PETER LAUSCH
Rosses Point

Der kleine Hafen liegt zu meinen Füßen mit den Fischerbooten im
Hafenbecken und den vielen abgedeckten Segelbooten im Meeresarm zwischen
Rosses Point und Oyster Island, der Zufahrt zum Hafen von Sligo im
Osten. Ich sehe die unbewohnten steingrauen und weiß getünchten Häuser
auf der Insel, abgetrennt voneinander und von den offenen Wiesen durch
weiße Mauern quer über den Inselrücken. Die vorzeitlichen Grabhügel sehe ich und am westlichen Ende den
kleinen Leuchtturm, der seit vielen Jahren die Wärter nicht mehr
braucht, die vor hundert Jahren in den Häuser mit ihren Familien
gewohnt haben.


Ich weiß, aber ich sehe ihn nicht von meinem Standpunkt,
von dem Midden, den die Menschen der Jungsteinzeit aufgeschichtet haben,
den Haufen aus Muschelschalen, heute und seit Jahrhunderten von einer
dünnen Grasschicht bedeckt und damit dem Blick der Unkundigen entzogen.

Der kühle Wind rauscht in den Sträuchern hinter meinem Rücken, welche
die Ruine von Elsinore House verdecken, ab 1867
Heim von Henry Middleton. William Butler Yeats hat ihm, seinem Onkel,
ein Gedicht gewidmet. Und vorher war das Haus Heim eines damals
bekannten Schmugglers, der hier reich geworden ist, aber nicht
glücklich. Ihn verfolgten die Gespenster seiner Männer, die auf See bei
waghalsigen Fahrten umgekommen waren. Des Nachts
klopften
sie an seine Fenster.
Jenseits Oyster
Island sehe ich hinüber zum Festland, auf
dem ich die weißen Häuser von Salthill erkennen kann und auch das eben
aufsteigende Flugzeug der Aer Arann, das zum Flug nach Dublin gestartet
ist mit seiner Handvoll Passagiere.
Und dahinter, den Horizont verdeckend, erblicke ich bei wolkenlosem
Himmel den Berg Knocknarea
mit seiner flachen Kuppe, mit dem Grab Queen Maeves obendrauf. Von meinem Standpunkt aus
kann ich den Cairn nicht sehen, aber ich weiß dennoch,
dass er da ist, seit tausenden von Jahren, denn ich bin den Berg vor
Jahren hinaufgeklettert und habe den riesigen Steinhaufen gesehen, unter
dem, vielleicht, ein Grabmal sich befindet, seit der Jungsteinzeit nicht
angetastet und auch von Archäologen nicht erforscht. Queen Maeve hat es
nicht gegeben, sie ist nur eine Figur der Fantasie, sagen die Wissenden,
doch vielleicht ist sie mehr als das. Denn - vielleicht, was weiß man
schon - haben sich die Erinnerungen an eine große Fürstin in den
mündlichen Erzählungen erhalten, die von den <Shanachies>, den
Geschichtenerzählern, von Generation zu Generation
weitergegeben wurden. Und war es keine Fürstin, war es vielleicht ein
Fürst oder sonst ein Wichtiger, denn niemand macht sich ohne Anlass die Mühe, einen solch großen
Steinhaufen aufzuschichten auf der Höhe eines Berges.

