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Omar schreibt in seinen Märchen über
seinen letzten Arbeitstag im Amt für Friedenserhaltung:
Auch
in unserem fernen Land, weit im Osten, braucht man nicht bis zum
Lebensende zu arbeiten. Das verlangen wir zwar von unseren Sklaven, aber
natürlich nicht von den Paschas, Wesiren und sonstigen Würdenträgern.
Und ebensowenig von der großen Masse unseres Volkes, den Freien,
heutzutage meist als
Klasse der Lohnabhängigen bezeichnet.
Dank der Bemühungen
unseres großen und nicht genug zu verehrenden Sultans - Allah segne ihn
und seine Nachkommen - leben die Pensionisten allerdings immer länger,
sodass der Sultan in seiner Weisheit befunden hat, es sei notwendig, dass
wir alle entsprechend länger arbeiten, damit wir die Pension nicht
länger genießen als früher.
Auch so ein kleiner,
bescheidener Pascha wie ich habe dank der Weisheit unseres Sultans, den
ich mir freilich nicht ausgesucht habe (aber ich bin ja ein kleinlicher
Mensch, dem die Weisheit und die Visionen eines Sultans naturgemäß
fehlen), länger arbeiten dürfen als ich mir mein Arbeitsleben lang
träumen ließ. Aber ich habe den letzten Arbeitstag wenigstens überlebt,
was leider nicht jedem von uns beschieden ist - von den Sklaven wollen wir
ja gar nicht reden, denn siehe, das Leben ist ungerecht und verteilt die
Lasten und die Freuden desselben ganz nach Belieben.
Und zu Deiner Erbauung,
aber naturgemäß auch zum höheren Ruhm unseres großen und nicht genug
zu verehrenden Sultans - Allah segne ihn und seine Nachkommen - will ich
denn den Verlauf des letzten Tages meines Arbeitslebens wahrheitsgetreu
niederschreiben. Du wirst dann besser als nun (sofern das überhaupt
möglich ist) die Weisheit unseres Sultans und der Großwesire verstehen,
die unser Land regieren, in unserem Auftrag (die Sklaven natürlich
ausgenommen) und zu unserem Wohlergehen. Deshalb geben wir denselben
Weisen alle vier Jahre bei freien Wahlen stets aufs Neue unsere Stimmen -
da es vollkommen aufs Gleiche herauskommt, welchen von ihnen wir wählen.
Sie sind doch alle einander so ähnlich im Geiste wie ein faules Ei dem
anderen ähnelt - Allah segne unsere Weisen und ihre Nachkommen.
*
Auch an meinem leider
verspäteten letzten Arbeitstag erscheine ich früher als die mir Unterstellten im Amt
für Friedensdurchsetzung unseres großen und schönen Landes im Osten.
Allein, mir harren keine Aufgaben mehr im Bereich der
Friedensdurchsetzung. Nicht, dass alles zum Besten stünde, nein, das
nicht, bloß habe ich in den vergangenen Monaten alles erledigt, was ich
noch erledigen konnte, und was noch übrig bleibt (es ist nicht wenig)
überlasse ich meinem Stellvertreter, der lebhaft hofft, dass er nach mir
Pascha wird. Indes, ich zweifle.
Was denn das Amt für Friedenserhaltung so zu tun hat, fragst Du? Wisse denn, dass in unserem
Land fern im Osten und ebenso in den angrenzenden Ländern weit und breit
alles zum Besten bestellt ist, sodass von uns schon seit langem keine
Kriege mehr gefochten werden. Es greift uns einfach keiner an und wir tun
es unsereins auch nicht. Dennoch erweist es sich nach Meinung unseres
Sultans und seiner Großwesire - Allah segne sie und ihre Nachkommen -
unvermeidlich, eine Anzahl von Tatzelwürmern und Flugdrachen zu besitzen,
einschließlich etlicher Kriegsknechte, die sie bedienen. Friedlich, wie
wir aber sind, können unsere Flugdrachen aus Altersschwäche kaum mehr
fliegen. Auch die Tatzelwürmer sind nicht mehr die flinksten unter
ihresgleichen, wenngleich sie, nach gutem Zureden, schon noch Feuer speien
können. Kein Wunder, wenn ich sage, auch die Kriegsknechte sind alles in
allem nicht gut zu Fuß. Aber das alles macht natürlich mangels Feinden
nichts aus, gegen die wir die Flugdrachen, die Tatzelwürmer und die
Kriegsknechte entsenden müssten. Damit das aber die Lohnabhängigen in
unserem Land nicht merken, die den ganzen Spaß mit ihrer Arbeit ja
finanzieren dürfen, lassen wir die Flugdrachen gelegentlich in niedriger
Höhe über die Städte fliegen und laut brüllen, damit es nach was
klingt.
