Lisa Nurejew

 

  1. Kapitel

 

Gestatten: mein Name ist Lisa Nurejew, aber ehrlich, mir wäre es lieber, Sie sagten <Lisi> zu mir. Sehr gute Bekannte dürfen mich <Lieserl>  nennen.

Ich bin jetzt 6 Jahre alt und lebe seit fast 2 Monaten bei meinem neuen Großen, <Große> nennen wir  die Menschen, weil wir zu ihnen aufschauen. Aber nicht, weil wir wollen, sondern weil wir so klein sind. Ich denke, Sie wissen schon, wer – oder was – ich bin? Eine Katze natürlich. Nur Juristen bezeichnen unseresgleichen als Sache, aber was man von Juristen zu halten hat, weiß ohnehin ein jeder: Nichts nämlich.  

Schön bin ich nicht, leider, deshalb ist es mir auch nicht recht, wenn mein Großer Bilder von mir ins Internet stellt. Aber Sie können sich leicht vorstellen, wie ich ausschaue, wenn ich sage, ich sei weiß mit schwarzen und getigerten Stellen im Fell und mit einer rosa Nase.

Und um ehrlich zu sein, mein Großer wollte mich ja eigentlich auch nicht nehmen, weil ich ihm nicht gefallen habe, doch blieb ihm nichts anderes übrig als ausgerechnet mich zu nehmen. Passenderes, Hübscheres, war nämlich gerade nicht zur Hand.

Wie das kam?

Also ich will Sie mit meinem Vorleben nicht behelligen – ich erinnere mich zwar noch genau an meine Jugend, so alt bin ich auch wieder nicht, aber sie hat mich eigentlich nur gelehrt, dass sich die Dinge schnell und unversehens ändern können.

Daher nur so viel: Die Großen, die meine Mutter bei sich leben ließ, entschieden, ich sei eine kleine Katze zu viel. Sie hätten mich gleich bei der Geburt ertränken oder in einen Topf mit kochendem Wasser werfen können, aber so böse waren sie denn doch nicht. Also verschenkten sie mich an fremde Große, die eine andere Sprache redeten, die ich nicht verstehen konnte. Brauchte ich auch nicht, ich sah ohnehin, was los war und mit der Zeit lernte ich auch ihren Kauderwelsch. 

Anfangs war ja alles in Ordnung, ich hatte ein akzeptables Revier, bekam auch ausreichend zu essen, aber ehrlich, gut schmeckte es nie. Ich hatte auch ein eigenes Klo, das aber leider nicht oft genug von der Großen gereinigt wurde, sodaß mir grauste, es zu benützen. Ich tat es dennoch, ich wollte die zwei Großen, die in meinem Revier lebten, nicht ärgern, war ich doch auf sie angewiesen.

Es war bloß ein Jammer, dass die Beiden so oft auf der Jagd waren, oder sonst wo, jedenfalls nicht in meiner Wohnung, so dass mir richtig fade war. Ich tröstete mich, indem ich ganze Tage in ihrem Bett verschlief. Als sie merkten, dass in ihrem Bett meine Haare waren, breiteten sie eine Bettdecke übers Bett, wenn sie tagsüber ausgingen. Mich störte das nicht, ich kroch unter die Bettdecke, lag im Dunklen und schlief prächtig. Gegen Abend hieß es allerdings aufpassen, da kamen sie zurück ins Revier und brüllten gewaltig los, sobald sie mich in ihrem Bett entdeckten. Nachmittags also schlief ich sozusagen immer im Alarmzustand und wartete aufs Geräusch der Reviertür. Dann hüpfte ich aus ihrem Bett und begrüßte sie, sobald sie das Revier betraten.

Statt sich jedoch über mein nettes Verhalten zu freuen (ich hätte sie ja auch in den Knöchel beißen können), mäkelten sie regelmäßig an mir herum: Eine ordentliche Katze miaue laut und deutlich, ich brächte nur ein schwächliches Mäh zu Stande, als wäre ich ein krankes Schaf.

