Inhalt

Einleitung

AHNEN

URLEICA

LEICA I

Compur-
LEICA

1. Wechsel-
objektive


LEICA II

Standard-
LEICA

LEICA III,
IIIa IIIb,
IIIc,
IIId etc.

LEICA IIIf

LEICA IIIg

LEICA M2

LEICA M3

LEICA M1

LEICA M4

LEICA M5

LEICA M6

LEICA M7

Ausklang

1931 mit
der LEICA
fotogra-
fieren

Bedienung
einer Schraub-
LEICA

Kauf einer
gebrauch-
ten LEICA?

Literatur

Hochmut vor dem Fall 

 

 

Die Leica M3
Teil 1

Jede Firma entwickelt ihre Produkte weiter. So entstehen Entwürfe für neue Kameras, werden verworfen, beiseite gelegt, vergessen, oder aber bei passender Gelegenheit wieder hervorgeholt und verbessert.
   
Bei Leitz war es nicht anders. Wahrscheinlich noch zu Lebzeiten Oskar Barnacks wurde bei Leitz mit der Entwicklung einer Leica IV begonnen, die eine der wichtigsten Schubladenkameras dieser Firma darstellt. 

Die Leica IV, von der noch mindestens ein Exemplar im Werksmuseum vorhanden ist, unterscheidet sich sowohl vom Aussehen als auch im Innenleben ganz wesentlich von den um 1935/1936 verkauften Leicamodellen (LEICA II, LEICA III, LEICA Standard). Die Kamera behält zwar an sich das schlanke Gehäuse mit den abgerundeten Seitenflächen bei, das für alle Schraubleicas typisch ist. Sie weist jedoch bereits einen Messsucher auf, in welchem, nach dem Vorbild der Contax das Bild des Entfernungsmessers mittig eingespiegelt ist. Dadurch entfällt der lästige und (relativ gesehen) umständliche Wechsel von Einblick in das Fenster des Entfernungsmessers, um die Schärfe einzustellen und danach im eigentlichen Sucher die nachfolgende Festlegung des Bildausschnitts. Damit wären auch die vielen ein wenig unscharfen Aufnahmen vermieden worden, die mit Schraubleicas häufig deshalb entstehen, weil sich das Motiv (kritisch bei Aufnahmen aus der Nähe und bei großen Blenden) zwischen Messung der Entfernung und Belichtung nach vorne oder nach hinten bewegt hat.
   
Und nicht nur handelt es sich um einen Messsucher, der Sucher ist auch als Wechselsucher ausgebildet, mit dem es möglich ist, ohne Aufstecksucher auch Objektive mit einer anderen Brennweite als 50mm zu verwenden und den Bildausschnitt bequem festzulegen. Dass die Rückspulkurbel mit einem Getriebe versehen ist und nicht mehr direkt über der Filmpatrone sitzt, sondern zur Mitte versetzt wurde, ist nur eine Kleinigkeit
   
Noch etwas: der Zeitenknopf dreht sich bei der Aufnahme nicht. Das unterscheidet die Leica IV von allen anderen Schraubleicas einschließlich der Leica IIIg. Das mag unwichtig klingen, deutet aber einerseits auf einen anders konstruierten, neuen Schlitzverschluss hin. Andererseits ermöglicht dies durch die bereits vorhandene Ausnehmung auf dem Zeitenknopf die Kupplung mit einem Aufsteckbelichtungsmesser und damit eine vereinfachte Einstellung von Zeit und Blende. Ob auch schon ein geeigneter Belichtungsmesser entwickelt worden war, ist freilich nicht bekannt geworden. Aber diese kleine Ausnehmung zeigt, dass schon ab etwa 1935 an der Belichtungsmesserkupplung gearbeitet worden ist, wie man sie ab 1954 an der neuen M3 verwendete.
   
Der Krieg hat alle diese Planungen offenkundig unterbrochen.
   
Nach dem Krieg wurde die Leica IV nicht mehr weiterentwickelt. Von einem anderen Entwicklungsteam wurde ein Gegenstück zur Leica IV entwickelt. Bis 1953 wurde auch diese Entwicklung intern noch als Leica IV bezeichnet, obgleich die Kamera eine eigenständige Konstruktion darstellt, freilich basierend auf Ideen, die in der Leica IV verwirklicht worden waren. Manches wiederum wurde aufgegeben; anstatt des wechselbaren Suchers wurde ein Sucher entwickelt, der eingespiegelte Leuchtrahmen für insgesamt 3 Brennweiten enthielt.

Zwischen 1952 und 1953 wurden insgesamt 65 Prototypen der nachmaligen M3 hergestellt; sie sind nicht als Leica M3 graviert und tragen statt der Seriennummer eine vierstellige Nummer, z. B. 0052.