Ich indessen weiß, wie
es um sie bestellt ist. Das zu wissen, war mein Beruf. Und nicht nur ich
weiß es, sondern auch all die anderen Paschas, Oberpaschas und Wesire in
unserem Amt samt dem für uns zuständigen Großwesir, der uns als
leuchtendes Beispiel immer und überall vorangeht, wie man sagt - und wie
käme ich dazu, daran zu zweifeln? Allah ist mein Zeuge.
Aber ich neige im Alter
zur Geschwätzigkeit, fürchte ich.
Nicht lange bleibe ich
in meiner Abteilung allein, kaum habe ich mich niedergelassen und mir
Kaffee bereitet (in unserem Land macht man das selbst, lieber Leser und
lässt keine Frauen solch wichtige Aufgaben verrichten), erscheint auch
schon die erste Sklavin, setzt sich an ihr Schreibgerät, stellt davor
einen Spiegel auf und richtet sich ihr Haupthaar - hofft sie doch im
Geheimen, für sich noch einen von meinen Freigelassenen zu erobern. Bald
danach treten auch die übrigen Sklavinnen ihren Dienst an, denn siehe,
wer zeitig im Amt erscheint, kann auch zeitig wieder gehen. So halten wir
es mit unseren freien Bürgern und - im Normalfall - auch mit unseren
Sklaven und Sklavinnen bei uns im fernen Land im Osten.
Alle Sklavinnen
versammeln sich in einem Zimmer; einige machen sich schöner, als sie
sind, wie sie meinen, einige kochen sich dünnen Kaffee aus dem Sud, den
ich ihnen überlasse, und keine von ihnen arbeitet. So ist das jeden
Morgen, seit Schaffung unseres Amtes, nicht nur bei mir, sondern auch bei
allen anderen Paschas. Ehe wir nicht bei den Sklavinnen erscheinen und sie
mit Gebrüll aus ihrem müßigen Geschwätz aufstören, rühren sie keinen
Finger. Manche tun auch dann nichts wirklich - jene etwa, bei denen
irgendwann einmal ein Pascha schwach geworden ist und sie sich ihm
hingeben mussten. Solche auch nur einmalige Vergnügungen schaffen
Abhängigkeiten und gewähren lebenslange Privilegien. Ich weiß, wovon
ich schreibe.
An diesem letzten
Arbeitstag unterlasse ich mein rituelles Gebrüll, die Sklavinnen arbeiten daher
auch weiterhin nichts. Statt dessen bereden sie den Lauf der Sonne und des Mondes und
andere weltbewegende Themen wie etwa, warum das Wasser des Flusses, der
unsere schöne Hauptstadt durchfließt, nicht mehr so blau ist wie einst
die Dichter behaupteten.
Statt dessen bleibe ich
in meinem Zimmer, lese bei Kaffee die großen Zeitungen unseres Landes,
die der Wahrheit verpflichtet sind und nichts und niemandem sonst. Jeden
Morgen tue ich das, wir sagen dazu: Politische Bildung tut not. Und wahr
ist es: Jeden Morgen aufs Neue preise ich mein Glück, in unserem fernen
Land im Osten leben zu dürfen, lese ich doch mit Entsetzen über die
Geschehnisse in den heidnischen Ländern - dem Reich des Bösen fern im
Westen.