So begann also – regelmäßig leider – der ungemütliche Teil des Abends. Teuflisch hieß es aufpassen, dass sie nicht auf mich draufstiegen: ein paar Mal taten sie es doch, es tat wirklich weh und ich schrie gewaltig. Auf Mitleid wartete ich vergeblich, statt dessen nannten sie mich etwas, was ich, wie schon gesagt, nicht verstand, aber unschwer als <Blödes Vieh> übersetzte. Beim Essen wurde ich aus dem Zimmer ausgesperrt. Ich wollte den Fraß, den sie aßen, ohnehin nicht, aber ich wollte doch mit ihnen zusammen sein, ihnen beim Essen zusehen. Doch aus welchem Grund auch immer, daß ich auf den Tisch sprang, wollten sie nicht und so musste ich im Finsteren vor der Tür warten, bis ich wieder ins Zimmer schlüpfen konnte.

Es blieb auch weiterhin ungemütlich: saßen sie auf einer Sitzbank, wollten sie partout nicht leiden, dass ich ihnen auf den Schoß sprang und mich gemütlich zusammenrollte: ich haare, piepste die Große und schob mich zu ihrem Mann, den ich beim abendlichen Biertrinken störte, nachdem er einige Mal Haare aus seinem Bier gefischt hatte. Von denen  behauptete er, es seien meine – gut möglich natürlich.

Manchmal musste ich meine Krallen schärfen. Ich benützte dazu den Teppichboden im Revier, aber nur so lange, bis die Große merkte, daß ich dabei Fäden zog und drohte, mir die Krallen ausreißen zu lassen. Das tat sie nie, aber fortan verscheuchte sie mich mit Fußtritten, wenn sie mich im Verdacht hatte, ich könnte Übles im Sinn führen. Daher hieß es, die gut erzogene liiiiebe Katze zu spielen. Untertags, wenn sie abwesend waren, kroch ich dann unters Bett und kratze dort, solange ich dazu Lust hatte. Dort zog ich wahrscheinlich auch Fäden, denke ich, aber die Große sah es nicht und mir war es egal.  Warum hatte dieses Weib mir eigentlich keinen Kratzbaum gekauft?

Im Lauf der Zeit wurde der Umgang mit den beiden Großen schwieriger: an mir lag es nicht.

Sie begannen, herumzubrüllen, aber Gott sei Dank nicht mit mir sondern miteinander. Als dann das Weib dem Gatten einen Teller nachwarf und er sie als Belohnung ohrfeigte, schwante mir Böses. Sie versöhnten sich zwar wieder und verjagten mich mit seltsamen Geräuschen von meinem angestammten Schlafplatz unter ihrem Bett. Aber seit damals  heulte die Große gelegentlich vor sich hin, wenn sie allein war.

Das kam nun öfters vor. Dann streichelte und herzte sie mich, daß mir Angst und Bange wurde und ich zusah, mich irgendwo zu verkriechen. Dann suchte sie mich im ganzen Revier und gab mir sicherlich hässliche Namen, weil ich ein undankbares Vieh sei.

Eines schönen Tages kam es zum Eklat: die beiden Großen stritten lang und laut und als Ergebnis packte der Mann seine Sachen in mitgebrachte Schachteln und holte seine Freunde, damit sie ihm beim Abtransport behilflich seien. Waren sie.

Die Große schrie und heulte fürchterlich und raufte sich die Haare (Homer hätte gesagt, sie zerfleischte sich die Brust, aber ich bleibe bei der Wahrheit und die war weniger dramatisch). Schließlich – als sozusagen krönendem Abschluss - packte sie mich und warf mich quer durchs Zimmer  dem Großen nach, der mich mit Müh und Not auffing, auf den Boden stellte und ihr Verschiedenes erklärte. Wie gesagt, die beiden redeten ja immer ausländisch, aber dem Sinn nach meinte er, sie könne ja jetzt mich an seiner Stelle ins Bett nehmen, kein anderer Mann sei nämlich so blöd, sich mit ihr ….. etc.

