Die Leica M2

 

Die LEICA M3 war schön, gut und für damalige Verhältnisse sehr teuer. Traditionell brachte Leitz neben dem jeweiligen Spitzenmodell immer auch abgespeckte Versionen auf den Markt, am deutlichsten feststellbar an Hand der in den 50er- und 60er-Jahren angebotenen LEICA IIf und der If, die über Wunsch des Käufers auch nachträglich noch in das Spitzenmodell LEICA IIIf umgebaut werden konnten - die Umbaukosten waren so bemessen, dass die auf die LEICA IIIf umgebaute IIf bzw. If nicht teurer kam, als hätte der Kunde von vornherein gleich eine LEICA IIIf gekauft (Die gleiche Angebotspolitik wurde übrigens schon in den 30er-Jahren, wenn auch weniger deutlich, mit den Modellen Leica II und Leica Standard betrieben, die obgleich scheinbar eigenständige Modelle, beide zur Leica III umgebaut werden konnten).

LEICA M2 (Lever Rewind), Baujahr 1961, Zustand B/A
© Leicashop Wien


Vier Jahre nach der LEICA M3 zeigte Leitz auf der Photokina im Herbst 1958 eine einfachere und billigere Kamera auf den Markt, die LEICA M2  Damit wurde der LEICA M3 als Spitzenmodell ein neues Modell zur Seite gestellt. Die M2 entspricht in allen wesentlichen Eigenschaften der M3, weist jedoch gewisse Vereinfachungen auf, die einen niedrigeren Kaufpreis ermöglichten. Einerseits hat die LEICA M2 so wie die M3 einen eingebauten Leuchtrahmen-Mess-Sucher mit einer sich automatisch einspiegelnden Bildfeldbegrenzung für Wechselobjektive, einen Bildfeldwähler, automatischen Parallaxenausgleich, Bajonettfassung der Objektive, Schlitzverschluss von 1 - 1/1000 Sekunde und B, die Kupplungsmöglichkeit mit dem Leicameter, Schnellschalthebel, Filmzählwerk, getrennte Kontakte für Blitzlampen- und Elektronenblitze, Filmmerkscheibe etc. bis auf folgende Unterschiede: Der wichtigste Unterschied liegt im Sucher: automatisch werden, je nach angesetztem Objektiv bzw. je nach Stellung des Hebels für die Wahl des Bildfeldes an der Kameravorderseite, Leuchtrahmen für die Brennweiten 35, 50, 90 mm eingespiegelt. Damit entfällt die Notwendigkeit der unhandlichen "Sucherbrille" bei Weitwinkelobjektiven, allerdings können Wechselobjektive mit 135mm Brennweite an der M2 nur mit Hilfe des separat zu kaufenden, damals wie heute umständlich zu bedienenden Visoflex-Spiegelreflexansatzes benützt werden.

Alle Vorteile haben auch Nachteile: um beim Einblick in den Sucher auch den Rahmen für das 35mm-Bildfeld zu zeigen, wurde die Suchervergrößerung bei der LEICA M2 gegenüber der LEICA M3 verkleinert: von 0,91x bei der LEICA M3 auf 0,72x bei der M2.

Welcher Sucher "besser" ist bzw. angenehmer zu benützen, darüber wogt seit 1958 der Streit. Viele Eigentümer einer M3 schwören auf den Sucher ihrer Kamera, viele Eigentümer einer M2 geben dem Sucher ihrer Kamera den Vorzug vor der M3. Die Wahrheit dürfte in der Mitte liegen: wer gerne mit längeren Brennweiten fotografiert, war und ist mit einer M3 besser bedient, denn da kann er auch die klassische Brennweite 135mm mittels des Mess-Suchers der Kamera verwenden.  
   
