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Oskar Barnack und seine Leica
Ohne Oskar
Barnack gäbe es keine Leica. Mehr noch, ohne Oskar Barnack gäbe es wohl
auch keine Fotografie mit Kleinbildkameras, wie wir sie seit 1925 kennen.
Das unterscheidet den Mann von vielen anderen, die für die Entwicklung der
Fotografie wichtig waren. Fotografie in der heutigen Form gäbe es wohl
auch ohne Nièpce und ohne Daguerre, Farbfotografie ohnehin auch ohne die
würdigen Herren Godowski und Mann, die den Kodachrome erfunden haben
(technisch gesehen, ein Irrweg, aber ein durchaus erfolgreicher und
geldträchtiger). Aber ohne Barnack würde sich wohl Kodaks Rollfilm 828
durchgesetzt haben, im Format 3x4cm oder Kodaks Rollfilm im Format 127
(alle möglichen Rollfilmformate von Kodak
hier) , auch
nicht schlecht, aber halt ganz was anderes als das, was Barnack aus dem
Kinofilm gemacht hat.
Wer
war Oskar Barnack?
Barnack wurde am 1. November 1879 in Lynow in der Mark
Brandenburg geboren, arbeitete nach
seiner Ausbildung bei einem Herrn Lampe, der einen feinmechanischen
Betrieb besaß, bei Zeiss in Jena. Als er eine kleine Erbschaft machte,
reiste er nach Österreich, um in den Alpen sein Asthmaleiden zu
kurieren und kam dabei auch nach Wien. Aber leider, die gemütliche Art
von uns Wienern war wohl nichts für ihn und so kehrte er nach Sachsen
zurück, wo er nach einigen Zwischenspielen wieder bei Zeiss eintrat.
1910 kam Barnack auf Empfehlung einem älteren Kollegen namens Mechau zu Leitz. Dort begann er mit
1. Jänner 1911 zu
arbeiten, brachte es innerhalb eines Jahres zum Leiter der
Konstruktionsabteilung für Mikroskope und entwickelte eine haltbare
Vertrauensbasis zum Firmeninhaber Ernst Leitz. In seiner Freizeit ging
der schmächtige, leicht asthmatische Barnack schon seit seiner Jugend
gerne wandern
und schleppte eine der damals üblichen Balgenkameras im Format 13x18cm
auf die Berge in der Umgebung und danach auch wieder ins Tal. Nichts lag
näher, als zu überlegen, wie er das Gewicht seiner Ausrüstung
verkleinern könnte. Mehrere kleine Aufnahmen auf einem großen Stück
Planfilm machen, wäre eine Lösung gewesen, aber ach, 1911 waren die
vorhandenen Emulsionen noch viel zu grobkörnig, als dass man mit
kleinem Negativ befriedigend scharfe Abzüge hätte herstellen können.
Ein kleinerer Film wäre eine andere Lösung gewesen; damit wäre auch
eine kleinere und leichtere Kamera möglich geworden. Aber die
grobkörnigen Filme ..... Daher schleppte Barnack weiter seine unbequeme
Balgenkamera.
Der
Zufall half: Barnacks Kollege Mechau brauchte Unterstützung. Er war besessen von der Idee, die damals
üblichen Projektoren zu verbessern und brauchte dafür Kinofilme. So
wurde Barnack beauftragt, eine Filmkamera zu bauen und tat es auch. Die
erste Filmkamera mit einem Metallgehäuse entstand unter seinen Händen
und nach seinen Plänen.
Nächstes Problem, das zu lösen war, ist die Frage der
richtigen Belichtung dieser Filme gewesen. Der elektrische
Belichtungsmesser war noch nicht erfunden; es gab auch noch nicht die
Vorläufer, die "optischen" Belichtungsmesser. Die richtige
Belichtung war das Ergebnis der Erfahrung des Kameramannes und
mehrfacher Fehlversuche. Barnack entwarf gleich auch noch eine Kamera
für die Belichtungsmessung. Das Prinzip war an sich nicht neu: man
nehme ein kleines Gehäuse, stecke ein kurzes Filmstück hinein, bringe
am Gehäuse ein Objektiv wie an der Filmkamera selbst an, belichte mit
verschiedenen Blenden bei der selben Belichtungszeit wie in der
eigentlichen Filmkamera - und entwickle den kurzen Filmstreifen. Welche
Blendeneinstellung ergibt die am besten belichteten Bilder? Das ist,
gleich bleibende Lichtverhältnisse vorausgesetzt, die richtige Blende
für die "richtigen" Filmaufnahmen.