Ebenso wenig sehen kann ich die Steingräber aus der Vorgeschichte auf
der Südseite des Knocknarea, die in der Jungsteinzeit errichtet wurden
und von denen nur mehr ein Teil vorhanden ist - nicht ausgeraubt, denn
in diesen Gräbern wurde nur die verbrannte Asche und die Knochen der
Toten aufbewahrt. Nicht einmal das wissen wir, ob das ein eigentlicher
Friedhof war, man nennt ihn eben so, den vorgeschichtlichen Friedhof von
Carrowmore.
Wende ich mich indessen nach Westen, sehe ich den
Metal Man, das kleine
Leuchtfeuer in Gestalt eines Matrosen der britischen Marine zur Zeit der
Errichtung des Leuchtfeuers, 1821. Warnend zeigt seine rechte Hand zur
Fahrrinne hin, die nach Sligo führt, in den sicheren Hafen, links und
rechts von trügerischen Sandbänken begleitet, von kleinen Felsen auch,
wie der, auf welchem der Metal Man auf seinem Sockel seit fast 200 Jahren steht,
geschützt von vielen dicken Farbschichten, denn
die farbenfreudige Bemalung
trotzt nicht lange
der stürmischen See und dem Wind, der salzige Gischt vor sich hertreibt.
Und jenseits des Metal Man, im Westen Coney Island, eine flache Insel, von einer
Handvoll Menschen bewohnt und bei Ebbe trockenen Fußes, ja, auch mit dem
Auto vom Festland in Sicherheit erreichbar, seit mehr als hundert Jahre
steinerne Baken im sandigen Grund den Weg zur Insel auch bei Nacht weisen. Und selbst wenn
die Baken nicht sichtbar wären, die Trasse führt scheinbar aufs
Leuchtfeuer des Leuchtturms
zu, draußen im offenen Meer, jenseits der Insel.
Die Welt ist groß. Viele Menschen
wollen möglichst viel von der Welt sehen und besuchen entlegene
Weltgegenden, sofern mit dem Flugzeug erreichbar. Redet man mit ihnen,
nun, auf den Galapagos-Inseln waren sie schon, in der Mongolei auch,
Ladakh ist ihnen nicht fremd, in Isfahan, als dort der Schah noch
herrschte, in Angkor Wat, ehe es die Roten Khmer eroberten – in Irland
waren sie auch, einmal, das genügt ihnen, denn ist die Welt nicht groß
und gibt es nicht so viel zu sehen?
Immer wieder in dasselbe fremde Land zu
reisen, ja, auch in die selben Gegenden, hat Vor- und Nachteile.
Die Leguane auf den
Galapagos-Inseln kennt unsereins nur aus Büchern, Kamelmilch hat man noch nie
getrunken und das Geräusch der abkühlenden Steine im Tibesti-Gebirge bei
Anbruch der Nacht auch noch nicht gehört. Und dass der schiefe Turm
in Pisa schief ist, das müssen Leute wie ich glauben, wie so vieles andere.
Immer wieder ins selbe Land zu reisen,
hat jedoch auch seine Vorteile: man sieht die Änderungen im Lauf der
Zeit, im Guten und im Bösen, im Großen und im Kleinen.

Mindestens auf 2 Webseiten im Internet habe ich dieses Foto schon
entdeckt.
Es ist dennoch mein Foto. Ich bin der Urheber.
Blicke ich in Rosses Point von dieser Straßenecke bei der ehemaligen Einfahrt zu Haus Elsinore
Richtung Sligo (im Hintergrund), dann sehe ich die Änderungen, wenn ich die
Gegenwart mit der Erinnerung vergleiche: Ich sehe an Stelle der gelben
Mauer den Neubau an der Ecke
mit dem leer stehenden chinesischen Lokal und weiß, vorher war dort ein Mace-Lebensmittelgeschäft und vorher war da gar kein Gebäude, sondern
eine Holzbaracke mit Boyer’s Shop, einem altmodischen
Gemischtwarenladen. Und gegenüber das in Blautönen getünchte Wohnhaus
war einst Egan’s Shop, wo ich vor langer Zeit eine – verschrumpelte –
Orange von einer alten Frau gekauft habe. Das dunkelgrüne Haus indessen
ist längst nicht mehr dunkelgrün und auch kein Restaurant mehr, das
weiße Schild <Reveries> ist verschwunden.

