
Kommt bald!


|
KIEV 4, vor allem KIEV
4M und 4AM
Recht häufig findet man bei uns in Österreich in den
Auslagen der Fotohändler gebrauchte Kameras der verschiedenen Typen der
Kiev von Zavod Arsenal.
Hat
man ein wenig Glück und ersteht man eines der jüngeren Exemplare (an
sich aber auch schon mindestens 20 Jahre alt), kann man mit der Kiev
prächtig fotografieren und erlebt heute noch, wie man bis in die
50er-Jahre mit einer Contax fotografierte - von einer Nikon I, M, S, S2,
SP, S3 und S4 ganz zu schweigen.
Denn nicht nur die Kiev
4, 4M und 4AM und ihre Vorgängermodelle sind
ein weitgehend exakter Nachbau der Contax II und III, sondern auch die
damalige Firma Nippon Kogaku K. K. hat ab 1947 die äußere Form, die
Art der Entfernungseinstellung, den Objektivanschluss und noch einiges
andere für ihre neuen Sucherkameras übernommen und mit einzelnen
Merkmalen der Leica kombiniert. Mit dieser
Kombination wurde den Grundstein für die Entwicklung zu einer der
berühmtesten japanischen Kamerafirmen gelegt. Aber das ist eine andere
Geschichte, die ich anderswo erzähle.
Die Bedeutung der Kiev für die Entwicklung der
fotografischen Industrie, aber vor allem ihre Bedienung und ihre heutige
Verwendbarkeit (mit ihren Vorzügen und Schwächen) möchte ich im
Folgenden beschreiben.
Zuerst ein
Rückblick
Ab 1925 war die Leica erhältlich. Sie wurde nicht nur die erste erfolgreiche
Kleinbildkamera (einzelne Kameramodelle für die Verwendung mit Kinofilm
hatte es schon vorher gegeben, auch in der damaligen Sowjetunion, vor
allem aber in Frankreich). Sie wurde darüber hinaus sozusagen zum
großen Vorbild für alle anderen Produzenten; ab den 30er-Jahren war
der von der Leica eingeleitete Trend zum Kleinbildfilm ungeachtet seiner
damaligen technischen Mängel unaufhaltsam und unübersehbar.
Der damals wichtigsten und größten Erzeugerin von
Fotoapparaten, der Fa. Zeiss Ikon, war damit unversehens eine mächtige
Konkurrenz erwachsen. Kein Wunder, dass auch Zeiss Ikon nach einer -
längeren - Schrecksekunde eine Kleinbildkamera auf den Markt brachte,
und was für eine: neben der Leica das zweite, klassisch gewordene
Modell einer Sucherkamera für Kleinbildfilm: die Contax. Aber auch
das ist eine andere
Geschichte.
Was nun im Alltagsgebrauch die bessere, einfachere,
vielseitigere Kamera sei, war unverzüglich heiß umstritten. Wer die
besseren, sprich schärferen Objektive lieferte, wurde in aller
Ausführlichkeit debattiert.
Im Nachhinein ist leicht reden: beide Produkte waren
umständlich zu bedienen, schwer und reparaturanfällig; beide hatten
ihre Vorzüge und ihre Nachteile, aber beide gemeinsam machten nicht nur
ihre Erzeuger reich, sondern begründeten eine neue Ära der Fotografie.
Durch die im Vergleich mit Platten- oder Rollfilmkameras viel kleineren
und unauffälligeren Kameras wurden lebendigere Fotos möglich,
weil die Menschen gar nicht merkten, dass sie fotografiert wurden und
daher nicht in starre Posen verfielen. Mit einem Mal waren Reportagen
möglich und die klassischen Fotos von Robert Capa, Cartier-Bresson, Werner Bischof
und vielen anderen konnten einfach nur mit Kleinbildkameras entstehen.
Zum ersten Mal in der Geschichte der Fotografie hatte auch
der "kleine Mann" die Möglichkeit, sich, seine Familie und
die bescheidenen Ereignisse, die ihn bewegten, leicht und
verhältnismäßig billig zu verewigen. Denn die damals extrem teuren Leicas und
die Contax als
Spitzenleistungen der Kameratechnik wurden ergänzt durch eine Unzahl
von preiswerteren Apparaten mit geringeren Möglichkeiten und -
geringerer Qualität. Ihren Zweck erfüllten sie alle, denn kommt es
nicht viel mehr auf den Fotografen als auf die Kamera an? Das Bild, das
der Fotograf nicht sieht, nimmt für ihn damals keine Kodak Retinette auf, aber auch keine
Leica und keine Contax. Daran hat sich bis heute nichts geändert, auch
wenn die Kameras von heute viel einfacher zu bedienen sind.