Aus diesen und
ähnlichen Überlegungen reißt mich unsere Haussklavin in formlosem Kleid
und mit einer Kapuze über dem Haupthaar. Von ihr lassen wir die niedrigen
Arbeiten verrichten, die Böden schrubben, die Möbel abstauben, die
Abtritte reinigen. Sie verdient es nicht besser, sagen die anderen
Sklavinnen, denn sie ist nicht nur aus dem fernen Westen, sondern noch
dazu eine Heidin. Würde sie sich dafür wenigstens schämen, sagen sie,
aber nein, sie hat erst unlängst eine Wallfahrt gemacht und ist beglückt
und gesegnet in unser Land zurückgekehrt (damit sie nicht bei den anderen
Heiden bleibt, hat der zuständige Gefängnis-Pascha in seiner Güte ihre
kleine Tochter einstweilen streng verwahrt). Von Jugend an ist sie
Sklavin, hat ihre Tochter in der Sklaverei empfangen von einem Sklaven,
den man für sie ausgesucht hat und der sie danach regelmäßig
verprügelt hat, solange er lebte (nicht lange, er trank sich zu Tode).
Unsere Sprache spricht sie einigermaßen. Sie kann es dennoch nicht
fassen, dass meine übrigen Sklavinnen sie nicht als eine der ihrigen
anerkennen und entsprechend behandeln. Sie erwidern ihren Gruß nicht, sie
nehmen die Haus-Sklavin einfach nicht wahr. Sie tun natürlich nur so, denn immer wieder lassen
sie vor ihren Augen beschmutzte Papiere zu Boden fallen, die sie aufheben
muß. Aber dafür beschweren sie sich regelmäßig über sie, weil sie am
Morgen noch nicht alle Zimmer gleichzeitig gereinigt hat.
Warum tun sie das, ich
bin doch ebenso Sklavin wie sie, fragt sie mich, den Pascha.
Weil die Sklavinnen dumm
sind und böse,
könnte ich antworten, weil jeder nach unten treten will, der von oben
getreten wird. Weil die Welt grausam ist, könnte ich antworten, aber ich
tue es nicht, sondern zucke mit den Schultern.
Weshalb ich die
Frechheit nicht abstelle, dass eine gewöhnliche Haus-Sklavin wie sie mich
anspricht, fragen mich die Sklavinnen intrigant und neidisch.
Weil ich mit einem jeden
rede, der mich anspricht und weil mir die Haus-Sklavin leid tut. Ich kann
mit ihr reden, helfen kann ich ihr nicht. So ist das Leben. Hätte Allah
gewollt, wäre ich kein Pascha geworden, sondern als Haus-Sklave geboren.
Die Eltern kann man sich nicht aussuchen.
Heute verrichtet die
Haus-Sklavin schweigend ihre Arbeit. Als sie fertig ist, geht sie zur
Tür, macht einen kleinen Knicks und wünscht mir ein langes, schönes
Leben. So Gott will, fügt sie hinzu, aber natürlich meint sie nicht
Allah, sondern ihren eigenen Gott.
Ich spiele meine Rolle
und reiche ihr gnädig die Hand und sie sagt: Sie sind ein guter Mensch.
Dann geht sie. Warum
bloß sagen einem manchmal die einfachsten Menschen die allerschönsten
Dinge?
*
Gegen 9 Uhr
lege ich meinen Talar an: nicht den Zeremonientalar mit Hermelinkragen, das
nicht, aber immerhin einen beinahe neuen Talar aus schwarzem Samt und begebe
mich zum Wesir, um mich von diesem zu verabschieden. Zu einem Wesir geht man
nicht so einfach, als Pascha setzt man sich aber auch nicht zu den übrigen
Bittstellern vor seiner Tür und wartet, bis man, bisweilen nach Tagen,
vorgelassen wird.
Als Pascha hat man gewisse Vorteile: man sucht um eine Audienz
an und bekommt auch eine, sobald der Wesir Zeit hat. Natürlich muß man bei
der Anmeldung sagen, was man will. Ist es etwas Unangenehmes, das zu
besprechen ist, hat der Wesir bedeutend weniger Zeit. Da er aber weiß, was
ich will und ihm das nicht eigentlich unangenehm ist, habe ich mich gestern
angemeldet und schon für heute vormittag wunschgemäß einen Termin
bekommen.
Vor seiner Tür die übliche Gruppe von Bittstellern, die mich
neidisch betrachten, als ich zu der Sklavin ins Vorzimmer eintrete.
"Immer die Paschas ..." und "Wir gewöhnlichen Leute können
ja warten ....". Ich weiß, was sie murmeln, aber hinter der nunmehr
verschlossenen schalldichten Türe höre ich es nicht. Man weiß viel in
unserem Land fern im Osten, bloß redet man nur über wenig.