Dann knallte er die Tür zu und ward – von mir – nicht mehr gesehen. Einer weniger.

Die Große heulte gewaltig und oft in der nächsten Zeit: Für mich war es eine schöne Zeit, für sie weniger, denke ich, denn ich konnte tatsächlich neben ihr in dem für sie allein zu großem Bett schlafen; es hat aber alles Vorteile und Nachteile: schlief ich zwar nunmehr weich und gut und lange im Bett, vergaß die Große oft, mir Futter hinzustellen. Glaubte ich zunächst, sie hätte draußen vor unserem Revier keine Beute gemacht, so merkte ich, für sich selbst gab es Essen genug, nur für mich war manchmal nichts da. Über die Reinlichkeit des Klos will ich gar nicht erst anfangen zu reden.

Ich zeigte ihr, was mich störte und ließ Überreste auf den Teppichboden fallen. Prompt stieg sie hinein. Man soll halt immer schauen, wo man hintritt, hatte meine Katzenmutter mich schon als kleines Kätzchen belehrt, aber die Großen sind halt dumm.

War indessen keine gute Idee von mir, sie sperrte mich einen ganzen Tag in ihrem Klo ein, damit ich lernte, wie sich ordentliche Katzen benehmen. Finster war’s da und langweilig und zum Essen gab es auch nix, aber ich lernte meine Lektion, ging wieder auf mein Klo, wurde fortan wieder – unregelmäßig leider – gefüttert und kletterte tagsüber nach Lust und Laune den Fenstervorhang auf und ab, bis dieser von der Vorhangstange abriß. Neuer Ärger, aber keine Dunkelhaft dieses Mal. Stattdessen redete die Große nicht mehr mit mir und stieß mich jedes Mal weg, wenn ich einen schüchternen Annäherungsversuch unternahm.

Tja, und eines Tages kam sie spät am Abend angetrunken nach Hause und brachte ein Art Neger (pardon, Schwarzafrikaner, oder richtiger: Beigeafrikaner, denn schwarz war der Kerl wirklich nicht) mit, mit dem sie auf dem Bett Geräusche erzeugte. Ich selbst kann darüber nicht klagen, zu mir war er danach eigentlich recht freundlich, zu ihr allerdings weniger: wir haben ihn nicht mehr gesehen. Die Große heulte von da an jeden Abend, den sie daheim verbrachte.

Seither kam die Große regelmäßig spät von der Arbeit heim, stank nach Bier und Wein, mehr noch, nach Zigarettenrauch und war sie dann einmal schon am frühen Abend daheim, wollte sie von mir nichts wissen, ich konnte mich bemühen, wie ich wollte, und heulte lieber.

Mir schwante Böses.

Und Böses kam.

Am Morgen eines schönen Sommertages, den ich auf dem Fensterbrett in der Sommersonne liegend, angenehm verbracht hatte, packte sie mich in den Transportkäfig, mit dem ich seinerzeit ins Revier gebracht worden war, trug mich auf die Straße, lud mich in einen stinkenden Kasten und fuhr endlos durch die Stadt, bis sie irgendwo anhielt, meinen Käfig auspackte und mich in einem fürchterlich nach Katzenurin stinkenden Haus ablieferte. Dort palaverte sie eine Weile lang mit einem jungen Mädchen, das mich währenddessen geistesabwesend streichelte, recht angenehm, unter uns, ich war ja in letzter Zeit nicht verwöhnt worden. Dann verschwand meine Große.

Ich blieb mit dem jungen Mädchen zurück, aber nicht lange, denn sie brachte mich in einen großen Raum mit vielen Schachteln und Regalen und einem Gitter an einer Seite statt einer Mauer mit Fenster. Durchs Gitter konnte man in einen grasbewachsenen Hof sehen, ein eigentlich hübscher Anblick, wäre bloß das Gitter nicht gewesen, das den Auslauf versperrte.