Die
Form dieser Belichtungsmesskamera entsprach dem Üblichen. Die Bilder
reichten für die Beurteilung der richtigen Belichtung durchaus aus, sie
waren jedoch für eine ausreichende Vergrößerung ohne wesentlichen
Qualitätsverlust zu klein. So arbeitete Barnack überwiegend in seiner
Freizeit an einer Kamera, die bei Verwendung des Kinofilms für die
bildmäßige Fotografie zu gebrauchen war. Zu diesem Zweck kam Barnack
auf die Idee, 2 solcher Negative zu einem 24x36 großen Negativ mit
einem von ihm als schön empfundenen Seitenverhältnis von 2:3 zu
kombinieren. Das war etwa 1912/13.
Voilá, sagt die Werbung noch heute,
die Leica und das Kleinbildformat waren geboren! So einfach war es
leider nicht. Denn Barnack hatte sich in Wahrheit für ein Bildformat
24x38mm entschieden, was bedingt war durch den Abstand von 8
Perforationslöchern des Film. Das hatte zur Folge, dass die einzelnen
Aufnahmen nicht wie heute durch einen Steg voneinander getrennt waren.
Er half sich, indem er nachträglich die Bildbreite auf 36mm reduzierte.
So wird es erzählt, so findet sich die Geschichte von der Erfindung der
LEICA und des Kleinbildformats in mancherlei Büchern. Seinerzeit
erzählte Barnack eine etwas andere Version in Curt Emmermanns Photozeitschrift
"Die Leica":
"Da
der normale Kinofilm infolge der wunderbaren Erfindung der Normung
leider nicht breiter werden durfte, musste ich ihn, um ihn aufs
Äußerste auszunutzen, möglichst weit in der Länge verwenden. Ich
nahm gleich die doppelte Kinobildbreite und siehe da, es wirkte sehr
gut, also 24 mm breit, 36 mm lang. So entstand das LEICA-Format. Also
kein Produkt monatelanger Grübeleien wie es später bei anderen
manchmal ganz unscheinbar aussehenden Kamerateilen öfter der Fall war.
Das Seitenverhältnis 2:3 halte ich für das schönste und
zweckmäßigste, heute noch."
Ob die Erfindung des Kleinbildformats tatsächlich so
spontan erfolgte, kann man glauben oder auch nicht. Für die Wahrheit
dieser Geschichte spricht jedenfalls, dass Barnack, ein bescheidener und
ehrenhafter Mann, wenig Anlass gehabt hätte, der Nachwelt einen Bären
aufzubinden.
Spätestens
seit einem Artikel von Prof. Max Berek in der längst eingegangenen Schweizer
Fotozeitschrift Camera im
Jahre 1948 ist jedoch bekannt, dass Barnack schon Anfang des Jahrhunderts
merkte, auf seinen großformatigen Platten seien viel mehr Details zu
erkennen, als der Betrachter bei einem Abzug bemerkte. Daher die Idee,
ein kleineres Format wäre nützlich. Wie klein (oder groß) dieses neue
Format zu sein hätte, errechnete Barnack laut Berek auf eine ganz
einfache Weise: Mit einem Fadenzähler zählte er bei einem als normal
empfundenen Betrachtungsabstand (Bilddiagonale x 10) die Rasterpunkte
einer scharf wirkenden gerasterten Fotografie in einer Zeitung. Er kam
dabei auf etwa 1 Million Rasterpunkte und schloss unter
Berücksichtigung des damaligen Auflösungsvermögens von Kinofilmen
daraus, dass ein Negativ im harmonisch empfundenen Seitenformat 22 x
33mm notwendig sei. Einen solchen Film gab es; den Kinofilm. Man musste
nur den Film quer ablaufen lassen und kam auf ein nutzbares Filmformat
24 x 36 mm im Seitenverhältnis 2 : 3. Alle großen Dinge sind einfach -
im Nachhinein.
Mag sein, dass Barnack die Geschichte seiner Erfindung
verkürzte. Man weiß es nicht, aber es gibt auch keinen Grund, die
Erzählung Bereks anzuzweifeln.
