Mundartdichter Joseph Misson

 

von Peter Lausch



Joseph Misson wurde am 14. März 1803 in der kleinen Ortschaft Mühlbach am Manhartsberg (heute Marktgemeinde Hohenwarth-Mühlbach) als achtes Kind der Eheleute Misson geboren - der Vater ein Kaufmann aus Udine, den es, aus welchen Gründen immer, in ein verschlafenes Dorf im Weinviertel (nördlich von Wien) verschlagen hatte, die Mutter stammte aus einer Bauernfamilie im Nachbarort Zemling.

Das Ehepaar Misson wohnte viele Jahre mit seiner wachsenden Kinderschar in dem heute als Joseph-Misson-Museum benütztem Gehöft, welches sich in vielen Bauteilen bis heute unverändert erhalten hat. Das gilt freilich nur für die Fassade, das Gebäudeinnere ist seit der Umwandlung in ein Museum nach 1970 gründlich renoviert worden. Vorher allerdings war es im Wesentlichen in dem Zustand, in dem es zur Biedermeierzeit gewesen sein muss: natürlich kein Stromanschluss, Frischwasser aus dem Brunnen hinter dem Haus, Plumpsklo. Viele Jahre war es vermietet, zuletzt an 2 Hausparteien, die naturgemäß kein Interesse an der Modernisierung auf eigene Kosten hatten, der Grundeigentümer aber auch nicht (die Mieteinnahmen waren mehr Anerkennungszins als zählbare Einnahme).

Für die Mieter mag das unbequem gewesen sein, für heutige Besucher jedoch vorteilhaft, denn zumindest das Äußere lässt noch immer das Aussehen zu Missons Zeiten erkennen.

 

Misson Haus, Mühlbach 23, NÖ.

Übrigens hat sich auch das Gehöft in Zemling erhalten, in dem Joseph Missons Mutter als Elisabeth Trötthan geboren wurde - das Haus samt Nebengebäuden (am Ortsende links von der Straße nach Ravelsbach) ist aber so stark verändert, dass nur mehr die Erinnerungstafel an der Frontseite an Missons Mutter erinnert (weder Haus noch Tafel als solche sind sehenswert).

Joseph Misson erwies sich als durchaus intelligent und konnte daher in Krems das Gymnasium absolvieren; danach trat er in den Piaristenorden ein. Er wurde in der Folge als Lehrer an den Schulen des Ordens in Horn, Krems, Freistadt und Wien eingesetzt, konnte infolge zunehmender Schwerhörigkeit aber ab 1850 den Lehrberuf nicht mehr ausüben und wurde vom Orden im Piaristenkloster in Wien als Bibliothekar verwendet. Er starb 1875 im Alter von 72 Jahren. Wer unbedingt will, kann sein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof besuchen: Zentralfiriedhof in Wien, Gruppe 33H.

All das wäre nicht wert, mehr als 130 Jahre nach seinem Tod über ihn zu schreiben, hätte er nicht 1850 in einem Wiener Verlag ein dünnes Büchlein veröffentlicht: "Da Naz, a niederösterreichischer Bauenbui geht in d` Fremd`", und zwar nicht auf Hochdeutsch, sondern in "unterensischer Mundart". In dieser Druckschrift schildert er in klassischen Hexametern, aber im heimischen Dialekt, der so genannten "ui-Mundart" das Verlassen des Elternhauses und den Beginn der Wanderschaft eines jungen Mannes dar. Mehr wird nicht beschrieben. Misson hat - wohl mangels Erfolgs - sein Epos nicht fortgesetzt. Es gibt daher nur dieses Bruchstück.

Die Sprachforscher jubeln über das Werk, weil es angeblich "die Mundart und die Redensarten, Weisheiten und den alltäglichen Sprachgebrauch in der Zeit vor 1850 in die Gegenwart gerettet habe. Und wahr ist, es gibt vor Misson niemandem, der ein Buch oder Büchlein in der Mundart geschrieben hat, welche die Menschen vor allem am Osthang des Manhartsberges, dort wo die Landschaft ins Weinviertel übergeht, gesprochen haben. Für Sprachforscher und an alten Mundarten Interessierte ist so etwas durchaus von Interesse, weil diese Mundart in der Zwischenzeit sozusagen "ausgestorben" ist - niemand spricht sie mehr. Aber noch um 1960 haben alte Männlein und Weiblein tatsächlich vom "Buim" geredet, wenn sie Bub gemeint haben. Heute allerdings sind die Alten längst verstorben und ihr Dialekt mit ihnen: die Ui-Mundart ist Geschichte. Heute sagt man Bua und meint auf Hochdeutsch "Bub" = Knabe.

Wer heute lesen will, wie diese Mundart geklungen haben mag, der ist tatsächlich auf Missons Geschichte vom Naz angewiesen - der Text der Originalfassung ist aus dem Internet als .pdf ladbar: Siehe den einschlägigen Artikel über Misson bei Wikipedia, es liegen aber - neu und antiquarisch - auch gedruckte Fassungen vor. Im Museum selbst befindet sich ein Originalexemplar aus dem Jahre 1850 zur Einsicht.

Beim Lesen sollte man freilich vorsichtig sein: fast allen Mundartdichtern im Osten Österreichs ist gemein, dass sie die Sprachmelodie der Mundart nicht richtig wiedergeben. Bei Misson ist es genauso - eine einzige Zeile aus dem Werk soll das illustrieren:


Gesprochen klingt das ein wenig anders, als man nach der Schreibweise meinen sollte:
 s` Glig is jo kugelrund, kugöd so leichd wida daune wie zuwa"

Dabei wird das <o> nicht wie in <Gott> ausgesprochen, sondern als verschliffenes <oa>, das <t> in leicht wie <leichd>, <doni> als <daune> (hochdeutsch: hinweg), <zuba>(<heran>) wie <zuwa>. Das harte <ck> wird in der Mundart in ein weiches <g> verwandelt, wie in <Glig>

Um einen Eindruck zu geben, wie diese eine Zeile - gesprochen - tatsächlich geklungen hat, habe ich die oben stehende Umschreibung vorgenommen.

Für den in Wien gesprochenen Dialekt, das "Weanarische" hat es erst in den 60er-Jahren eine dem Klangbild entsprechende Umschreibung gegeben: H. C. Artmanns Buch: Med ana schwoazzn Dintn. Für Nichtwiener: <Mit einer schwarzen Tinte.>

Für die nördlich von Wien im Weinviertel und heute auch in Missons Geburtsort gesprochene Mundart müssen wir auf eine kongeniale Umschreibung des Klangbildes leider noch warten.

Details über Besuchszeiten etc.: www.missonhaus.at

Erstellt: 15. Jänner 2013
© 2013/Peter Lausch

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