Wie es sich für eine Vorserie gehört, wiesen die einzelnen Kameras gegenüber der Serienkamera Leica M3, aber auch untereinander, verschiedene Unterschiede, aber auch einheitliche Ausstattungsmerkmale auf, die nicht in die Serie übernommen wurden.

Das automatische Bildzählwerk fehlte noch bei der Vorserie; statt dessen befindet sich rechts neben dem Auslöser und Transporthebel ein manuell einzustellendes und außen liegendes Bildzählwerk, ausgebildet als eine Scheibe, die in der Größe dem Zeitenknopf entspricht. Es gibt mindestens ein Exemplar mit einem Transportknopf statt eines Transporthebels. Der Rückspulknopf ganz links (in Aufnahmehaltung) hat zwar die vertraute Form, der Film wird aber entgegen dem Uhrzeigersinn zurückgespult. 

Manche Gehäuse haben eine leicht eckige Form, z. B. Nr. 0035. Alle weisen sie zwar den vertrauten Zeitenknopf auf, bei fast allen, wenn nicht bei überhaupt allen, finden sich noch die früher gebräuchlichen Zeiten, z. B. 1/50, 1/25, 1/10. 

Einige Exemplare wurden auch mit einem als Bodendeckel ansetzbaren elektrischen Motor ausgeführt. Ein solcher ist im Herbst 2008 bei einem wohlbekannten Händler in Deutschland aufgetaucht - ich kann ihn mangels Rechten am Bild nicht zeigen.

Diese Versuchsmodelle wurde teils vertraulich an mit der Firma verbundene Fotografen, überwiegend jedoch an Werkspersonal ausgehändigt, damit sie Erfahrungen sammeln und an das Werk weitergeben konnten. Danach wurden die Kameras teilweise wieder zerlegt und wurden die mechanischen Teile auf Verschleiß etc. geprüft. Die demontierten Teile wurden verschrottet. 

Wie bei allen solchen Versuchsträgern ist daher von den 65 Exemplaren nur mehr ein kleiner Teil vorhanden; angeblich sollen es maximal 20 Stück sein, die bei Leitz oder aber bei verschiedenen Sammlern erhalten sind.  Wie sie in den Besitz von Sammlern gerieten, bleibt der Fantasie überlassen.  Im - offiziellen - Handel tauchten solche Prototypen Jahrzehnte lang nicht auf. Neuerdings ist allerdings bei Leica offenbar die Entscheidung gefallen, sich von solchen, allenfalls ohnehin mehrfach vorhandenen Prototypen zu trennen und diese Kameras zu Geld zu machen. Einiges ist daher bei Auktionen zu kaufen gewesen, anderes bieten mehrere Händler im Internet für teures Geld an, manches findet man in einschlägigen Foren abgebildet. Anscheinend ist da im Lauf der Jahre manches aus dem Lager verschwunden, geht das Gerücht.

*

Wer je ein Objektiv an eine Schraubleica angeschraubt hat, weiß, dass die Schraubfassung zwar durchaus zuverlässig, aber umständlich zu benutzen und  sozusagen nicht das Gelbe vom Ei ist. Auch gibt es mit einer Schraubfassung mancherlei Probleme. Nicht zu reden von den Eigentümern solcher Kameras, die das Objektiv verkantet ansetzen und dann mit Gewalt an der Kamera befestigen: das steigert den Umsatz der Reparaturwerkstätten. Gar nicht zu reden ferner von der vertrackten Gewindesteigung von 0,997mm, die man noch Oskar Barnack verdankt. Warum übrigens Barnack ein Gewinde mit 26 Windungen per Inch verwendete und kein metrisches, ist nachträglich nicht mehr festzustellen, aber Tatsache. Auf die Verwendbarkeit von Kameras und Leitz-Objektiven hat das keine Auswirkungen; nach 1945 sind allerdings manche japanische Erzeuger mit ihren nachgebauten Objektiven gescheitert, weil sie irrtümlich meinten, das Gewinde sei metrisch. Canon hat etliche Jahre benötigt, bis dieser Mangel beseitigt war.  Ein solches Gewinde muss  mit möglichst kleinen Toleranzen gefertigt sein, sonst sitzt beim angeschraubten Objektiv der Index nicht genau in Stellung 12 Uhr, sondern seitlich verschoben. Das ist zwar nur ein Schönheitsfehler, stört aber viele Benutzer. Diese Besonderheit ergibt sich fast nur bei Verwendung von Fremdobjektiven; die russischen Objektive sind dafür bekannt und seit Cosina Schraubobjektive fertigt, kommt es auch bei den "Voigtländer"-Objektiven vor.
   
Vor allem dauert der Wechsel eines Objektivs relativ lange, länger jedenfalls als mit einem Objektiv mit Bajonettfassung.
   
