Lisa Nurejew

15 Jahre alt

 

 Lange habe ich nichts von mir hören lassen, ich, die Katze Lisa Nurejew.

Nun aber will ich nicht länger schweigen. Denn im Juni 2003 bin ich geboren worden, auch wenn ich mich an das Datum nicht erinnern kann. Aber mein Großer besitzt meinen Impfpass und dort steht es so drinnen.

Meine Katze Lisa Nurejew

Also bin ich jetzt 15 Jahre alt – ein beträchtliches Alter für eine Katze. Hauskatzen wie ich werden alt, meine Kolleginnen, die herumstreunen können, schaffen das meistens nicht. So sehr sie auch aufpassen, irgendwann übersehen sie ein Auto beim Überqueren einer Straße oder fressen einen von lieben Menschen ausgelegten Giftköder. Manche erfrieren in kalten Wintern, wenn sie keinen Zugang zu einem warmen Platz in irgendeinem Haus oder Stall finden.  Viele von uns werden auch von schießwütigen Tierkillern umgebracht, die sich darauf auch noch etwas einbilden.

Gewiss ist das Leben einer freilaufenden Katze unterhaltsamer und erlebnisreicher als das einer Wohnungskatze wie ich eine bin, aber dafür ist es auch kürzer. Ich ziehe ein ruhiges Leben in einem kleinen Revier in einer Wohnung oder einem Haus vor und blicke nun schon auf eine Reihe von heißen Sommern und kalten Wintern zurück, die ich in der Geborgenheit eines Reviers in einer geheizten Wohnung (bei meinem Großen) verbracht habe. Manchmal stehe ich – in der warmen Jahreszeit – auf der Loggia meines Reviers und blicke in die Wildnis vor meinem Revier hinaus. Gerne würde auch ich Mäuse fangen oder mich im saftigen grünen Gras wälzen, wie manche Katzen es tun, die ich dann und wann herumstreifen sehe. Ich würde auch gerne mal einem Hund begegnen, die angeblich allesamt böse Tiere sind und vor denen man sich als Katze in Acht nehmen muss, wie schon meine Mutter – Gott habe sie selig -mir und meinen Geschwistern zu sagen pflegte. Um jeden Hund einen Bogen machen und immer schauen, dass ein Baum in der Nähe ist, auf den ihr euch flüchten könnt, sagte sie, denn die blöden Hunden können nicht klettern. Diese Lebensweisheit habe ich nicht vergessen, zum Unterschied von vielem anderen: Ich habe Mühe, mich an die Gestalt meiner Mutter zu erinnern, an die ich mich angekuschelt habe, als ich noch klein war. Und an meine Geschwister habe ich fast keine Erinnerung mehr, außer, dass es sie gab und dass sie zeitweilig recht lästig waren. Aber wahrscheinlich haben sie das umgekehrt auch von mir gedacht. Was wohl aus ihnen geworden ist, frage ich mich manchmal. Ob sie wohl noch am Leben sind? Wahrscheinlich würde ich sie gar nicht mehr wiedererkennen.

Anfangs, als ich Mutter und Geschwister verloren hatte und bei zwei Großen wohnte, die mich Cica nannten (welch ein Name für eine Katze!), wenn sie gut gelaunt waren, meist aber Mistvieh und Stinkerin, war ich traurig, erinnere ich mich. Sie waren häufig grob zu mir, gaben mir nichts zum Fressen, wenn ich den Vorhang im Wohnzimmer hochgeklettert war oder sie mich sonst bei einer Beschäftigung erwischten, die sie als „Missetat“ bezeichneten. Ich habe es hingenommen, ich dachte, so ist das Leben eben, wenn man eine Katze ist. Ich konnte mein Leben mit dem Leben anderer Katzen nicht vergleichen, ich kannte ja keine. Am schlimmsten freilich war die Stille im Revier, wenn die Großen am Morgen das Revier verlassen hatten. Ich habe auch das ertragen und mich bemüht, freundlich und liebevoll zu sein, wenn sie an den Abenden heimkehrten. Aber ach, sie hatten anderes im Sinn, bei dem sie keine Katze brauchten. Und schliefen sie dann endlich und versuchte ich, mich zu ihnen zu legen, dann warfen sie mich – Mistvieh – aus dem Bett oder gleich aus dem Zimmer und ich musste auf dem harten Boden im Vorzimmer schlafen. Denn die Tür ins Wohnzimmer hatten sie geschlossen, damit das Mistvieh nicht die Möbel zerkratzen kann oder auf dem Sofa sich zusammenrollen.

