Kommt bald!


 


KIEV 4, vor allem KIEV 4M und 4AM 

Recht häufig findet man bei uns in Österreich in den Auslagen der Fotohändler gebrauchte Kameras der verschiedenen Typen der Kiev von Zavod Arsenal.

Hat man ein wenig Glück und ersteht man eines der jüngeren Exemplare (an sich aber auch schon mindestens 20 Jahre alt), kann man mit der Kiev prächtig fotografieren und erlebt heute noch, wie man bis in die 50er-Jahre mit einer Contax fotografierte - von einer Nikon I, M, S, S2, SP, S3 und S4 ganz zu schweigen.
   
Denn nicht nur die Kiev 4, 4M und 4AM und ihre Vorgängermodelle sind ein weitgehend exakter Nachbau der Contax II und III, sondern auch die damalige Firma Nippon Kogaku K. K. hat ab 1947 die äußere Form, die Art der Entfernungseinstellung, den Objektivanschluss und noch einiges andere für ihre neuen Sucherkameras übernommen und mit einzelnen Merkmalen der Leica kombiniert. Mit dieser Kombination wurde den Grundstein für die Entwicklung zu einer der berühmtesten japanischen Kamerafirmen gelegt. Aber das ist eine andere Geschichte, die ich anderswo erzähle.
   
Die Bedeutung der Kiev für die Entwicklung der fotografischen Industrie, aber vor allem ihre Bedienung und ihre heutige Verwendbarkeit (mit ihren Vorzügen und Schwächen) möchte ich im Folgenden beschreiben.

Zuerst ein Rückblick
    
Ab 1925 war die Leica erhältlich. Sie wurde nicht nur die erste erfolgreiche Kleinbildkamera (einzelne Kameramodelle für die Verwendung mit Kinofilm hatte es schon vorher gegeben, auch in der damaligen Sowjetunion, vor allem aber in Frankreich). Sie wurde darüber hinaus sozusagen zum großen Vorbild für alle anderen Produzenten; ab den 30er-Jahren war der von der Leica eingeleitete Trend zum Kleinbildfilm ungeachtet seiner damaligen technischen Mängel unaufhaltsam und unübersehbar.
   
Der damals wichtigsten und größten Erzeugerin von Fotoapparaten, der Fa. Zeiss Ikon, war damit unversehens eine mächtige Konkurrenz erwachsen. Kein Wunder, dass auch Zeiss Ikon nach einer - längeren - Schrecksekunde eine Kleinbildkamera auf den Markt brachte, und was für eine: neben der Leica das zweite, klassisch gewordene Modell einer Sucherkamera für Kleinbildfilm: die Contax. Aber auch das ist eine andere Geschichte.
   
Was nun im Alltagsgebrauch die bessere, einfachere, vielseitigere Kamera sei, war unverzüglich heiß umstritten. Wer die besseren, sprich schärferen Objektive lieferte, wurde in aller Ausführlichkeit debattiert.
   
Im Nachhinein ist leicht reden: beide Produkte waren umständlich zu bedienen, schwer und reparaturanfällig; beide hatten ihre Vorzüge und ihre Nachteile, aber beide gemeinsam machten nicht nur ihre Erzeuger reich, sondern begründeten eine neue Ära der Fotografie. Durch die im Vergleich mit Platten- oder Rollfilmkameras viel kleineren und unauffälligeren Kameras wurden lebendigere Fotos möglich, weil die Menschen gar nicht merkten, dass sie fotografiert wurden und daher nicht in starre Posen verfielen. Mit einem Mal waren Reportagen möglich und die klassischen Fotos von Robert Capa, Cartier-Bresson, Werner Bischof und vielen anderen konnten einfach nur mit Kleinbildkameras entstehen. 
   
Zum ersten Mal in der Geschichte der Fotografie hatte auch der "kleine Mann" die Möglichkeit, sich, seine Familie und die bescheidenen Ereignisse, die ihn bewegten, leicht und verhältnismäßig billig zu verewigen. Denn die damals extrem teuren Leicas und die Contax als Spitzenleistungen der Kameratechnik wurden ergänzt durch eine Unzahl von preiswerteren Apparaten mit geringeren Möglichkeiten und - geringerer Qualität. Ihren Zweck erfüllten sie alle, denn kommt es nicht viel mehr auf den Fotografen als auf die Kamera  an? Das Bild, das der Fotograf nicht sieht, nimmt für ihn damals keine Kodak Retinette auf, aber auch keine Leica und keine Contax. Daran hat sich bis heute nichts geändert, auch wenn die Kameras von heute viel einfacher zu bedienen sind.
   
