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Die ersten Wechselobjektive zur Leica
Mit der
Leica I (in den englischsprachigen Ländern als Model A bezeichnet)
begann der Siegeszug der Leica und damit der Kleinbildkamera. Die Firma
Leitz und insbesondere der geistige Schöpfer der Leica, Oskar Barnack,
waren sich jedoch über die - relativen - Mängel der Kamera durchaus im
Klaren. Die Leica I war eine handliche, vielseitige Kamera. Richtig
vielseitig wäre sie mit einem eingebauten und gekuppelten
Entfernungsmesser gewesen, aber den gab es vorerst nicht. Ein solches
Modell erschien erst im Jahre 1932 mit der Leica II (Model D). Und noch
viel vielseitiger wäre die Leica mit auswechselbaren Objektiven
gewesen, nämlich eine universell verwendbare Kleinbildkamera. Auch das gab es 1925
noch nicht. Statt dessen hatte der Kunde anfangs gar keine Wahl: jede
Leica I wurde mit einem Objektiv 3,5/50 mm geliefert, wenn auch im Laufe
der Zeit mit unterschiedlichem optischem Aufbau und unterschiedlichem
Namen. Erst ab 1931 konnte man sich als Käufer zwischen der Variante
mit einem Objektiv 3,5/50 und einer - teureren - Variante mit dem
lichtstärkeren Hektor 2,5/50 mm entscheiden.
Hinweis
Im Folgenden gebe ich einen Überblick über die in den
ersten 10 Jahren bis 1935 zur Leica lieferbaren Objektive. Diese Darstellung
gibt wirklich nur einen Überblick. Wollen Sie eine ausführliche
Darstellung der Eigenschaften aller Leica-Objektive samt (freundlicher) Bewertung ihrer
Eigenschaften verweise ich auf das 2001 erschienene Buch von Erwin Puts,
Leica Lens Compendium, Hove Books, UK, über Amazon, aber zum Beispiel
auch über das
Leicashop in Wien erhältlich).
Im übrigen hat sozusagen ein jeder Produzent von
Kleinbildobjektiven auch Objektive für die Leica mit Schraubfassung M39
im Programm gehabt. Es gibt auch Objektive für die Leica von Zeiss, dem
Erzrivalen. Es gibt ferner zu den "Leica-Copies" vornehmlich
japanischer und russischer Provenienz eine Vielzahl von Objektiven, die
allesamt mehr oder weniger häufig gebraucht zu finden sind, auch von
namhaften Produzenten wie Canon und Nikon. Darüber einen Überblick zu
geben, versuche ich erst gar nicht; über die europäischen Produzenten
und ihre Produkte gibt das Buch von Marc James Small,
Non-Leica Thread-Mount Lenses, Wittig Books, 1997, einigermaßen Auskunft. Über die viel zahlreicheren
Modelle japanischer Produzenten gibt es keine zusammenfassende Darstellung, doch
enthalten Bücher über die Geschichte der einzelnen japanischen Firmen
(wie etwa Canon oder Nikon) üblicherweise auch einen Abschnitt über
Objektive in Schraubfassung M39, waren diese doch seinerzeit eine
wichtige Einnahmsquelle.
Elmar
Die ersten serienmäßig produzierten und verkauften Leicas
wurden 1925 mit einem Objektiv mit der Bezeichnung "Anastigmat
1:3,5 F= 50 mm" geliefert und waren, wie bereits gesagt, vom
Käufer nicht auswechselbar. Wieviele solche Leica I mit Anastigmat
geliefert wurden, ist umstritten; nach den meisten Quellen waren es
ungefähr 144 Stück. Weitere (geschätzt) 713 Stück wurden danach 1925
mit einem bis auf den Namen gleichen Objektiv geliefert: dem
fünflinsigen Elmax, bei dem wie beim Anastigmaten die hinteren 3 Linsen
miteinander verkittet waren. Das machte die Produktion nicht billiger.
Wie schon festgehalten, inwieweit das Elmax vom Objektiv Tessar (4
Linsen, die hinteren beiden verkittet) beeinflusst war, ist damals
heftig diskutiert worden.
