LEICA M7
Die Kamera, die Konkurrenz und die Zukunft

 

Bei der Vorstellung vor einigen Jahren bekam man den Eindruck, sie werde das neue Standardmodell der Reihe der Messsucher-Kameras von Leica. Zwar immer noch mit dem Messsucher, aber auch erstmals mit einer Zeitautomatik. 

Zu rechnen war mit der  baldigen Produktionseinstellung der seit Jahren auf dem Markt etablierten LEICA M6  . Und seit Mitte August 2002 ist es soweit; Leica hat die Produktionseinstellung der M6 TTL 0,72x mitgeteilt. Manche meinen, sie sei bloß die erste Variante, die ausgegangen sei, die anderen beiden Varianten mit Suchervergrößerung 0,85x und 0,58x würden auch nicht mehr erzeugt, seien aber wohl noch vorrätig. Für Anfang 2003 wurde eine letzte Sonderserie von 1000 Stück angekündigt: Aufschrift <Leica> und <1984 - 2002>. Das sagt wohl alles.  

   Lieferbar sind inzwischen alle Varianten mit den Suchervergrößerungen 0,85x, 0,72 und 0,58x in schwarz oder chrom.   Auch wenn der Straßenpreis allenfalls noch ein wenig sinken wird, so ist die M7 jedenfalls teurer als die M6TTL. 

   Auf der Website von Leica findet man die technischen Eigenschaften aufgelistet und als PDF-Datei den offiziellen und ausführlichen Prospekt zum Herunterladen. Diesen Prospekt gibt es natürlich auch auf Papier gedruckt.  Erwin Puts hat auf seiner Website einen ausführlichen Erfahrungsbericht über die M7.  

   Dennoch erlaube ich mir, an Hand der bereits bekannten Fakten meine eigene Bewertung dieser "gewaltigen" Neuerung abzugeben, notwendig angesichts der Jubelmeldungen einzelner. Denn bei aller Wertschätzung soll man die Realitäten nicht aus den Augen verlieren, wie manche das jubilierend bereits getan haben.

Neue Eigenschaften der M7:

   Von vorne gesehen, schaut die M7 bis auf den Schriftzug M7 nicht anders aus als die M6TTL. Von oben gesehen, zeigt sich, das Zeitenrad ermöglicht die Einstellung auf AUTO und es gibt einen um den Auslöser angeordneten Hebel für das Ein- und Ausschalten der Kamera. Auf der Rückseite findet man geringfügige Änderungen: es gibt neu ein Fenster für die Daten des Films und die M7 hat - endlich -  DX-Kontakte. Die bisherige Einstellscheibe für die Filmempfindlichkeit ist neu gestaltet worden, bietet wahlweise die Beibehaltung der DX-Werte oder aber die manuelle Einstellung der Filmempfindlichkeit sowie zusätzlich eine einfache Belichtungskorrektur. Das waren  dann auch schon die Äußerlichkeiten.

Elektronisch gesteuerter Verschluss:

  Die wirklichen Änderungen und der wirkliche Fortschritt ist im Inneren des Gehäuses verborgen. Die LEICA M7 ist die erste LEICA mit elektronisch gesteuertem Verschluss und mit Zeitautomatik.

   Der Tuchschlitzverschluss ist im Grunde unverändert geblieben, doch sind diverse Zahnrädchen, Hebel und Wellen durch elektronische Bauteile ersetzt worden - deshalb ist jetzt im Gehäuse auch Platz für die nunmehr notwendige 2. Lithium-Batterie. Gesteuert wird der Ablauf der beiden Verschlusstücher statt durch 2 Elektromagnete. 

   Diese elektronische Steuerung ermöglicht wesentlich genauere Verschlusszeiten als sie bisher bei der LEICA üblich und möglich waren. Hat der Verschluss bisher bei allen Kameras der M-Serie etwa bei 1/1000 Sekunde bis zu 30% zu lang belichtet (das sieht man schon auf Diafilm!) und gab es bei den anderen Belichtungszeiten Abweichungen bis zu 14%, so beträgt bei der LEICA M7 die höchste Abweichung (bei 1/1000 Sekunde) nur mehr 10% und ist bei den anderen Zeiten ebenfalls geringer bzw. werden diese Zeiten faktisch genau eingehalten. Sollten die beiden 3V-Batterien CR 1/3N (und baugleiche) zu schwach sein, kann man mit den mechanisch gebildeten Zeiten 1/60 und 1/125 Sekunde weiter fotografieren, die Belichtung aber naturgemäß nicht mehr messen.