Die Ur-LEICA
Barnack verwendete 1914 einen "Rollverschluss" aus Tuch mit einer
Bildöffnung von ursprünglich 25x40mm, der beim Verschlussaufzug auf
eine Spule aufgewickelt und durch Federzug gespannt wurde. Später wurde
dann das Verschlussfenster auf 25x38 und schließlich auf die heutigen
24x36mm verkleinert. Bei der Aufnahme rollte dieser Verschluss ab und
gab für 1/40 Sekunde das ganze Bildformat frei. Mehrere Jahre bastelte
Barnack an seiner Erfindung herum, denn ach, sie wies nicht
unbeträchtliche Mängel auf, die erst schrittweise ausgemerzt werden
mussten: die Belichtungszeit war zu lang, der
Schlitzverschluss nicht ausgereift.
Das an der Kamera ursprünglich
befestigte Objektiv, ein Kino-Tessar mit einer Brennweite von 50mm, war für
eine Filmkamera mit ihrem Format 18x24mm bestimmt gewesen und leuchtete Barnacks
größere Negative leider nicht aus. Laut Max Berek, der eine ganze Reihe
von Objektiven für die Leica errechnete, sei dann später ein in
der Firma vorhandenes Leitz Mikro-Summar 4,5/64mm verwendet worden. Das
derzeit angeschraubte Objektiv sei ein Leitz Milar mit einer Brennweite
von 42mm, schreibt James L. Lager in seiner <Leica, An illustrated
History>, 1991, Bd. 1, Seite 8. Hingegen vermeint Erwin Puts in seinem
<Leica Lens Compendium>, Barnack habe jedenfalls an dem im Leica-Museum
befindlichen Exemplar ein Mikro-Summar 4,5/42 mm verwendet. Da damals
von Leitz kein anderes Objektiv mit dieser Brennweite erzeugt wurde,
handle es sich bei dem unbezeichneten Objektiv an der Ur-Leica
offenkundig um ein 6-linsiges, symmetrisch aufgebautes
Mikro-Summar und um kein Milar, wie Lager geschrieben hat.
Der Verschluss wies noch einen Mangel
auf, der erst Jahre später beseitigt wurde: nach jeder Aufnahme musste
vor dem Verschlussaufzug der lichtdichte Objektivdeckel aufgesetzt
werden, weil der Verschluss sonst den Film neuerlich belichtet hätte.
Es fehlte der zweite Verschlussvorhang, den alle Serienleicas
dann von Anfang an hatten. Auch musste der 2 Meter lange Film im
Dunklen, nach Abnahme des lichtdichten Bodendeckels, in die Kamera
eingelegt werden. Kassetten gab es keine, die gepasst hätten; die für
Kinofilm in Filmkameras verwendeten ganz unterschiedlichen Kassetten
waren einfach viel zu groß.
Immerhin,
1913 und 1914 entstanden die ersten, heute noch erhaltenen Fotos mit
dieser Kamera, von der es entgegen vielen heutigen Darstellungen, zwei
Exemplare gegeben hat. Eines nahm der Firmenchef nämlich mit, als er
1914 nach New York reiste und machte in Amerika Aufnahmen, die sich
nicht erhalten haben. Die Kamera selbst gibt es noch, sie findet sich im
Museum der LEICA Camera AG. Das 2. Exemplar der Ur-LEICA verblieb im
Eigentum Barnacks; nach seinem Tod gelangte es ins Eigentum seines
Sohnes, der es nach dem Krieg verkaufte. In den 60er-Jahren wurde diese
Kamera bei Christie's an einen anonym gebliebenen Sammler versteigert.
Seither hat man die Kamera nicht mehr gesehen. Was sich erhalten hat, sind die von Barnack selbst
mit dieser Kamera anlässlich der Mobilisierung 1914 in Wetzlar gemachten Fotos und manches
andere aus dieser Zeit.
Der
damalige Firmeninhaber Ernst Leitz ließ schon am 12. Juni 1914 einen
Patentantrag für die von Barnack so genannte "Lilliput"
einreichen, aber mit diesem Antrag erlitt man Schiffbruch. Einerseits
war leider der Name bereits seit 1891 für eine Kamera einer anderen
Firma gesichert und andererseits hatte Zeiss bereits 1901 eine Kamera
mit Schlitzverschluss und gekuppeltem Filmtransport patentieren lassen.