Ohne jetzt auf die Entwicklungsgeschichte der
Kameraobjektive einzugehen, nur so viel: Basierend auf einem
dreilinsigen Objektiv von Taylor aus dem 19. Jahrhundert hat ein Ingenieur der Fa. Zeiss
namens Dr. Rudolph um die Jahrhundertwende ein vierlinsiges Objektiv berechnet, das den
Namen Tessar erhielt und bei dem die beiden hinteren Linsen verkittet
waren. Diese Errungenschaft ermöglichte weit bessere
Abbildungseigenschaften als die dreilinsigen Triplets, ohne diese vom
Markt zu verdrängen. Noch in den 50er- und 60er-Jahren waren viele
populäre deutsche Amateurkameras mit solchen dreilinsigen Objektiven
ausgestattet.
Zeiss ließ das Tessar patentieren. Im Jahre 1925 war
dieser Patentschutz indessen bereits ca. 3 Jahre abgelaufen, sodass Leitz und der
Objektivkonstrukteur Max Berek jedenfalls nicht aus patentrechlichen
Gründen ein 5-linsiges Objektiv entwickeln mussten.
Ab 1926 wurde das Elmax unter Verwendung neuer Glassorten
vereinfacht und bestand ab damals aus 4 Linsen, von denen, wie beim
Tessar, die beiden hinteren miteinander verkittet waren. Dieses neue
Objektiv wurde Elmar genannt und blieb, schrittweise verbessert und
schließlich mit höherer Lichtstärke 2,8 geliefert, bis vor kurzem auf
dem Markt, doch ist nunmehr die Produktion endgültig eingestellt.
Mit dem Elmar entbrannte die Diskussion über die
Ähnlichkeiten von Tessar und Elmar aufs Neue, insbesondere deshalb,
weil Zeiss das in der Zwischenzeit weiterentwickelte Tessar neuerlich
patentieren ließ und ausgesprochen heikel war, dass ja kein Produzent
davon redete, sein Objektiv entspreche dem Tessar oder sei gar "vom
Tessar-Typ", auch wenn es so aufgebaut war wie dieses. Leitz
verzichtete auf den Patentschutz für sein Elmar, es fühlte sich als
Vorbenutzer im patentrechlichen Sinn vom Patent der Firma Zeiss auch
nicht behindert oder betroffen. Das von Zeiss erwirkte Patent wurde
daher nicht von Leitz beeinsprucht. Leitz bezog zu diesem Zeitpunkt
alle Glassorten für seine Objektive von der Fa. Schott, die zu Zeiss
gehörte.
Im Kern dürfte aber doch Berek schon vor Ende des ersten
Patentschutzes das allseits bekannte Tessar abgewandelt haben, so wie
mehr oder minder gleichzeitig auch Zeiss das eigene Tessar den durch
neue Glassorten gegebenen besseren Korrektionsmethoden anpasste.
Jedenfalls war das ursprüngliche Tessar-Patent bei Markteinführung der Leica bereits
abgelaufen, seine Verwendung als Vorbild stellte daher keine Patentverletzung dar und der spätere
Patentschutz für das in ähnlicher Form weiterentwickelte Tessar betraf
Leitz als Vorbenutzer eben nicht.
Diese Debatte ist heute nur mehr historisch interessant,
zeigt aber dennoch das Umfeld auf, in dem die Leica entwickelt und auf
den Markt gebracht wurde. Es zeigt auch das Konkurrenzverhältnis
zwischen Leitz und Zeiss und damit zwischen Leica und Contax.
Hektor 2,5/50 mm
Wiederum von Max Berek entwickelt, ist das Hektor das erste
auch nach heutigen Begriffen lichtstarke Objektiv zur Leica gewesen.
Wann die Produktion begann, ist umstritten, aber im Jahre 1931 wurden
etwa 1300 Stück in die Leica I fix eingebaut (ohne Schraubgewinde zum
Wechseln der Objektive). Der Rest der 1930/31 insgesamt erzeugten 2100
Stück wurde in Leicas ohne standardisiertes Schraubgewinde über
besonderen Wunsch und für einen höheren Kaufpreis eingebaut, falls ein Käufer sich mit dem Elmar nicht
zufrieden gab. Diesen Objektiven fehlte naturgemäß noch die Steuerkurve
für den gekuppelten Entfernungsmesser, einfach, weil es ihn nicht
gab.