In den kapitalistischen Staaten mit funktionierendem Patentrecht und Musterschutz waren Leica und Contax gegen Nachbau und Imitation bis 1945 geschützt. Nicht so in der Sowjetunion, die den entsprechenden völkerrechtlichen Vereinbarungen gleich gar nicht beigetreten war oder sie nicht anerkannte, soweit sie in der Zarenzeit unterschrieben worden waren. 
   

Daher begannen schon zu Anfang der 30er-Jahre sowjetische Firmen den Nachbau der Leica.Vor allem die damals modernste Leica II diente als Muster. Bedingt durch die Eigenart der sowjetischen Staatswirtschaft erfolgte der Nachbau der Leica durch einige wenige Firmen. Bekannt im Westen ist vor allem FED geworden (benannt nach Felix Edmundowitsch Dserschinski, dem Gründer der Tscheka) sowie nach 1945 die Firma KMZ mit der Zorki. Solche Nachbauten erfolgten streng genommen bis 1950, danach wurden – auf der Basis der Schraubleicas – weiter entwickelte eigene Modelle auf den Markt gebracht. Diese können ihre Verwandtschaft mit den Vorbildern nicht verleugnen, weichen von ihnen jedoch soweit ab, dass man sie – mit ein wenig gutem Willen – als Eigenentwicklungen bezeichnen kann.
   
Die damaligen Modelle der Contax (I - III) wurden nicht nachgebaut. Warum, ist nicht exakt feststellbar. Unter anderem mag es an dem komplizierten Entfernungsmesser aller Modelle der Contax gelegen haben, an der seltsamen Art der Entfernungseinstellung beim Normalobjektiv oder einfach daran, dass man sozusagen, wenn schon, denn schon, die Urmutter aller Kleinbildkameras kopierte und nicht die Konkurrenz. So blieb es bis 1945.
   
Nach dem Zusammenbruch Nazi-Deutschlands requirierte die siegreiche Sowjetmacht unter anderem, was an   Maschinen und Plänen bei Zeiss in Jena und Zeiss Ikon in Dresden vorhanden war. Die damaligen Vorgänge sind schlecht dokumentiert. Feststeht, dass Maschinen und Pläne in die Sowjetunion gebracht wurden, nachdem eine Anzahl Contax in Jena erzeugt worden war (anscheinend, um die Funktionsfähigkeit der Maschinen zu testen). Die Maschinen wurden in einem neuen Werk in Kiew in der Ukraine aufgestellt und man begann ab 1947, mit diesen Maschinen an Hand der mitgebrachten Pläne die beiden Contax-Modelle nachzubauen, die Contax III mit Belichtungsmesser, die Contax II ohne. Abgesehen vom schlechteren Material, niedrigerer Fertigungsqualität und der neuen Bezeichnung Kiev in zyrillischer Schrift entsprachen die Kameras sozusagen bis zur letzten Schraube der Contax II bzw. III.
   
Im Vergleich mit anderen sowjetischen Kameras jener Zeit waren die einzelnen Exemplare der Kiev im Durchschnitt von besserer Qualität; auch bei den Kievs kam allerdings der Erfüllung der Zahlen im 5-Jahres-Plan mehr Bedeutung zu als der Funktionsfähigkeit der Kameras. Auf gut Deutsch bedeutete das, dass der Käufer einer Kiev mit Glück eine funktionierende Kamera aus der Verpackung holte, ohne Glück allerdings eine, die von Anfang an nicht funktionierte, vielfach, weil ihr einzelne Teile fehlten oder, wenn vollständig, falsch zusammengebaut waren.
   
