2. Teil:
Nikon M, Nikon S, Nikon S2  und die Exoten

Fortsetzung des 2. Teiles:

 

Nikon S2

Die im Dezember 1954 vorgestellte und bis Juni 1958 erzeugte Nikon S2 unterschied sich schon äußerlich und nicht nur in – wichtigen – Details von den bisherigen Modellen I und S, sind sich doch diese in allen wesentlichen Eigenschaften ähnlich und auf den ersten Blick nur schwer zu unterscheiden. Spötter sagen, am leichtesten seien die Modelle durch ihren Preis zu unterscheiden, die Nikon I naturgemäß am teuersten, die Nikon S am - relativ gesehen - billigsten.

Wesentlich war, dass mit der Nikon S2 bisherige Mängel beseitigt wurden, die den Zeitgenossen vielleicht gar nicht als Mangel aufgefallen waren, im Nachhinein aber sehr wohl welche darstellen. Der Fairness muss man dazusagen, dass die meisten anderen Kameras dieser Epoche dieselben Mängel besaßen.

Fassen wir es positiv:

  • Die Nikon S2 hatte erstmals einen Schnellschalthebel anstelle eines Drehknopfes.
  • Die Nikon S2 besaß eine ausklappbare Kurbel zum manuellen Rückwickeln des voll geknipsten Films (motorisches Rückspulen war damals noch unbekannt).
  • Vor allem aber besaß sie einen ordentlichen Sucher, der das Aufnahmeobjekt im Maßstab 1:1 zeigte und nicht ein verkleinertes und schwer erkennbares Abbild. Tatsächlich war der kleine Sucher der Vorgängermodelle mit seiner Verkleinerung des Sucherbildes auf 0,6 des Originals von vielen Kunden bemängelt worden.
  • Dazu kam die 1/1000s als kürzeste Verschlusszeit und – Eingeständnis an die Macht des Marktes – das Format 24x36. Damit hat Nikon mit der S2 das eigentlich harmonischer wirkende "Nippon-Format" 24x32 endgültig und für immer aufgegeben.
  • Viele andere wichtige Eigenschaften der früheren Modelle blieben indessen erhalten: Bajonett und Einstellfassung für die Entfernung wurden nicht geändert; die charakteristische Gehäuseform wurde im Wesentlichen beibehalten.

Vergleicht man Nikon S und Nikon S2, ist klar erkennbar: die Nikon S2 ist eine moderne Kamera, kein Vergleich mit dem früheren Modell. Die Kamera war im wesentlichen fertig entwickelt, als die Leica M3 bei der Photokina im April 1954 vorgestellt wurde. Ihr Erscheinen hat sicherlich auch die Gestaltung der Nikon S2 beeinflusst. Nur ein Beispiel: Die Leica M3 hat eine Suchervergrößerung von o,91, die S2 hat einen 1:1-Sucher, der das Sucherbild nicht verkleinert. Beim Anvisieren kann der Fotograf beide Augen offen lassen.

Somit war die Nikon S2 eine konstruktiv neue und fortschrittliche Kamera. Die Nikon S2 unterschied sich im Erscheinungsbild erstmals deutlich von der Contax, Das erkannte auch die Konkurrenz; die Nikon S2 war die erste Nikon, deren Aussehen von anderen japanischen Firmen nachempfunden wurde, auch wenn diese noch Modelle mit Schraubfassung herstellten, die mit den Schraubleicas kompatibel waren. 

Das erkannten vor allem auch die potentiellen Käufer: über 57.000 Exemplare wurden verkauft, eine (relativ) schöne Leistung für die etwas mehr als drei Jahre, in denen die S2 angeboten wurde. Alles ist relativ; von der Leica M3 wurden zwischen 1954 und 1966, als die letzten ausgeliefert wurden, über 230.000 Exemplare verkauft. Die Leica AG war damals noch eine Weltfirma. 

Jedenfalls ist die Nikon S2 die zahlenmäßig und kommerziell erfolgreichste Sucherkamera von Nikon gewesen. Sie ist auch das historisch älteste Modell einer Nikon, mit der zu fotografieren heute noch Spaß macht. 