Ab 1931 gab es zu der dann mit standardisiertem
Anschluss lieferbaren Leica I (Model C) ein entsprechendes Hektor, noch
immer ohne Steuerkurve, die erst in die späteren Modelle des Objektivs
serienmäßig eingebaut wurde. Lieferbar war das Objektiv bis 1948 (!),
obgleich zwischen 1939 und 1948 nur insgesamt 74 Exemplare erzeugt
wurden, gegenüber 4651 allein im Jahre 1932. Das zeigt deutlich, wie
stark anfangs der 30er-Jahre der Bedarf nach einem lichtstarkem Objektiv bei den Kunden gewesen
ist, verständlich übrigens angesichts der vergleichsweise geringen
Empfindlichkeit der damaligen Filme.
Die ersten
Wechselobjektive
1930 wurde die Leica zur universell verwendbaren
Kleinbildkamera, indem die Leica I mit Wechselgewinde geliefert wurde.
Anfangs waren die Toleranzen der einzelnen Kameras so groß, dass die
Wechselobjektive an die einzelne Kamera speziell angepasst werden
mussten und nur mit dieser einen Kamera garantiert (bei richtiger
Entfernungseinstellung) ein scharfes Bild lieferten. Ab 1931 wurde
dieser Mangel beseitigt, die Kamera wurde "auf Null
abgeglichen", das heißt, der Abstand zwischen Film und
Auflagefläche des Kameragehäuses betrug bei allen seit damals
gelieferten Schraubleicas (und bei allen Leica-Copies natürlich auch) einheitlich 28,8 mm. Von
1931 an konnte somit jedes Wechselobjektiv ohne besondere Anpassung an jeder
standardisierten Leica verwendet werden.
Übrigens: eine Leica-Copy ist nach überwiegender
Auffassung der Sammler eine Sucherkamera mit 28,8 mm Auflageabstand von
der Filmoberfläche und mit Schraubgewinde M39. Alle frühen Kopien,
vorwiegend der Russen, waren sklavische Imitationen; sowohl die Russen
als auch japanische Firmen haben nach 1945 jedoch die Kopien durchaus
eigenständig weiterentwickelt - von Canon etwa gibt es wirklich
prächtige Kameras, die wenig äußerliche Ähnlichkeit mehr mit dem
Vorbild haben, aber eben im Sinne der vorgenannten Definition dennoch
Leica-Copies bleiben.
Lieferbar war die Leica mit Gewindeanschluss von Anfang an
mit drei bzw. vier Wechselobjektiven: wahlweise mit dem Elmar 3,5/50 mm
oder dem Hektor 2,5/50 mm. Zusätzlich waren ein
Weitwinkelobjektiv Elmar 3,5/35 mm und ein Teleobjektiv Elmar
4,5/135 mm lieferbar.
Solange der
Gewindeanschluss nicht standardisiert war, empfahl Leitz, Kamera und
Wechselobjektive auf einmal zu kaufen, weil ansonsten das Objektiv bei
Leitz an die konkrete Kamera separat angepasst werden musste.
Mit der Standardisierung der Anschlüsse ab 1931 (und
Kamera Nr. 60.501) fiel dieses Problem weg. Auch bei dieser Gelegenheit
weise ich darauf hin, dass alle Leicas weitgehend dem jeweils neuesten
Modell entsprechend umgebaut werden konnten. Daher finden sich auch
Leicas mit niedrigerer Seriennummer, die ein standardisiertes Gewinde
haben!
Elmar 4,5/135 mm:
Das vierlinsige Elmar, das schon 1933 vom optisch
leistungsfähigeren Hektor 4,5/135 mm abgelöst wurde, war keine
Neukonstruktion, sondern ein seit längerem von Leitz für
Großformatkameras gefertigtes Objektiv, nur eben in Leicafassung.
