Lisa Nurejew

Ein Jahr im neuen Revier

 

 

Am 2. September 2010 habe ich ein Jahr lang in meinem neuen Revier gelebt, das ich mit meinem Großen teile. Oft lassen wir auch eine Große zu uns kommen, manchmal bleibt sie zu meinem Grimm auch über Nacht im Revier, aber nicht immer. Um ehrlich zu sein, mir ist das auch lieber, denn wenn sie bleibt, habe ich nicht genug Platz im Bett des Großen: es ist schon unangenehm genug, aufzupassen, dass er sich beim Herumwälzen nicht auf mich legt, oder, was häufiger vorkommt, auf meinen Schwanz oder eine Pfote, aber bei zwei Großen in einem Bett wird es recht ungemütlich. Liege ich auf einem von ihnen, scheucht er mich von sich herunter und murmelt, ich sei einfach viel zu dick und liege auf seiner – oder ihrer Niere. Liege ich zwischen ihnen, passt ihnen das auch nicht und lege ich mich an den Bettrand, laufe ich Gefahr, aus dem Bett zu fallen.

Aber ich will mich nicht im Ernst beklagen: ich denke, ich habe es gut getroffen. Ich bekomme regelmäßig Beute vorgesetzt und schmeckt mir etwas nicht, dann meckere ich eine Weile herum und schon bekomme ich ein anderes Beutestück, sei es von einem anderen Wild, sei es von einem anderen Fisch. Und reichlich ist Beute vorhanden: ich habe in dem einen Jahr beträchtlich zugenommen.

Natürlich war ich recht abgemagert, als ich aus dem Katzenasyl ins Revier gekommen bin: dort gab es zwar reichlich Futter, aber alles von einer bestimmten Firma mit einer ganz eigenen Geschmacksnote, die ich partout nicht leiden kann. Nichts essen, half mir dort nichts, denn was anderes war nicht da. Friss Katze oder stirb, hieß es dort. Niemand sagte so etwas Böses je zu mir, aber man muss den Tatsachen ins Auge sehen. Und niemand kümmerte sich darum, als ich tagtäglich Gewicht verlor und mich in eine dort herumstehende Schachtel zurückzog und die Zeit verdöste.

Ich habe ja schon erzählt, dass man in jenem Asyl, eines der besseren übrigens, wie die Großen sagen, nicht ewig bleiben darf: findet sich innerhalb einer bestimmten Frist kein Großer, der einem mitnimmt, dann wird man von den übrigen Katzen getrennt und kommt woanders hin: wohin, konnte mir keine meiner Kolleginnen sagen, nur eines, von dort ist keine mehr zurückgekommen. Ist wohl so etwas wie eine Schlachtbank, aber darüber wird nicht gesprochen, nicht von uns, den potentiellen Opfern, noch von den Großen, die uns schön tun, wenn sie uns betreuen, weil sie ja dafür bezahlt werden. Manche Katzen finden gleich auf Anhieb Anklang bei einem Großen, andere wieder werden hochgenommen, genau besichtigt und dann wieder niedergestellt, weil sie dem oder der Großen nicht gefallen.  Das macht sie dann ganz traurig und wahr ist es, lustig ist es nicht, so zurückgewiesen zu werden. Dabei macht man sich manchmal große Hoffnungen, wenn so eine junge Große auf einen zustürmt und sagt, „Ach so ein süßes kleines Kätzchen“, aber das ist letztlich nicht entscheidend. Die Großen sind es, welche die Auswahl treffen und ihre Jungen sind dann oft unzufrieden und erklären: „Diese Katze oder keine.“ Manche strampeln dann, wenn sie ihren Willen nicht bekommen und andere fügen sich, wenn ihre Eltern eine andere von uns auswählten und murmeln: „die will ich aber nicht!“. Keine guten Aussichten fürs weitere Leben, sagten wir uns in solchen Fällen, aber sicherlich immer noch besser als die Schlachtbank.

Ich schreibe das jetzt nicht, weil ich neidig wäre auf meine Schicksalsgenossinnen, die recht schnell einen wahrscheinlich guten Platz gefunden haben, denn ich bin nicht neidisch: aus dem ganz einfachen Grund, dass mich ja ohnehin kaum jemand auch nur angesehen hat.

Schön bin ich nicht, und als ich so mager in meiner Schachtel saß, war ich wohl noch viel weniger schön anzusehen als wäre ich fröhlich mit dem Schwanz wedelnd umher gesprungen und hätte aus Leibeskräften geschnurrt.