Sie stritten öfters miteinander, die Große heulte dann und drückte mich an ihren fetten Busen. Fett sei er, wie die ganze Große überhaupt, sagte der Große, reizlos. Wie er sie habe heiraten können, fragte er, und die Große heulte dann noch mehr. Und eines Tages kam er nicht mehr heim, er habe eine andere Frau, erzählte mir die Große. Mir an sich egal, hätte sie nicht auch gesagt, er habe eine Katze haben wollen, nicht sie. Und da er mich nicht mitgenommen habe, wolle sie mich nicht mehr in der Wohnung haben.

So packte sie mich in eine Schachtel und lieferte mich in einem Katzenheim ab – ich habe schon erzählt, wie es dort war.

**********

Dass ich es bei den beiden Großen im neuen Revier gut getroffen habe, das habe ich auch schon erzählt. Deshalb gewöhnte ich mich rasch an die beiden Großen. Auch das Revier gefiel mir von Anfang an, vor allem in der warmen Jahreszeit, wenn ich, so ich will, auf die Loggia hinausgehen kann und die frische Luft genieße.

Geht es einem gut, gewöhnt man sich rasch an die Verhältnisse und findet sie nach einiger Zeit ganz normal. So ist es auch mir ergangen. Dennoch denke ich manchmal an die Zeit bei den anderen Großen zurück und beglückwünsche mich, dass ich meinen Großen gefunden habe (bzw. er sich meiner erbarmt hat in jenem Katzenheim).

Meine Katze Lisa Nurejew

In dieser Zeit haben wir uns aneinander gewöhnt. Ein jeder von uns, der Große und die Große, ich aber auch, hat seine Eigenheiten. Von den meinen will ich schreiben und zeigen, wie sie sich auf das Zusammenleben mit den beiden Großen (Sie wissen schon, in der Kindersprache, in der sie mit mir meistens reden, Frauli und Herrli) auswirken.

Das beginnt schon am Morgen. In der Nacht schlafe ich meist im Bett des Großen, besonders, seit er seinen lächerlich kleinen Kopfpolster aufgegeben hat und einen Polster in angemessener Größe benutzt. Auf dem habe ich, neben ihm, nämlich auch Platz. Üppig ist das Platzangebot freilich nicht, aber der Große rückt meist auf die Seite mit seinem Kopf, damit ich mich neben ihm auf den Polster legen kann. Ganz ungestört ist mein Schlaf leider nicht: der Große ist unruhig und wälzt sich periodisch von einer auf die andere Seite. Da muss ich meistens nachgeben – da er so groß ist, würde er mich sonst erdrücken. Es genügt schon, wenn er sich auf meinen Schweif legt und ich ihn nur mit Mühe unter ihm wegziehen kann. Also muss auch ich meine Position wechseln. Doch es ist angenehmer, neben ihm zu liegen als mich in den lächerlich kleinen Katzenkorb zu zwängen, in dem ich Jahre lang geschlafen habe, weil nichts Besseres vorhanden war. Nicht der Korb sei klein, sondern ich sei zu dick, sagte der Große öfters. Vor einiger Zeit hatte er ein Einsehen und brachte einen neuen, angemessen großen Katzenkorb ins Revier, in dem ich mich ausgiebig rekeln kann.

Gegen 5 Uhr morgens erwache ich meist und bin gewaltig hungrig. Während der Nacht bekomme ich zwar dann und wann einen Leckerbissen, aber der ist recht klein, ein Leckerbissen eben und nichts, wovon eine Katze satt werden würde. Also erhebe ich mich und klettere über den Großen auf die andere Bettseite, und, wenn er nicht aufwacht, wieder zurück. Manchmal setze ich mich auch auf seine Schulter und putze mich. Nützt das alles nichts, was bleibt mir anderes übrig, frage ich, als ihn mit einer Pfote auf die Wange oder Nase zu klopfen, je nachdem, wo ich halt hinlange. Darauf erwacht er fast immer schon beim ersten Versuch und setzt sich auf. Ich laufe derweil schon ins Wohnzimmer und warte auf ihn. Manchmal vergeblich, dann muss ich zurückgehen und jämmerlich maunzen, damit er endlich aufsteht und mir aus der Küche die Beute holt, die er für mich irgendwo erlegt hat. Er legt sie auf ein Tellerchen und stellt dieses auf den Tisch.

Habe ich schon gesagt, dass ich keine Springerin bin? Ich schaffe es nicht, vom Boden auf den Tisch zu springen, obgleich das jede anständige Katze mit Links vollbringen kann, sagt der Große. So ist es halt. Also klettere ich auf einen Sessel und von dort auf den Tisch und kann danach endlich meinen Hunger stillen. Manchmal ist die Beute ein wenig kleiner als sonst, ich esse sie dann auf einmal und sitze dann jammernd vor meinem leeren Teller und verlange lauthals nach mehr. Mein Großer versteht mich natürlich, aber ach, manchmal ist er knausrig und sagt, ich sei ohnehin dick, ich solle nicht so viel fressen.