Damit bestand die Möglichkeit, weiter entfernte Motive
2,7-fach größer abzubilden. Darauf wurde in den einschlägigen
Druckschriften und in den Zeitschriften ausdrücklich hingewiesen.
Mit diesem Objektiv, mehr noch als beim nachfolgend
besprochenen Weitwinkelobjektiv, zeigt sich einer der wirklichen
Vorzüge des damals neuen Kamerasystems: durch den Wechsel von
Objektiven ganz unterschiedliche Bildwirkungen zu erzielen. Freilich war
die Verwendung unter den damaligen Verhältnissen nicht unproblematisch:
geringe Filmempfindlichkeit und damit verbunden recht lange
Belichtungszeiten führten sehr häufig zu verwackelten Bildern.
Überhaupt hat man, wenn man die damaligen Beispielsbilder in den
einschlägigen Zeitschriften betrachtet, oftmals den Eindruck, mit der
Schärfe sei es nicht so besonders weit her. Das liegt dann nicht an
Objektiven oder Kamera, sondern an zu langer Belichtungszeit. Geradezu
rührend ist es, wenn ein Herr Kresse in "Die Leica" 1933
behauptet, mit der damals neuen Leica III könne man durchaus auch
unverwackelte Aufnahmen mit 1/8 Sekunde produzieren (mit
Normalbrennweite). So fallen dann auch die Aufnahmen mit Elmar 4,5/135
mm und 1/60 Sekunde aus: ein wenig verwackelt. Das kann auch der
Druckraster nicht beseitigen.
Elmar 3,5/35 mm
Zeitlich gesehen ist dieses seit 1930 angebotene Elmar
das erste Wechselobjektiv gewesen, das Berek berechnete. Es ist auch das
- relativ gesehen - schlechteste, was kein Wunder ist, tat man sich bei
der Konstruktion von Weitwinkelobjektiven bis zu den nach 1945 von
Angenieux entwickelten Retrofokus-Konstruktionen allgemein
schwer.
Aber schon 1930 heben die Prospekte die Vorzüge der kurzen
Brennweite richtig hervor: Schwierigkeiten bei Aufnahmen in engen
Gassen, Zimmern und bei Architekturaufnahmen werden hintangehalten; die
große Schärfentiefe ermöglicht eine hohe Trefferausbeute bei
Schnappschüssen.
Das in über 42000 Exemplaren erzeugte Elmar wurde - in
verschiedenen Varianten - bis 1950 erzeugt. Erst seit 1949 ist der
Nachfolger auf dem Markt gewesen, das weitaus bessere Summaron 3,5/35
mm.
Dies
waren die 5 Objektive, die zur Leica mit Schraubfassung von Anfang an angeboten wurden.
Weitere folgten in rascher
Folge bis 1935. Im Einzelnen sind dies:
Hektor 1,9/73 mm
Das
Hektor war zur Zeit der Markteinführung 1930 das lichtstärktste
Objektiv von Leitz für die Leica. Übertroffen (sofern tatsächlich
lieferbar gewesen und nicht bloß in einem Inserat angeboten) wäre es nur von dem 1928 von Hugo Meyer,
Görlitz, in England
inserierten Objektiv Meyer Plasmat 1,5/50 mm worden, das fix mit einer
Leica I ohne Wechselmöglichkeit verbunden war und somit das erste
Fremdobjektiv zur Leica darstellen würde. Indessen hat sich bis heute
keine solche echte Kamera/Objektivkombination gefunden.
Das Hektor enthielt 6 Linsen, die jeweils paarweise zu 3 Gliedern
verbunden waren, so wie beim Hektor 2,5/50 mm. Es war ein recht großes
Objektiv - siehe die Abbildung, welches die Kamera ein wenig unhandlich
machte - wozu der notwendige Zusatzsucher noch beitrug.