Die Kiev wurde, so wie andere sowjetische Kameras auch, in den Westen exportiert; in Österreich etwa war sie in der russischen Besatzungszone (bis zum Abzug der Roten Armee und dem Abschluss eines Friedensvertrages im Jahre 1955) recht häufig zu sehen. Sie war häufiger zu sehen als sie gekauft wurde, litt sie doch unter dem Odium ihrer Herkunft. Waren die sowjetischen Soldaten gefürchtet und gehasst wegen ihrer Alkoholexzesse und der damit verbundenen Gewalttaten, übertrug sich die Abneigung gegen sie auf alles Sowjetische und gleich auch auf alles Russische, einschließlich Tolstoi und Dostojewski. So wurden auch die Kameras aus Kiew mit Geringschätzigkeit betrachtet. Wer dennoch eine Kiev kaufte, musste sie nach dem Kauf sehr häufig reparieren lassen, falls nicht der Importeur ohnehin jede Kamera vor der Auslieferung an die Fotohändler prüfte und reparierte. Dafür war die Kiev allerdings billig, viel billiger als vergleichbare Produkte aus West-Deutschland und in der Folge auch aus Japan.
   

Modelle der Kiev-Kameras:

Aber was heißt schon: vergleichbar? Bis zum Ende der Produktion ca. 1985 wurde die Kiev zwar in verschiedenen Modellen geliefert, wirklich modernisiert wurde sie nie.  

1947 - 1955 Kiev 2
unveränderter Nachbau der Contax II ohne Belichtungsmesser
1952 - 1955 Kiev 3
unveränderter Nachbau der Contax III mit Belichtungsmesser
1956 - 1958 Kiev 2a
Contax II-Nachbau + Blitzkontakt
1956 - 1958 Kiev 3a
Contax III-Nachbau + Blitzkontakt + Belichtungsmesser
1957 - 1979 Kiev 4
wie Kiev 3 mit kleinerem Belichtungsmesseraufsatz
1958 - 1980 Kiev 4A
wie Kiev 2a, mit Filmmerkscheibe, aber ohne Belichtungsmesser
1963 No-Name-Kiev
Zu Zeiten der Kubakrise hergestellte Kiev 4a ohne Aufschrift, primär für USA bestimmt, laut manchen Quellen in Jena erzeugt aus sowj. Teilen
1968 - 1973 Kiev 5
Neue Kamera mit geändertem Aussehen und Objektivanschluss
1977 - 1985 Kiev 4M
moderneres Aussehen, Hotshoe, sonst wie Kiev 4
1980 - 1985 Kiev 4AM
modernes Aussehen, Hotshoe, kein Belichtungsmesser, sonst wie Kiev 4M

Lediglich die von 1967 bis 1973 erzeugte Kiev 5 wies wirkliche Neuerungen auf, von der äußeren Form angefangen bis zum Schnellschalthebel. Doch die Kiev 5 ist eine Art weißer Elefant: man weiß, dass sie erzeugt wurde, man weiß, dass sie auch in den kapitalistischen Westen exportiert wurde (so wie alle anderen sowjetischen Kameras auch ins Land des Erzfeindes), man findet sie freilich nur ganz selten, kein Wunder, wurden doch anscheinend bloß ca. 40.000 Stück erzeugt. Wenn Sie ein Bild samt Kurzbeschreibung sehen wollen, klicken Sie hier!
 
Die Kiev 4 samt Folgemodellen und mehr noch die Kiew 5 sind interessante Kameras, schon wegen ihrer Abstammung, vor allem aber, weil man mit ihnen, falls man ein funktionsfähiges Exemplar bekommt, tadellos fotografieren kann und den Bildern nicht ansieht, dass sie mit einer konstruktiv fast 60 Jahre alten Kamera gemacht wurden. Und weil die Kie
v keinen guten Ruf hat, sind namentlich die Kiev 4M und die Kiev 4AM als die (relativ) jüngsten der Reihe preislich günstig zu erhalten. Manchmal findet sich im Internet die Behauptung, die älteren Modelle (s. o.) seien von besserer Qualität, wenngleich die Belichtungsmesser in den entsprechenden Kameraausführungen meist nicht mehr funktionieren oder nicht richtig anzeigen.

Ich werde im Folgenden daher die wesentlichen Eigenschaften und die Bedienung der Kiev an Hand des gängigen Modells Kiev 4AM beschreiben, wie Sie es unten abgebildet sehen. 