Die Nikon I und die Nikon M sind zwar ebenso wie die Nikon S - regelmäßig gewartet - immer noch zuverlässige Kameras, mit denen man fotografieren kann, aber sie sind doch umständlich zu bedienen und erstaunlich schwer – auch einer jener Punkte, in denen sich die Firma Nippon Kogaku K. K. den Wünschen der Kunden nach einem stabilem aber dennoch leichterem Modell gebeugt hat. Im übrigen wird wohl bei den heutigen Preisen, die von Sammlern vor allem für die extrem selten angebotenen Nikon M´s und Nikon I´s gezahlt werden, niemand auf die Idee kommen, mit einem solchen Goldstück Urlaubsfotos, womöglich am Sandstrand, zu machen. 

Die Nikon S2 wird relativ häufig als Gebrauchtkamera angeboten und ist im allgemeinen auch (relativ) preiswert. Praktisch ist jedoch nur die Chromversion auf dem Markt; die Nikon S2 gab es serienmäßig auch in einer schwarzen Ausführung, allerdings sind schwarz lackierte Kameras extrem selten. Überhaupt ist auch an dieser Stelle, auf die Gefahr, mich zu wiederholen, zu sagen, dass Suchernikons in Europa sehr schwer zu finden sind, vor allem solche in wenig gebrauchtem Zustand. Das kommt daher, dass Nikon primär den japanischen und den amerikanischen Markt belieferte. Viele amerikanische Soldaten brachten ihre Nikons in die USA, wenn sie in die Staaten zurückversetzt wurden. In Österreich wurden Suchernikons überhaupt nicht offiziell importiert, selbst die spätere Nikon F jahrelang von einer Schreibmaschinenfirma in Linz mit entsprechendem Verkaufserfolg und überhaupt keiner Werbung. Aber die Nikon F sollte sich sozusagen von selbst verkaufen, wie sich zeigen wird. 

Für die Nikon S2 war auch ein Motor vorgesehen, allerdings konnte er nur an eine spezielle Sonderausführung, die S2E angeschlossen werden. Kamera und Motor dienten in erster Linie dazu, die Marktchancen einer solchen Kombination zu erproben. Daher wurde für diese motorisierte Kamera auch nicht geworben. denn inzwischen wurde primär die Nikon SP entwickelt und die bekam von Anfang an einen elektrischen Motor als Zubehör. 

Ab September 1957 kam die neue Nikon SP auf den Markt, die wesentlich teurer war als die Nikon S2. Ein halbes Jahr noch blieb die S2 auf dem Markt, um potentiellen Kunden ein billigeres Modell anbieten zu können, dann wurde die Produktion eingestellt (März 1958).

Technische Daten Nikon S2:

Messsucherkamera für Kleinbildfilm und Wechselobjektiven (Contax-Fassung); horizontal ablaufender Tuchschlitzverschluss, Bildformat 24x36 mm, Sucherrahmen für Standardobjektiv 50 mm Brennweite, Suchervergrößerung 0,6, Messsucherbasis 60 mm, infolge 1:1 Sucher  effektiv ebenfalls 60 mm,
Belichtungszeiten: T, B, 1, 1/2, 1/4, 1/8, 1/15, 1/30, 1/60, 1/125, 1/250, 1/500, 1/1000.
Blitzkontakt (siehe oben),  kein Selbstauslöser,
Filmtransport mittels Schnellschalthebel; Rückspulung mittels ausklappbarer Kurbel, nach Filmwechsel manuell auf Null zu stellendes Bildzählwerk,
Standardobjektiv: Nikkor 1,4/50 mm
Maße: 136x79x43,5, Gewicht mit Nikkor 1,4/50: 700 g.

Ungefähre heutige Preisbasis für gut erhaltene und funktionsfähige Nikon S2: 1.200 Euro, fürs Gehäuse allein ca. 1.000 Euro.