Brennweite und Lichtstärke fallen ein wenig aus der Reihe. Curt
Emmermann erklärt das 1931 so: "Die Brennweite 73 mm wurde
gewählt, um mit Sicherheit bis in die Ecken scharf ausgezeichnete
Negative zu erreichen. Dies wäre nach dem heutigen Stand der
rechnerischen Optik ... mit der Standardbrennweite 50 mm schwer
möglich.Die Korrektur würde nach den Bildrändern hin zwangsläufig
nachlassen." Vom Stil dieser Ausführungen abgesehen, trifft
Emmermann, denke ich, den Kern des Problems: Je länger die Brennweite,
desto unhandlicher ein lichtstarkes Objektiv, während bei einer
bestimmten Brennweite eben nur ein Objektiv mit einer bestimmten
Lichtstärke einwandfrei erzeugt werden kann.
Das von Max Berek berechnete Hektor verkaufte sich nicht
besonders gut, erfüllte jedoch bei einem beschränktem Interessentenkreis
eine wichtige Aufgabe. Es ermöglichte mit seiner gegenüber dem Hektor 2,5/50 mm großeren Lichtstärke (2/3 Blende) und
längeren Brennweite bei schlechten Lichtverhältnissen und auf
größere Entfernungen noch formatfüllende Aufnahmen. Die aber waren
wegen der Großbkörnigkeit der Filme und der damit beschränkten
Vergrößerungsfähigkeit der Negative wichtig.
Auch nach damaligen Maßstäben waren Vor- und Nachteile
des Hektor vor dem Kauf genau abzuwägen. Bei voller Öffnung ist der Bildkontrast eher gering
und die Schärfe ist auch nicht besonders. Einen Vorteil hat das
Objektiv: der Übergang von jenen Bildteilen, auf die scharfgestellt
wurde zu den unscharfen Bildteilen außerhalb der Schärfeebene ist
sozusagen sanft verlaufend. Das bewog die Apologeten der Leica, die
offenkundigen Schwächen geradezu als Vorzüge anzupreisen: gerade bei
voller Öffnung scheine bei diesem Objektiv die Schärfentiefe größer
als sie tatsächlich rein rechnerisch sei - Curt Emmermann, Die Leica,
Jahrgang 1931. Doch auch Emmermann gibt zu, dass die
"Schärfenzeichnung des Hektors bei voller Öffnung die des
Standard-Elmars .. notgedrungen nicht erreichen kann."
Beworben wurde das Hektor im Hinblick auf seine
Leistung vorwiegend mit Aufnahmen aus dem Theater mit kontrastreich
ausgeleuchteten Szenen, bei denen die geringe Kontrastleistung nicht so
deutlich sichtbar war.
Wirklich einfach verwendbar - wenn auch mit den genannten
Einschränkungen - war das Hektor 1,9/73 mm erst mit der Leica II mit
gekuppelten (damals schrieb man: automatischen) Entfernungsmesser, die
ein wenig später auf den Markt gebracht wurde.
Das
"fette" Elmar 4/90 mm
Der Beiname dieses ab Sommer 1931 verkauften Objektivs leitet
sich von der Größe, vor allem von der Dicke der Fassung ab. Dadurch
passte es an diverse Zusatzgeräte nicht und wurde daher nach ca. 2500
Exemplaren schon 1932 ersetzt.
Links
sehen Sie das "fette" Elmar, unterhalb das "dünne"
Elmar. Bilder sprechen mehr als Worte.
Das
"dünne" Elmar 4/90 mm
Das wurde das eigentliche Volumensmodell; bis 1948 wurden
mehr als 40000 Stück erzeugt, nach einer Überarbeitung von der
sozusagen 2. Auflage bis 1963 etwa 100000 Stück.
Das darf nicht wundern. In der Werbung von Leitz, aber auch
in den diversen Fotozeitschriften wurde empfohlen, als erstes
Zusatzobjektiv ein Teleobjektiv mit 90 mm Brennweite zu kaufen. Dem
entsprach das Bedürfnis der Fotografen, möglichst formatfüllend zu
fotografieren bzw. unauffällig Aufnahmen zu machen. Dazu schien ein
leichtes Teleobjektiv gut geeignet.