Daher wurde die neue Leica mit einer Bajonettfassung ausgestattet. Auch sollte der ständige Wechsel der Aufstecksucher bei jedem Wechsel des Objektivs ein für allemal beseitigt werden und gleichzeitig durch einen Sucher mit einer größeren Abbildung des Sucherbildes samt Begrenzung des Bildfeldes durch Leuchtrahmen das Anvisieren und die Beurteilung des Motivs erleichtert werden. Das Bildzählwerk sollte nicht mehr manuell auf 0 gestellt werden müssen, der Sucherrahmen sollte über einen Parallaxenausgleich verfügen – und die neue Kamera sollte, so wie schon viele Produkte der Konkurrenz, über einen Schnellschalthebel verfügen.
   
Ergebnis all dessen ist die Leica M3, eine technische Meisterleistung für 1954, welche der Konkurrenz  mit ihren Nachbauten (samt teils wesentlichen Verbesserungen) nach dem Vorbild der Schraubleicas  den wirtschaftlichen Erfolg  schwer machte. 

Was unterscheidet die Leica M3 von allen Vorgängermodellen und was sind die wichtigsten Neuerungen?

Die Leica M3 ist die erste Leica mit

  • Bajonettanschluss der Objektive
  • Auflagemaß von 27,8 mm gegenüber 28,8 mm bei den Schraubleicas; dies ermöglicht mit passendem Bajonettadapter die Verwendung faktisch aller jemals für Schraubleicas gelieferten Objektive (sofern auf Null abgeglichen) an der M3, einschließlich einer beträchtlichen Zahl von Fremdobjektiven, z. B. von Zeiss Ikon, Cosina und Schacht.
  • Messsucher, d. h. die Scharfstellung des Objektivs erfolgt mit Blick in den Sucher - gegenüber den getrennten Einblicken in den Sucher und Entfernungsmesser bei den Schraubleicas.
  • Sucher mit einem Vergrößerungsfaktor von 0,91x, also in fast natürlicher Größe,
  • eingespiegelte Leuchtrahmen mit Parallaxenausgleich für Objektive mit Brennweite 50, 90 und 135 mm - also den gängigsten Brennweiten; sichtbar ist jeweils der Rahmen für die verwendete Brennweite - bei der ersten Ausführung bis Nr. 785 800 fehlt noch der Bildfeldwähler! Der Bildfeldwähler ist vielfach später auf Kundenwunsch von Leitz ergänzt worden! Kein eingebauter Leuchtrahmen für 35 mm Weitwinkel, dafür wird ein Objektiv mit Suchervorsatz benötigt, zur Not genügt aber auch ein Aufstecksucher (mit separatem Einblick)
  • Schnelltransporthebel, aber keine Rückspulkurbel, dafür relativ umständlich zu bedienender Rückspulknopf. Schnelltransporthebel muss bis Kamera Nr. 919250 2x für den Filmtransport betätigt werden ("double stroke"), bei allen Kameras mit höherer Nummer 1x ("single stroke"). Achtung: die frühen Kameras konnte von double auf single stroke umgebaut werden!
  • abnehmbarer Bodendeckel; Rückwand mit Klappe zur leichteren Kontrolle der richtigen Lage des Films beim Filmeinlegen - das Ende der umständlichen Prozedur bei allen Schraubleicas bei diesem Vorgang .

Nicht vergessen werden sollten viele kleine Konstruktionsänderungen ohne wesentliche Bedeutung für die Funktion, wie sie bei neuen Produkten regelmäßig vorgenommen werden - ohne dass darüber geredet wird. Um nur ein Beispiel zu nennen: alle M3 vom ersten Serienexemplar mit Nr. 700.000 (das übrigens an den damals bekannten Leica-Fotograf Prof. Kruckenhauser  verschenkt wurde) bis zur Nummer 844.000 weisen eine Filmandruckplatte aus Glas auf, alle späteren eine aus Metall. 

Warum sich Leitz übrigens bis 1958 den Doppelaufzug beibehalten hat und erst die Kameras ab Nr. 915251 den gängigen Verschlusssaufzug und Filmtransport mit einem Hebelschwung bewerkstelligen, ist nicht klar. Anscheinend fürchteten rückwärtsgewandte Techniker, dass Film oder Patrone durch den Aufzug mit einem Hebelschwung beschädigt werden könnten - bei der Konkurrenz war das nicht der Fall und ob es bei Leicas in der Testphase vorgekommen ist, weiß heute kein Mensch zu sagen. Aber es gibt Leica-Fans, die meinen, 2x kurz sei schneller als 1x lang. Für Käufer einer gebrauchten M3: die Double Strokes sind meist etwas teurer bei gleichem Erhaltungszustand.

 

Zum zweiten Teil

 

 

Hinauf

Peter LAUSCH
Zuletzt geändert am 
6.1.2009

Rechtliches

 Wenn Sie mir schreiben wollen, tun Sie es doch!