Was ich in der Pension tue?  

Seit Juni 2001 bin ich im Ruhestand, in der Pension, wie man bei uns in Österreich so sagt. Einer bin ich, wie manche denken, der für sein Geld nichts arbeitet und die Lohnnebenkosten der arbeitenden Menschen in die Höhe treibt. Die Lohnnebenkosten (ich und meinesgleichen haben jährlich fast ein halbes Jahr für „den Staat" gearbeitet) hängen freilich primär von komplizierten und vielfach unnötigen Gesetzen und einer allzu aufgeblähten Verwaltung ab und – mehr noch - von mangelnder Spargesinnung des Staates.
  
Aber schließlich müssen, Geld hin, Geld her, 24  Abfangjäger für ein Bundesheer her, das den Schutz des Trinkwassers gegen einen fiktiven Aggressor an der deutschen Grenze üben muss, weil es sonst keine echte Bedrohung gibt.
   
Für Greisengemurmel fühle ich mich indessen mit meinen 60 Jahren noch zu jung und „Raunzen" ist die Grundstimmung eines jeden echten Wieners. Wie auch nicht anders zu erwarten bei einem Menschenschlag, in dem sich alle möglichen, vorwiegend balkanesischen Einflüsse - aber auch die der Ashkenasim nicht zu vergessen - vereinigen zu einer Mischung, die uns allerlei Übel leicht ertragen lässt, raunzend freilich, sonst aber glücklich.

Was also tue ich als Pensionist seit 1. Juni 2001?
  
Das, was ich in den letzten Jahrzehnten auch getan habe: Lesen, schreiben, reisen, fotografieren und sonst noch einiges, nicht notwendig in dieser Reihenfolge. Nur brauche ich mir das Geld für alles das nicht mehr zu erarbeiten, denn ich bin ja ein Pensionist (Rentner hören wir in unserem Land nicht gerne, das klingt so arm).
  
Ich lese allerlei, vorwiegend Abseitiges, das man in keiner Bahnhofsbuchhandlung bekommt, sondern nur bei Amazon.
  
Ich fotografiere mehr, nicht besser freilich, denn ich habe ja mehr Zeit und brauche nicht mehr in einem Ministerium zu sitzen und die Probleme lieber Mitarbeiter und Vorgesetzter zu ertragen.
  
Ich schreibe mehr und kann jetzt endlich uneingeschränkt meinen Vorlieben frönen; das schlägt sich auf den diversen Seiten hier nieder. So bin ich dabei, Bücher und Zeitschriften nach fotohistorisch Interessantem zu durchforsten und trage allerlei Wissen zusammen, das auf der ganzen Welt nur eine Handvoll Menschen interessiert – und täglich werden es weniger. Das ist für meinesgleichen natürlich traurig, denn über die Geschichte der Kameras von Nikon und Leitz lässt sich viel schreiben, über die Geschichte der Digitalkameras von Epson naturgemäß viel weniger.
  
Ich reise mehr in der Gegend umher und spontaner, denn auf berufliche Zwänge und dienstliche Erfordernisse brauche ich ja nicht mehr Rücksicht zu nehmen. Reisen bildet zwar nicht gerade, aber es öffnet einem die Augen und was man selbst gesehen hat, braucht man sich nicht einseitig und allenfalls böswillig verzerrt von anderen erzählen lassen.
  
Und die Verhältnisse ändern sich manchmal schnell. Als der Schah von Persien noch herrschte, hätte ich mit wem in den Iran mitfahren können, 4 Wochen lang, aber ich wollte nicht. Jahrzehntelang waren danach Reisen in den Iran nicht mehr recht möglich, das hat sich jetzt geändert, aber meine Art zu reisen ist dort noch immer nicht durchführbar. Was man gesehen hat, nimmt einem keiner mehr weg.
  
Die „Großen Strassen Europas" will ich befahren und darüber kleine Reiseberichte schreiben.
  
Von Stockholm nach Rom, von Paris nach Moskau, von Wien bis nach Madrid und Sevilla, von Hamburg bis nach Istanbul (oder vielleicht Athen), von Ost nach West, von Nord nach Süd.
  
An einer der verkehrsreichsten Straßen Wiens bin ich aufgewachsen, stand als Kind am Fenster unserer Wohnung, sah die PKW und die Lastwagen vorbeifahren, Tag und Nacht. Mitfahren wollte ich, als unsichtbarer Gast neben dem Fahrer sitzen, einfach beim Fenster hinausblicken, die Landschaft vorüberziehen lassen.
  
Und auch heute noch habe ich nur einen Grund für diese Reisen: Neugierde. Der Weg ist das Ziel, sagt man und mehr als den Wandertrieb, den wir alle in uns tragen, werde ich nicht befriedigen auf diesen Fahrten. Über die Menschen, die mir begegnen werden, werde ich nicht viel schreiben können, die Gespräche mit ihnen nicht ausführlich wiedergeben. Ehrlich, ich zweifle, ob ich viele Gespräche führen werde.
  
Mitte August 2001 habe ich meine Reisen sozusagen klein begonnen. Ich bin von Wien nach Peenemünde gefahren, 902 Kilometer über Prag und Dresden und Berlin und weiter durch weltbekannte Ortschaften wie Anklam und Wolgast und habe vielleicht 20 Worte gesprochen: Bei Dresden habe ich in der Raststätte am Freienhufener Eck eine Boulette mit Kartoffelsalat bestellt und bei Anklam mit dem Kassier einer Tankstelle übers Wetter geredet.
  
Ausreichende und einigermaßen verständliche Wegweiser an den Straßen, Navigationsgeräte, Selbstbedienungstankstellen und die Verwendung von Kreditkarten erübrigen Gespräche mit anderen Menschen bei solchen Reisen weitgehend und wenn man will, braucht man gar nichts zu reden: an der Theke im Rasthaus stellt man den Teller mit Essen aufs Tablett und an der Kasse hält man einen Geldschein hin; an der Tankstelle tankt man selbst und zahlt wortlos mit Kreditkarte.
  
Aber reden will ich auf diesen Reisen eigentlich nicht. Geredet habe ich mein Leben lang mehr als genug im Beruf und daheim rede ich tagein, tagaus für meinen Bedarf ausreichend. Fahren will ich und – betrachten, anonym bleiben und möglichst unbemerkt. Bin ich vorbei, soll nichts an mich erinnern. Doch über das, was ich gesehen habe, über das wollte ich schreiben.
  
Ach ja, einen alten Bericht über den letzten Arbeitstag eines Staatsdieners in einem fernen Land im Osten habe ich bei meiner Lektüre abseitiger Literatur auch gefunden. Den will ich Ihnen nicht vorenthalten; zweifellos handelt es sich um ein Märchen ohne jeden Bezug auf tatsächliche Ereignisse und wirkliche Personen. Hier ist er.

Nachtrag:

  Leider ist aus den Reisen wenig geworden. Gewiss fahre ich umher wie ein Wilder, aber weiter als bis Hamburg und Paris etc. reicht mein Ehrgeiz nicht. Hat man Glück, verlaufen solche Reisen reibungslos - worüber soll man dann schreiben? Also reise ich und schreibe - nichts darüber. Keine Regel ohne Ausnahme bei Leuten wie mir. Über eine Reise ins <Gartenreich> von Anhalt-Dessau habe ich was geschrieben. Hier.
 

 

© Peter Lausch
1. September 2001
Zuletzt geändert am 15. Juli 2009