eine Belichtungszeit von 8 sec zu, nicht bloß die auf dem Einstellknopf aufgedruckten 4 sec als längste Belichtungszeit. Allerdings kann sein, dass er nicht mit der erforderlichen Exaktheit genau 8 sec offen bleibt, weshalb die Nippon Kogaku K. K. auf diese Verschlusszeit offiziell verzichtete.

Und noch etwas: die Nikkormat EL lässt erstmals die <Messwertspeicherung> zu, indem ein passender Bildteil gemessen und der Selbstauslöserhebel in Richtung Objektiv gedrückt wird.

Die Nikkormat EL war eine sehr erfolgreiche Kamera. Mit ihr war die Nikkormat-Reihe auf dem Höhepunkt der Entwicklung angelangt, es folgten nur mehr, technisch gesehen, unwesentliche Verbesserungen.

Nikkormat ELW

1976 wurde die Kamera modifiziert und hieß von nun an ELW, weil an sie ein einfacher Motor, der Winder AW-1, angesetzt werden konnte. Der leistete genau das, was sein Name andeutete: er spulte den Film nach jeder Aufnahme weiter und ersparte dem geplagten Nutzer die Betätigung des Schnellschalthebels.  

Mit dem Winder hatten viele Besitzer einer ELW nicht lange Freude, er war reparaturanfällig, weil ein Zahnrad aus zu weichem Material konstruiert war. Heutzutage ist eine Reparatur mangels Ersatzteilen kaum mehr möglich. AW-1 sollten daher vor dem Kauf an der Kamera angebracht und ausprobiert werden.

 

Nikon EL2

1977 kam dann der letzte Entwicklungsschritt. Aus der Nikkormat ELW wurde die Nikon EL2. Sie ist für AI-Objektive bestimmt. Bei alten Objektiven mit Belichtungsmessergabel, die nicht auf AI umgebaut wurden, konnte die Belichtungsmessung an dieser Kamera nur mit der Stop-Down-Methode, also als Arbeitsblendenmessung  erfolgen. Mit allen anderen - neueren - Objektiven ist Offenblendemessung möglich, die neuen AF-Objektive der Serie G lassen sich nicht hingegen gar nicht verwenden, weil sie keine Blendeneinstellung besitzen und nur an Kameras verwendbar sind, bei denen die Blende an der Kamera festgelegt und elektrisch ans Objektiv übertragen wird.  

Die EL2 wurde schon bald zu Gunsten der Nikon FM und der FE aufgegeben.

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© Peter Lausch
Zuletzt bearbeitet: 7. Juli 2005

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