PETER LAUSCH
Kylemore Abbey


Über die Kylemore Abbey gibt es viele schöne Geschichten in den offiziellen Darstellungen für die Touristen, maßgeblich beeinflusst von der Weltsicht und dem Geschäftssinn der Benediktiner-Nonnen, welche die Abbey heute betreiben. Allerdings, es gibt auch einige andere Seiten der Geschichte, über welche eher wenig geschrieben und noch weniger den Touristen erzählt wird, denn – wer will die Erbaulichkeit und das Geschäft schon stören.

Der Wahrheit zuliebe sollte man aber auch diese weniger erfreulichen Aspekte kennen. Einige möchte ich aufzeigen.

 

Ein kleiner Rückblick

Es war einmal ein reicher Binkel in Manchester namens Alexander Mitchell. Reich geworden ist er mit Geschäften im Rahmen des Manchester-Kapitalismus, einer ganz ausgeprägten und rücksichtslosen Form des Liberalismus, gekennzeichnet durch Kinderarbeit, lange Arbeitszeiten, Fehlen einer sozialen Absicherung bei Unfällen, Krankheit oder Arbeitsunfähigkeit, damit verbunden katastrophalen Lebensverhältnisse für die Armen, Kranken und Schwachen. Dazu gehörten zu Mitchells Zeiten ALLE Lohnabhängigen, sie brauchten gar nicht arbeitsunwillig oder nicht integrationswillig etc. sein (Ausdrücke, wie sie 150 Jahre später gern vom Mr. Cameron verwendet werden, dem man seine geistige Herkunft durchaus anmerkt).

Besagter Alexander Mitchell hatte einen Sohn, benannt Mitchell Henry, der 1828 geboren wurde. Der sollte mit dem schnöden Handwerk eines Kapitalisten nichts zu tun haben, bekam eine angemessene Bildung vermittelt und studierte Medizin. Nach Abschluss des Medizinstudiums betätigte er sich als Chirurg; bekannt wurde er damit,

  • dass er einem Patienten ein Bein ab der Hüfte amputierte, (was die damals besten Chirurgen unter Verwendung einer Säge und langer Messer in dreißig bis 40 Sekunden schaffen konnten – der blutende Stumpf wurde anschließend mit Glut verödet).

  • dass er einem anderen Patienten den bis damals größten bekannten Gallenstein herausoperierte; je eine Hälfte dieses Steins wurde viele Jahre lang in den Räumen des Royal College of Surgeons in Dublin sowie im Museum des Royal College of Surgeons in London aufbewahrt – was aus den beiden Patienten wurde, die ohne die heute üblichen Desinfektionsmittel operiert wurden (so war es damals!), ist nicht überliefert. Narkosemittel waren damals auch noch nicht bekannt, statt dessen gab es mit Leder überzogene hölzerne Beißstäbe (Gelegentlich findet man noch einen samt den Beißspuren von den Zähnen der Patienten in Museen für die Geschichte der Medizin, in Wien etwa).

Gewiss, bei Betrachtung der Kylemore Abbey muss man das nicht unbedingt wissen, aber die Geisteshaltung der herrschenden Klasse zeigt es doch.

In angemessenem Alter hatte Mitchell Henry seine nachmalige Gattin Margaret kennengelernt, auch sie keine Arme, wie denn auch.

Während der Hochzeitsreise im Jahre 1849 kamen die Brautleute in die Gegend des heutigen Kylemore; seiner Gattin gefiel die Landschaft und Henry versprach ihr, dort ein Heim für die Familie zu errichten

Nach dem Tod seines Vaters (1858) übernahm er das Geschäft der Familie und kassierte die reiche Erbschaft. Mit den nötigen Mitteln ausgestattet, gab Mitchell Henry seinen Arztberuf auf, kaufte die damalige Kylemore Lodge samt 10.000 Hektar Land und beauftragte 1862 zwei Architekten, ein angemessenes Heim (mit über 70 Räumen) zu errichten, was sie auch taten. Es entstand das ursprüngliche Kylemore Castle, fertig gestellt nach 5 Jahren Bauzeit und erbaut u. a. mit von weither per Schiff herangeschafftem Granit. Das kostete ein Vermögen, aber Geld spielte keine Rolle. In London besaß der gute Mann auch noch ein angemessenes Stadthaus, ausgestattet mit Gemälden von Van Dyck und anderen. Denn Herr Mitchell Henry hatte sich auf einen Parlamentssitz wählen lassen, wie es sich für reiche Grundbesitzer gehörte und musste in London repräsentieren. Wer wählt so einen? Soweit damals überhaupt wahlberechtigt, die Leute, die von ihm wirtschaftlich abhängig waren.