In den kapitalistischen Staaten mit funktionierendem
Patentrecht und Musterschutz waren Leica und Contax gegen Nachbau und
Imitation bis 1945 geschützt. Nicht so in der Sowjetunion, die den
entsprechenden völkerrechtlichen Vereinbarungen gleich gar nicht
beigetreten war oder sie nicht anerkannte, soweit sie in der Zarenzeit
unterschrieben worden waren.
Daher begannen schon zu Anfang der 30er-Jahre sowjetische
Firmen den Nachbau der Leica.Vor allem die damals modernste Leica II
diente als Muster. Bedingt durch die
Eigenart der sowjetischen Staatswirtschaft erfolgte der Nachbau der
Leica durch einige wenige Firmen. Bekannt im Westen ist vor allem FED
geworden (benannt nach Felix Edmundowitsch Dserschinski,
dem Gründer der Tscheka) sowie nach 1945 die Firma KMZ mit der Zorki.
Solche Nachbauten erfolgten streng genommen bis 1950, danach wurden –
auf der Basis der Schraubleicas – weiter entwickelte eigene Modelle
auf den Markt gebracht. Diese können ihre Verwandtschaft mit den
Vorbildern nicht verleugnen, weichen von ihnen jedoch soweit ab, dass
man sie – mit ein wenig gutem Willen – als Eigenentwicklungen
bezeichnen kann.
Die damaligen Modelle der Contax (I - III) wurden nicht
nachgebaut. Warum, ist nicht exakt feststellbar. Unter anderem mag es an
dem komplizierten Entfernungsmesser aller Modelle der Contax gelegen
haben, an der seltsamen Art der Entfernungseinstellung beim
Normalobjektiv oder einfach daran, dass man sozusagen, wenn schon, denn
schon, die Urmutter aller Kleinbildkameras kopierte und nicht die
Konkurrenz. So blieb es bis 1945.
Nach
dem Zusammenbruch Nazi-Deutschlands requirierte die siegreiche
Sowjetmacht unter anderem, was an Maschinen und Plänen bei Zeiss in
Jena und Zeiss Ikon in Dresden vorhanden war. Die damaligen Vorgänge
sind schlecht dokumentiert. Feststeht, dass Maschinen und Pläne in die Sowjetunion
gebracht wurden, nachdem eine Anzahl Contax in Jena erzeugt worden war
(anscheinend, um die Funktionsfähigkeit der Maschinen zu testen). Die Maschinen wurden in einem neuen Werk in Kiew in der
Ukraine aufgestellt und man begann ab 1947, mit diesen Maschinen an Hand
der mitgebrachten Pläne die beiden Contax-Modelle nachzubauen, die
Contax III mit Belichtungsmesser, die Contax II ohne. Abgesehen vom
schlechteren Material,
niedrigerer Fertigungsqualität und der neuen Bezeichnung
Kiev in zyrillischer
Schrift entsprachen die Kameras sozusagen bis zur letzten Schraube der
Contax II bzw. III.
Im
Vergleich mit anderen sowjetischen Kameras jener Zeit waren die
einzelnen Exemplare der Kiev im Durchschnitt von besserer Qualität;
auch bei den Kievs kam allerdings der Erfüllung der Zahlen im
5-Jahres-Plan mehr Bedeutung zu als der Funktionsfähigkeit der Kameras.
Auf gut Deutsch bedeutete das, dass der Käufer einer Kiev mit Glück
eine funktionierende Kamera aus der Verpackung holte, ohne Glück
allerdings eine, die von Anfang an nicht funktionierte, vielfach, weil
ihr einzelne Teile fehlten oder, wenn vollständig, falsch
zusammengebaut waren.