"Unbemerkte Schnappschüsse" von Menschen waren
große Mode. Was die Abgebildeten dazu sagten, war egal, man schießt
ein Bild eines Menschen und - geht weiter. Eindringen in die
Privatsphäre? Schutz von Persönlichkeitsrechten? I wo, ist ja doch
egal. Ganze Reiseberichte erschienen, deren Autoren stolz auf die von
ihnen geschossenen Bilder von Menschen waren, besonders aus Ländern, in
denen die Abbildung von Menschen verpönt ist. Den Verfasser einer
Abhandlung in der Zeitschrift "Die Leica" über eine Reise
nach Tunesien interessiert rein gar nicht, was die Opfer seiner
Bemühungen davon gehalten hätten, dass ihre Gesichtszüge in einem
fernen Land öffentlich ausgestellt wurden - sie erfuhren ja wohl auch
nichts davon.
Die Auswüchse der damaligen Fotografie darf man aber dem
Elmar, dick oder dünn, nicht zum Vorwurf machen.
Elmar 6,3/105 mm
(Berg-Elmar)
1932 erschien das besonders kompakte Berg-Elmar, benannt nach dem
Hauptanwendungsgebiet, für das es gedacht war: "für Reise und
Touristik, insbesonders für Bergsteiger". Mit einem Gewicht von
nur 220g war es tatsächlich leicht. Die Abbildung links ist nicht
maßstabsgleich mit den beiden anderen Abbildungen von Elmaren. Sie soll
eigentlich nur die nicht sehr harmonische, nach vorne schmäler werdende
Form dieses Objektivs darstellen.
Auch dieses Objektiv war keine eigentliche Neuentwicklung.
Es existierte seit Jahren als Objektiv für Großformatkameras und Leitz
konstruierte einfach eine passende Fassung mit Leicagewinde.
Ein kommerzieller Erfolg wurde es es dennoch nicht, die
Produktion wurde 1937 eingestellt, nachdem knapp 4000 Objektive erzeugt
worden waren. Von Leitz wurde diese Brennweite nicht weiter verwendet -
japanische Firmen wie Nikon und Canon bauten nach 1945 jedoch sehr
schöne Objektive dieser Brennweite für ihre Kameras und wahlweise auch
in M39-Schraubgewinde. Ein "105er" findet sich noch heute im
Lieferprogramm von Nikon für SLR.
Umstritten war von Anfang an, ob die Lichtstärke
ausreiche. Von Leitz wurde in den einschlägigen Prospekten immer wieder
die Meinung vertreten, für den Hauptanwendungszweck (Aufnahmen im
Gebirge bei Sonnenschein) sei es ausreichend lichtstark und dafür sei
es ja gedacht. In diesem begrenzten Anwendungsbereich war es ja wohl
auch verwendbar.
Summar 2,0/50 mm
Das von 1933 bis 1940 lieferbare
und nicht in der ersten Variante abgebildete Summar ist das erste lichtstarke
normalbrennweitige Objektiv für die Leica gewesen. Trotz hohen Preises lieferte
es bei großen Öffnungen eher weiche Bilder. Viele Eigentümer waren
enttäuscht von der wenig kratzfesten Vorderlinse; seit damals sind
Vorsatzfilter als Schutz vor solchen Glaskratzern so beliebt. Das Summar
ist
auch heute noch bei Sammlern beliebt und daher trotz hoher Auflage (fast
123000 Stück erzeugt) relativ teuer.
Hektor 6,3/28 mm
Um auch "in unseren schönen deutschen Städten
ungehindert formatfüllende Aufnahmen schöner Gebäude in engen
Straßen" machen zu können, wie es 1935 bereits hieß, erzeugte
Leitz ein für damalige Verhältnisse äußerst kurzbrennweitiges
Objektiv mit geringer Lichtstärke, weil lichtstärkere Objektive dieser
Brennweite damals einfach nicht errechnet werden konnten.
Was auch immer damals gesagt wurde, eines bleibt: dieses
Hektor ist ein nach heutigen Begriffen äußerst bescheidenes Objektiv,
das Bilder mit geringem Kontrast und geringer Schärfe liefert. Mit
heutigen "28ern" ist es nur von der Brennweite zu vergleichen.
Mehr und Besseres war damals nicht möglich.