Aber natürlich war das nicht das wirklich Besondere an diesem Raum, denn in den Schachteln, auf den Regalen, auf dem Boden saßen allerlei fremde Katzen, die mich neugierig anstarrten. Ich machte mich so klein als möglich, aber den Transportkorb mußte ich dennoch verlassen, den nahm das junge Mädchen wieder mit  - und überließ mich meinen neuen Bekannten.

Bekannte ist gut, ich kannte ja keine von den fremden Katzen. Artig stellte ich mich vor, sagte  meinen Namen. Nicht den, den ich heute trage, den hat mir mein Großer gegeben, sondern meinen, den mir meine bisherigen Großen verliehen hatten; Cica, oder so ähnlich.

Die meisten meiner Mitbewohnerinnen taten so, als hätten sie mich nicht gehört und nicht gesehen.

Ein großer dicker Kater kam schließlich herüber, sagte, er sei der Herr hier, wie es sich für einen Kater halt so gehöre, aber leider, Kater sei er keiner mehr. Unter uns, ich habe daher nichts von ihm zu fürchten. Ich wußte ohnehin nicht, was ich hätte fürchten sollen, mit Katern hatte ich noch nichts zu tun gehabt.

Ich solle nur nicht aufmüpfig werden, riet er mir, sonst gebe es Streit. Zu Essen sei immer genug da, es bliebe immer etwas übrig, ich brauche mich daher nicht vorzudrängen und den anderen Katzen auf die Nerven gehen. Im übrigen heiße es jetzt warten bis irgendein Großer oder eine Große Gefallen an mir finde und mich in ein neues Revier mitnehme. Aber so häßlich, wie ich sei, würde das sicherlich Monate dauern.

„Aber ich habe schon doch eine Große“, wandte ich ein.

Er lachte: „Gehabt, Kleine. Die hat dich doch hier abgegeben, weil sie von dir genug gehabt hat. Sei froh, dass sie dich nicht einfach aus dem Auto geworfen hat.“

„Das würde meine Große nie tun“, sagte ich.

„Nein? Ich sage dir, den Großen ist alles Böse zuzutrauen. Bisher hast du halt Glück gehabt und weißt noch nicht, wie hart das Leben sein kann. Wart‘ nur ab, du wirst es schon noch lernen“, meinte er altklug.

Und so war es. Eine Weile brauchte ich, bis ich mich an den Gedanken gewöhnte, daß meine Große mich tatsächlich aus meinem Revier verstoßen hatte. Während dieser Zeit lernte ich, dass ich am besten in einer leeren Schachtel sitzen blieb und die vielen Tage verdöste, die kamen und wieder vergingen, ohne dass mich jemand in ein neues Revier geholt hätte.

Das war am Schwersten zu ertragen: Gelegentlich kamen Menschen, zeigten auf diese oder jene Katze, erkundigten sich bei dem jungen Mädchen, das sie hereinführte (es gab da mehrere junge Mädchen,   eine war darunter, die sogar für mich gelegentlich ein gutes Wort übrig hatte und mir versprach, sie werde sich bemühen, mich zu vermitteln, ich solle halt Geduld haben). Manche dieser Großen kamen auch zu mir, blickten mich gleichgültig an, während ihre Kinder auf eine andere Katze zeigten.

Immer wieder wurde eine von uns von einem dieser Besucher mitgenommen.

„Sie hat ein neues Heim gefunden. Hoffentlich geht es ihr gut“, sagten wir zueinander, aber insgeheim dachte wohl eine jede von uns, warum bin nicht ich ausgewählt worden?

Im Juni war ich eingeliefert worden, der Sommer verging, niemand hatte mich ausgewählt. Ich war ein wenig deprimiert. Was immer ich auch tat, um mich den Leuten anzubiedern, es half nichts. Anfangs ging ich auf jeden zu, der in unser Zimmer kam, strich um die Beine der Leute. Es nützte nichts, manchmal war es eher nachteilig: „Schau, wie die Weiße da haart“, rief eine Frau. Kamen Leute im Hof zum Gitter unseres Zimmers, liefen regelmäßig einige von uns hin und drückten sich ans Gitter, damit man sie streicheln könne. Manche Leute taten es, gelangweilt, und gingen weiter. Andere Katzen jedoch wandten sich grundsätzlich ab, wenn jemand hereinkam, das waren die, welche alle Hoffnung verloren hatten. 