   

Bedienungselemente der Kiew 4AM


 
      Kiev 4AM von vorne

   

Das von der Contax übernommene 8-eckige Gehäuse ist gekennzeichnet durch das Sucherfenster (rechts, von vorne gesehen) und das Fenster des Entfernungsmessers links außen. Rechts oberhalb dieses Fensters sehen Sie ein teilweise verdecktes Zahnrad mit einem Stift dahinter. Unterhalb des Fensters des Entfernungsmessers auf der Gehäusevorderseite befindet sich nahe dem Gehäuseboden der Selbstauslöserhebel, den Sie nach links drehen können. Dann wird ein kleiner Schieber sichtbar, den sie zum Objektiv hin schieben. Haben Sie den Verschluss vorher gespannt, schalten Sie damit den Selbstauslöser mit einer Vorlaufzeit von ca. 10 Sekunden ein. In der Mitte oberhalb des Objektivs den Schriftzug Kiev in zyrillischen und lateinischen Buchstaben (in englischer Schreibweise des Namens). Das Objektiv ist fast immer ein Helios-103 mit den Daten 1,8/53 mm, das übliche Standardobjektiv für die Kiew 4. Hinter dem Objektiv am Kameragehäuse befindet sich eine Entfernungsskala. An der Objektivfassung findet sich beim Normalobjektiv ein längerer Hebel. Drücken Sie ihn nach hinten, zum Gehäuse hin, können Sie das Objektiv aus der inneren Bajonettfassung lösen und auswechseln. Zwischen Objektivfassung und Sucherfenster gibt es noch einen kleinen Schieber, mit dem Sie alle anderen Objektive (für das Außenbajonett) wechseln können. Unterhalb des Sucherfensters ein Blitzkontakt, nützlich, falls Sie nicht den "Hot Shoe" im Zubehörschuh verwenden wollen oder können.


   Kiev 4AM von oben/Detail

Auf der Gehäuseoberseite sehen Sie rechts einen großer, geriffelter Drehknopf, mit dem Sie durch Anheben die Belichtungzeit auf eine Marke auf der Gehäuseoberseite einstellen. Ohne Anheben transportieren Sie mit diesem Drehknopf den Film und spannen den Verschluss. 

Achtung: Die Zeiten sollten Sie nur verstellen, wenn Sie vorher den Film tranportiert und damit den Verschluss gespannt haben. Ansonsten kann der Verschluss nach der nächsten Aufnahme teilweise offen bleiben!

Einen Schnellschalthebel besitzet kein Modell der Kiev, aber das ist kein Mangel, mit dem Sie hoffentlich leben können. In der Mitte dieses Drehknopfes ist der Auslöser mit Drahtauslöseranschluss. Links davon findet sich das Zählwerk. In der Mitte ist der Zubehörschuh angebracht mit kabellosem Kontakt für Blitzgeräte. Links davon die ausklappbare Rückspulkurbel. modisch aus schwarz lackiertem Metall mit chromfarbenen Zierstreifen.

Betrachten Sie die Kamera von hinten, sehen Sie an Bedienungselementen nichts außer der schwarz belederten und abnehmbaren Rückwand und (in Aufnahmehaltung) links oben den Suchereinblick; im Messsucher können Sie auch die Entfernung einstellen. 

Sagen Sie nicht, das sei nichts Besonderes, bei allen Schraubleicas einschließlich des letzten Modells, der Leica IIIg, waren Sucher und Entfernungsmesser getrennt. 

Links neben dem Transport- und Zeitenrad sehen Sie an der rückwärtigen Kante des Oberteils ein schmales, teilweise in das Oberteil eingelassenes Zahnrad. Mit diesem stellen Sie nach dem Einlegen eines Films und 2 Leeraufnahmen das Zählwerk manuell auf Null.
   
Auf der Gehäuseunterseite finden Sie zwei Drehknöpfe; drehen Sie beide bis zum Anschlag, können Sie die Rückwand als Ganzes abziehen und den Film in der üblichen Weise einlegen. Achten Sie, dass die Perforation ins Zahnrad des Filmzählwerkes eingreift, ehe Sie die Rückwand schließen, sonst reißt sie beim Filmtransport. Genau unterhalb des Objektivs findet sich der Stativanschluss - auch nichts Besonderes.