Da heißt es dann zu warten, bis er nach einem kurzen Schläfchen endlich wirklich aufsteht und den Tag beginnt. Damit das Schläfchen kurz bleibt – ich habe ja noch Hunger – gibt es mehrere Möglichkeiten, die mir offenstehen: Ich klettere halt auf ihm herum, tupfe mit der Pfote, wedle mit dem Schweif über sein Gesicht und bin meist erfolgreich. Dann bekomme ich endlich, was ich die ganze Zeit bekommen wollte: mehr Futter. Habe ich mich dann satt gegessen, überkommt mich wohlige Müdigkeit, ich setze mich auf das Fußteil seines Fauteuils und warte, bis auch er sich niedersetzt. Dann klettere ich auf seinen Schoß und drehe und wende mich, bis ich es mir gemütlich gemacht habe. Dann döse ich vor mich hin und lasse mich durch das Gerede des Großen nicht stören.

Leider ist er ein unruhiger Geist: schon nach allzu kurzer Zeit wird er unruhig und ich begebe mich auf das Fußteil, denn der Große schickt sich an, das Revier zu verlassen. Zwar habe ich bereits gelernt, dass er mir von solchen Ausflügen meist Beute mitbringt – in all den Jahren gab es bei uns nicht einmal eine Futterknappheit – doch leider sagt er nie, wie lange er wegbleiben wird. Deshalb bleibt mir nichts übrig, als ein kleines Schläfchen zu beginnen.

Lisa unter der Bettdecke

 Sobald ich ihn dann vor der Tür ins Revier mit den Schlüsseln hantieren höre, erhebe ich mich und stelle mich erwartungsvoll hin und harre der Dinge, die er mir mitbringen wird – hoffentlich.

Primär bringt er indessen Beute für sich selbst mit, setzt sich an den Tisch und beginnt, sie zu verzehren. Das macht auch mich hungrig, ich springe – mit Zwischenstation auf dem Sessel – auf den Tisch und versuche, auch einen Teil seiner Beute zu erlangen. Dabei bin ich nicht heikel, ich esse Wurst- und Käsestücke, ja, auch trockenes Brot, wenn ich etwas erwische, zur Not sogar Spinat. Am liebsten ist mir Fruchtyoghurt der Firma D., aber die mag nur die Große und die isst sie jetzt immer anderswo.

Überhaupt ist das mit seinen Ausflügen ins Revier ein Problem für mich: Ich weiß nie, wie lange es dauert, bis er wieder zurückkommt. Ohne ihn ist das Leben natürlich fade. Ich lege mich meist auf sein Bett oder auf eines der Katzenbetten, die sich im Lauf der Jahre in der Wohnung angesammelt haben und döse vor mich hin. Dazwischen wandere ich durchs Revier und esse einen Happen oder trinke aus den Wasserschalen, die er jetzt im Sommer an mehreren Orten des Reviers platziert. Dann döse ich weiter, versinke auch in tiefen Schlaf, aus dem ich erst erwache, wenn ich den Schlüssel in der Tür des Reviers höre. Da rapple ich mich dann zusammen, laufe ins Vorzimmer und begrüße ihn.

In den letzten Jahren ist es allerdings mehrfach vorgekommen, dass er das Revier für längere Zeit verlassen hat: jedes Jahr um diese Zeit, vor meinem Geburtstag, wiederholt sich dies: Tagelang ist er unruhig, wandert durchs Revier, packt in Reisetaschen Kleidung und sonst was ein. Da weiß ich dann, er will wieder eine Zeitlang woanders hin. Nichts nützt es mir, dass ich mich auf die Reisetasche setze oder unter der bereitgelegten Kleidung verkrieche: er schiebt mich beiseite und fährt mit dem Einpacken fort.

Dann kommt der Tag, oder besser gesagt, die Nacht, in der er aufsteht und mich aus meinem süßen Schlummer weckt. Ganz schnell geht es: während ich mich auf den Tisch zu meiner Beute setze (auf die er nicht vergisst), rumort er vor sich hin, verabschiedet sich und – fort ist er.