Die Kiev wurde, so wie andere sowjetische Kameras auch, in den Westen
exportiert; in Österreich etwa war sie in der russischen Besatzungszone
(bis zum Abzug der Roten Armee und dem Abschluss eines Friedensvertrages
im Jahre 1955) recht häufig zu sehen. Sie war häufiger zu sehen als
sie gekauft wurde, litt sie doch unter dem Odium ihrer Herkunft. Waren
die sowjetischen Soldaten gefürchtet und gehasst wegen ihrer
Alkoholexzesse und der damit verbundenen Gewalttaten, übertrug sich die Abneigung gegen sie auf alles
Sowjetische und gleich auch auf alles Russische, einschließlich Tolstoi und Dostojewski. So wurden auch die Kameras aus
Kiew mit
Geringschätzigkeit betrachtet. Wer dennoch eine Kiev kaufte, musste sie
nach dem Kauf sehr häufig reparieren lassen, falls nicht der Importeur
ohnehin jede Kamera vor der Auslieferung an die Fotohändler prüfte und
reparierte. Dafür war die Kiev allerdings billig, viel billiger als
vergleichbare Produkte aus West-Deutschland und in der Folge auch aus
Japan.
Modelle der
Kiev-Kameras:
Aber
was heißt schon: vergleichbar? Bis zum Ende der Produktion ca. 1985 wurde die
Kiev zwar in verschiedenen Modellen geliefert, wirklich
modernisiert wurde sie nie.
| 1947 - 1955 |
Kiev 2
unveränderter Nachbau der Contax II ohne Belichtungsmesser |
| 1952 - 1955 |
Kiev 3
unveränderter Nachbau der Contax III mit Belichtungsmesser |
| 1956 - 1958 |
Kiev 2a
Contax II-Nachbau + Blitzkontakt |
| 1956 - 1958 |
Kiev 3a
Contax III-Nachbau + Blitzkontakt + Belichtungsmesser |
| 1957 - 1979 |
Kiev 4
wie Kiev 3 mit kleinerem Belichtungsmesseraufsatz |
| 1958 - 1980 |
Kiev 4A
wie Kiev 2a, mit Filmmerkscheibe, aber ohne Belichtungsmesser |
| 1963 |
No-Name-Kiev
Zu Zeiten der Kubakrise hergestellte Kiev 4a ohne
Aufschrift, primär für USA bestimmt, laut manchen Quellen in
Jena erzeugt aus sowj. Teilen |
| 1968 - 1973 |
Kiev 5
Neue Kamera mit geändertem Aussehen und Objektivanschluss |
| 1977 - 1985 |
Kiev 4M
moderneres Aussehen, Hotshoe, sonst wie Kiev 4 |
| 1980 - 1985 |
Kiev 4AM
modernes Aussehen, Hotshoe, kein Belichtungsmesser, sonst wie
Kiev 4M |
Lediglich die von 1967 bis 1973
erzeugte Kiev 5 wies wirkliche Neuerungen auf, von der äußeren Form
angefangen bis zum Schnellschalthebel. Doch die Kiev 5 ist eine Art
weißer Elefant: man weiß, dass sie erzeugt wurde, man weiß, dass sie
auch in den kapitalistischen Westen exportiert wurde (so wie alle
anderen sowjetischen Kameras auch ins Land des Erzfeindes), man findet
sie freilich nur ganz selten, kein Wunder, wurden doch anscheinend bloß
ca. 40.000 Stück erzeugt. Wenn Sie ein Bild samt Kurzbeschreibung sehen
wollen, klicken Sie hier!
Die Kiev 4 samt Folgemodellen und mehr noch die Kiew 5 sind interessante
Kameras, schon wegen ihrer Abstammung, vor allem aber, weil man mit
ihnen, falls man ein funktionsfähiges Exemplar bekommt, tadellos
fotografieren kann und den Bildern nicht ansieht, dass sie mit einer
konstruktiv fast 60 Jahre alten Kamera gemacht wurden. Und weil die Kiev
keinen guten Ruf hat, sind namentlich die Kiev 4M und die Kiev 4AM als
die (relativ) jüngsten der Reihe preislich günstig zu erhalten.
Manchmal findet sich im Internet die Behauptung, die älteren Modelle
(s. o.) seien von besserer Qualität, wenngleich die Belichtungsmesser
in den entsprechenden Kameraausführungen meist nicht mehr funktionieren
oder nicht richtig anzeigen.
Ich werde im Folgenden daher die wesentlichen Eigenschaften
und die Bedienung der Kiev an Hand des gängigen Modells Kiev 4AM beschreiben,
wie Sie es unten abgebildet sehen.