Mir war auch klar, dass mich die beiden Großen, die mich ausgewählt haben, nicht wirklich nehmen wollten, er jedenfalls nicht. Ich habe mich an ihn angeschmiegt und aus Leibeskräften geschnurrt, was ihm zu gefallen schien und die Große, welche im Asyl für uns zuständig war, wies ja auch extra darauf hin, er könnte mich zurückbringen, wenn wir miteinander nicht auskämen. Da stimmte er zu – ich habe es schon erzählt.

Heute, ein Jahr später, denke ich, er hätte mich so und so behalten, aber wer weiß das schon im Vorhinein? Meine traurigen Erfahrungen bei meinen früheren Großen haben mich manches gelehrt.

Ich gab jedenfalls mein Bestes, er wahrscheinlich auch und so haben wir uns von Anfang an prächtig miteinander vertragen.  Und mehr noch, auch die Große ist sehr freundlich zu mir  und ich fühle mich wohl und sicher in ihrer Gegenwart. Ist sie im Revier, bemühe ich mich, ihr das gleiche Maß an Aufmerksamkeit zu schenken wie dem eigentlichen Mitbewohner. Sitzen sie beide auf ihren Fauteuils, lege ich mich zuerst ihr in den Schoß und schnurre aus Leibeskräften, doch nach einiger Zeit stehe ich dann auf und lasse mich auf ihm nieder. Das schätzen sie überaus und Lachen aus vollem Herzen. Obgleich, ich weiß nicht recht, was es denn da zum Lachen gibt?

Über die Klugheit einer Katze macht man sich doch nicht lustig?

Obgleich, manchmal nennt mich der Große ein „dummes Vieh“. Vor allem dann, wenn ich nicht kapiere, wie man eine Türklinke betätigt, damit die Tür sich öffnet und ich aus und ein gehen kann. Stattdessen muß er von seinem Platz aufstehen und mir die Türe öffnen, wenn ich bei der Tür sitze und jammere. Dabei ist viel Bewegung ja gesund, lese ich in der Zeitung, wenn ich auf seiner Schulter sitze und seine Zeitung mitlese, vor allem für ältere Große, wie er einer ist, seinem weißen Bart nach zu schließen. Auf Bildern sehe ich ja meist alte Große, die weißes Haar haben, aber damit ist es bei ihm nicht mehr weit her, das wäre kein Maßstab.

Andererseits, er hat ohnehin nicht so viel „Sitzfleisch“, wie die Großen sagen. Kaum habe ich es mir auf ihm gemütlich gemacht, will er schon wieder aufstehen und irgendwelche unnötigen Verrichtungen machen: in der Küche Kaffee zuzubereiten, der mir absolut nicht schmeckt, ein Sandwich (oder zwei) anfertigen und essen. Überhaupt, er isst viel  und nur ganz selten gibt er von seinem Essen etwas ab, ein Stückchen Wurst etwa, oder ein Kuchenstück, groß wie sein Daumennagel – mir schmeckt eigentlich alles, was er mir abgibt, zu seiner Verwunderung: wo ich denn das alles hinfresse, fragt er mich und ich sei ohnehin schon viel zu dick.

Zum Ausgleich dauert es dann am Abend, dass ich ein Stück Beute bekomme. Da muss ich mich dann zu meiner leer gespeisten Schüssel setzen, bis ihm einfällt, es sei Zeit für mich, zu essen. Manchmal nützt auch dieses demonstrative Hinsetzen leider nichts, er schaut einfach nicht nach mir und blickt statt dessen in den Fernseher, indem irgendwelche halbnackten Weiber sich ungewöhnlich benehmen: sexy, nennen sie das und diesen Unsinn gibt es jeden Abend zu sehen: immer neue Weiber, und Männer auch, die allesamt dumm sind wie ein Frosch im Brunnenschacht. „Unterschichtfernsehsender“, sagt der Große dann und wechselt das Programm, aber in dem ganzen Apparat gibt es nichts anderes, bloß andere Programme. Und die Frau N, die pro Jahr in 18 Fernsehstücken auftritt, die Wiederholungen gar nicht gerechnet, und in Wahrheit immer nur eine einzige Rolle spielt, sei es als Arztgattin in Irland, sei es als Farmerin in Kenia oder Botswana oder Brasalien  oder sonst wo. Aber immer noch besser als diejenige, die nach Indien fliegt und dort mit Bettlerjungen und Leprakranken deutsch redet, und alle, alle, verstehen sie und reden ihr zu Liebe auch deutsch.

