PETER LAUSCH
LISSADELL HOUSE AND GARDENS
(siehe den Hinweis am
Seitenende bezüglich Besuchszeiten)

Die Familie Gore-Booth
zählte im 19. Jahrhundert zu den größten Grundbesitzern Irlands. Ab 1830
ließ sich das damalige Familienoberhaupt in Lissadell ein Herrenhaus
bauen, einen nach dem Geschmack seiner Zeitgenossen damals sicherlich
eindrucksvollen Kasten aus abweisend wirkenden grauem Stein ohne jeden
unnötiger Fassadenschmuck – siehe oben. Äußerlich ist das Haus seit
damals kaum verändert. Der abweisende Eindruck wird - mehr noch als in
der oberen Aufnahme - bei trübem Wetter besonders deutlich:

Der Sohn des Auftraggebers, Sir Henry Gore-Booth, war in mancherlei
Hinsicht ein eindrucksvoller Charakter. Mit mehr als ausreichendem
Vermögen ausgestattet, hielt es ihn nicht im kühlen Irland, er brachte
es zum erfolgreichen Großwildjäger in Afrika, auf Kosten einer ganzen
Schar von Elefanten, Nashörnern, Nilpferden, Zebras und allerlei anderem
vierfüßigem Getier. Und als es in Afrika kein jagdbares Getier mehr gab,
von dem er nicht mindestens 1 Exemplar umgebracht hatte, begab er sich
auf Forschungsreise in die Arktis, wo er über die dort einheimischen
Tiere herfiel, u. a. über Eisbären. Davon legte Jahrzehnte lang ein eher
räudiges Fell eines Eisbären Zeugnis ab, den er unter Lebensgefahr
erlegte – wenngleich die Gerüchte lange Zeit nicht verstummen wollten,
geschossen habe das Vieh sein Butler (ohne den er nicht auf Reisen ging,
der Standesgemäßheit wegen).
Sir Henry hatte 5 Kinder, von denen 2 berühmt werden sollten, nämlich
die 1868 geborene Constance und die 2 Jahre jüngere Eva.
Eva versuchte sich als Suffragette in England und dichtete. 1939
bescheinigte ihr W. B. Yeats in einer Buchbesprechung <dichterisches
Talent>, eine durchaus bemerkenswerte Beschreibung für eine damals
bereits 59 Jahre alte Frau.
Constance hingegen fühlte sich zur Malerei hingezogen, absolvierte
Lehrjahre in Paris und lernte dort einen polnischen Grafen namens
Casimir Markievicz kennen und lieben, den sie in der Folge heiratete.
Was die Familie zur Heirat mit einem durchaus nicht standesgemäßen Mann
sagte, ist nicht offiziell bekannt; auch war der Herr Markievicz
anscheinend von eher zweifelhaftem polnischen Adel. Sein Vater und er
wurden von ihren Pächtern halt als Grafen bezeichnet und was blieb ihnen
übrig, als sich selbst als Grafen vorzustellen? So wurde Constance zur <Countess
Markievicz>.
Wie auch immer, die Ehe war nicht von Dauer, zu verschieden waren
Mann und Frau. Constance Markievicz engagierte sich im Kampf um ein
unabhängiges Irland, bemerkenswert für eine Frau aus altem
protestantischem Adel. Sie wirkte am Osteraufstand 1916 mit, wurde
deswegen von den Briten zum Tod verurteilt, aber nicht hingerichtet,
weil a) eine Frau und weil b) eifrig zu ihren Gunsten interveniert
wurde.
1918 wurde sie als Abgeordnete ins Unterhaus gewählt, nahm ihr Mandat
aber nicht an. 1919 wurde sie die erste Frau in einer irischen
Regierung. 1929 starb sie. Hinter ihrem Sarg fuhren beim Begräbnis
Lastwagen voll mit Kränzen und Buketts.
Als Teenager waren Constance und Eva recht hübsch, wie Fotos beweisen
– gerne wird in allerlei Broschüren des Irish Tourist Board und in
allerlei Reiseführern, die daraus abschreiben, ein Vers von W. B. Yeats
zitiert:
The light of evening, Lissadell,
Great windows open to the south,
Two girls in silk kimonos, both
Beautiful, one a gazelle.
Liest man indessen das ganze Gedicht (In Memory of Eva Gore-Booth und
Con Markievicz) erkennt man, dass die Zeit es nicht gut mit beiden
gemeint hat, wie ihr Verehrer und oftmaliger Gast des Hauses W. B. Yeats
schreibt.
Nach 1920 wurde der riesige Grundbesitz aufgeteilt. Der Familie blieb
lediglich das Herrenhaus und die umliegenden Ländereien, die von den
Nachkommen einer jüngeren Schwester von Constance und Eva recht und
schlecht bewirtschaftet wurden. Im Alter verdienten sie sich, die
bis zuletzt in Lissadell House wohnten, ein sicherlich kärgliches Zubrot
durch Führungen durch das Haus, dessen Einrichtung so erhalten blieb,
als wäre die Zeit irgendwann in den 20er-Jahren stehen geblieben
(einschließlich des räudigen Eisbärenfells).
Aus Altersgründen mussten sie vor einigen Jahren den verbliebenen
Grundbesitz verkaufen; weil sich die irische Regierung unverständlicher
Weise zierte (als der <keltische Tiger> noch laut brüllte, ihn
samt dem Haus eine eine in Geld schwimmende Anwaltsfamilie, die in der
Folge etliches Geld in die Renovierung des Hauses und in die
Wiederherstellung des verwilderten Geländes investiert hat. Dabei
entdeckten sie einerseits das einstige von Pflanzen überwucherte und
Jahrzehnte lang nicht genutzte Wirtschaftsgebäude, welches sie
renovierten und als Souvenirladen allererster Güte ausbauten.