 

Nikon Sky (Cloud) Camera

Dieser kleine Bericht beschränkt sich mit Absicht auf die Entwicklungsgeschichte und den Erfolg der frühen Sucherkameras und der einäugigen Spiegelreflexkameras der Nippon Kogaku K. K. für das Kleinbild 24x36mm.
   Dennoch möchte ich auf eine in diesen Rahmen nicht recht passende Kamera eingehen, nicht weil sie als Kamera selbst von Bedeutung für die Entwicklung der Nikons wäre, sondern wegen des Objektivs, des Stammvaters einer ganzen Objektivgattung, nämlich der Fisheye-Objektive, die in den 60er-Jahren durch ihre Wiedergabeart ganz Aufsehen erregende Bilder lieferten, mit einer vorher nie gesehenen Perspektive.
   Vielleicht ist sogar die Bezeichnung "Himmelskamera" die bessere, denn genau zum Fotografieren des Himmels über der Erde war diese Kamera bestimmt, die im Auftrag eines japanischen Stromversorgungsunternehmens konstruiert wurde, das auf diese Weise Blitzeinschläge in seine elektrischen Anlagen bei Gewittern dokumentieren wollte.
   Die Kamera selbst (Abbildung hier samt technischen Details, das Laden des Links dauert leider!)  ist eine Rollfilmkamera für Filme im gängigen Format 120 und produziert 12 kreisförmige Bilder mit einem Durchmesser von 5 cm pro Film. Sie weist eine Art Schnellschalthebel für den manuellen Filmtransport aus, hat aber keinen Sucher. Der ist auch nicht nötig, denn fest angeschlossen an dieses Gehäuse ist ein 1:8/16,3mm Nikkor Fisheye-Objektiv mit drei Blendeneinstellungen: 8, 11 und 16. Das Objektiv wurde ohne Entfernungseinstellung geliefert (infolge der großen Schärfentiefe ist sie auch nicht nötig, es ist ohnehin alles scharf von vorn bis hinten, um genau zu sein: von 12cm bis Unendlich bei Blende 8, entsprechend mehr bei Blende 11 und 16. Dieses Objektiv mit einem Bildwinkel von nahezu 180 Grad wirft, wie schon erwähnt, ein kreisförmiges Bild mit einem Durchmesser von 5 cm auf den Rollfilm, wobei der Zentralverschluss Zeiten von 1s-1/500s erlaubt.

Die Wolkenkamera ist die allerseltenste Nikon: es wurden, einschließlich eines Prototypen, insgesamt 30 (dreißig) Exemplare erzeugt, von denen nur 18 verkauft werden konnten. Sollte jetzt jemand davon träumen, dass in irgendeinem versperrten Raum bei Nippon Kogaku K. K. noch 12 fabrikneue Wolkenkameras lagern, so muss ich den Traum leider sogleich beenden: Das Inventar an fertigen, aber noch nicht verkauften Waren wurde in Japan in den 50er-Jahren sehr hoch besteuert, sodass alle Firmen, nicht nur in der fotografischen Industrie, bestrebt waren, bei einer Steuerprüfung einen möglichst kleinen Warenvorrat aufzuweisen. Was machte man daher in Japan, sobald sich zeigte, dass man von einem Produkt mehr erzeugt hatte, als in unmittelbarer Zukunft verkauft werden würde? Man zerstörte es und fotografierte die zerstörten Waren. Die Fotos hob man eine Zeit lang auf, falls die Finanzbehörde ein unziemliches Interesse zeigen sollte, danach warf man sie weg.

Dem Vernehmen nach wurde die Mehrzahl der Kameras nicht an den japanischen Kunden verkauft, der sich eine solche Kamera gewünscht hatte, sondern in den Vereinigten Staaten. In Japan dürfte nur ein Exemplar erhalten geblieben sein, das jetzt in einem japanischen Fotomuseum zu besichtigen ist und körperlich Beweis davon ablegt, dass es eine solche Kamera tatsächlich gegeben hat.

Der damalige Nikon-Importeur in den Vereinigten Staaten, Ehrenreich, rührte kräftig die Werbetrommel für diesen Exoten und verlieh einzelne Kameras an amerikanische Illustrierte wie Life oder das National Geographic Magazine, von denen sie, wegen ihrer neuartigen Wiedergabe der Landschaft gerne verwendet wurden – die mit der Wolkenkamera angefertigten Bilder waren richtige "eye-catcher".