   Die elektronische Verschlusszeitensteuerung ist zweifellos ein Fortschritt. Er ist bei anderen Fabrikaten - seit Jahrzehnten - verwirklicht dank der höheren Genauigkeit solcher elektronisch gesteuerten gegenüber mechanisch gesteuerten Verschlüssen, wie bisher bei LEICA üblich. Das bessere ist der Feind des Guten. LEICA hat mit der M7 diesbezüglich wieder den Stand der Technik erreicht.

Zeitautomatik

   Auch mit der nunmehrigen Zeitautomatik (Zeitenrad auf AUTO) hat LEICA diesbezüglich den Stand der Technik erreicht. Eine Programm- oder Blendenautomatik sucht man vergebens. Sie sind technisch gesehen auch nicht möglich ohne Änderung der Fassung der Objektive. Bei diesen beiden Automatiken wäre eine mechanische oder elektrischen Verbindung zwischen Gehäuse und Objektiv nötig, die bei LEICA und LEICA-Objektiven fehlt. Die LEICA M7 ist somit kein Multiautomat wie praktisch alle AF-SLRs der Konkurrenz und wie die hauseigene LEICA R8 einer ist.

   Zweifellos findet sich aber unverzüglich einer, der diese technisch bedingte Beschränkung zum unvergleichlichen Vorteil hochjubiliert.

   Ich denke, wer immer sich die LEICA M7 kauft, wird fortan primär mit Zeitautomatik fotografieren. Dank ihrer braucht man mit mittelempfindlichem Film und mittlerer Blende bei Tageslicht (so entstehen doch die meisten Fotos, oder?) nicht mehr bei jeder Aufnahme kontrollieren, ob Zeit und Blende stimmen; man verlässt sich weitgehend auf die Automatik, die je nach den Lichtverhältnissen eben 1/350 Sekunde einstellt, 1/270 Sekunde oder - 1/30 Sekunde. Da zeigen sich die systemimmanenten Schwächen einer jeden Automatik: sie erspart oftmals Nachdenken, ja Aufmerksamkeit für technische Details, aber nicht immer. Das ist bei den Kameras der Konkurrenz natürlich nicht anders.

   Innerhalb der Grenzen der Automatik wird es jedoch möglich, von der Kontrolle von Zeit und Blende vor jeder Aufnahme befreit zu fotografieren, sich auf das Bild zu konzentrieren und auf den entscheidenden Moment. Gelungene Schnappschüsse von Menschen werden erleichtert. Das ist der entscheidende Fortschritt der LEICA M7. Wer indessen die vor dem Rathaus von Meppen im Emsland aufgestellte Gattin fotografieren will, wird von diesem Fortschritt wenig haben - natürlich ist gegen solche Aufnahmen nichts einzuwenden, haben sie ja einen großen Erinnerungswert. 

Belichtungsanzeige im Sucher:

  Der Strom und damit die elektronischen Schaltkreise der LEICA M7 werden mittels eines kleinen Hebels um den Auslöser eingeschaltet. Sie bleiben bis zur Rückstellung dieses Hebels eingeschaltet. Angeblich wird sehr wenig Batteriestrom verbraucht; wie lange die Batterien in der Praxis aushalten, wird sich zeigen. Laut Gebrauchsanleitung  der LEICA M7 für ca. 65 Filme zu je 36 Aufnahmen.

  Fotografieren können Sie sogleich, wenn Sie auf eine Festzeit eingestellt haben. Stellen Sie indessen auf Auto, dauert es 2 Sekunden, bis die Automatik nach dem Einschalten aufnahmebereit ist.

  Beim Blick in den Auslöser sehen Sie bei Automatik und halb gedrückten Auslöser die von der Kamera gewählte Belichtungszeit; Sie sehen auch halbe Werte, also etwa 1/24 Sekunde. Durch einen weiteren, weniger leichten Druck auf den Auslöser wird die Einstellung bis zur Aufnahme oder bis zum Loslassen des Auslösers fixiert (AE-Lock auf Neudeutsch). Auf diese Weise können Sie immer den bildwichtigen Teil des Motivs anmessen, auch wenn er nicht im Zentrum des Motivs gelegen ist. Benutzer von AF-SLRs kennen das schon lange, sowohl hinsichtlich AE-Lock als auch AF-Lock.

Bei Verwendung des Leica-Motors bewegt sich der Auslöser nach wie vor auf und ab. Das dürfte bewirken, dass der AE-Lock bei Serienaufnahmen immer nur bei der ersten Aufnahme funktioniert.