Lediglich ein Gebrauchsmusterschutz konnte erlangt werden, zwar mehr als
nichts, aber an sich nicht ausreichend als Schutz vor Konkurrenten.
Die
Firmengeschichte, und die meisten Bücherschreiber schließen sich dem an,
sagt anderes, aber es ist durchaus möglich, dass Leitz die Idee
während des Weltkrieges auch deshalb nicht weiter verfolgte, weil man
im Hinblick auf das geltende Patent von Zeiss keine Möglichkeit sah,
eine solche Kamera rechtlich einwandfrei auf den Markt zu bringen.
Möglicherweise war Leitz aber auch derart mit Rüstungsaufträgen
beschäftigt, dass keine Zeit übrig blieb, an der Kamera weiter zu
arbeiten. Die zugänglichen Unterlagen schweigen sich über die
Kriegszeit jedenfalls aus.
Im
Übrigen ist bei dieser Gelegenheit gleich noch ein weiterer Irrtum
richtig zu stellen: Den mit "Kinofilm" geladenen Fotoapparat hat Barnack
durchaus nicht erfunden. Schon 1913 hatte ein gewisser Kulcharski ein
deutsches Patent auf eine Stehbildkamera im Format 18x24mm erhalten, es
gab ähnliche Entwicklungen auch in Frankreich und in England.
Allerdings, allen diesen Kameras und Prototypen ist einerseits ihre
Erfolglosigkeit und andererseits die Länge des verwendeten Films
gemeinsam; mit einem Film für einige hundert Aufnahmen nutzt keinem
Amateur eine Kleinbildkamera. Einen kurzen Rückblick auf die
Entwicklung finden Sie
hier.
Und noch ein weit
verbreiteter Irrtum:
Generationen von
Buchschreibern behaupten, die Brennweite des Normalobjektivs von 50 mm
stehe in Zusammenhang mit der Diagonale des Bildes im Format 24x36 mm.
Indessen beträgt die Formatdiagonale 43,27 mm und
"Normalobjektive" wurden von vielen Firmen mit anderen
Brennweiten angeboten, von 40 mm bei den japanischen Kompaktkameras bis
55 mm. Andere wieder schreiben, der Bildwinkel des Normalobjektivs von
50mm entspreche der Normalperspektive des menschlichen Auges bei
normalem Betrachtungsabstand.
Die Wahrheit ist viel einfacher: Als Barnack die Arbeiten an seiner
Kleinbildkamera begann, hatte das Normalobjektiv beim bei Amateuren
gängigen 6x9 cm
Aufnahmeformat (6x9 cm) mit einem Seitenverhältnis von 2:3 (demselben wie bei
der nachmaligen Leica) eine Brennweite von - normalerweise - 105 mm.
Diese ergab - bezogen aufs Aufnahmeformat einen Bildwinkel von 53 Grad.
Alle diese Objektive wiesen jedoch einige mit damaligen Mitteln nicht zu
beseitigende Abbildungsfehler auf. Schon damals war allerdings bekannt, dass
solche Fehler auf ein Drittel sinken, wenn man die Brennweite um die
Hälfte verkürzt. Alle damaligen Objektive mit 105 mm Brennweite wurden
für eine Brennweite von 100 mm gerechnet; die Differenz wurde
nachträglich berücksichtigt. Teilt man somit die 100 mm Brennweite
durch 2 ......
Ziel Barnacks war
zunächst die
Vergrößerung des Negativs um 2,5x, was ein Bild im damals beliebten Format 6x9 cm
ergibt. Durch die Vergrößerung steigen zwar die Abbildungsfehler
wieder an, sie sind aber immer noch geringer als bei einem Objektiv von
105 mm Brennweite.
Nicht erreicht wurde
der Bildwinkel eines solchen Objektivs von 53 Grad - daraus hätte sich
eine Brennweite des Kleinbildobjektivs von 42 mm ergeben, nicht schlecht
zwar, aber nach Meinung der Objektivkonstrukteure rechnerisch nicht
beherrschbar. Daher strebte man für das Objektiv der Leica nicht den
Bildwinkel des Normalobjektivs für 6x9 cm Negativformat an, sondern
begnügte sich mit 46,5 Grad, der sich aus der Brennweite von 50 mm
ableitet.
