Omar Ibn Munqidh al Alawydia

 Morgenländische Märchen -
Der letzte Arbeitstag

 

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Omar schreibt in seinen Märchen über seinen letzten Arbeitstag im Amt für Friedenserhaltung:

Auch in unserem fernen Land, weit im Osten, braucht man nicht bis zum Lebensende zu arbeiten. Das verlangen wir zwar von unseren Sklaven, aber natürlich nicht von den Paschas, Wesiren und sonstigen Würdenträgern. Und ebensowenig von der großen Masse unseres Volkes, den Freien, heutzutage meist als Klasse der Lohnabhängigen bezeichnet.
   
Dank der Bemühungen unseres großen und nicht genug zu verehrenden Sultans - Allah segne ihn und seine Nachkommen - leben die Pensionisten allerdings immer länger, sodass der Sultan in seiner Weisheit befunden hat, es sei notwendig, dass wir alle entsprechend länger arbeiten, damit wir die Pension nicht länger genießen als früher.
   
Auch so ein kleiner, bescheidener Pascha wie ich habe dank der Weisheit unseres Sultans, den ich mir freilich nicht ausgesucht habe (aber ich bin ja ein kleinlicher Mensch, dem die Weisheit und die Visionen eines Sultans naturgemäß fehlen), länger arbeiten dürfen als ich mir mein Arbeitsleben lang träumen ließ. Aber ich habe den letzten Arbeitstag wenigstens überlebt, was leider nicht jedem von uns beschieden ist - von den Sklaven wollen wir ja gar nicht reden, denn siehe, das Leben ist ungerecht und verteilt die Lasten und die Freuden desselben ganz nach Belieben.
   
Und zu Deiner Erbauung, aber naturgemäß auch zum höheren Ruhm unseres großen und nicht genug zu verehrenden Sultans - Allah segne ihn und seine Nachkommen - will ich denn den Verlauf des letzten Tages meines Arbeitslebens wahrheitsgetreu niederschreiben. Du wirst dann besser als nun (sofern das überhaupt möglich ist) die Weisheit unseres Sultans und der Großwesire verstehen, die unser Land regieren, in unserem Auftrag (die Sklaven natürlich ausgenommen) und zu unserem Wohlergehen. Deshalb geben wir denselben Weisen alle vier Jahre bei freien Wahlen stets aufs Neue unsere Stimmen - da es vollkommen aufs Gleiche herauskommt, welchen von ihnen wir wählen. Sie sind doch alle einander so ähnlich im Geiste wie ein faules Ei dem anderen ähnelt - Allah segne unsere Weisen und ihre Nachkommen.

*


Auch an meinem leider verspäteten letzten Arbeitstag erscheine ich früher als die mir Unterstellten im Amt für Friedensdurchsetzung unseres großen und schönen Landes im Osten. Allein, mir harren keine Aufgaben mehr im Bereich der Friedensdurchsetzung. Nicht, dass alles zum Besten stünde, nein, das nicht, bloß habe ich in den vergangenen Monaten alles erledigt, was ich noch erledigen konnte, und was noch übrig bleibt (es ist nicht wenig) überlasse ich meinem Stellvertreter, der lebhaft hofft, dass er nach mir Pascha wird. Indes, ich zweifle.
   
Was denn das Amt für Friedenserhaltung so zu tun hat, fragst Du? Wisse denn, dass in unserem Land fern im Osten und ebenso in den angrenzenden Ländern weit und breit alles zum Besten bestellt ist, sodass von uns schon seit langem keine Kriege mehr gefochten werden. Es greift uns einfach keiner an und wir tun es unsereins auch nicht. Dennoch erweist es sich nach Meinung unseres Sultans und seiner Großwesire - Allah segne sie und ihre Nachkommen - unvermeidlich, eine Anzahl von Tatzelwürmern und Flugdrachen zu besitzen, einschließlich etlicher Kriegsknechte, die sie bedienen. Friedlich, wie wir aber sind, können unsere Flugdrachen aus Altersschwäche kaum mehr fliegen. Auch die Tatzelwürmer sind nicht mehr die flinksten unter ihresgleichen, wenngleich sie, nach gutem Zureden, schon noch Feuer speien können. Kein Wunder, wenn ich sage, auch die Kriegsknechte sind alles in allem nicht gut zu Fuß. Aber das alles macht natürlich mangels Feinden nichts aus, gegen die wir die Flugdrachen, die Tatzelwürmer und die Kriegsknechte entsenden müssten. Damit das aber die Lohnabhängigen in unserem Land nicht merken, die den ganzen Spaß mit ihrer Arbeit ja finanzieren dürfen, lassen wir die Flugdrachen gelegentlich in niedriger Höhe über die Städte fliegen und laut brüllen, damit es nach was klingt.
   