Fotografieren mit der Kiew 4AM:

Haben Sie den Film eingelegt, zwei Leeraufnahmen gemacht, nach jeder den Film mit dem Drehknopf rechts auf der Oberseite des Gehäuses weiter transportiert? Haben Sie auch den Film mit der Rückspulkurbel links in der Patrone gestrafft und aufgepasst, ob sich die Rückspulkurbel dreht, wenn Sie den Film transportieren? Haben Sie das Zählwerk manuell auf Null gestellt?
   
Das alles haben Sie? 

Dann steht dem Vergnügen fast nichts mehr im Wege. Der Reihe nach:

   1. Suchen Sie sich ein Motiv.
   2. Stellen Sie, nachdem Sie den Film weitertransportiert und damit bei aufgezogenem Verschluss aufgezogen haben, unter Anheben des Drehknopfes rechts die passende Belichtungszeit ein.
   3. Die passende Blende wählen Sie mit dem schwarzen Drehring und stellen Sie dem roten Punkt auf der Chromfassung gegenüber.
   4. Blicken Sie in den Sucher und stellen Sie die Entfernung mit dem eingebauten Entfernungsmesser ein, indem Sie bei angesetztem Normalobjektiv mittels des kleinen Zahnrad an der Vorderkante des Oberteils nach rechts oder links drehen und gleichzeitig den hinter dem Zahnrad befindlichen Hebel nach unten drücken. Durch diesen Druck lösen Sie die Verriegelung der Entfernungseinstellung. Alternativ können Sie beim Normalobjektiv die Entfernung auch durch Drücken dieses Hebels und durch nachfolgendes Drehen des Chromringes am Objektiv einstellen (mit dem schwarzen Ring stellen Sie die passende Blende ein).
   5. Drücken Sie den Auslöser
   6. Drehen Sie den Transportknopf mit der Zeiteneinstellung im Uhrzeigersinn bis zum Anschlag. Damit haben Sie den Film eine Aufnahme weiter transportiert und den Verschluss gespannt. Danach können Sie bei Bedarf die Belichtungszeit verstellen, vorher sollten Sie es nicht tun - siehe Pkt. 2.

Wo Sie sehen können, welche Blende und Belichtungszeit Sie einstellen sollen? Dazu brauchen Sie einen separaten Belichtungsmesser oder aber die Kiew 4M mit eingebautem, aber nicht gekuppelten Selen-Belichtungsmesser (bzw. ein anderes Modell der Kiev mit Belichtungsmesser). Bevor Sie sich aber jetzt eine Kiev 4M etc. kaufen, beachten Sie: Selenzellen haben eine Lebensdauer von ca. 20-30 Jahren, sie brauchen keine Batterie, sondern erzeugen durch  das einfallende Licht genügend Strom für die Messung - und sie sind nicht sehr empfindlich. Viele Selenzellen bei derart alten Kameras funktionieren aber nicht mehr oder nicht mehr einwandfrei, wie schon gesagt.
   
Ich empfehle daher gleich ein Modell der Kiev ohne Belichtungsmesser (das gilt erst recht für die älteren Modelle). Funktioniert der Belichtungsmesser nämlich nicht mehr einwandfrei, schleppen Sie fortan bloß zusätzliches Gewicht mit sich umher, denn abnehmbar ist der Belichtungsmesser nicht.    

Sie wollen Wechselobjektive verwenden? Tun Sie das. Die von den Sowjets zu den Kievs erzeugten Objektive (von 28 - 135 mm) passen natürlich. Die Objektive von Zeiss zur Contax passen - probieren Sie es dennoch aus, ehe Sie kaufen. Damit passen aber auch viele Objektive japanischer Erzeuger, die eine Version mit Contax-Fassung produzierten. Ob Sie allerdings ein wahrlich kostbares Nikkor 1,5/35 ausgerechnet an der Kiev verwenden wollen, bleibt Ihnen überlassen.
   
Ein kleines Problem müssen Sie dabei übrigens auch noch überwinden: Der Sucher der Kiev zeigt ungefähr, was das Normalobjektiv auf den Film bringt, nicht das Bild, das von Wechselobjektiven erzeugt wird. Daher brauchen Sie einen Aufstecksucher für die entsprechende Brennweite, oder aber einen passenden Multifokalsucher, sinnvoll vor allem, wenn Sie Wechselobjektive unterschiedlicher Brennweite verwenden wollen. So etwas gibt es im Gebrauchthandel zahlreich, von Kiev, FED und  Zorki  aus der ehemaligen Sowjetunion etwa. Von der damaligen Firma Leitz natürlich auch, aber für das Geld, das sie für den teuren Leitz-Sucher hinlegen müssen, können Sie sich gleich eine ganze Schar von Kievs kaufen. Auch die Zusatzsucher für Cosina/Voigtländer Bessa-Modelle sind im Vergleich mit dem Preis der Kiev 4AM nicht besonders preiswert. 