Weder Brennweite des
Normalobjektivs der Leica als sozusagen erster Kleinbildkamera (siehe
aber die Vorläufer
hier)
noch der Bildwinkel des Normalobjektivs leiten sich somit ab von
irgendwelchen theoretischen Überlegungen des augenrichtigen
Blickwinkels bzw. aus der Formatdiagonale.
Während
des 1. Weltkrieges entwickelte Barnack weiter; es gab nachweislich ein
in vielen Details geändertes (2.) Versuchsmodell, das aber nicht
erhalten ist und es wurde zwischen 1918 und 1920 ein weiteres, 3.
Versuchsmodell entwickelt, das man im Werksmuseum der Leica Kamera AG
besichtigen kann. Wesentlichster Fortschritt ist ein Verschluss mit
variabler Schlitzbreite bei gleicher Ablaufgeschwindigkeit: damit werden
unterschiedliche Verschlusszeiten möglich. Und zur besseren Planlage
des Films in der Kamera weist die Bodenplatte eine rechtwinkelig dazu
angebrachte Filmandruckplatte auf, die beim Schließen der Kamera in das
Gehäuse eingeführt wird und den Film an die Filmführung andrückt.
Damit sollten Unschärfen durch die Wölbung des Kleinbildfilms in der
Kamera vermieden werden. Auch das ist eine Einrichtung, die man auch in
allen heutigen Kameras und allen Kleinbildkameras seit der ersten Leica
findet.
Sicherlich eine
Besonderheit der Leica, vom ersten Prototypen an, war, dass die Kamera
über keine aufklappbare Rückwand verfügt, sondern der Film vom Boden her
eingelegt wird. Bei dieser Lösung ist Leitz und nunmehr Leica bei allen
Modellen für Film geblieben: auch bei dem - jüngsten - Modell MP muss
man den Bodendeckel abnehmen und den Film vom Kameraboden her in das
Gehäuse einführen - auch wenn es bei den Modellen ab M3 eine Klappe auf
der Rückwand gibt, die diesen Vorgang leichter kontrollierbar macht.
Grund für Barnacks
Entscheidung war die größere Stabilität des Gehäuses bei der von ihm
gewählten Lösung gegenüber einer aufklappbaren Rückwand. Damit erkauft
wurde allerdings ein gewisses Maß an Fummelei beim Filmeinlegen. Wie bei
allem, was die Leica betrifft, gibt es eine überwältigende Anzahl von
Apologeten und Jublern, die sich gar nichts besseres vorstellen können,
auch wenn die Industrie (außer Leitz und nunmehr Leica) einen anderen
Weg beschritten hat.
Dabei muss man zusätzlich
immer bedenken, dass jeder Film damals einen längeren Filmanschnitt
besaß, sodass das heute nötige manuelle Verlängern des Filmanschnitts
zwecks klaglosen Filmeinlegens entfallen konnte - in den 60er-Jahren des
vergangenen Jahrhunderts hat die Filmindustrie beschlossen, den
Filmanschnitt zu verkürzen, da - außer bei der Leica - der lange
Anschnitt entbehrlich war.
Allen Apologeten und
Jublern ist entgegenzuhalten, dass sich Barnack offenbar der inherenten
Schwäche seiner Konstruktion durchaus bewusst war. Denn erst unlängst
ist ein Prototyp einer Leica I (Model A) aus dem Jahre 1927 aufgetaucht, die über einen
abnehmbaren Rückteil verfügt - die Kamer wurde im November 2006 in Wien
versteigert.