Allein für den Betrieb des bescheidenen Heims für das Ehepaar samt seinen insgesamt 9 Kindern in Kylemore wurden über 30 Hausangestellte als nötig erachtet – außerdem gab es für die Bewirtschaftung des Grundbesitzes noch eine Menge weiterer Bediensteter, kein Problem angesichts damaliger Arbeitslöhne. Dafür speiste die Familie in der Wildnis von Connemara auch Melonen, Bananen, Nektarinen, Tomaten etc. aus dem eigenem <Walled Garden> – die Mauer war nötig als Schutz vor den hungrigen Mäulern der Eingeborenen. Denn ach, nicht alle waren so dankbar, dass sie vor dem großmächtigen Mitchell Henry gleich auf die Knie fielen. So ist das Leben, es gibt immer Menschen, die das Gute im Henry partout nicht sehen.

Ach ja, eine Kirche wurde auch als nötig angesehen; die Architekten erbauten im Park eine Art Schrumpfkathedrale in pseudogotischem Stil. Manche sagen, die Kathedrale von Norwich habe als Vorbild gedient, die Hl. Schwestern jedoch behaupten, Vorbild sei eine Kapelle in der Westminster Abbey gewesen. Wie auch immer, das Innere schaut aus wie alle anderen neugotischen Kirchenräume + 1 Portion Protz. Es gibt Leute, denen solches gefällt, vorwiegend aus den USA.

Das Wohnhaus wurde – teils erst durch die späteren Eigentümer - in der Folge durch allerlei Anbauten rechts und links verändert. Stil und Anmutung des Gebäudes blieben dabei allerdings erhalten und man muss als Laie schon genau hinschauen, um die Anbauten zu erkennen. Wirklich schöner ist das Gebäude dadurch nicht geworden.
 

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Pech war, dass die teure Gattin 1874 im Alter von knapp 45 Jahren während einer Ägyptenreise starb – ihre Asche wurde in einem (einigermaßen bescheidenen) Mausoleum neben der Schrumpfkathedrale beigesetzt.

Derlei Lebensstil lässt sich auf Dauer nicht aufrecht erhalten. Henry Mitchell kam nach dem Tod seiner Gattin kaum mehr nach Kylemore, verschuldete sich und starb über 80 Jahre alt in England. Hinterlassen hat er seinen Erben angeblich nur 425 britische Pfunde (die Erben waren noch zu Lebzeiten rechtzeitig abgefunden worden).

Längst waren da das Stadthaus in London und Kylemore selbst von den Geldgebern zur Abdeckung der Schulden übernommen worden. Ein reicher Amerikaner hat in der Folge Kylemore als standesgemäßes Heim für seine Tochter erstanden, die den Duke of Manchester geheiratet hatte. Diese beiden führten einen aufwendigen Lebensstil und wurden bis 1913 vom Amerikaner finanziell ausgehalten; als der starb, blieben die Zahlungen aus – das Haus wurde gepfändet und Duke von Manchester samt Gattin zogen woanders hin.
 

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Erst 1920 fand sich eine Käuferin für Kylemore: eine Kongregation von Benediktinernonnen, deren Kloster in Ypern im 1. Weltkrieg zerstört worden war. Sie bauten das Gebäude um und betrieben dort ein Internat, in dem Mädchen aus aller Welt, deren Eltern sich das Schulgeld leisten konnten, auf die Segnungen des Lebens als katholische Frau und Mutter vorbereitet wurden. Wer den damals unentgeltlich zu besichtigenden Park besuchte, konnte gelegentlich die Zöglinge in ihrer kargen Freizeit spazieren gehen sehen: eine Schar niedergedrückter und unglücklich aussehender Teenager (es mag Ausnahmen gegeben haben, ich wenigstens habe bei meinen Besuchen dort kein Mädchenlachen gehört).

