PETER LAUSCH
Der Poulnabrone Dolmen

Die Ahnen haben ihren Nachkommen leider
nur selten den Gefallen getan, ihre Gräber etc. dort zu errichten, wo
heute die Autobusse der Touristen und übrigens auch die PKW gehfauler
Urlauber bequem anfahren können. Ergibt sich solches zufällig, dann ist
großer Zulauf zu der vorzeitlichen Stätte sicher, selbst wenn sie nur
alt und nicht unbedingt sehenswert ist. Sollte sie indessen auch noch
wirklich eindrucksvoll und sehenswert sein, dann…. – ja, dann steht der
Ernennung zur Touristenattraktion nichts im Wege.
Der Poulnabrone Dolmen gehört zu dieser
Kategorie von vorzeitlichen Denkmälern, vor allem, seit vor einigen
Jahren neben dem Dolmen ein großer Parkplatz errichtet worden ist.

Die Reste des
einstigen Cairns um die Steinsetzung, der Abdeckung durch einen
Steinhaufen,
sind deutlich zu erkennen.
Nichts hält ewig, auch nicht eine
vorzeitliche Steinsetzung, die nach allem, was wir wissen, um 4000 v. Chr. errichtet worden ist. Da einer der seitlichen
Steine, welche die Deckplatte tragen, einen Riss aufwies, wurde er 1888
ausgewechselt,
bei dieser Gelegenheit untersuchten Archäologen auch die eigentliche
Kammer und den Umkreis der Steinsetzung. In der Kammer und in den
umgebenden <Grykes>, den senkrechten Spalten im Stein, fanden sie die
Gebeine von bis zu 22 Menschen aus der Jungsteinzeit. Diese 22 Menschen
sind nicht gleichzeitig, sondern in einem Zeitraum zwischen 3800 und
3200 v. Christus hier bestattet worden, was man durch
Radiokarbondatierung weiß. Daraus dürfte sich auch das Alter des
Poulnabrone Dolmen ergeben. Von diesen war nur
einer mehr als 40 Jahre alt geworden, die meisten waren jünger als 30
Jahre, als sie starben. Außer den Erwachsenen fanden sie auch die
sterblichen Überreste von 6 Kindern und einem neugeborenen Baby, wobei
die Kinder zwischen 5 und 15 Jahre alt geworden sind. Wie sich an Hand
der gefundenen Knochen zeigte, litten die Erwachsenen vielfach an
Arthritis – eine Krankheit, die sich heutzutage meist in wesentlich
höherem Alter manifestiert, bei den gefundenen Skeletten aber darauf
hindeutet, dass die Menschen seit früher Jugend körperlich schwere
Arbeiten verrichteten. Auch zeugten insgesamt 3 Skelette von schweren
körperlichen Verletzungen. Im Hüftknochen eines männlichen Skeletts
steckte noch eine Pfeilspitze – es gibt kein Zeichen dafür, dass diese
Wunde geheilt gewesen wäre, als der Mann starb – er starb offenkundig an
der erlittenen Verletzung. Zwei andere Skelette wiesen einen verheilten
Schädelbruch und einen ebenfalls verheilten Bruch einer Rippe auf,
Verletzungen, die in der Regel durch Schläge oder Hiebe entstehen und
nicht bei Unfällen.
Die Zähne aller gefundenen Skelette
zeigten eine mehr oder minder starke Abnützung der Kauflächen, ein
Hinweis darauf, dass die Menschen damals mittels Steinen grob
zerstampftes Getreide aßen.
Da die durch Deckplatte, seitliche
Stützen und den die Anlage damals umgebenden Steinwall (Cairn)
entstandene Grabkammer, die heute offen ist, weil der Cairn nur mehr
rudimentär vorhanden (der flache Steinhaufen rings um den Dolmen)
und relativ klein ist, wurde auf dem Felsboden verankert. In der Kammer
war eine ca. 30 cm dicke Erdschicht mit den Knochen vorhanden. Es war offenkundig nötig, die Gestorbenen zunächst
anderswo zu bestatten und mit dem Begräbnis im Dolmen zu warten, bis die
Leichen skelettiert waren. Die Möglichkeit, dass die Leichen absichtlich
entfleischt wurden, wird ausgeschlossen, weil die für diese
Vorgangsweise typischen Schnittspuren an den vorhandenen Knochen fehlen.
Die Knochen wurden sodann in der Grabkammer selbst oder in den sie
umgebenden Furchen zwischen den Felsplatten vergraben. Daher sind die
Skelette zwar meist vollständig, aber ungeordnet. Man meint, dies
spreche dafür, dass die Toten zunächst <begraben> und nicht im Freien liegen gelassen
wurden, wo sie von Tieren und Vögeln angefressen worden wären. In diesem
Fall sollten viele kleine Knochen und Knöchelchen bei den erhaltenen
Skeletten fehlen, sind jedoch vorhanden.
Diese offenkundig aufwendige
Begräbnismethode, aber auch die – gerechnet auf die wahrscheinliche
Gesamtbevölkerung – geringe Zahl an Skeletten aus einem längeren
Zeitraum deutet darauf hin, dass es
sich bei den in der Grabkammer und ringsum bestatteten Toten (Männer und
Frauen zu gleichen Teilen) um sozial
hochgestellte Personen gehandelt haben dürfte, die Angehörigen einer
Herrschersippe etwa, weil sonst die Kinderskelette fehlen würden.
Mittels der Radiokarbonmethode wurde festgestellt, dass die Skelette im
Lauf von ca. 600 Jahren beigesetzt wurden, was für im Wesentlichen
gleichbleibende Vorstellungen über die Verehrung der Toten spricht.
Ausgenommen hievon ist das - nicht zerteilte - Skelett eines Babys, das
beträchtlich später begraben wurde, nämlich in der Bronzezeit, etwa um
2000 vor Christus.
Erst bei sehr viel späteren
Generationen ist das Wissen um die Gründe für die Errichtung dieser und
der vergleichbaren Anlagen offenbar verloren gegangen. Denn vor allem im
Burren sind derartige Dolmen oder <portal tombs>, wie sie heute meist
genannt werden, durchaus nicht selten, man denke etwa an die zahlreichen
portal tombs und court tombs im nicht weit entfernten Parknabinnia,
die zum Teil aus der Bronzezeit stammen.

Grab in Parknabinnia
Insgesamt sollen in Irland 174 portal
tombs gefunden worden sein, doch ist nur eine kleine Zahl von ihnen
jemals archäologisch untersucht worden, wie dies beim Poulnabrone Dolmen
der Fall war – er ist auch deswegen etwas Besonderes.

Angesichts der
<Ewigkeit> kann es zwei schon überkommen!
Die
dezenten Aluminiumstangen der Absperrung sind 2011 durch massivere
Gebilde ersetzt worden.
Die Absperrung ist leider nötig, um allerlei Schabernack möglichst zu
unterbinden.
Die Errichtung von kleinen Steinmännchen ist gottlob aus der Mode
gekommen.
Erstellt: 30. Juli 2011
© 2011/Peter Lausch
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