Bedienungselemente
der Kiew 4AM

Das von der Contax übernommene 8-eckige Gehäuse ist
gekennzeichnet durch das Sucherfenster (rechts, von vorne gesehen) und das
Fenster des Entfernungsmessers links außen. Rechts oberhalb dieses
Fensters sehen Sie ein teilweise verdecktes Zahnrad mit einem Stift
dahinter. Unterhalb des Fensters des Entfernungsmessers auf der
Gehäusevorderseite befindet sich nahe dem Gehäuseboden der
Selbstauslöserhebel, den Sie nach links drehen können. Dann wird ein
kleiner Schieber sichtbar, den sie zum Objektiv hin schieben. Haben Sie
den Verschluss vorher gespannt, schalten Sie damit den Selbstauslöser mit
einer Vorlaufzeit von ca. 10 Sekunden ein. In der Mitte oberhalb des
Objektivs den Schriftzug Kiev in zyrillischen und lateinischen Buchstaben
(in englischer Schreibweise des Namens). Das Objektiv ist fast immer ein Helios-103
mit den Daten 1,8/53 mm, das übliche
Standardobjektiv für die Kiew 4. Hinter dem Objektiv am Kameragehäuse
befindet sich eine Entfernungsskala. An der Objektivfassung findet sich
beim Normalobjektiv ein längerer
Hebel. Drücken Sie ihn nach hinten, zum Gehäuse hin, können Sie das
Objektiv aus der inneren Bajonettfassung lösen und auswechseln. Zwischen
Objektivfassung und Sucherfenster gibt es noch einen kleinen Schieber, mit
dem Sie alle anderen Objektive (für das Außenbajonett) wechseln können.
Unterhalb des Sucherfensters ein
Blitzkontakt, nützlich, falls Sie nicht den "Hot Shoe" im
Zubehörschuh verwenden wollen oder können.

Auf der
Gehäuseoberseite sehen Sie rechts einen großer, geriffelter Drehknopf,
mit dem Sie durch Anheben die Belichtungzeit auf eine Marke auf der
Gehäuseoberseite einstellen. Ohne Anheben transportieren Sie mit diesem
Drehknopf den Film und spannen den Verschluss.
Achtung: Die Zeiten sollten Sie nur verstellen, wenn Sie vorher
den Film tranportiert und damit den Verschluss gespannt haben. Ansonsten
kann der Verschluss nach der nächsten Aufnahme teilweise offen bleiben!
Einen Schnellschalthebel besitzet kein Modell der Kiev, aber das ist kein
Mangel, mit dem Sie hoffentlich leben können. In der
Mitte dieses Drehknopfes ist der Auslöser mit Drahtauslöseranschluss.
Links davon findet sich das Zählwerk. In
der Mitte ist der Zubehörschuh angebracht mit kabellosem Kontakt für
Blitzgeräte. Links davon die ausklappbare Rückspulkurbel. modisch aus
schwarz lackiertem Metall mit chromfarbenen Zierstreifen.
Betrachten
Sie die Kamera von hinten, sehen Sie an Bedienungselementen nichts außer der schwarz belederten
und abnehmbaren Rückwand und (in Aufnahmehaltung) links oben den Suchereinblick; im
Messsucher
können Sie auch die Entfernung einstellen.
Sagen Sie nicht, das sei nichts
Besonderes, bei allen Schraubleicas einschließlich des letzten Modells, der
Leica IIIg, waren Sucher und Entfernungsmesser getrennt.
Links neben dem
Transport- und Zeitenrad sehen Sie an der rückwärtigen Kante des
Oberteils ein schmales, teilweise in das Oberteil eingelassenes Zahnrad.
Mit diesem stellen Sie nach dem Einlegen eines Films und 2 Leeraufnahmen
das Zählwerk manuell auf Null.
Auf der
Gehäuseunterseite finden Sie zwei Drehknöpfe; drehen Sie beide bis zum
Anschlag, können Sie die Rückwand als Ganzes abziehen und den Film in
der üblichen Weise einlegen. Achten Sie, dass die Perforation ins Zahnrad
des Filmzählwerkes eingreift, ehe Sie die Rückwand schließen, sonst reißt
sie beim Filmtransport. Genau unterhalb des Objektivs findet sich der
Stativanschluss - auch nichts Besonderes.