Ohne mich einmischen zu wollen, die Wahrheit dürfte einfach darin liegen, dass es auf die persönliche Vorliebe und den Hauptverwendungszeck ankommt. Wollen Sie eher Weitwinkelobjektive nutzen, werden Sie mit der M2 zufrieden sein; wollen Sie vorzugsweise mit Teleobjektiven fotografieren, werden Sie dank größerem Sucherbild der M3 den Vorzug geben. 

Falls Sie sich eine fabrikneue LEICA kaufen wollen, haben Sie heutzutage die Qual der Wahl: die seit Anfang 2002 ausgelieferte LEICA M7 und die seit Frühjahr 2003 lieferbare LEICA MP gibt es jeweils schwarz oder hell verchromt mit wahlweise 3 Suchervergrößerungen, nämlich 0,82, 0,71 und  mit 0,58. Letztere Version hat den Vorteil, dass Sie leicht auch den Sucherrahmen für das 28er-Objektiv überblicken können. 

Die schlechte Sichtbarkeit dieses Rahmens namentlich für Brillenträger bei größerer Suchervergrößerung ist oft bemängelt worden. 

Wenn ich übrigens von <Suchervergrößerung 0,91x> und ähnlichem rede, dann verwende ich die von Leitz bzw. heute Leica verwendete Nomenklatur: denn naturgemäß wird das Sucherbild in Wahrheit im Sucher verkleinert, mehr oder minder, je nach <Vergrößerung> 0,58x, 0,72x oder 0,85x bei den heutigen Modellen. Und so war es immer.

Einsparungen bei der LEICA M2 gegenüber der M3 gibt es natürlich: das sich automatisch zurückstellende Bildzählwerk der M3 wurde durch eine außen liegende Bildzählscheibe ersetzt, die Sie nach dem Einlegen des Films manuell auf Null stellen müssen. Ursprünglich besaß die M2 keinen Selbstauslöser, ab Gehäuse Nr. 949101 ist ein Einbau möglich über Wunsch des Kunden, ab Nr. 1004151 (1959) ist der Selbstauslöser selbstverständlich.  Auch fehlte am Beginn der Serie der charakteristische kleine Hebel an der Gehäusevorderseite für die Freigabe der Rückspulkurbel. Statt dessen findet sich bei diesen Exemplaren ein Druckknopf, der klaglos funktioniert. Bei gleichem Aussehen ist er je nach Alter der Kamera unterschiedlich zu bedienen: anfangs musste er während des Rückspulvorgangs gedrückt gehalten werden, später genügte ein Druck und der Knopf rastete in gedrückter Stellung ein. Allerdings konnte die Sperre relativ leicht durch versehentlichen Druck auf diesen Knopf aufgehoben werden, was zu Doppelbelichtungen führte; daher wurde der Knopf durch den Hebel ersetzt.

Ursprünglich hatte die M2 eine der M3 entsprechende Aufwickelspule, die fürs Filmeinlegen herausgenommen werden konnte (musste). Nach der Einführung der M4 mit ihrer  einfach zu bedienenden <Schnellladespule> (die den Namen verdient), wurde ab der Photokina 1968 auch für die Modelle M3, M2, M1 und MD eine solche Schnellladespule samt dazugehörigem Distanzstück als separates Zubehörteil angeboten. Letzteres konnte vom Besitzer selbst am Bodendeckel der Kamera angebracht werden und orientiert den Film beim Schließen der Kamera automatisch in seiner richtigen Lage. Das Ganze ist so praktisch, dass sehr viele Kameras damit nachträglich ausgerüstet wurden.


M2 mit Druckknopf statt Hebel (M2 Button Rewind)
© Leicashop Wien


   
Die LEICA M2 erwies sich als sehr erfolgreiches und beliebtes Modell. Bis zur Produktionseinstellung im Jahre 1967 wurden insgesamt über 80.000 Stück erzeugt, überwiegend mit Chromgehäuse. Damit kommt die LEICA M2 allerdings nicht an den kommerziellen Erfolg der M3 heran, von der insgesamt über 200.000 Stück hergestellt wurden.
   