Zwar könnte er dann bei Tage wieder zurückkehren, aber stattdessen kommt das Flauli, aber erst gegen Abend. Sie ist freundlich, ich mag sie wirklich, sie füttert mich und streichelt mich, es gibt gar nichts zu klagen. Auch setzt sie sich zu mir, bzw. ich klettere auf sie und werde liebkost und bin an sich rundum zufrieden. Auch wenn sie sagt, sie sei nun Stunden bei mir gewesen, irgendwann verlässt sie doch das Revier und ich bleibe allein zurück. Niemanden gibt es dann, an den ich mich beim Schlafen andrücken kann, niemanden, der mir zwischendurch einige Leckerbissen gibt, niemanden auch, der im Schlaf vor sich hinmurmelt und mir die Hand auf den Rücken legt. Ich bin allein.

Am Morgen kommt das Flauli wieder, fallweise ein anderer Großer, der mir Beute gibt und mich streichelt. Aber am Morgen ist das Vergnügen nur kurz, die Großen gehen allzu bald und ich bin wieder allein im Revier. Da denke ich dann an meinen Großen, wo er sich wohl herumtreibt, aber davon kommt er natürlich nicht wieder und so versinke ich in Schlummer und träume von den vielen Tagen, an denen er von früh bis spät bei mir im Revier bleibt und ich mich jederzeit an ihn anlehnen kann. Und wenn es auch manchmal dauert, bis er mir frische Beute serviert, ich brauche ja doch nur hingebungsvoll zu jammern oder auf ihn zu klettern, wenn er auf seinem Fauteuil sitzt und ihn anzustupsen, bis er endlich merkt, was ich will.

Manchmal dauert es Wochen, bis er zurück ins Revier kommt und ich frage mich dann, was aus mir werden soll, wenn er nicht mehr kommen sollte. Ob ich dann wohl vom Flauli wieder im Katzenheim abgeliefert werde? Oder ob ich mich bei ihr so einschmeicheln kann, dass sie mich zu sich in ihr Revier nehmen würde?

Bisher ist mein Großer allerdings noch immer zurückgekommen. Ich höre ihn schon, wenn er vor der Reviertür steht, erkenne seinen Schritt, ehe er mit den Schlüsseln hantiert. Wo immer ich auch sein mag, ich laufe zur Tür und baue mich erwartungsvoll auf. Dann sehen wir einander. Seltsam riecht er, wenn er heimkommt, jede Spur von meinem Geruch, mit dem ich ihn jeden Tag markiere, ist dann verschwunden – so setze ich mich hin und warte, was er tut. Ob er mich noch kennt? Bisher hat er sich immer noch an mich erinnert. Er kniet sich dann nieder, stützt sich mit den Händen auf den Boden. Ich marschiere rund um ihn und unter seinem Bauch durch und drücke meinen Kopf an seinen, bis er wieder nach mir riecht und mir gehört. Damit er weiß, dass er für mich wichtig ist, mein Großer ist, nicht bloß mein Beutelieferant, sondern der, den ich am Meisten mag, lasse ich ein paar Tage nicht ab von ihm, folge ihm, wohin er auch geht im Revier, wie ein Hund, wie er sagt. Nicht einmal im Schlaf halte ich Distanz, obgleich ich natürlich aufpasse, dass er sich nicht auf mich wälzt, und drücke mich an ihn vom Abend bis zum Morgen, wenn ich ihn wecke, damit ich gefüttert werde. So geht es Tag für Tag, bis er hoffentlich gemerkt hat, dass er mich nicht verlassen soll. Dann erst kehrt allmählich wieder der Alltag ein, ich weiß immer, wo er ist, auch wenn ich mich manchmal unter die Bettdecke verkrieche, weil ich die blöden Fernsehsendungen nicht mehr aushalte – oder einfach müde bin.

Katze Lisa im Bett

Denn leider, es lässt sich nicht leugnen, ich merke allmählich, dass ich auch nicht mehr die Jüngste bin. Ich schlafe viel, ich spiele nicht mehr viel mit meinen Mausatrappen und vor den Bällen, die der Große mir zuwirft, laufe ich davon, wenn er in meine Richtung zielt. Und wenn nicht, schaue ich ihnen nur nach – ich weiß ja, es sind keine Mäuse, auch wenn ich nie in meinem Leben eine wirkliche Maus gesehen habe – Schicksal einer Wohnungskatze. Aber ich bin gut bei Appetit, sagt er, zu dick natürlich, aber was soll ich machen? Die Beute schmeckt mir halt und das Leben mit meinem Großen im Revier ist schön, denke ich.

So hoffe ich denn, dass es bleiben wird und ich bei meinem Großen noch viel älter werde als die 15 Jahre, die ich kleine Katze auf Welt bin.

Lisa Nurejew /21.6.2018

 PS:

Ich danke meinem Großen, dass er dies für mich aufgeschrieben hat, damit andere es lesen können und wissen, wer ich bin und was ich denke.

 

 

§§§§§§§§§§

 

© Peter Lausch / 22.6.2018