Ich indessen weiß, wie es um sie bestellt ist. Das zu wissen, war mein Beruf. Und nicht nur ich weiß es, sondern auch all die anderen Paschas, Oberpaschas und Wesire in unserem Amt samt dem für uns zuständigen Großwesir, der uns als leuchtendes Beispiel immer und überall vorangeht, wie man sagt - und wie käme ich dazu, daran zu zweifeln? Allah ist mein Zeuge.
   
Aber ich neige im Alter zur Geschwätzigkeit, fürchte ich.
   
Nicht lange bleibe ich in meiner Abteilung allein, kaum habe ich mich niedergelassen und mir Kaffee bereitet (in unserem Land macht man das selbst, lieber Leser und lässt keine Frauen solch wichtige Aufgaben verrichten), erscheint auch schon die erste Sklavin, setzt sich an ihr Schreibgerät, stellt davor einen Spiegel auf und richtet sich ihr Haupthaar - hofft sie doch im Geheimen, für sich noch einen von meinen Freigelassenen zu erobern. Bald danach treten auch die übrigen Sklavinnen ihren Dienst an, denn siehe, wer zeitig im Amt erscheint, kann auch zeitig wieder gehen. So halten wir es mit unseren freien Bürgern und - im Normalfall - auch mit unseren Sklaven und Sklavinnen bei uns im fernen Land im Osten.
   
Alle Sklavinnen versammeln sich in einem Zimmer; einige machen sich schöner, als sie sind, wie sie meinen, einige kochen sich dünnen Kaffee aus dem Sud, den ich ihnen überlasse, und keine von ihnen arbeitet. So ist das jeden Morgen, seit Schaffung unseres Amtes, nicht nur bei mir, sondern auch bei allen anderen Paschas. Ehe wir nicht bei den Sklavinnen erscheinen und sie mit Gebrüll aus ihrem müßigen Geschwätz aufstören, rühren sie keinen Finger. Manche tun auch dann nichts wirklich - jene etwa, bei denen irgendwann einmal ein Pascha schwach geworden ist und sie sich ihm hingeben mussten. Solche auch nur einmalige Vergnügungen schaffen Abhängigkeiten und gewähren lebenslange Privilegien. Ich weiß, wovon ich schreibe.
   
An diesem letzten Arbeitstag unterlasse ich mein rituelles Gebrüll, die Sklavinnen arbeiten daher auch weiterhin nichts. Statt dessen bereden sie den Lauf der Sonne und des Mondes und andere weltbewegende Themen wie etwa, warum das Wasser des Flusses, der unsere schöne Hauptstadt durchfließt, nicht mehr so blau ist wie einst die Dichter behaupteten.
   
Statt dessen bleibe ich in meinem Zimmer, lese bei Kaffee die großen Zeitungen unseres Landes, die der Wahrheit verpflichtet sind und nichts und niemandem sonst. Jeden Morgen tue ich das, wir sagen dazu: Politische Bildung tut not. Und wahr ist es: Jeden Morgen aufs Neue preise ich mein Glück, in unserem fernen Land im Osten leben zu dürfen, lese ich doch mit Entsetzen über die Geschehnisse in den heidnischen Ländern - dem Reich des Bösen fern im Westen.
   