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Leicashop Wien
Die Nullserie
In den
Jahren 1923-1924 wurde an einem weiter entwickelten Modell gearbeitet,
der so genannten Nullserie. Sie besteht aus offiziell 30, wahrscheinlich
nur 22 Kameras, von denen einige keine vollständig funktionsfähigen
Modelle gewesen sein dürften. Die Kameras sind nummeriert von 100-130,
doch sind nicht alle Nummern genutzt worden. Heute existieren noch
17 Exemplare.
Die ersten 20 Kameras
hatten noch einen nicht abdeckenden Verschluss, d. h., beim Aufziehen
des Verschlusses nach der Aufnahme wäre das Negativ ein zweites Mal
belichtet worden. Vor dem
Verschlussaufzug musste daher das Objektiv mit einem mitgelieferten ledernen
Deckel verschlossen werden, der mit einer Schnur an der Vorderseite der
Kamera unverlierbar befestigt war. Ob es Kameras mit den Nummern 123 bis
126 gab, ist unbekannt; die Kameras ab Nr. 121 haben bereits einen
abdeckenden Verschluss; eigentlich entsprechen sie diesbezüglich schon
dem Modell I der Leica. Wie man auch immer kategorisiert, die Kameras
der Nullserie sind im Original die seltensten Leicas – und, wie
gesagt, ein
Großteil der Kameras ist noch erhalten.
Sie sind nur in den
Grundprinzipien identisch; Leitz hat verschiedene Varianten ausprobiert;
neben dem Verschluss unterscheidet sich zum Beispiel auch der Sucher bei den verschiedenen Exemplaren.
2 Varianten des Suchers gibt es: einerseits einen der heute üblichen
"Fernrohrsucher", alternativ wurde mit einem Sucher mit
aufklappbarer (negativen) Linse und einem auf der Rückseite
angebrachten Lochvisier experimentiert. In die nachfolgende
Serienproduktion der LEICA übernommen wurde der so genannte
Galilei'sche Fernrohrsucher.
Diese Versuchskameras
sind der eigentliche Grundstein der heutigen Kleinbildfotografie. Mit
der 1925 erfolgenden Markteinführung des - verbesserten - Serienmodells
wurde von Leitz der Schritt in die Zukunft getan.
Die LEICA 0 (Replik
der Nullserie):
Leica hat
übrigens bei der Photokina
2000 eine Replik der Kamera Nr. 104 aus der Nullserie, das Exemplar
befindet sich im Original im Eigentum
der Leica Kamera AG angekündigt und die Replik ist in kleiner
Serie zu stolzem Preis von etwa 2500 Euro (noch) lieferbar. Inzwischen
ist die Produktion längst eingestellt, verkauft werden vereinzelte Restexemplare,
was bei Preisverhandlungen eine Rolle spielen könnte.
Wer das Heidengeld für den
Kauf der Replik nicht aufbringen wollte, konnte gelegentlich bei
Ausstellungen und Präsentationen ein Ausstellungsexemplar
vorübergehend in die Hand nehmen.
Schwer
ist sie und das Fotografieren mit ihr dürfte kein reines Vergnügen
sein. Ich kann mir im übrigen auch nicht recht vorstellen, dass ein
Mensch, der sich eine solche Replik kauft, damit tatsächlich
fotografieren will: der kleinste Kratzer, jeder Regentropfen, der auf
dem schwarzen Lack Spuren hinterlässt, entwertet die Kamera
beträchtlich. Ich nehme daher an, die Replik wurde praktisch ausschließlich zur
Freude von Sammlern gebaut, die das teure Stück unverzüglich in eine
Vitrine gestellt haben. Seit 2000 habe wenigstens ich nur von einem
Fotografen gehört, der tatsächlich mit der Replik regelmäßig
fotografiert.
Ist wahrscheinlich auch am Besten so, denn ungeachtet
des Geredes der Werbestrategen muss der heutige Mensch schon eigentlich
umdenken, um mit der Nullserie ein Foto zu machen. Dass daher im Sinne
der Werbesprüche im Prospekt tatsächlich beim Fotografieren ein neues
Gefühl für die Fotografie entwickelt wird, scheint mir durchaus
sicher, ob es sich um ein schönes, positives Gefühl handelt, möchte
ich indessen ernsthaft bezweifeln. Mag ja sein, dass nach "dem
Herausnehmen aus der Bereitschaftstasche ... das wie beim Original
kunstlederne Kameragehäuse angenehm schwer und sicher in der Hand"
liegt und "der erste Blick durch den Sucher neben dem Motiv ein
liebevolles Detail" offenbart, nämlich –"ein auf der
Planseite der Sucherlinse eingeätztes Fadenkreuz".