Thambar 2,2/90 mm
Dieses zwischen 1935 und 1949 in knapp 3000 Stück
gelieferte Weichzeichnerobjektiv war bis zu Kriegsbeginn
durchaus gefragt, mit der Zeit verloren jedoch die damit erzielbaren
"duftigen" Aufnahmen (vor allem Porträts von nicht mehr ganz
jungen Damen und Herren) ihren besonderen Reiz und es kam einfach aus
der Mode. Mit kleinen Blenden (< 9) lieferte das vierlinsige Thambar
durchaus scharfe Bilder, bei großen Blenden und vorgesetztem
Spezialfilter zeigte sich der Weichzeichnereffekt sehr deutlich.
Beigetragen zur schwindenden Beliebtheit mögen auch die
"Duto"-Scheiben zweier ungarischer Erfinder haben, mit denen
sich ein praktisch identischer Effekt mit jedem Objektiv einfach und
billig erzielen ließ.
Telyt 4,5/200 mm
Dieses ebenfalls ab 1935 lieferbare Objektiv ist
ausschließlich am so genannten Spiegelkasten verwendbar, dem Vorläufer
des nachmaligen Visoflex und macht aus der Sucherkamera Leica eine
langsame und unbequeme und heute antiquierte Spiegelreflexkamera, sodass
Leitz seit Jahrzehnten keinen Spiegelreflexansatz mehr liefert, sondern
eigene SLR in bescheidenen Stückzahlen und bescheidenem kommerziellem
Erfolg - aber das ist eine andere Geschichte.
Bilanz der
Entwicklung im Jahre 1935, 10 Jahre nach Markteinführung der Leica:
In den 10 Jahren seit Präsentation der Leica bei der
Leipziger Messe 1925 ist aus der kleinen Kamera ein fotografisches System geworden, welches die Fotografie revolutionierte.
Denn nicht nur die eigentliche Kamera wurde von Leitz angeboten, sondern
ein ganzes System von Zubehörteilen, von der Filmkassette, in die man
den Film selbst einzuspulen hatte, über Entwicklungsdose bis zum
Vergrößerungsapparat und zum Diaprojektor.
Blickt man zu den Anfängen zurück, ist die Leica eine
durchaus brauchbare kleine Kamera mit letztlich beschränktem
Anwendungsbereich. Aber auch die kleine bescheidene Kamera hat die
Fotografie revolutionär verändert.
1930 wurde aus der kleinen Kamera mit der Wechselbarkeit
der Objektive ein ganzes Kamerasystem mit umfassenden Möglichkeiten.
1932 aber erreichte die Leica mit dem Modell II einen
Entwicklungshöhepunkt; daran vermochten die späteren Modelle der
Schraubleicas nichts zu ändern, sie sind lediglich Modifikationen der
Leica II, ehe 1954 mit der Leica M3 ein weiterer und eigentlich letzter
Höhepunkt in der Entwicklung der Sucherkameras mit Wechselobjektiven
erzielt wurde. Alles, was seither gekommen ist, sind lediglich
Modifikationen eines einzigen Modells, der M3 von 1954.
Mit den 1935 lieferbaren Objektiven (und ihren
Weiterentwicklungen) war die Basis für eines der leistungsfähigsten
Kamerasysteme in der Geschichte der Fotografie geschaffen. Keines der
1935 lieferbaren Objektive ist mit heutigen Objektiven gleicher
Kenndaten von der Qualität der Abbildungen wirklich vergleichbar;
allgemein sollte man, außer für Probeaufnahmen, von der Verwendung
solch alter Objektive absehen, außer man will unbedingt
"interessant" wirkende Aufnahmen erzielen.
Vergessen wir aber trotz aller damaligen Beschränkungen
eines nicht: mit solchen Objektiven sind vor mehr als 50 Jahren von hervorragenden Fotografen auch
für uns heutige, mit Bildern aller Art und Güte geradezu übersattigte
Menschen teilweise unvergessliche
Aufnahmen geschaffen worden, welche für immer das Bild der ersten
Hälfte des 20. Jahrhunderts prägen.
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Peter LAUSCH
Zuletzt geändert am
12.12.2004
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