Aus diesen und ähnlichen Überlegungen reißt mich unsere Haussklavin in formlosem Kleid und mit einer Kapuze über dem Haupthaar. Von ihr lassen wir die niedrigen Arbeiten verrichten, die Böden schrubben, die Möbel abstauben, die Abtritte reinigen. Sie verdient es nicht besser, sagen die anderen Sklavinnen, denn sie ist nicht nur aus dem fernen Westen, sondern noch dazu eine Heidin. Würde sie sich dafür wenigstens schämen, sagen sie, aber nein, sie hat erst unlängst eine Wallfahrt gemacht und ist beglückt und gesegnet in unser Land zurückgekehrt (damit sie nicht bei den anderen Heiden bleibt, hat der zuständige Gefängnis-Pascha in seiner Güte ihre kleine Tochter einstweilen streng verwahrt). Von Jugend an ist sie Sklavin, hat ihre Tochter in der Sklaverei empfangen von einem Sklaven, den man für sie ausgesucht hat und der sie danach regelmäßig verprügelt hat, solange er lebte (nicht lange, er trank sich zu Tode). Unsere Sprache spricht sie einigermaßen. Sie kann es dennoch nicht fassen, dass meine übrigen Sklavinnen sie nicht als eine der ihrigen anerkennen und entsprechend behandeln. Sie erwidern ihren Gruß nicht, sie nehmen die Haus-Sklavin einfach nicht wahr. Sie tun natürlich nur so, denn immer wieder lassen sie vor ihren Augen beschmutzte Papiere zu Boden fallen, die sie aufheben muß. Aber dafür beschweren sie sich regelmäßig über sie, weil sie am Morgen noch nicht alle Zimmer gleichzeitig gereinigt hat.
   
Warum tun sie das, ich bin doch ebenso Sklavin wie sie, fragt sie mich, den Pascha.
   
Weil die Sklavinnen dumm sind und böse, könnte ich antworten, weil jeder nach unten treten will, der von oben getreten wird. Weil die Welt grausam ist, könnte ich antworten, aber ich tue es nicht, sondern zucke mit den Schultern.
   
Weshalb ich die Frechheit nicht abstelle, dass eine gewöhnliche Haus-Sklavin wie sie mich anspricht, fragen mich die Sklavinnen intrigant und neidisch.
   
Weil ich mit einem jeden rede, der mich anspricht und weil mir die Haus-Sklavin leid tut. Ich kann mit ihr reden, helfen kann ich ihr nicht. So ist das Leben. Hätte Allah gewollt, wäre ich kein Pascha geworden, sondern als Haus-Sklave geboren. Die Eltern kann man sich nicht aussuchen.
   
Heute verrichtet die Haus-Sklavin schweigend ihre Arbeit. Als sie fertig ist, geht sie zur Tür, macht einen kleinen Knicks und wünscht mir ein langes, schönes Leben. So Gott will, fügt sie hinzu, aber natürlich meint sie nicht Allah, sondern ihren eigenen Gott.
   
Ich spiele meine Rolle und reiche ihr gnädig die Hand und sie sagt: Sie sind ein guter Mensch.
   
Dann geht sie. Warum bloß sagen einem manchmal die einfachsten Menschen die allerschönsten Dinge?

*

Gegen 9 Uhr lege ich meinen Talar an: nicht den Zeremonientalar mit Hermelinkragen, das nicht, aber immerhin einen beinahe neuen Talar aus schwarzem Samt und begebe mich zum Wesir, um mich von diesem zu verabschieden. Zu einem Wesir geht man nicht so einfach, als Pascha setzt man sich aber auch nicht zu den übrigen Bittstellern vor seiner Tür und wartet, bis man, bisweilen nach Tagen, vorgelassen wird.
   
Als Pascha hat man gewisse Vorteile: man sucht um eine Audienz an und bekommt auch eine, sobald der Wesir Zeit hat. Natürlich muß man bei der Anmeldung sagen, was man will. Ist es etwas Unangenehmes, das zu besprechen ist, hat der Wesir bedeutend weniger Zeit. Da er aber weiß, was ich will und ihm das nicht eigentlich unangenehm ist, habe ich mich gestern angemeldet und schon für heute vormittag wunschgemäß einen Termin bekommen.
 
   
Vor seiner Tür die übliche Gruppe von Bittstellern, die mich neidisch betrachten, als ich zu der Sklavin ins Vorzimmer eintrete. "Immer die Paschas ..." und "Wir gewöhnlichen Leute können ja warten ....". Ich weiß, was sie murmeln, aber hinter der nunmehr verschlossenen schalldichten Türe höre ich es nicht. Man weiß viel in unserem Land fern im Osten, bloß redet man nur über wenig.
   