Auf gut Deutsch
heißt das, Sie können nicht einfach mit dem Auge am Suchereinblick Ihr
Motiv anvisieren, sondern müssen die Kamera ein Stück vor sich halten
und das Visier mit dem Fadenkreuz zur Deckung bringen. Das haben wir
Gott sei Dank in den letzten 77 Jahren allmählich hinter uns gebracht
und tun uns beim Fotografieren daher leichter, aber schließlich halten
wir zum Beispiel mit einer Nikon F6 auch kein echtes Werkzeug in der Hand, "mit
dem sich die Fotografie wieder völlig neu präsentiert".
Das
tut sie tatsächlich bei der Replik der Nullserie, noch ehe Sie einen Film einlegen.
Aufklappbare Rückwand? Ja, wo gibt's denn das? Bodendeckel ab,
Filmanschnitt in die Aufwickelspule, Patrone in die Patronenkammer, den
Film schön straff, aber nicht zu straff in den Schlitz der Filmführung
einführen – und vorher nicht vergessen, der Filmanschnitt moderner
Filme ist zu kurz, also mit der Schere schön den Filmanschnitt manuell
verlängern, gelt? Das kennen Sie von Ihrer alten Schraubleica zur
Genüge? Na, dann werden Sie sich diesbezüglich ja leicht tun, aber die
Fotografie wird sich nach all der Mühe danach leider nicht ganz so neu
präsentieren.
Haben
Sie den Film eingelegt, fängt das Vergnügen an. Die Belichtungszeit
stellt man an einem Drehknopf ein; 50 = 1/20 sec, 2 = 1/500 sec. Als
Objektiv ist ein Leitz Anastigmat 3,5/50mm eingebaut; das Objektiv ist
wie bei vielen früheren Leica-Modellen, versenkbar und besteht wie das
Original aus 5 Linsen in 3 Gruppen.
Die Jubler jubilieren:
Originalgetreu sei der Aufbau des Objektivs, das zuweilen sogar die
Leistung des späteren Elmar 3,5/50 übertreffe.
In der Werbung
und von den Jublern wird
selten gelogen; manchmal wird bloß auf Wesentliches vergessen: so auf
die simple Tatsache, dass das Anastigmat der Replik natürlich neu
gerechnet wurde, das Elmar 3,5/50 jedoch seit vielen Jahren nicht mehr
gebaut wird. Na, in etwa 50 Jahren
technischer Weiterentwicklung in der Objektivherstellung und -berechnung
wird man ja wohl - zuweilen - einen Fortschritt erwarten dürfen, oder?
Die Blendenwerte der
Leica 0 sind heutzutage ungewohnt und
entsprechen der alten deutschen Einteilung, wie sie 1924 üblich war:
3,5, 4,5, 6,3, 9 und 12.
Nach jeder Aufnahme setzen Sie die Abdeckhaube
auf und transportieren mit dem Aufzugsknopf rechts (in Aufnahmehaltung)
den Film eine Aufnahme weiter; dabei spannen Sie auch gleich den
Verschluss. Die Kombination von Verschlussaufzug und Filmtransport ist
übrigens durch ein Patent für Leitz im Jahre 1922 gesichert worden,
ehe noch die Entscheidung gefallen war, die Kamera in Serie zu bauen.
Alle Aufnahmen gemacht? Am Filmende stellen Sie den kleinen Hebel vor
dem Auslöser auf "R", ziehen den Rückspulknopf heraus und
spulen den Film manuell zurück.
Und
machen Sie ja keine Stativaufnahmen, sonst verkratzen Sie mit dem
Stativteller allzu leicht den Bodendeckel und – siehe oben.
Nicht
alle erhaltenen Kameras der Nullserie s ind identisch, wie schon gesagt,
schließlich wurden verschiedene Konfigurationen getestet und die
Exemplare mit den höheren Nummern sehen auch schon mehr der LEICA I
ähnlich. Manche Lösungen wurden auch wieder verworfen, etwa die
gezeigte Variante (die der Replik entspricht) zugunsten eines Fernrohrsuchers, so wie er sich an der
Leica I findet.
Vor einiger Zeit bot die Leica
Camera AG. eine weitere Replik einer Kamera der Nullserie mit
Fernrohrsucher (samt einigen Vergrößerungen von Originalaufnahmen Barnacks) an, teuer zwar, aber im Vergleich die bessere Wahl dank des
sozusagen normalen Suchers.
Zur Leica I
Zum Inhaltsverzeichnis Peter LAUSCH
Zuletzt geändert am 20. November 2009
Rechtliches
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