Kaum etwas gibt es, was mich an diesen Sendungen interessieren könnte und Glück habe ich, dass solches auch den Großen langweilt und so hören wir statt dessen eine gewisse Rosanna Rocci singen, oder die Helene Fischer und einige andere: hübsch anzusehen wenigstens und ohne sichtbare Falten und wenn die Damen nicht zu laut singen, kann ich mich zufrieden mit mir und der Welt auf dem Großen zusammenrollen und mein Nachtmahl in Ruhe verdauen – so ich denn eines bekommen habe.

Denn, manchmal nützt mein Hinsetzen nichts, auch nicht ein kleines, bescheidenes Maunzen, ich muss dann energischer werden. Dann stelle ich mich neben das Fauteuil des Großen und klopf' ihm mit der Pfote auf die Schulter: das wirkt immer. Dabei bin ich ganz zart, ich fahre meine Krallen wirklich nicht aus, aber Schulterklopfen ist sehr wirksam. Ich kann es allen Katzen nur empfehlen bei anderen Großen.

Am Morgen ist Schulterklopfen weniger wirksam, wenn der Große in der Morgendämmerung partout noch schlafen will, obgleich ich bereits voll wach bin und gewaltig hungrig: Am Morgen also nützt am Besten und fast immer, wenn ich ihm mit der Pfote auf seine Nase klopfe. Einmal genügt meist, zweimal bringt mit Sicherheit den gewünschten Erfolg: zwar murmelt mein Großer dann verschiedene Worte vor sich hin, die  zu meinem Wortschatz als gut erzogene Katze nicht gehören, aber er tut doch, was ich will: erhebt sich und serviert mir gerösteten Hasen mit Gemüse, um nur eines der herrlichen Beutestücke zu erwähnen, die er für mich besorgt. Damit fängt mein Tag dann schon gut an. Nur der Grosse murmelt dann etwas von <nachtschlafener Zeit>, macht aber nichts, ich weiß ohnehin nicht, was das sein soll.

In aller Regel bin ich am Morgen, mit etwas Gutem im Magen, am unternehmungslustigsten: ich stürme quer durchs Revier, ich spiele mit der Stoffmaus, die er mir als Ersatz gebracht hat, denn meine Vorgängerin muss alle Mäuse im Revier umgebracht haben, jedenfalls gibt es derzeit keine. Nur im Sommer dann und wann eine fette Fliege, die ich unter dem Beifall des Großen (und der Großen auch, wenn sie gerade im Revier weilt) jage, bis sie müde sind und mir zum Opfer fallen. Dann freilich gibt es ein Problem: was ist eine Fliege gegen eine Gans mit Gartenkräutern oder ein Stück Thunfisch in Sauce), frage ich? Aber eine Katze fängt nicht nur Beute, sie frisst sie auch und so verzehre ich meist mit Widerwillen das gefangene Vieh. Vorher, wenn es noch ein bisschen am Leben ist, spiele ich mit ihm, meist aber nicht lange, denn dann tritt der Große auf und zertrampelt meine Beute zu Matsch. Matsch aber will ich nicht essen, sage ich und so bleibt das Ding, das einmal eine Fliege war, denn liegen und trocknet ein. Der Grosse entfernt den eingetrockneten Kadaver mit einer Serviette und redet dabei selten freundlich mit mir. Was aber kann ich dafür? Habe ich die Fliege zertreten oder er?

Ach ja, meine Vorgängerin. Nichts erinnert mehr in der Wohnung an sie außer Fotos von ihr, die er mir manchmal zeigt: als Vorbild für eine schön getigerte Katze.

Kann ich was für mein Aussehen? Habe ich mir mein Aussehen ausgesucht? Würde ich überhaupt nochmals eine Katze werden wollen oder nicht eher ein Tiger im Dschungel? Man könnte über den Sinn des Lebens nachdenken, aber das tue ich lieber nicht, denn weiß ich, zu welchen Ergebnissen ich dann käme?

Ich ziehe es vor, im Jetzt und Heute zu leben: ich habe ein schönes Revier, akzeptable Große (jedenfalls im Vergleich mit denen, die mich aus meinem früheren Revier hinausgeworfen haben), es gibt keine Hunde, die mich ärgern und keine Kinder, die mich am Schwanz ziehen und in der Badewanne waschen wollen.  Ich bekomme genug zu essen, wenngleich die Jagd ein wenig langweilig ist: die Beute finde ich immer am selben Platz in der Küche, aber es gibt wenigstens immer wieder anderes zu speisen.

Um das eine Jahr im neuen Revier zusammenzufassen:

Mir geht es gut, ich bin zufrieden und einigermaßen glücklich. Mehr will ich nicht.

Und jetzt werde ich mich zwischen die beiden Großen setzen und mir das Fell kraulen lassen.

 

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© Peter Lausch / 2010

24. September 2010