Die Vorzimmer-Sklavin nimmt sich die Freiheit und küsst mich auf die Wange. Ich lasse es zu: als ich jung war, ist sie es auch gewesen. Erinnerungen verbinden, sogar zwischen Pascha und Sklavin.  
   
Nach wenigen Minuten werde ich zum Wesir vorgelassen. Anscheinend mir zur Ehre hat er seinen Zeremonientalar angelegt. Purpurfarben, mit breitem Hermelinkragen und einem breiten Streifen aus Goldbrokat auf der mit Orden übersäten Brust. Kein Wort verliert er über meine unpassende Kleidung, der ich mich im übrigen nicht schäme. Auch im Zeremonientalar eines Paschas, der mir zusteht, bin ich nichts als ein Pascha. Der bin ich auch nackt im Bett, sofern es einmal darauf ankommen sollte.
  
Formell dankt er mir für meine jahrzehntelange treue Arbeit im wohlverstandenen Interesse unseres Reiches. Auf Leute wie mich könne der Sultan stolz sein und der Großwesir auch. Ohne unsereins wäre der Staat - nichts. So sei es, auch wenn die Lohnabhängigen das nicht wahrhaben wollten und immer nur das viele Geld sehen, das unser Unterhalt kostet.
   
In diesem Tonfall redet er noch eine Weile. Da schon lange in unserem Amt keiner mehr in Pension gehen konnte, hat er anscheinend extra für mich sich eine Rede zurechtgelegt. Und dann komme ich und habe nicht einmal den Zeremonientalar an. Dennoch darf danach auch ich einige Worte sagen: meine Standardrede, die ich einem jeden gehalten habe, von dem ich mich in den vergangenen Tagen verabschiedete. Darin habe ich jetzt Übung. Und außerdem entspricht sie - sorgsam abgewogen - der Wahrheit, denn ach, ich weiß, dass einige Male nicht viel gefehlt hat und man hätte mir die seidene Schnur geschickt. Wie man in unseren Kreisen sagt: dem ertappten Verbrecher schickt man die seidene Schnur, dem nicht ertappten hingegen verleiht man Orden. Aus diesem Grunde habe ich immer die Annahme eines Ordens verweigert. Mit Manchen möchte ich möglichst wenig gemein haben.
   
Der Wesir sieht unauffällig auf sein Stundenglas. Ich verabschiede mich. Wir wünschen uns gegenseitig alles Gute im weiteren Leben und meinen es auch so. Niemals sind wir uns in die Quere gekommen. Danach gehe ich.
   
Auf dem Gang vor der Tür steigt die Stimmung der Bittsteller: wieder ein lästiger Pascha erledigt, die Chancen steigen, dass sie erhört werden. Ich könnte ihnen sagen, sie sollten sich besser keine Hoffnung machen, der Wesir habe eine wichtige Besprechung außer Haus zu absolvieren.
   
Ich unterlasse diese Mitteilung: warum soll ich sie enttäuschen, sie werden die Wahrheit schon noch rechtzeitig von seiner Vorzimmersklavin erfahren.
   
In der Abteilung haben sich Bittsteller gemeldet: einfach zu beantwortende Fragen haben sie gestellt, aber ach, was ist am Ende eines Berufslebens nicht einfach zu beantworten? Ich weise die Sklavinnen an, die Bittsteller an meinen Stellvertreter zu verweisen, der wisse alles. Warum soll ich mir das noch antun, am allerletzten Tag?
   
Einen Bittsteller kann ich nicht abwimmeln und ehrlich, ich will es auch nicht: Mit ihm habe ich Jahre hindurch vertrauensvoll und reibungslos zusammengearbeitet, er will sich verabschieden. In den Augen der Sklavinnen hat er bloß einen Fehler: er ist ein Freigelassener und sie verstehen nicht, dass ich, ein Pascha, für so einen Zeit habe (und für sie und ihre Scheinprobleme nicht). Ich weiß auch das, aber auch darüber rede ich nicht mit ihnen.
   