2005 ging der Spuk zu Ende: der Bedarf an einschlägig erzogenen Mädchen war offenbar gesunken und das Internat nicht mehr wirtschaftlich zu führen.

Das macht aber nichts; denn inzwischen haben die Nonnen längst einen ganz anderen Wirtschaftszweig entdeckt: den Fremdenverkehr. Dank geschickter Werbung führt heutzutage buchstäblich jede Autobusreise in den Westen Irlands an Kylemore vorbei und in den dortigen Andenkenladen samt Gaststätte.

Dort gibt es alles das zu kaufen, was es in allen derartigen Geschäften Irlands auch zu kaufen gibt, die Verkäuferinnen werden hier indessen von streng blickenden meist steinalten Nonnen überwacht (der Nachwuchs ist auch in Kylemore ein Problem). Hier gibt es überdies viel christliche Literatur, falls jemand solches kaufen will.

Ein Kochbuch gibt es auch zu kaufen, doch sollten Sie es erst nach reiflicher Überlegung und Überprüfung der Rezepte kaufen: denn nicht für jedefrau sind die darin enthaltenen Rezepte kochbar und nicht für jedermann und jedefrau sind sie essbar. Aber vielleicht wollten Sie <Gefülltes Schafherz in Sauce> schon immer mal genießen.

 

 

 

 

Ratschläge zum Besuch der Kylemore Abbey

Die Benützung des Parkplatzes ist kostenlos. Der Eintritt in die zur Besichtigung freigegebenen Räume der Abtei kostet für Erwachsene 12 Euro (Stand: 2011). Kinder und Greise billiger, Greisinnen auch. Besichtigen können Sie 3 oder 4 Räume, die so aussehen, als habe man Zimmer aus Neuschwanstein nach Kylemore versetzt. Manchen Besuchern gefällt das ja, und wenn man aus der Prärie daherkommt.....
 


Kleiner Salon, wie ihn Mitchell benützt haben könnte


Esszimmer, wie es seinerzeit ausgesehen haben könnte
 

In diesem Preis inbegriffen ist ferner eine Besichtigung des Waldes, der die Abtei umgibt, einschließlich der erwähnten Schrumpfkathedrale und des Mausoleums sowie seit einigen Jahren des <Walled Gardens>, eines besseren Gemüsegartens – den haben die Nonnen während Jahrzehnten verfallen lassen, ehe sie ihn mit Geld der EU (Deutschland und Österreich gehören pro Kopf zu den größten Nettozahlern, wie Sie ja wissen) wieder hergerichtet haben. Seither genießen sie die Einnahmen.

Ist Ihnen das keine 12 Euro wert? An der Kasse beim Parkplatz brauchen Sie nichts zu zahlen, außer Sie wollen tatsächlich die Abtei besichtigen etc. – siehe oben. Die Hauptkasse mit Schranken ist näher zur Abtei.

Vom Parkplatz aus gehen Sie  gratis über eine hölzerne Brücke  zum Restaurant und zum Andenkenladen und alternativ (2011 noch gratis) ein Stück entlang des Seeufers. Vom Seeufer aus haben Sie schöne Blicke auf die Abtei. Von dort schaut sie auch noch am schönsten aus. Fotos, die Sie dort machen, werden freilich hunderttausend anderen gleichen, aber sie sind ja immerhin von Ihnen. Alternativ können Sie auch von der Straße aus die Abtei jenseits des Sees fotografieren. Dort ist weniger Platz, also weniger gleiche Bilder.

Beim Verlassen des Parkplatzes und der Weiterfahrt haben Sie jedenfalls das Gefühl, eine der bekanntesten und beliebtesten Sehenswürdigkeiten im Westen Irlands gesehen zu haben, wie die Tourismusbranche behauptet. Oder?

 


Blick auf die Kylemore Abbey vom Nordufer des Kylemore Lough

 
Erstellt:
16. August  2011
© 2011/Peter Lausch

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