Die Vorzimmer-Sklavin nimmt sich die Freiheit und küsst mich
auf die Wange. Ich lasse es zu: als ich jung war, ist sie es auch gewesen.
Erinnerungen verbinden, sogar zwischen Pascha und Sklavin.
Nach wenigen Minuten werde ich zum Wesir vorgelassen.
Anscheinend mir zur Ehre hat er seinen Zeremonientalar angelegt.
Purpurfarben, mit breitem Hermelinkragen und einem breiten Streifen aus
Goldbrokat auf der mit Orden übersäten Brust. Kein Wort verliert er über
meine unpassende Kleidung, der ich mich im übrigen nicht schäme. Auch im
Zeremonientalar eines Paschas, der mir zusteht, bin ich nichts als ein
Pascha. Der bin ich auch nackt im Bett, sofern es einmal darauf ankommen
sollte.
Formell dankt er mir für meine jahrzehntelange treue Arbeit im
wohlverstandenen Interesse unseres Reiches. Auf Leute wie mich könne der
Sultan stolz sein und der Großwesir auch. Ohne unsereins wäre der Staat -
nichts. So sei es, auch wenn die Lohnabhängigen das nicht wahrhaben wollten
und immer nur das viele Geld sehen, das unser Unterhalt kostet.
In diesem Tonfall redet er
noch eine Weile. Da schon lange in unserem Amt keiner mehr in Pension gehen
konnte, hat er anscheinend extra für mich sich eine Rede zurechtgelegt. Und
dann komme ich und habe nicht einmal den Zeremonientalar an. Dennoch darf
danach auch ich einige Worte sagen: meine Standardrede, die ich einem jeden
gehalten habe, von dem ich mich in den vergangenen Tagen verabschiedete.
Darin habe ich jetzt Übung. Und außerdem entspricht sie - sorgsam
abgewogen - der Wahrheit, denn ach, ich weiß, dass einige Male nicht viel
gefehlt hat und man hätte mir die seidene Schnur geschickt. Wie man in
unseren Kreisen sagt: dem ertappten Verbrecher schickt man die seidene
Schnur, dem nicht ertappten hingegen verleiht man Orden. Aus diesem Grunde
habe ich immer die Annahme eines Ordens verweigert. Mit Manchen möchte ich
möglichst wenig gemein haben.
Der Wesir sieht
unauffällig auf sein Stundenglas. Ich verabschiede mich. Wir wünschen uns
gegenseitig alles Gute im weiteren Leben und meinen es auch so. Niemals sind
wir uns in die Quere gekommen. Danach gehe ich.
Auf dem Gang vor der Tür
steigt die Stimmung der Bittsteller: wieder ein lästiger Pascha erledigt,
die Chancen steigen, dass sie erhört werden. Ich könnte ihnen sagen, sie
sollten sich besser keine Hoffnung machen, der Wesir habe eine wichtige
Besprechung außer Haus zu absolvieren.
Ich unterlasse diese
Mitteilung: warum soll ich sie enttäuschen, sie werden die Wahrheit schon
noch rechtzeitig von seiner Vorzimmersklavin erfahren.
In der Abteilung haben
sich Bittsteller gemeldet: einfach zu beantwortende Fragen haben sie
gestellt, aber ach, was ist am Ende eines Berufslebens nicht einfach zu
beantworten? Ich weise die Sklavinnen an, die Bittsteller an meinen
Stellvertreter zu verweisen, der wisse alles. Warum soll ich mir das noch
antun, am allerletzten Tag?
Einen Bittsteller kann ich
nicht abwimmeln und ehrlich, ich will es auch nicht: Mit ihm habe ich Jahre
hindurch vertrauensvoll und reibungslos zusammengearbeitet, er will sich
verabschieden. In den Augen der Sklavinnen hat er bloß einen Fehler: er ist
ein Freigelassener und sie verstehen nicht, dass ich, ein Pascha, für so
einen Zeit habe (und für sie und ihre Scheinprobleme nicht). Ich weiß auch
das, aber auch darüber rede ich nicht mit ihnen.