Fotografieren
mit der Kiew 4AM:
Haben Sie den Film eingelegt, zwei Leeraufnahmen gemacht, nach jeder
den Film mit dem Drehknopf rechts auf der Oberseite des Gehäuses weiter
transportiert? Haben Sie auch den Film mit der Rückspulkurbel links in
der Patrone gestrafft und aufgepasst, ob sich die Rückspulkurbel dreht,
wenn Sie den Film transportieren? Haben Sie das Zählwerk manuell auf Null
gestellt?
Das alles haben Sie?
Dann steht dem Vergnügen fast nichts mehr im Wege. Der Reihe
nach:
1. Suchen Sie sich ein Motiv.
2. Stellen Sie, nachdem Sie den Film
weitertransportiert und damit bei
aufgezogenem Verschluss aufgezogen haben, unter Anheben des Drehknopfes rechts die
passende Belichtungszeit ein.
3.
Die passende Blende wählen Sie mit dem schwarzen Drehring und stellen Sie
dem roten Punkt auf der Chromfassung gegenüber.
4.
Blicken Sie in den Sucher und stellen Sie die Entfernung mit dem
eingebauten Entfernungsmesser ein, indem Sie bei angesetztem
Normalobjektiv mittels des kleinen Zahnrad an der
Vorderkante des Oberteils nach rechts oder links drehen und gleichzeitig
den hinter dem Zahnrad befindlichen Hebel nach unten drücken. Durch
diesen Druck lösen Sie die Verriegelung der Entfernungseinstellung.
Alternativ können Sie beim Normalobjektiv die Entfernung auch durch Drücken dieses Hebels
und durch nachfolgendes Drehen des Chromringes am Objektiv einstellen (mit
dem schwarzen Ring stellen Sie die passende Blende ein).
5.
Drücken Sie den Auslöser
6.
Drehen Sie den Transportknopf mit der Zeiteneinstellung im Uhrzeigersinn bis zum
Anschlag. Damit haben Sie den Film eine Aufnahme weiter transportiert und
den Verschluss gespannt. Danach können Sie bei Bedarf die Belichtungszeit
verstellen, vorher sollten Sie es nicht tun - siehe Pkt. 2.
Wo
Sie sehen können, welche Blende und Belichtungszeit Sie einstellen
sollen? Dazu brauchen Sie einen separaten Belichtungsmesser oder aber die
Kiew 4M mit eingebautem, aber nicht gekuppelten Selen-Belichtungsmesser
(bzw. ein anderes Modell der Kiev mit Belichtungsmesser). Bevor
Sie sich aber jetzt eine Kiev 4M etc. kaufen, beachten Sie: Selenzellen haben
eine Lebensdauer von ca. 20-30 Jahren, sie brauchen keine Batterie,
sondern erzeugen durch das
einfallende Licht genügend Strom für die Messung - und sie sind nicht
sehr empfindlich. Viele Selenzellen bei derart alten Kameras funktionieren
aber nicht mehr oder nicht mehr einwandfrei, wie schon gesagt.
Ich
empfehle daher gleich ein Modell der Kiev ohne Belichtungsmesser (das gilt
erst recht für die älteren Modelle).
Funktioniert der Belichtungsmesser nämlich nicht mehr einwandfrei, schleppen Sie
fortan bloß zusätzliches Gewicht mit sich umher, denn abnehmbar ist der
Belichtungsmesser nicht.
Sie
wollen Wechselobjektive verwenden? Tun Sie das. Die von den Sowjets zu den
Kievs erzeugten Objektive (von 28 - 135 mm) passen natürlich. Die Objektive von
Zeiss zur Contax passen - probieren Sie es dennoch aus, ehe Sie kaufen. Damit passen aber auch viele Objektive
japanischer Erzeuger, die eine Version mit Contax-Fassung produzierten. Ob
Sie allerdings ein wahrlich kostbares Nikkor 1,5/35 ausgerechnet an der
Kiev verwenden wollen, bleibt Ihnen überlassen.