   Damit die diversen Zwischenstationen beim Drücken des Auslösers leichter erkannt werden, soll - gegen separate Bezahlung - ein Soft-Auslöser von LEICA angeboten werden, wie man ihn schon seit Jahren von TT. Abrahamson kennt, der wesentlich preiswerter sein dürfte und den es auch in Deutschland gibt, so viel ich weiß, und mit besonderem Glück auch in der Schweiz und Österreich.

   Bei Einstellung auf eine feste Belichtungszeit wird die richtige Zeit auf die von der M6 TTL bekannte Weise angezeigt: Leuchtet zwischen 2 Pfeilsymbolen ein Kreis, stimmt die Belichtung, so wie der Belichtungsmesser sie gemessen hat. Auch die Festzeiten werden elektronisch im Bereich von 1/1000 bis 4 Sekunden gesteuert, mit zwei Ausnahmen: 1/60 und 1/125 werden, mechanisch gesteuert.

   Ohne Batterien können Sie auch fotografieren, bei 1/60 und 1/125 Sekunde. Das ist der Preis der elektrischen Steuerung des Verschlusses und des Wegfalls mechanischer Komponenten: mit jeder LEICA vor der LEICA M7 konnten Sie mit allen Zeiten auch ohne Batterien fotografieren. Blitzen können Sie ohne Batterien nicht; die Synchronisationszeit beträgt nach wie vor 1/50 Sekunde - siehe aber unten.

   Mir scheint, die Frage des Batterieausfalls wird weidlich übertrieben, abgesehen davon, dass die in M6, M6 TTL und M7 verwendeten Batterien fast in allen größeren Orten der Welt zu kaufen sein dürften - Timbuktu und Anchorage nicht ausgenommen. Und Ersatzbatterien kann man ja schließlich auch auf eine Reise mitnehmen.

Belichtungsmessung:

   Da gibt es nichts Neues zu vermelden. Maßgebend ist der weiße Fleck auf dem Verschlussvorhang mit einem Durchmesser von 12,1 mm. In diesem Bereich muss der bildwichtige Teil des Motivs liegen, sonst belichten Sie mehr oder minder daneben. An der LEICA M7 neu ist die einfache Einstellung von Korrekturfaktoren mittels der Empfindlichkeitsskala auf der Rückseite des Gehäuses. Verstellen werden Sie in der Praxis nur, wenn Sie die erforderliche Übung im Umgang mit der LEICA haben.  

   Die Konkurrenz versucht derartige manuelle Belichtungskorrekturen durch mannigfaltige Automatiken zu vermeiden, etwa Nikon mit der Matrixmessung. Bei der M7 (so wie bei der M6) müssen Sie immer ans Messfeld denken (ein Kreis mit 2/3 der Bildhöhe) und bei sehr hellen oder dunklen Motiven entsprechend korrigieren. Hier zeigen sich einfach die unterschiedlichen Philosophien der einzelnen Firmen.

Blitzsynchronisation:

   Wollen Sie die TTL-Blitzbelichtung nutzen, brauchen Sie primär das LEICA SF20 oder ein für die LEICA adaptiertes Blitzgerät - primär von Metz mit dem SCA-Adapter SCA 3502. Damit können Sie alle Möglichkeiten der Blitzsteuerung, für welche die M7 eingerichtet ist, nützen (z. B. Synchronisierung auf den 2. Verschlussvorhang. Ohne Adapter können Sie auch andere  Blitzgeräte des Weltmarkts verwenden, doch entfällt dann die TTL-Belichtungsmessung in der Kamera.

   Mit einem einzigen Blitzgerät von Metz, dem 54 MZ 3 + Adapter ist auch die Kurzzeitsynchronisation mit jeder beliebigen, manuell einzustellenden kürzeren Belichtungszeit möglich, sofern sie bloß kürzer ist als 1/250 Sekunde. Erwin Puts erklärt Ihnen auf seiner Seite ausführlich, warum es ein Fortschritt ist, dass bei dieser Kurzzeitfunktion die TTL-Messung nicht funktioniert. Ich halte das schlicht für einen Nachteil, aber vielleicht verstehe ich das Ganze nicht.

   Wie auch immer, mit lichtstarken Objektiven und hochempfindlichen Filmen dürfte sich nur selten die Notwendigkeit der Kurzzeitsynchronisation bei einer LEICA M7 ergeben. Damit wird aus dem Nachteil ein sehr geringer Nachteil.