Durch dieses Interesse an Fisheye-Objektiven kam die Nippon Kogaku K. K. auf die Idee, ein solches Fisheye für Kleinbildkameras zu entwerfen, wofür sich das relativ kleine und auf dem Rollfilm keineswegs formatfüllende Abbild geradezu anbot. Das in der Folge für die Nikon F entwickelte Fisheye mit den Daten 1:8/8mm, das auf dem Kleinbildfilm auch nur ein kreisförmiges Bild entwarf (aber mit weit weniger Filmverschwendung) kam 1962 auf den Markt, war sündteuer, aber dennoch der Ahnherr einer ganzen Reihe von Fisheye-Objektiven für die Nikon-Kameras. Dass das Objektiv sehr weit in das Gehäuse der Nikon F hineinragte, war konstruktionsbedingt, störte aber nicht weiter, weil der Umlenkspiegel der Nikon F ja nach oben geklappt werden konnte, um dieses und ähnliche Objektive, vor allem Weitwinkelobjektive, verwenden zu können. Im übrigen wurde die Idee von anderen Firmen aufgegriffen, sodass eine Zeitlang solche Objektive auch zu SLRs von Canon, Pentax und Olympus angeboten wurden. Schon seit längerem gibt es auch Fremdfabrikate, z. B. von Sigma für verschiedene Marken.

Das heute noch auf dem Markt befindliche Vorsatzobjektiv Kenko Fisheye (es gibt auch andere Handelsmarken) ist zwar mit dem Fisheye aus dem Jahre 1962 nicht zu vergleichen in der Qualität, aber dennoch ein preiswerter letzter Nachfahre.

Technische Daten der Sky- (Cloud-) Kamera:

Sucherlose Rollfilmkamera für Rollfilm 120, Zentralverschluss, kreisförmiges Bildformat 50 mm,  
Belichtungszeiten: B, 1, 1/2, 1/4, 1/8, 1/15, 1/30, 1/60, 1/125, 1/250, 1/500,  
Blitzkontakt (X und M), Selbstauslöser vorhanden,
Filmtransport mittels Schnellschalthebel im Gehäuseboden und Rückspulknopf fehlt, da Rollfilm verwendet wird,  Bildzählwerk,
Fest eingebautes Objektiv  Fisheye-Nikkor 8/16,3 mm, 
Maße: 132,5x107x130,5 (HxBxT), Gewicht mit Objektiv: 1.500 g, Gehäuse allein: 850g

Ungefähre heutige Preisbasis: Liebhaberpreis, keine Angabe möglich.

 

Calypso

Und wenn wir schon bei Kameras angelangt sind, die nur sozusagen entfernte Cousins und Cousinen der Nikon Rangefinders dieser Jahre sind, müssen wir auch eine Kamera erwähnen, die gar keine Nikon ist und nicht von der Nippon Kogaku K. K. erzeugt wurde: die Calypso Unterwasserkamera.

Die Calypso ist das Produkt der Zusammenarbeit des belgischen Luftfahrtingenieurs Jean de Wouters und des französischen Meeresforschers Jacques-Ives Cousteau auf Grund der Erfahrungen bei einer Tauchfahrt im Roten Meer Anfang der 50er-Jahre. Was Cousteau wollte, und was es auf dem Markt nicht gab, war eine handliche Kamera, möglichst im Kleinbildformat, welche sich ohne komplizierte Gehäuse unter Wasser verwenden ließ, und zwar in jenen Tiefen, die damals ein Taucher mit Pressluftgerät, aber noch ohne Tauchanzug erreichen konnte (etwa 50m). Die Kamera musste daher ausreichend wasserdicht abgedichtet und gleichzeitig widerstandsfähig genug sein, um den Ansprüchen der beruflichen Praxis zu genügen.

Herauskam die von der französischen Firma Spiro ab 1959 gebaute Calypso, benannt nach dem Forschungsschiff Cousteaus, das wiederum seinen Namen von einer griechischen Sagenfigur ableitete. Diese Dame hielt bekanntlich Odysseus sieben Jahre lang gefangen.