Er redet über meine Zukunftspläne; sie interessieren ihn, denn in einiger Zeit hofft auch er in Pension gehen zu können. Noch ist er zu jung dazu, wie ich scherze. Er aber weiß seine - vergleichsweise - Jugend nicht zu schätzen und beneidet mich ganz offen und ehrlich. Ich sage ihm, ich hätte keine Pläne, außer Reisen. Außerdem wolle ich die Geschichte des Ortes erforschen, in dem ich meine Jugend verbrachte und .... Am Ende legt er das Paket auf den Tisch, das er die ganze Zeit vorsichtig an sich gedrückt hielt: ein Abschiedsgeschenk. Ich danke auch ihm und wir verabschieden uns voneinander. Das Geschenk beschämt mich, ich habe es durch mein Verhalten nicht verdient. Dass ich jahrelang die Erzählungen über seine Probleme angehört habe, war kein Verdienst, sondern einfach Neugierde, aber ihm ist wahrscheinlich leichter gewesen, seine beruflichen und privaten Probleme jemandem erzählen zu können.
   
Danach gehe ich in eine andere Abteilung und verabschiede mich von den Leuten dort. Mit keinem bin ich vertraut geworden. Nicht, dass ich sie nicht lange genug gekannt hätte, aber es gibt eben Menschen, die andere Wertvorstellungen haben als man selbst. Dumm sein ist Schicksal und niemandem vorzuwerfen, Faulheit indessen schon.
   
Ich habe den Vorzug, dass alle wissen, was ich über sie denke. Ich wenigstens halte das für einen Vorzug, andere, ich weiß, halten es für eine Schwäche. Ein solches Verhalten schafft einem nicht nur Freunde, nichts ist peinlicher, als durchschaut zu werden. Ich bilde mir nicht auf Vieles etwas ein, aber auf meine Menschenkenntnis schon. Aber natürlich bin auch ich zu einem beträchtlichen Maß an Umschreibungen fähig, an Weglassungen etc., wenn es unbedingt nötig ist, jemanden zu schonen.

*


Diesen Leuten, die ich bis auf ein oder zwei Ausnahmen allesamt nicht mag, alles Gute im Leben zu wünschen (ein in unserem Land ganz üblicher und im Übrigen bedeutungsloser Wunsch), ist sogar mir möglich. Ob sie das als gut empfinden würden, was ich ihnen wünsche (zum Beispiel, die Arbeit anständig zu verrichten) weiß ich zwar nicht, aber sie können sich ja aussuchen, was sie vom Leben erwarten. So geht diese Besuchsrunde schnell über die Bühne. Ihr Pascha ist heute nicht da. Das wissend, habe ich mich von ihm schon in den vergangenen Tagen verabschiedet und gemeint, ich sei sicher, dass er seinem Ruf auch weiterhin treu bleiben werde. Er soll andere gefragt haben, ob sie das als Beleidigung werten würden, er schon. Wie ich hörte - obgleich man über Vieles bei uns nicht redet, aber manches hört man ja doch - hat man ihm geantwortet, das komme darauf an, welchen Ruf er zu haben meine. Ich denke, wäre er mein Freund, er wäre es jetzt nimmermehr.
   
Mein eigener Oberpascha hat mich schon gestern zu sich befohlen und sich über allenfalls anstehende Probleme erkundigt. Es gebe keine Probleme, habe ich geantwortet. Ich weiß, das macht ihn rasend. Für ihn ist alles ein Problem. Seinen Zorn hat er gerade so weit zurückgehalten, dass er mir die Hand zum Abschied reichte und "Auf Wiedersehen" sagte. Er und ich wissen, dass sich keiner von uns das wünscht. Wir sind niemals miteinander zurechtgekommen. Einerseits sind wir menschlich zu verschieden, andererseits hat er sich seinerzeit um mein Amt in der ihm eigenen Art beworben: indem er sich dem Großwesir, dem zuständigen Wesir, dem Obereunuchen des Wesirs und weiß Allah wem noch zu Füßen warf und jedem erzählte, wie tüchtig er sei. Dennoch hat sich damals der Großwesir, dessen Parteigänger ich nicht war, für mich entschieden, der ich mich vor niemandem niedergeworfen habe. Auch bin ich nirgendwo zu Kreuze gekrochen, wie die Heiden im fernen Westen es tun sollen. Ich denke, der Oberpascha hat sich jedesmal an seine Niederlage erinnert, wenn er mich sah - und er musste mich oft und lange genug sehen. Das ist jetzt vorbei, Allah sei Dank.
   