Sonstiges zur LEICA M7:

   Mit den geschilderten Ausnahmen infolge geänderter Bedienungselemente ist das klassisch gewordene Gehäuse der M-LEICAs praktisch unverändert geblieben. LEICA hat aus dem Flop mit der übergroßen M5 gelernt. Verbessert hat LEICA auch den Schutz des Messsuchers gegen die bei M-LEICAs ab M4 häufigen Reflexe. Viele Fotografen werden diesen lang ersehnten Fortschritt begrüßen.

   Auch die M7 soll es mit denselben Suchervarianten geben wie die M6 TTL, mit Schwergewicht auf der Verwendung von Weitwinkelobjektiven oder andererseits von  langbrennweitigen Objektiven und ohne Schwergewicht die universelle Version. Derzeit gibt es nur die traditionelle Variante mit Suchervergrößerung 0,72x geben, die beiden anderen vorgenannten Varianten 0,58x und 0,85x folgen nach.

   Eine ganz besonders vielseitige Ausrüstung mit Schwergewicht auf Weitwinkelaufnahmen erhalten Sie durch Verwendung des Tri-Elmar mit den Brennweiten 28, 35 und 50 mm und mit der Kameravariante mit Suchervergrößerung 0,72x - wie gesagt, lieferbar. Einen Wermutstropfen gibt es: den Preis. Aber schön schaut sie aus und handlich ist sie auch:

Leica M7 mit Tri-Elmar (2. Version)

   Der Winder M zur LEICA M6 funktioniert auch an der M7, Abrahamsons Rapidwinder (nachempfunden dem klassischen Leicavit) natürlich auch. Was Sie oben sehen, ist nicht der Winder, sondern ein - sonst funktionsloses - anschraubbares Griffstück.

Zusammenfassung:

   Wollte ich jetzt spitz werden, müsste ich bescheiden darauf hinweisen, dass es schon vor mehr als 20 Jahren eine Kamera mit M-Bajonett und Zeitautomatik gegeben hat, die ganz nebenbei natürlich auch über eine TTL-Blitzbelichtungsmessung verfügte. Sie hieß Minolta CLE und basierte auf der von LEICA aufgegebenen LEICA CL.

   Die LEICA M7 ist eine rundum moderne Sucherkamera für Wechselobjektive. Auf dem Weltmarkt hat sie bloß 2 direkte und einige indirekte Konkurrentinnen. Innerhalb ihres optimalen Anwendungsbereiches wird sie von keiner anderen Kamera des Weltmarkts übertroffen, denke ich.

   Indessen ist die LEICA seit Jahrzehnten eine Nischenkamera: optimal für bestimmte Aufgaben, aber nicht so vielfältig wie eine SLR. Das spiegelt sich in den Verkaufszahlen.

LEICA M7 und die Konkurrenz:

   Streng genommen gab es zunächst nur 2 Konkurrenzprodukte: die Konica Hexar RF, über die ich mich anderswo ausgelassen habe, und die Contax G2, die beide innerhalb der Nische Sucherkameras mit Wechselobjektiv eine kleine Nebennische besetzen und ganz gewiss kein kommerzieller Erfolg waren. Beide werden nicht mehr erzeugt.

   Sicherlich war und ist die Konica Hexar RF eine Alternative zur LEICA M7, falls Sie auf die TTL-Blitzinnenmessung verzichten wollen und können; wollen Sie einen integrierten Motor, führt ohnehin kein Weg an ihr vorbei.

   Nur indirekt sind Konkurrenten die diversen Bessas von Cosina/Voigtländer, insbesondere die Bessa R2, eine Bessa mit M-Bajonett und Messsucher wie vorher schon die Bessa R mit Schraubgewinde M39. Im Feeling, im Aufbau, in der so genannten build quality, vor allem aber im Preis liegen Welten zwischen Bessas und LEICA M7. Aber vor allem die Bessa R2 hat meiner Meinung das Zeug, als preiswerte Variante einer Sucherkamera mit Wechselobjektiven zu gelten. Den Bildern mit der Bessa muss man es nicht ansehen, dass sie mit einer Kamera von Cosina erzeugt wurden. Und eine Klasse höher liegt ohne Zweifel die auch schon seit einiger Zeit lieferbare Sucherkamera von Zeiss, die in Japan bei Cosina erzeugt wird.

   Wie manch anderer auch halte ich es für schade, dass die preiswerten Einsteigerkamera ins LEICA-System nicht von LEICA kommen.

Peter LAUSCH
Zuletzt geändert am  23. Juli 2009

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