Ein
kleines Problem müssen Sie dabei übrigens auch noch überwinden: Der Sucher
der Kiev zeigt ungefähr, was das Normalobjektiv auf den Film bringt,
nicht das Bild, das von Wechselobjektiven erzeugt wird. Daher brauchen Sie
einen Aufstecksucher für die entsprechende Brennweite, oder aber einen
passenden Multifokalsucher, sinnvoll vor allem, wenn Sie Wechselobjektive
unterschiedlicher Brennweite verwenden wollen. So etwas gibt es
im Gebrauchthandel zahlreich, von Kiev, FED und Zorki aus der
ehemaligen Sowjetunion etwa. Von der damaligen Firma Leitz natürlich
auch, aber für das Geld, das sie für den teuren Leitz-Sucher hinlegen
müssen, können Sie sich gleich eine ganze Schar von Kievs kaufen. Auch
die Zusatzsucher für Cosina/Voigtländer Bessa-Modelle sind im Vergleich
mit dem Preis der Kiev 4AM nicht besonders preiswert.
Die
russischen Wechsel- (Multifokal-)sucher finden Sie wohl in allen größeren Städten ohne
besondere Schwierigkeiten. Allein in Wien weiß ich derzeit einen Händler,
der solche Sucher gebraucht auf Lager hat. Er versendet in die ganze
Welt. Für die Kiev sind die Multifokalsucher bestimmt, die - in
Aufnahmehaltung - den Sucherschuh nach links versetzt haben, die anderen
sind für FED und Zorki!
Mein
persönlicher Rat: Lassen Sie die Wechselobjektive bleiben. Ich finde es
schön, dass man mit 40 Jahre alten mechanischen Kameras mit ein wenig
Wissen um die Zusammenhänge auch heute noch vielfach Aufnahmen machen
kann, die Bildern mit modernen Kameras nicht nachstehen müssen. Aber
heute fährt niemand mehr mit der Postkutsche in den Urlaub. Wollen Sie
wirklich mit viel Aufwand dauernd so fotografieren, wie unsere Vorfahren
und dabei die Freude am Ergebnis verlieren, auf das es ja ankommt?
Natürlich kann man mit einer Kiew 4AM den eigenen Sprössling
fotografieren und mit Glück wird man ein gutes Bild erhalten. Viel
weniger Aufwand und viel weniger Glück brauchen Sie aber für dieses
Bild, wenn Sie
eine moderne SLR mit AF und Zoomobjektiv verwenden.
Der Film
ist voll, Sie wollen ihn zurückspulen? Wie?
Nicht,
indem Sie an der Rückspulkurbel mit Brachialgewalt drehen. Sie reißen
nur den Film aus der Patrone oder beschädigen die Perforation des Films.
Beides macht in der Folge Probleme.

Statt
dessen betrachten Sie die Unterseite und sehen am Boden (auf der Seite des
Entfernungsmesserfensters) beim Drehknopf einen roten Punkt, auf den Sie -
vorsichtig - die Lasche ausrichten und dabei zur Sicherheit weiter den
Kameraboden gegen das Gehäuse drücken. Dann drehen Sie an der
Rückspulkurbel - es ist geschafft.
Blitzaufnahmen
mit der Kiew 4AM:
Sie können jedes
Blitzgerät mit einem Fußkontakt (Hot Shoe) verwenden, auch die für
bestimmte Kameras gebauten (dedicated). Die zusätzlichen Kontakte im Fuß
derartiger Blitzgeräte funktionieren an der Kiev 4AM nicht. Infolgedessen
können Sie die zusätzlichen Eigenschaften nicht nützen. Sie müssen das
Blitzgerät allerdings von TTL- auf Computerblitzen umstellen - allenfalls
an Hand der Gebrauchsanleitung des Blitzgeräts.
Haben Sie indessen noch
ein ganz altes Blitzgerät ausschließlich mit Kabelanschluss, können Sie
auch dieses verwenden, allerdings mit einem Adapter, z. B. von Hama.
Und vergessen Sie nicht
die Umstellung der Belichtungszeit auf die 1/25 Sekunde mindestens (rot
eingelegt) manuell einzustellen. Ihr Blitz macht das nur an Ihrer modernen
AF-Sucherkamera automatisch.
Fazit:
Ob Sie sich eine Kiev 4AM kaufen wollen, das müssen Sie entscheiden, nicht ich. Ich bin, sage ich zum Abschluss, mit meinem
Exemplar zufrieden und kann mit den immanenten Beschränkungen leben. Aber
freilich, mit einer Leica M3, einer Canon 7 oder gar einer Nikon SP (der
Konkurrenz, vom Alter her) soll man die Kievs besser nicht vergleichen -
und mit einer modernen AF-SLR natürlich auch nicht.
|


|