Auch ließen sie den verkommenen Walled Garden wiederherstellen und
bepflanzten neu den ebenso verkommenen Alpine Garden am Meeresufer.
Beides war erfolgreich, insbesondere der Alpine Garden versprach,
wunderschön zu werden.

Das Konzept, Lissadell House wiederzubeleben, ging scheinbar auf -
die ersten Jahre brachten bereits Scharen von Besuchern, die einerseits
für die Besichtigung des Hauses und der beiden Gärten bezahlten und
ansonsten die im ehemaligen Wirtschaftsgebäude angebotenen Waren
kauften. Das Parkgelände konnte unentgeltlich betreten werden, aber
ehrlich, damit verlor das Angebot an Reiz. Zusätzliche Einnahmen
wurden durch die Veranstaltung von Freiluftkonzerten im Park erzielt.
Nachträglich zeigte sich allerdings, dass verschiedene Anrainer Geh-
und Fahrrechte quer durch das Gelände beanspruchten. Als sich die
Behörden diesen Ansprüchen anschlossen, klagten die beiden
Rechtsanwälte, welche die rechtliche Situation ja wohl bestens
beurteilen konnten und bestritten diese Rechte. In einem langwierigen
und sündteuren Prozess versuchten sie darzulegen, dass niemand das Recht
habe, ohne ihre Zustimmung über ihr Grundstück zu fahren, schließlich
sei dies mit der Sicherheit ihrer Kinder, deren Heim Lissadell House
sei, nicht vereinbar.
An sich ist das ein gelungener Anspruch von jemandem, der sein Haus
und seine Grundflächen durch Touristen in großer Zahl betreten lässt:
gefährden die Tausenden von Touristen die Sicherheit der Kinder nicht
(die ohnehin bestenfalls in den Ferien dort wohnen können, denn sie
besuchen teure Privatschulen anderswo)?
Der Richter fand am Ende, nach Anhörung unendlich vieler Zeugen, das
Durchfahrtsrecht für die Anrainer bestehe: damit hatten Herr und Frau
Anwalt nicht gerechnet, vor allem nicht damit, dass sie vom Gericht im
Frühjahr 2011 zur Zahlung der Anwaltskosten der beklagten Partei von
sage und schreibe 6 Mio Euro verhalten wurden. Anwalt in Irland müsste
man sein! Das könnten sie nicht, sagen sie nun und prozessieren weiter.
Man fragt sich natürlich, warum haben sie sich nicht von Anfang an mit
den Berechtigten gütlich und außergerichtlich und ohne wesentliche
Kosten geeinigt, als das eigene Personal sagte, die Grundflächen seien
immer durchfahren worden?
In Österreich und wohl auch in Deutschland wäre ein solches Verfahren
lachhaft: wer 30 Jahre lang ein fremdes Grundstück befahren hat, der hat
ein subjektives Fahrrecht ersessen - sinngemäß das hat auch das Gericht
entschieden.
Als Trotzreaktion ließen sie zunächst keine Besucher mehr auf ihre
Grundstücke. Nur die Anrainer durften fahren.
Nähere Informationen kann man in den entsprechenden Ausgaben der
Irish Times und anderer Tageszeitungen nachlesen, die Seite der
Eigentümer finden Sie hier.
HINWEIS:
Wie aus der neugestalteten Website in ihrer derzeitigen Fassung
hervorgeht, haben die Dame und der Herr Anwalt nicht ganz durchgehalten:
Lissadell House selbst kann seit Mitte August bis 21. Oktober am
Vormittag besichtigt werden, der Park auch, gegen Entgelt natürlich. Das
Wirtschaftsgebäude mit dem Souvenirladen etc. bleibt indessen
geschlossen - man spart sich das Personal, lauter böse Einheimische (?).
Dass bei Gewährung von Durchfahrtsrechten Arbeitsplätze bedroht seien,
haben die zwei Herrschaften von Anfang an betont.
Geschlossen sind mit Stand von heute lt. der Website auch der Kitchen
und der Alpine Garden, es wird also für das Betreten der Grundstücke ein
Entgelt verlangt - das war früher gratis.
Erstellt: 21. August 2011
© 2011/Peter Lausch
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