Es hieß, würde man nicht in  einer bestimmten Zeit einen neuen Besitzer finden, bekomme man eine Spritze und dann sei alles aus.

Mehrmals wurde ich abgeholt und bekam eine Spritze, aber sie impften mich nur und ich kam lebendig wieder in unser Zimmer zurück. Doch es ist nicht einfach, zu sehen, dass in meiner gewohnten Schachtel schon eine andere Katze saß und sagte, diese Schachtel gehöre jetzt ihr: man habe geglaubt, ich sei für immer weggeholt worden, weil sich ja niemand von den Großen für mich interessierte.

So verlor ich alle Hoffnung. Betraten fremde Menschen unser Zimmer, blieb ich sitzen, wo ich war (meist in meiner - neuen - Schachtel) und tat so, als ginge mich das alles nichts an. Warum auch sollte ich mich bemühen, einen guten Eindruck zu machen? Mich würde sowieso keiner nehmen.

September kam, das junge Mädchen, zu dem ich ein wenig Vertrauen gefasst hatte, streichelte mich und meinte, ich solle die Hoffnung doch nicht fahren lassen, es würde mich schon noch wer nehmen. Sie selbst habe ja auch wem gefunden und sie sei auch nicht schön, nicht wahr? So ähnlich sei es auch bei Katzen.

Sie hat leicht reden, dachte ich, sie sitzt nicht seit Monaten in einem Zimmer und wartet auf die Tötungsspritze! Doch da ich nicht undankbar scheinen wollte, leckte ich ihr den Finger und sie lachte: „Du bist ja eine ganz liebe Katze!“

 

  1. Kapitel

Eines Tages anfangs September kamen wieder Große in unser Zimmer. Wie üblich versammelten sich die unternehmungslustigeren von uns Katzen, die nämlich, welche die Hoffnung noch nicht aufgegeben hatten, um die Besucher, miauten, schmeichelten, rieben ihre Köpfe an den Beinen der Besucher. Ein Mann und eine Frau, dieses Mal und das erwähnte junge Mädchen. Der Mann zeigte auf eine Katze, die auf der Platte eines Kratzbaums saß: „Die da“, meinte er. Das Mädchen sagte, die da sei nicht stubenrein. Er zeigte auf eine andere, mit schön getigertem Fell: „Die da!“ Die sei eine eingefangene Wildkatze, lasse sich nicht streicheln und wahrscheinlich sei  auch sie nicht stubenrein. Er zeigte auf eine Katze mit flauschigem, orangefarbenen Fell: „Und die da?“ Ach, das ist eine von drei Katzen, die wir nur gemeinsam hergeben können, sagte das Mädchen.

Er zeigte dann nacheinander auf 2 andere Katzen: eine war erst vor einigen Tagen eingeliefert worden und noch in Quarantäne, die andere war keine Katze, sondern der kastrierte Kater, der am Anfang mit mir gesprochen hatte. Er sei ein Kater, zwar kastriert, aber er scheine dennoch das Revier zu markieren. Das sei auch nichts, mischte sich die Frau ein.

Der Mann meinte, jetzt habe er schon in mehreren Zimmern auf gut 20 Katzen gezeigt, aber die richtige sei doch nicht darunter.

Das junge Mädchen meinte: „Wollten Sie nicht eine schwarz-weiß gefleckte Katze? Da hätte ich eine ganz liebe“ und zeigte auf meine Schachtel, in der ich scheinbar schlief und mit gespitzten Ohren die Unterhaltung mitverfolgte.

Sie kam zu mir, hob mich aus meiner Schachtel. „Jetzt gilt es, mein Schatz“, flüsterte sie mir zu und legte mich dem Mann in die Arme.

Ich rührte mich nicht, schnurrte so laut, als ich konnte, obgleich mir vor Aufregung wirklich nicht nach Schnurren zumute war und die Frau sagte zu dem Mann, das sei ja wohl die Katze, die sie gesucht hätten.