Er redet über meine
Zukunftspläne; sie interessieren ihn, denn in einiger Zeit hofft auch er in
Pension gehen zu können. Noch ist er zu jung dazu, wie ich scherze. Er aber
weiß seine - vergleichsweise - Jugend nicht zu schätzen und beneidet mich
ganz offen und ehrlich. Ich sage ihm, ich hätte keine Pläne, außer
Reisen. Außerdem wolle ich die Geschichte des Ortes erforschen, in dem ich
meine Jugend verbrachte und .... Am Ende legt er das Paket auf den Tisch,
das er die ganze Zeit vorsichtig an sich gedrückt hielt: ein
Abschiedsgeschenk. Ich danke auch ihm und wir verabschieden uns voneinander.
Das Geschenk beschämt mich, ich habe es durch mein Verhalten nicht
verdient. Dass ich jahrelang die Erzählungen über seine Probleme angehört
habe, war kein Verdienst, sondern einfach Neugierde, aber ihm ist
wahrscheinlich leichter gewesen, seine beruflichen und privaten Probleme
jemandem erzählen zu können.
Danach gehe ich in eine
andere Abteilung und verabschiede mich von den Leuten dort. Mit keinem bin
ich vertraut geworden. Nicht, dass ich sie nicht lange genug gekannt hätte,
aber es gibt eben Menschen, die andere Wertvorstellungen haben als man
selbst. Dumm sein ist Schicksal und niemandem vorzuwerfen, Faulheit indessen
schon.
Ich habe den Vorzug, dass
alle wissen, was ich über sie denke. Ich wenigstens halte das für einen
Vorzug, andere, ich weiß, halten es für eine Schwäche. Ein solches
Verhalten schafft einem nicht nur Freunde, nichts ist peinlicher, als
durchschaut zu werden. Ich bilde mir nicht auf Vieles etwas ein, aber auf
meine Menschenkenntnis schon. Aber natürlich bin auch ich zu einem
beträchtlichen Maß an Umschreibungen fähig, an Weglassungen etc., wenn es
unbedingt nötig ist, jemanden zu schonen.
*
Diesen Leuten, die ich bis
auf ein oder zwei Ausnahmen allesamt nicht mag, alles Gute im Leben zu
wünschen (ein in unserem Land ganz üblicher und im Übrigen
bedeutungsloser Wunsch), ist sogar mir möglich. Ob sie das als gut
empfinden würden, was ich ihnen wünsche (zum Beispiel, die Arbeit
anständig zu verrichten) weiß ich zwar nicht, aber sie können sich ja
aussuchen, was sie vom Leben erwarten. So geht diese Besuchsrunde schnell
über die Bühne. Ihr Pascha ist heute nicht da. Das wissend, habe ich mich
von ihm schon in den vergangenen Tagen verabschiedet und gemeint, ich sei
sicher, dass er seinem Ruf auch weiterhin treu bleiben werde. Er soll andere
gefragt haben, ob sie das als Beleidigung werten würden, er schon. Wie ich
hörte - obgleich man über Vieles bei uns nicht redet, aber manches hört
man ja doch - hat man ihm geantwortet, das komme darauf an, welchen Ruf er
zu haben meine. Ich denke, wäre er mein Freund, er wäre es jetzt
nimmermehr.
Mein eigener Oberpascha
hat mich schon gestern zu sich befohlen und sich über allenfalls anstehende
Probleme erkundigt. Es gebe keine Probleme, habe ich geantwortet. Ich weiß,
das macht ihn rasend. Für ihn ist alles ein Problem. Seinen Zorn hat er
gerade so weit zurückgehalten, dass er mir die Hand zum Abschied reichte
und "Auf Wiedersehen" sagte. Er und ich wissen, dass sich keiner
von uns das wünscht. Wir sind niemals miteinander zurechtgekommen.
Einerseits sind wir menschlich zu verschieden, andererseits hat er sich
seinerzeit um mein Amt in der ihm eigenen Art beworben: indem er sich dem
Großwesir, dem zuständigen Wesir, dem Obereunuchen des Wesirs und weiß
Allah wem noch zu Füßen warf und jedem erzählte, wie tüchtig er sei.
Dennoch hat sich damals der Großwesir, dessen Parteigänger ich nicht war,
für mich entschieden, der ich mich vor niemandem niedergeworfen habe. Auch
bin ich nirgendwo zu Kreuze gekrochen, wie die Heiden im fernen Westen es
tun sollen. Ich denke, der Oberpascha hat sich jedesmal an seine Niederlage
erinnert, wenn er mich sah - und er musste mich oft und lange genug sehen.