Und gut ist es, dass ich mich nicht lange aufhalte, denn ich habe meinen Vize-Pascha, die freien Mitarbeiter und die Sklavinnen zu mir ins Zimmer bestellt; ich halte ihnen eine Rede, die sie, jeder mit einem Glas in der Hand, sich anhören müssen, zweifelsfrei in der wohl freudigen Hoffnung, es sei die letzte, die ich ihnen halte. Dennoch fasse ich mich kurz, wünsche allseits weiterhin viel Freude im Leben und im Beruf. Anschließend trinken wir auf unser aller Gesundheit. Das verwirrt sie derart, dass mir keiner eine Abschiedsrede hält. Vielleicht ist auch keiner dazu fähig.
   
Bei den Barbaren im fernen Westen ist es Jahrhunderte lang Brauch gewesen, den möglichst jungen Zeugen eines Rechtsgeschäfts eine kräftige Ohrfeige zu geben, damit sie sich an den Anlass erinnern können. Wir in unserem fernen Land sind über solche Bräuche natürlich immer erhaben gewesen. Aber dennoch: damit sich alle an diesen Tag deutlich erinnern, schicke ich sie mittags mit Ausnahme einer Sklavin alle nach Hause.
   
Sie nehmen die Gelegenheit beim Schopf und verschwinden unverzüglich.
   
Zum Abschluss besucht mich noch ein seit langem befreundeter Pascha, jünger als ich natürlich. Wir reden über die Vergangenheit, die Jugend, die Mannesjahre. Ich bereue nichts in meinem Berufsleben, sage ich. Ich weiß im Nachhinein, dass ich einige Male falsch entschieden habe, doch habe ich erreicht, was ich angestrebt habe: ich bin Pascha geworden und mehr wollte ich nie, nachdem ich einige Ober-Paschas und Wesire kennengelernt hatte. Sie waren nicht eben ein Vorbild, dem ich nacheifern wollte. Kein Anlass zur Melancholie bei mir, sage ich, aber ich denke, bei ihm schon. Der Großwesir will unser Amt umgliedern, jeder Pascha zittert um seine Funktion, er auch. Es gibt andere, die beim Großwesir ein offenes Ohr finden werden, fürchtet er und die ihm seine Funktion als Pascha neiden. Am Ende könnte er dann kein Pascha mehr sein.
   
Früher, ach früher, da lagen die Verhältnisse anders. Einmal Pascha sein, hieß, in wenigen Jahren mehr Geld anzusammeln, als man im Leben je ausgeben kann. Freilich, fiel man in Ungnade, war einem die seidene Schnur sicher. Das hat sich heute geändert: die seidene Schnur kann man immer noch zugeschickt erhalten aber leider, man sammelt als Pascha kein Geld mehr an. Man lebt nicht schlecht, doch ist man von seinem Amt abhängig. Fällt man in Ungnade: kein Amt, viel weniger Geld. Auf diese Art hat jeder Großwesir ausschließlich von ihm begeisterte Diener.
   Ich denke, mein Besucher wünschte, er wäre in meiner Situation und ich kann es ihm nachfühlen. Der Abschied voneinander fällt uns schwer, ich gehe in die Freiheit hinaus und er einem ungewissem Schicksal entgegen, das er nicht beeinflussen kann, was immer er auch tut. Das weiß er.

*


Mir bleibt danach nur mehr, einen letzten Blick in das leer geräumte Zimmer zu werfen. Nichts habe ich vergessen, was ich mitnehmen wollte. Ich bin fertig.
   
Ich sperre ein letztes Mal die Zimmertür ab, gebe den Schlüssel der einen verbliebenen Sklavin, die ihren Ärger nicht zeigt. Ich sage "Auf Wiedersehen" und gehe und beide wünschen wir uns, da bin ich mir sicher, dass es dazu niemals kommen möge.
   
Draußen vor dem Gebäude hole ich tief Luft: dieses Kapitel meines Lebens ist vorbei. Ich habe Glück gehabt und mein Berufsleben mit Anstand absolviert - Allah sei gedankt.

Omar Ibn Munqidh al Alawydia
741 - 821 ndH.

 

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Erstellt am 22. August 2001
© Peter Lausch/2001

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