Das Haus mit dem früheren Egan's Shop ist hier noch rötlich angemalt,
inzwischen ist es längst in einem hellen Blau gefärbelt;
Auch Austie's Bar ist nicht mehr in Blau, sondern nunmehr weiß angemalt,
inzwischen war es einmal türkis.
Den Hund habe ich schon lange nicht mehr gesehen.
Oben ist sozusagen der Gegenschuss nach
Westen mit dem Tor zu Middletons Haus an der Straßenecke im Hintergrund. Dort geht es
auf der alten Dorfstraße nach rechts zum Yeats Country Hotel, zum
Golfplatz und dem Campingplatz.
Diese Erinnerungen sind für mich von
Bedeutung, an ihnen zeigt sich der Ablauf der Zeit. Dieses Wissen
bereichert den Sinneseindruck, wenn ich dort stehe und mich umblicke: es ist, als lägen Vergangenheit und Gegenwart wie Schichten in
meinem Verstand übereinander, die ich bloß, je nach Bedarf, ausblenden
muss.
*
Um 1800 gab es den heutigen Ort Rosses
Point auf der gleichnamigen Halbinsel nördlich von Sligo noch nicht. Im
Lauf des frühen 19. Jahrhunderts siedelten sich ziemlich im Westen der
Halbinsel, wo sich ein kleiner Naturhafen befand, eine Reihe von
Fischern mit ihren Familien an.
Nach mehreren Schiffsunglücken in der tückischen Hafeneinfahrt wurde
einerseits auf dem Bowmore Point im Westen der damals noch nicht so
genannten Coney Island ein Leuchtturm errichtet, dem ein weiterer
kleiner auf dem Rosses Point gegenüberliegenden Oyster Island folgte.
Aber auch die Küste von Rosses Point selbst musste abgesichert werden
und so wurde bereits im Jahre 1821 der <metal man> aufgestellt,
ein Leuchtfeuer in Gestalt eines Maats der britischen Marine in
naturgetreuer Bemalung. Alle diese Leuchtfeuer existieren noch heute und
sind auch in Betrieb, haben jedoch dank moderner Navigationshilfen
weitgehend an Bedeutung verloren. Heutzutage sind sie fast wartungsfrei,
die elektrische Energie für das pulsierende Licht des Metal Man etwa
wird durch ein Solarpanel geliefert, das seit 2003 installiert ist. Im
19. Jahrhundert musste das Leuchtfeuer des Metal Man und des Leuchtturms
auf Oyster Island durch Leuchtturmwärter betreut werden, die auf dieser
Insel wohnten und deren Häuser sich bis heute funktionslos erhalten
haben.
Mit dem aufkommenden Tourismus begannen auch einige wohlhabende Familien
aus Sligo sich außerhalb der Stadt in einer landschaftlich schönen
Gegend (heute würden wir sagen: Wochenend-) Häuser zu bauen. So
entstand am Südufer der Halbinsel Rosses Point, etwa 5 Kilometer außerhalb Sligos,
eine kleine Ortschaft, gekennzeichnet einerseits durch die ärmlichen
Fischerhütten und andererseits die durchaus stattlichen Häuser der
Reichen aus Sligo. Für Gäste, die nur für kurze Zeit nach Rosses Point
kamen, wurde ein erstes Hotel errichtet, Hackett's Bar, heute noch zu
sehen, aber außer Betrieb und zu kaufen.
Einer der größten Grundbesitzer war ab 1867 Henry Middleton, der damals
Elsinore House samt den umliegenden Grundflächen erworben hatte.
Elsinore House beim kleinen Hafen war vorher von John Black, einem
berüchtigten Schmuggler errichtet und benützt worden. Das Haus selbst
ist heute nur mit Mühe zu erkennen und eine Ruine, die nur mit Vorsicht
betreten werden sollte, weil man seit Jahren fürchtet, die Überreste
würden demnächst einstürzen. Es findet sich kein Käufer für die Ruine
und vor allem, es ist nicht genug Geld da in Irlands Wirtschaftskrise,
das zu renovierende Haus einer vernünftigen Verwendung (etwa als kleines
Yeats-Museum) zuzuführen. So wird es wohl auch weiterhin unter von
dichtem Gestrüpp und haushohen Sträuchern versteckt bleiben, bis es zu
spät ist.
Henry Middleton stammte aus Sligo und war mit der Gattin von Yeats Vater
verwandt. Diese - reichen - Verwandten, die Pollexfens, besaßen einst
Moyle Lodge, an der Biegung der Dorfstraße nach Norden zum heutigen
Hotel und dem Golfplatz. Die heutigen Eigentümer legen keinen Wert auf
Neugierige, daher fehlt an diesem Haus jedweder Hinweis auf die
Ferienaufenthalte des späteren Nobelpreisträgers William Butler Yeats
und seines Bruders, des Malers Jack Yeats als Kinder bei den Verwandten
mütterlicherseits.
W. B. Yeats freilich hat seinem einigermaßen menschenscheuen Onkel ein
kleines Gedicht gewidmet:
My name is Henry Middleton,
I have a small demesne,
On a storm bitten green,
I scrub its floor und make my bed,
I cook and change my plate,
the post and Garden-Boy alone
Have keys to my old Gate.
An der bereits erwähnten Biegung der Straße stehen auch heute noch die
Pfeiler des einstigen Einfahrtstores zum Grundstück Middletons. Am
südlichen Pfeiler ist auch eine Tafel mit dem vorstehenden Gedicht zu
lesen. Dies ist der einzige Hinweis auf die Aufenthalte des nachmaligen
Nobelpreisträgers und seines Bruders in ihrer Kindheit in Rosses Point,
den man an Ort und Stelle finden kann. Wer sich nach Sligo ins Museum
bemüht, findet dort einige Bilder von Jack Yeats.
Aber natürlich leitet sich auch der Name des großen Hotels daneben von
W. B. Yeats ab: <Yeats Country Hotel>, oder wie es früher hieß, Yeats Country Ryan Hotel, als es noch gemeinsam mit anderen Hotels
einer Familie Ryan gehörte. Alle diese Hinweise auf Yeats dienen
freilich nicht der Verehrung des Dichters oder seines weniger bekannten
Bruders, sondern naturgemäß schnöden touristischen Zwecken: Mit den
Yeats lassen sich gute Geschäfte machen, die Verehrer sterben einfach
nicht aus und müssen gemolken werden, solange die Gelegenheit sich
bietet.

Links ist unschwer
das ursprüngliche kleine Hotel zu erkennen,
ehe es in den 70er-Jahren wesentlich ausgebaut wurde.
Erstellt: 20. August 2011
© 2011/Peter Lausch
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