Das ist jetzt vorbei, Allah sei Dank.
Und gut ist es, dass ich
mich nicht lange aufhalte, denn ich habe meinen Vize-Pascha, die freien
Mitarbeiter und die Sklavinnen zu mir ins Zimmer bestellt; ich halte ihnen
eine Rede, die sie, jeder mit einem Glas in der Hand, sich anhören müssen,
zweifelsfrei in der wohl freudigen Hoffnung, es sei die letzte, die ich
ihnen halte. Dennoch fasse ich mich kurz, wünsche allseits weiterhin viel
Freude im Leben und im Beruf. Anschließend trinken wir auf unser aller
Gesundheit. Das verwirrt sie derart, dass mir keiner eine Abschiedsrede
hält. Vielleicht ist auch keiner dazu fähig.
Bei den Barbaren im fernen
Westen ist es Jahrhunderte lang Brauch gewesen, den möglichst jungen Zeugen
eines Rechtsgeschäfts eine kräftige Ohrfeige zu geben, damit sie sich an
den Anlass erinnern können. Wir in unserem fernen Land sind über solche
Bräuche natürlich immer erhaben gewesen. Aber dennoch: damit sich alle an
diesen Tag deutlich erinnern, schicke ich sie mittags mit Ausnahme einer
Sklavin alle nach Hause.
Sie nehmen die Gelegenheit
beim Schopf und verschwinden unverzüglich.
Zum Abschluss besucht mich
noch ein seit langem befreundeter Pascha, jünger als ich natürlich. Wir
reden über die Vergangenheit, die Jugend, die Mannesjahre. Ich bereue
nichts in meinem Berufsleben, sage ich. Ich weiß im Nachhinein, dass ich
einige Male falsch entschieden habe, doch habe ich erreicht, was ich
angestrebt habe: ich bin Pascha geworden und mehr wollte ich nie, nachdem
ich einige Ober-Paschas und Wesire kennengelernt hatte. Sie waren nicht
eben ein Vorbild, dem ich nacheifern wollte. Kein Anlass zur Melancholie bei
mir, sage ich, aber ich denke, bei ihm schon. Der Großwesir will unser Amt
umgliedern, jeder Pascha zittert um seine Funktion, er auch. Es gibt andere,
die beim Großwesir ein offenes Ohr finden werden, fürchtet er und die ihm
seine Funktion als Pascha neiden. Am Ende könnte er dann kein Pascha mehr
sein.
Früher, ach früher, da
lagen die Verhältnisse anders. Einmal Pascha sein, hieß, in wenigen Jahren
mehr Geld anzusammeln, als man im Leben je ausgeben kann. Freilich, fiel man
in Ungnade, war einem die seidene Schnur sicher. Das hat sich heute
geändert: die seidene Schnur kann man immer noch zugeschickt erhalten aber
leider, man sammelt als Pascha kein Geld mehr an. Man lebt nicht schlecht,
doch ist man von seinem Amt abhängig. Fällt man in Ungnade: kein Amt, viel
weniger Geld. Auf diese Art hat jeder Großwesir ausschließlich von ihm
begeisterte Diener.
Ich denke, mein Besucher
wünschte, er wäre in meiner Situation und ich kann es ihm nachfühlen. Der
Abschied voneinander fällt uns schwer, ich gehe in die Freiheit hinaus und
er einem ungewissem Schicksal entgegen, das er nicht beeinflussen kann, was
immer er auch tut. Das weiß er.
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Mir bleibt danach nur
mehr, einen letzten Blick in das leer geräumte Zimmer zu werfen. Nichts
habe ich vergessen, was ich mitnehmen wollte. Ich bin fertig.
Ich sperre ein letztes Mal
die Zimmertür ab, gebe den Schlüssel der einen verbliebenen Sklavin, die
ihren Ärger nicht zeigt. Ich sage "Auf Wiedersehen" und gehe und
beide wünschen wir uns, da bin ich mir sicher, dass es dazu niemals kommen
möge.
Draußen vor dem Gebäude
hole ich tief Luft: dieses Kapitel meines Lebens ist vorbei. Ich habe Glück
gehabt und mein Berufsleben mit Anstand absolviert - Allah sei gedankt.
Omar Ibn Munqidh al Alawydia
741 - 821 ndH.
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