„Schön ist sie aber nicht“, meinte der, aber die Frau und das junge Mädchen überzeugten ihn, das bilde er sich bloß ein, offenbar sei ich ein liebes Tier, so wie ich schnurre und mich streicheln lasse.

„Sie können die Katze binnen 2 Wochen auch wieder zurückgeben, wenn Sie mit ihr nicht zurechtkommen“, meinte das junge Mädchen. Das gab anscheinend den Ausschlag.

Sie verfrachteten mich in einen neuen Käfig, den der Mann geholt hatte: damit hatte ich neue Menschen gefunden.

Als wir aus dem Zimmer hinausgingen, warf ich einen letzten Blick auf meine Gefährtinnen, die mich mit großen Augen beneideten: So muß auch ich dreingesehen haben, wenn eine andere Katze ausgewählt worden war.

Ich wünsche mir, dass sie alle miteinander ein schönes Revier mit guten Menschen drin gefunden haben.

 

3. Kapitel

 

Es folgte eine lange Fahrt in einem dieser stinkenden Kästen, ich wurde durchgeschüttelt und mir war schlecht. Ich jammerte laut. Die 2 Großen redeten besorgt auf mich ein, es dauere nicht mehr lange, ich solle mich doch beruhigen. Davon wurde mir zwar nicht besser, aber es tat doch gut, zu hören, dass sie sich für mein Befinden interessierten.  

Im Revier angekommen, öffneten sie den Behälter und ich hüpfte unternehmungslustig in mein neues Revier.

Was soll ich sagen, es war groß, hell, trocken und warm - und es stank nicht nach anderen Katzen. Offenbar war ich die einzige Katze hier.

Jetzt hieß es, sich zu benehmen, damit sie mich nicht wieder zurückgaben. Dazu hatte ich mir schon einiges überlegt, was ich umgehend verwirklichte:

1. Markierte ich die beiden Großen ausgiebig, indem ich meinen Kopf an ihren Beinen rieb.

2. Schlängelte ich mich als Ganzes um ihre Beine: jede andere Katze würde wissen, dass die beiden Großen jetzt zu mir gehörten.

3. Anschließend setzte ich mich ins Zimmer und miaute, so gut als ich es halt konnte: Schon ein erster Rundgang hatte gezeigt, hier gab es nichts Essbares. Mein Miauen hörten sie zwar nicht (ich habe offenbar wirklich eine schwache Stimme) aber sie kamen selbst drauf, was fehlte und unverzüglich erhielt ich in einer Schale eine ganze Portion Hase in Gemüsesoße: mein Essen musste ich weder mit den Großen selbst noch mit anderen Katzen teilen, es blieb etwas übrig und selbst das nahmen sie mir nicht weg. Dazu stellten sie mir eine Schale mit frischem Wasser hin und während ich das kühle Nass schlürfte, hörte ich sie im Nebenzimmer rumoren. Als ich nachschauen ging, entdeckte ich, dass sie mitten in den Raum ein Katzenklo hingestellt hatten. Der Ort gefiel mir zwar nicht recht, aber sie standen so besorgt daneben, dass ich ihnen den Gefallen machte, ins überdeckte Klo hineinkletterte und ein wenig im Sand kratzte, um zu zeigen, dass ich mich auskannte. Das gefiel ihnen offenbar.

3. Müde von den Aufregungen - und vom Essen - suchte ich mir einen Platz in der Bücherwand und fand prompt eine Stelle hinter großen Büchern, wo ich mich zusammenrollen und ungesehen ins Zimmer blicken konnte, was dort so geschah.

4. Erfreuliches geschah: Die 2 Großen sahen mich nicht - und suchten mich, weil sie ängstlich waren, mir sei etwas geschehen. Das gefiel mir so, dass ich mein Versteck verließ und der Großen auf den Schoß sprang und mich dort ausstreckte.