Die Kamera besteht aus einem Innenkörper, der den Sucher, den Verschluss und den Filmtransport enthält – und auch den Film – sowie das auswechselbare (Normal)Objektiv, ein 1:3,5/35-50mm Som-Berthiot, und einer wasser- und in begrenztem Ausmaß druckfesten Ummantelung. Als Wechselobjektive waren ein Som Berthiot mit 28mm Brennweite und ein Teleobjektiv von Angenieux mit 80mm Brennweite erhältlich. Die Wasserdichtheit wurde durch eine Reihe von Dichtungsringen sichergestellt, die jeweils vor Gebrauch einzufetten waren, sonst war die Freude klein. An der Oberseite waren die Belichtungszeiten einstellbar, von 1/30s – 1/500s sowie B. Es sind allerdings auch Exemplare bekannt, deren Schlitzverschluss auch auf die 1/1000s als kürzeste Belichtungszeit eingestellt werden konnte. Die jüngeren Exemplare haben aber alle einen Verschluss mit 1/500s als kürzester Zeit. Entfernung und Blende wurden seitlich am Objektiv durch drehbare Griffe eingestellt. Der Filmtransporthebel war an der Unterseite angebracht und war gleichzeitig auch der Auslöser, sofern vorher der Film transportiert (und damit auch der Verschluss aufgezogen) worden war.

Diese Kamera soll in einschlägigen Kreisen ein beträchtlicher Verkaufserfolg gewesen sein,, heißt es, aber nachprüfbar ist das nicht. Denn wie viele Kameras erzeugt wurden, wussten nur die Eingeweihten und die schwiegen sich aus. Nicht nur Taucher wie Cousteaus Leute, sondern auch Archäologen und Bergbautechniker, alle, mit einem Wort, die eine Kamera benötigten, die gegen Feuchtigkeit und Nässe, aber ganz allgemein auch gegen Dreck und Staub, einigermaßen immun war, gehörten zu den Käufern. Insofern wurde die Calypso die erste Unterwasserkamera, die tatsächlich weitere Verbreitung fand und das ist verständlich, wenn man die abstrusen Unterwassergehäuse für Leicas, Rolleiflex-Kameras und dgl. sieht, die mehr oder minder in Einzelanfertigung von besseren Bastelfirmen für teures Geld gebaut wurden.

Die Nippon Kogaku K. K. wurde auf die Calypso aufmerksam. Die Calypso ist die einzige Kamera, deren Prinzip von Nikon gekauft und in der Folge weiterentwickelt wurde. Die nunmehr als Nikonos bezeichnete Kamera erhielt ein anderes Normalobjektiv, anstatt des Som-Berthiot wurde eine vorhandene Konstruktion verwendet, ein Nikkor 2,5/35, ein an sich für die Sucher-Nikons gedachtes Objektiv, in einer angepassten Fassung. Infolge des unterschiedlichen Brechungsindexes des Wassers gegenüber der Luft fungiert dieses Weitwinkelobjektiv unter Wasser als Normalobjektiv. Ein zusätzlich entwickeltes Spezialobjektiv nur für Unterwasseraufnahmen wurde ebenfalls angeboten, mit den Daten 1:3,5/28mm und ferner wurde ein über und unter Wasser verwendbares leichtes Teleobjektiv erzeugt, mit den Daten 1:4/80mm. Wichtiger war, zur Nutzung mit Taucherbrille, ein passender Rahmensucher und ein Unterwasserblitzgerät, um mit Farbfilm Bilder in natürlichen Farben zu erzielen und die Verblauung von Fischen, Pflanzen und Boden durch die Wasserschicht auszugleichen.

Schon 1958 erschien eine verbesserte Version, die in Europa auch als Calypso-Nikkor angeboten wurde (siehe die nebenstehende Abbildung).

1975 wurde mit der Nikonos III eine letzte Version mit dem klassisch gewordenen Calypso-Gehäuse auf den Markt gebracht wurde. Sie ist aus einem ganz speziellen Grund auch heute noch beliebt: Ist infolge mangelhafter Abdichtung beim Filmwechsel Wasser in die Kamera eingedrungen, besteht die Chance, die Kamera zu reparieren; die Folgemodelle kann man in einem solchen Fall wegwerfen oder in die Vitrine als Schaustücke stellen, dank Elektronik.