Manche meinen, in Wahrheit sei die LEICA M2 die erfolgreiche Schwester der (alten) LEICA MP, weil damals an jede M2 der Leicavit-Rapidaufzug angesetzt werden konnte (und an jede M1). 
   
Namentlich in den USA (und heutzutage bei Versteigerungen im Internet) finden sich auch Bezeichnungen für die LEICA M2, die ein wenig verwirrend sind. Amerikaner und Kanadier reden und schreiben von einer LEICA M2S und meinen eine 1966 für die US Army hergestellte Serie, welche serienmäßig mit der Aufwickelspule der M4 samt entsprechender Bodenplatte ausgestattet waren. Das S findet sich nicht in der der Gehäusenummer vorangestellten Typenbezeichnung und auch nicht in der werkseitigen Typenbezeichnung. Typenbezeichnung und Gehäusenummer entsprechen auch bei dieser Version dem Schema: M2 xxxxxx. 

Hingegen findet sich bei der gleichartigen LEICA M2R ein entsprechender Hinweis auf dem Gehäuse, also nach dem Schema: "M2 R xxxxxxx". Ganz selten taucht heutzutage eine Version mit der Bezeichnung M2M samt Nummer auf. Diese 1966 in einer Stückzahl von nur 276 Kameras erzeugte Version ist serienmäßig mit dem Anschluss an den Leica-Motor versehen und hat im Sucher Rahmen für die Brennweiten 35/50/90mm eingespiegelt.
   
Was die Produktionsjahre betrifft, findet man meist die Angabe, die M2 sei ab 1958 erzeugt worden. Jedoch wurden bereits 1957 ganze 200 Stück produziert. Und wenn alle, ich auch, sagen, die Produktion sei bis 1968 gelaufen, ist auch diesbezüglich auf eine simple Tatsache hinzuweisen: 1968 ist tatsächlich das Jahr, in dem die letzte M2 erzeugt wurde, aber es war nur eine einzige Kamera. 1957 wurde keine einzige M2 erzeugt, 1967 waren es nur mehr 60 Stück. Tatsächlich wurde die M2 im Jahr 1966 das letzte Mal in nennenswerter Stückzahl hergestellt: ca. 8.300 Stück.
   
Sinngemäß Gleiches gilt auch für andere Modelle: Die Produktion der Leica Standard zum Beispiel endete offiziell 1950 mit der Erzeugung von ganzen 57 Stück, nachdem in den Jahren 1948 und 1949 keine einzige erzeugt worden war.

Wollte man die Stellung der LEICA M2 innerhalb des Systems somit zusammenfassend beschreiben, könnte man sagen: Von Leitz wurde die M2 als die kleinere Schwester der M3 mit dem Ziel eines billigeren Modells herausgebracht, daher auch die Bezeichnung und das außen liegende und nicht automatisch rückstellende Bildzählwerk.

In Wahrheit war die M2 aber weit mehr als die kleine Schwester: dank des wahlweise eingespiegelten Sucherrahmens für 35 mm Brennweite ersparte man sich bei ihr die eher unförmige Sucherbrille, die bei der M3 für derartige Weitwinkelobjektive noch nötig gewesen war - und dies in einer Zeit, in der sich bereits die heutige Situation ankündigte: die Verwendung von Weitwinkelobjektiven als Standard an Stelle der eigentlichen "Standardobjektive" mit 50 mm Brennweite. Heute  werden Aufnahmen mit einem 35 mm "Weitwinkelobjektiv" häufig als Standard empfunden und bei den Systemen mit Zoomobjektiven hat die Brennweite 50mm seine einstige Bedeutung als sozusagen <Standard> weitgehendst verloren.

Weiter zur Leica M1

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

 

Peter LAUSCH
Zuletzt geändert am 
7. 1.2009

Rechtliches

 Wenn Sie mir schreiben wollen, tun Sie es doch!
Hinauf