Mehr  konnte ich eigentlich nicht tun, um mich beliebt zu machen, dachte ich. Aber leider hatte ich mich geirrt.

Denn die Große begann sich unter mir zu winden und mit den Beinen zu wackeln und als ich mich mit den Krallen an ihrer Kleidung festhielt, um meinen Platz zu verteidigen, begann sie zu quietschen und schob mich sodann auf den Sitzplatz neben ihr.

Na, da hatte ich es offenbar auch nicht besser getroffen als bei meiner früheren Großen.  Ich versuchte mein Glück bei dem neben ihr sitzenden Großen. Bei ihm hatte ich mehr Glück. Er lachte bloß, als ich mich ihm quer über den Bauch legte und begann mich zu streicheln.

"Ach, jetzt sind also wieder die Zeiten gekommen, da ich über und über mit Katzenhaaren bedeckt sein werde", rief er. Derweil putzte die Große sozusagen jedes einzelne Haar von ihrem schwarzen Hosenanzug. "Lisi, Lisi", sagte sie zu mir, "es ist ein Jammer, dass du eine weiße Katze bist. Vielleicht müssen wir dich schwarz färben!"

Davon hatte ich noch nichts gehört und blickte den Großen fragend an, der freundlich lachte. "Hätte ich eine Schwarze gewollt, hätte ich eine Schwarze genommen. Nein, nein, Lieserl, du wirst nicht umgefärbt."

Daraus lernte ich zweierlei: dass der Große mir einerseits gut gesinnt und durchaus ein vernünftiger Großer war, und ferner, dass ich nicht schwarz gefärbt werden würde. Ferner lernte ich, dass ich anscheinend einen neuen Namen erhalten hatte: niemand würde mehr Cica zu mir sagen, ein Name, den ich immer für unschön gehalten hatte. Offenkundig hieß ich nun Lisi oder Lieserl, was mir wesentlich besser gefiel.

Daher rollte ich mich zusammen und begann zu schnurren, was beide Großen wohlgefällig hinnahmen.

Zu früh für meinen Geschmack wurde die Bauchbinde (wie er mich nannte, was immer das auch sein mag) von ihrem Platz entfernt. Wir gingen in die Küche und dort bekam ich eine weitere Schale mit gutem Essen, Trockenfutter diesmal, damit ich auswählen könnte, welches Futter mir lieber wäre, hieß es.

Um ihnen zu zeigen, dass ich Wert auf die Großen legte, folgte ich ihnen den ganzen Abend lang auf Schritt und Tritt und kam eigentlich nur in Schwierigkeiten, wenn sie in verschiedene Richtungen gingen. Im Zweifel folgte ich indessen dem Großen, denn der hatte mir den Hasen und das andere Futter serviert. Mich mit ihm gut zu stellen, schien mir daher besonders wichtig.

Richtig handelte ich, denn die Große ging im Lauf des Abends auf die Jagd oder sonst wohin und ich blieb mit dem Großen allein zurück, der eine Weile herumrumorte und dann, wie er sagte, schlafen ging. Ich folgte ihm natürlich, sah zu, wie er sich hinlegte und eine Decke über sich zog, denn es weiß ja ein jeder, dass die Großen leider leicht frieren, weil ihnen kein Fell gewachsen ist

Damit er sich nicht allein fühlte, legte ich mich zu ihm, neben den Kopfpolster. Da die Fenster offen waren, wehte ein richtig kühler Wind durchs Zimmer und ich kroch unter die Decke und wärmte mich an der Brust des Großen. Nicht lange war mir das vergönnt, denn, dem Schicksal sei es geklagt, er schlief recht unruhig und wälzte sich dauernd hin und her und ich fürchtete, er könnte sich in seinen Träumen auf mich legen und mich zerquetschen. Deshalb verkroch ich mich in einem Möbelstück voller Bücher, nachdem ich einige aus dem Regal geworfen hatte. Da war es dunkel, ich fühlte mich vor neugierigen Blicken geborgen, wenngleich das Brett, auf dem ich schlummerte, hart war und mir am Morgen alle Knochen weh taten.