Ihr folgte 1980 die Nikonos IVa mit einem völlig neuen Gehäuse, das die Kamera wesentlich griffiger und damit leichter bedienbar machte. Das Gehäuse war bei diesem Modell – und ist es auch bei den Folgemodellen – aus einem Stück mit einer aufklappbaren Rückwand. Ebenso wesentlich war das moderne Innenleben: die Nikonos IVa ist die erste UW-Kamera mit elektronisch gesteuertem Verschluss. Sie ist eine Art Sucher-Nikon EM im wasserdichten Gehäuse; daher entfällt bei diesem Modell der Nikonos auch die Möglichkeit der manuellen Einstellung der Kamera. Die Nikonos IVa kennt nur die Zeitautomatik mit Zeiten von 1/30s – 1/1000s, sowie 1/90s als Synchronzeit.
   
Die  Nikonos V weist schon äußerlich nicht mehr viel Ähnlichkeit mit der Calypso auf. Die moderne Ausgabe unterscheidet sich naturgemäß auch technisch von der fast 40 Jahre alten Vorgängerin. Heute ist ein elektronisch kontrollierter und vertikal ablaufender Metall-Schlitzverschluss ebenso Standard wie TTL-Belichtungsmessung. Beides zusammen erlaubt nach Einstellung der Blende durch den Fotografen automatische Zeitenbildung mit hoher Genauigkeit. Die Belichtungszeiten reichen von 1/30s-1/1000s und B, dazu gibt es eine mechanisch gebildete Zeit, auf der Verschlusszeitenskala als M90 selbsterklärend angezeigt und eine kürzeste Synchronzeit für Elektronenblitze von 1/90s. Einen Motor sucht man vergebens, dafür gibt es einen eigenen Auslöser (siehe aber unter: Calypso) am anatomisch richtig geformten Griff am Gehäuse und einen eigenen Schnellschalthebel sowie eine ganz normale Rückspulkurbel. Der moderne High Eyepoint-Sucher ist bei einer solchen Kamera besonders wichtig, erlaubt er doch den Blick in den Sucher auch mit Taucherbrille.

Zur seit 1984 erzeugten Nikonos V gibt es allerlei Zubehör, von Wechselobjektiven über Blitzgeräte bis zu Nahaufnahmezubehör. Natürlich ist sie teurer als verschiedene einfache Kameras, mit denen der Anfänger durchaus auskommen kann – wer will schon 50 Meter tief tauchen! Von den Plastikbeuteln, in die man buchstäblich eine jede Kamera einpacken und – vielleicht mit Schnorchel ausgestattet – einige Meter unter Wasser auch noch fotografieren kann, gar nicht zu reden.

Die Nikonos V wird seit Ende 2001 nicht mehr erzeugt. Mit viel Glück findet man da oder dort noch fabrikneue Zubehörteile; dem Vernehmen nach kann man bei den Landesvertretungen von Nikon die Kamera - noch - reparieren lassen.

Mit der ab 1992 angebotenen Unterwasser-AF-SLR Nikonos RS ist Nikon buchstäblich baden gegangen. In dieses kleine orangene Ungeheuer verpackte Nikon alles, was gut und teuer und modern ist im Kamerabau: Autofokus, TTL-Belichtungsmessung per Matrix- und mittenbetonter Messung und TTL-Blitzmessung, Zeitautomatik, Motor samt motorischer Filmrückspulung, DX-Filmabtastung etc. Das ganze Ding wog mit Normalobjektiv über 2 Kilo und unter Wasser immer noch fast ein Kilo. Es war so groß, dass Unkundige sich immer wieder wunderten, dass Nikon nun auch schon Großbildkameras erzeuge.
  
Das klingt teuer und es klingt nicht nur teuer, die Nikonos RS war auch wirklich teuer. So teuer jedenfalls, dass sie bei der kleinen Zielgruppe, die jahrelang nach einer UW-SLR verlangt hatte, kein Verkaufserfolg war und nach vier glücklosen Jahren lief 1996 die Produktion aus.

 

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Zuletzt bearbeitet:  13. Mai 2009

© 2005  /   Peter Lausch
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