Die russischen Wechsel- (Multifokal-)sucher finden Sie wohl in allen größeren Städten ohne besondere Schwierigkeiten. Allein in Wien weiß ich derzeit einen Händler, der solche Sucher gebraucht auf Lager hat. Er versendet in die ganze Welt. Für die Kiev sind die Multifokalsucher bestimmt, die - in Aufnahmehaltung - den Sucherschuh nach links versetzt haben, die anderen sind für FED und Zorki!

   Mein persönlicher Rat: Lassen Sie die Wechselobjektive bleiben. Ich finde es schön, dass man mit 40 Jahre alten mechanischen Kameras mit ein wenig Wissen um die Zusammenhänge auch heute noch vielfach Aufnahmen machen kann, die Bildern mit modernen Kameras nicht nachstehen müssen. Aber heute fährt niemand mehr mit der Postkutsche in den Urlaub. Wollen Sie wirklich mit viel Aufwand dauernd so fotografieren, wie unsere Vorfahren und dabei die Freude am Ergebnis verlieren, auf das es ja ankommt? 
   
Natürlich kann man mit einer Kiew 4AM den eigenen Sprössling fotografieren und mit Glück wird man ein gutes Bild erhalten. Viel weniger Aufwand und viel weniger Glück brauchen Sie aber für dieses Bild, wenn Sie
eine moderne SLR mit AF und Zoomobjektiv verwenden.
   
Der Film ist voll, Sie wollen ihn zurückspulen? Wie?
   
Nicht, indem Sie an der Rückspulkurbel mit Brachialgewalt drehen. Sie reißen nur den Film aus der Patrone oder beschädigen die Perforation des Films. Beides macht in der Folge Probleme.


Statt dessen betrachten Sie die Unterseite und sehen am Boden (auf der Seite des Entfernungsmesserfensters) beim Drehknopf einen roten Punkt, auf den Sie - vorsichtig - die Lasche ausrichten und dabei zur Sicherheit weiter den Kameraboden gegen das Gehäuse drücken. Dann drehen Sie an der Rückspulkurbel - es ist geschafft.

Blitzaufnahmen mit der Kiew 4AM:

Sie können jedes Blitzgerät mit einem Fußkontakt (Hot Shoe) verwenden, auch die für bestimmte Kameras gebauten (dedicated). Die zusätzlichen Kontakte im Fuß derartiger Blitzgeräte funktionieren an der Kiev 4AM nicht. Infolgedessen können Sie die zusätzlichen Eigenschaften nicht nützen. Sie müssen das Blitzgerät allerdings von TTL- auf Computerblitzen umstellen - allenfalls an Hand der Gebrauchsanleitung des Blitzgeräts.

Haben Sie indessen noch ein ganz altes Blitzgerät ausschließlich mit Kabelanschluss, können Sie auch dieses verwenden, allerdings mit einem Adapter, z. B. von Hama.

Und vergessen Sie nicht die Umstellung der Belichtungszeit auf die 1/25 Sekunde mindestens (rot eingelegt) manuell einzustellen. Ihr Blitz macht das nur an Ihrer modernen AF-Sucherkamera automatisch.

Fazit:
   
Ob Sie sich eine Kiev 4AM kaufen wollen, das müssen Sie entscheiden, nicht ich. Ich bin, sage ich zum Abschluss, mit meinem Exemplar zufrieden und kann mit den immanenten Beschränkungen leben. Aber freilich, mit einer Leica M3, einer Canon 7 oder gar einer Nikon SP (der Konkurrenz, vom Alter her) soll man die Kievs besser nicht vergleichen - und mit einer modernen AF-SLR natürlich auch nicht.

    


 

 

Erstellt am 8.9.2000
Zuletzt geändert am 9. Mai 2002
© Peter Lausch