Zum ersten Mal seit langem schlief ich durch: niemand wollte mein Fach mitbenutzen, keine andere Katze mit mir raufen, und zu meinem Glück fehlte eigentlich nur, dass der Große ruhig gewesen wäre. Die längste Zeit gab er Geräusche von sich. Aber man gewöhnt sich ja bekanntlich an alles und so versank ich nach einiger Zeit in einen tiefen und ruhigen Schlaf.

Am Morgen erwachte ich und spazierte durchs Revier, in dem ich viele schöne Plätze zum Ausruhen entdeckte, sogar eine Art kleinen Teppich, auf dem ich meine Krallen schärfen konnte.

Leider gab es in der Küche nichts, um meinen Hunger zu stillen - am Abend hatte ich vorsichtshalber alles aufgegessen, was da war. Ich wusste ja nicht, wie in diesem Revier die Versorgungslage war und wann ich wieder was zu essen bekäme.

Ich trabte zum Großen zurück, der noch immer schlief, obgleich es ja nun schon hell wurde im Revier. Ich miaute probehalber, aber er hörte mich nicht. Ich habe anscheinend wirklich ein schwaches Stimmchen. Selbst als ich mich neben sein Ohr stellte und buchstäblich hineinmiaute, wurde er nicht wach. Er erwachte erst, als ich auf ihn kletterte, und ihn mit meinem Schwanz an der Nase kitzelte.

Dennoch blieb er freundlich, pflegte mein Fell, indem er langsam darüber strich, stand dann auf und reichte mir ohne weiteren Verzug in der Küche neues Essen, zarte Gans mit Gartenkräutern.

Ich ließ es mir schmecken. Mir schwante, verhungern würde ich in diesem Revier und bei diesem Großen nicht.

*

Seither sind schon einige Wochen vergangen. Der Große und ich haben uns aneinander gewöhnt und ich komme auch mit der Großen gut aus, allerdings nur, wenn sie in Freizeitkleidung kommt und nicht in dunklen Hosenanzügen oder Kleidern. Da ist sie dann heikel, aber ich habe halt gelernt, dass die Großen ihre Eigenheiten haben und spiele dann bei ihr nicht die Bauchbinde. Dafür eignet sich ohnehin der Große besser, er ist weicher und schon ganz grau von meinen Haaren. Da kommt es auf ein paar Haare mehr nicht an, sagt er öfters, und recht hat.

Ich liege stundenlang auf ihm, er mag das, denke ich. Allerdings ist er recht unruhig, immer wieder steht er auf und geht im Revier umher, ich natürlich auch, damit er mich nicht etwa allein zurücklässt.

Das kommt leider dennoch vor. Er geht auf die Jagd, scheint mir und bisher hat er immer genug mitgebracht, dass es für uns beide reicht. Aus welchem Grund immer, die Große isst uns nichts weg, sie ist anscheinend ein wenig heikel und will keine Katzenhaare im Essen, sagt sie. Da bleibt sie lieber hungrig. Als ob es auf ein paar Haare ankäme. Macht aber nichts, bleibt uns mehr.

Sie sehen schon, ich bin rundherum zufrieden. Ich verhalte mich natürlich auch entsprechend, denn die Zeit in jenem Zimmer mit den vielen fremden Katzen hat mir gelehrt, dass das Leben einer Katze durchaus nicht so schön und harmonisch verlaufen muss wie mein Leben jetzt im neuen Revier.

Für mein schönes Leben bin ich dankbar. Ich hoffe allerdings, auch meine Großen sind mir dankbar, dass ich eine so friedfertige Katze bin und mich immer gut benehme. Kein Kratzen und kein Beißen bisher. Unter uns, es war ja bisher auch nicht nötig, ich habe auch so bekommen, was ich wollte.

Hoffen wir, dass es so bleibt. Falls mir wieder etwas einfällt, werde ich es aufschreiben, aber im Augenblick liege ich lieber da und warte auf eine weitere Mahlzeit.

 

© Peter Lausch / 2009

17. Oktober 2009