PETER LAUSCH
Grainne Ni Mhaille (Grace O'Malley), auch Granuaile

 

Die auf Englisch so genannte Grace O'Malley wurde um 1530 auf der vor der irischen Westküste gelegenen Insel Clare geboren. Als Tochter des Clan-Oberhauptes der O'Malley wuchs in einer Familie auf, die seit jeher ihren Lebensunterhalt mit Viehzucht, ein wenig Ackerbau, aber auch mit Handel mit dem irischen Festland und mit dem Ausland verdiente. Gleichsam als Nebenerwerb wurde ein wenig Piraterie betrieben. Als Tochter des Oberhaupts eines Clans erhielt sie eine mehr oder minder rudimentäre Schulbildung, lernte aber Navigation und - Latein und Griechisch von den katholischen Priestern, die ihr schulisches Wissen beibrachten. Sie müssen gute Lehrer gewesen sein, denn außer ihrer Muttersprache Gälisch sprach Grace auch Französisch und Spanisch; manche sagen, bloß Englisch habe sie nicht gelernt. In ihren fast 70 Lebensjahren hatte sie es jedoch so oft mit Leuten zu tun, die nur Englisch sprechen konnten (allen ihren englischen Gegnern nämlich), dass sie vielleicht Englisch nicht gerne sprach, sich aber dennoch in dieser Sprache sehr gut ausdrücken konnte, wie die erhaltenen Briefe beweisen.

Als knapp 16 Jahre altes Mädchen wurde sie mit einem bedeutend älteren Mann verheiratet, dem sie in der Folge drei Kinder gebar: Donall O'Flaherty war der Anführer des auf dem Festland lebenden mächtigen Clans der O'Flahertys, sodass die Heirat dem Interesse der beiden Clans diente, ihre Machtposition gegenüber lästigen Mitbewerbern auszubauen. Der Ehegatte trug den Beinamen Donal von den Schlachten; der streitlustige Herr wurde alsbald bei einer an sich bedeutungslosen Auseinandersetzung mit einem anderen Clan umgebracht. Nach gälischem Recht konnte seine Gattin nicht seine Nachfolgerin werden, sie zog sich auf die Insel Clare zurück und wurde in der Folge Clanoberhaupt der O'Malleys. Als Clanchefin gelang es ihr, einerseits durch Handelsbeziehungen (verbunden mit Schmuggel) bis nach Spanien, andererseits durch Überfälle auf Kauffahrer den Reichtum des Clans (und ihren eigenen) bedeutend zu erhöhen.

In diesen Jahren heiratete sie ein weiters Mal, diesmal einen Richard Burke; als dieser von einem seiner Raubzüge zu Burg Rockfleet am Nordufer der Clew Bay zurückkehrte, hatte Grace ihre kleine Flotte von 3 schnellen, gut bewaffneten Schiffen bei der Burg verankert und teilte ihrem Gatten vom Wehrgang des Turms aus mit, sie erkläre hiermit nach gälischem Recht die Ehe als geschieden und nehme die Burg in Beschlag.

Man kann sich zwar die Reaktion des geschiedenen Gatten so ungefähr vorstellen, aber das hinderte weder sie noch ihn auf Dauer, sich zusammenzutun, um ihren gefährlichsten Feind zu bekämpfen, die Engländer.

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts nämlich brach die Welt der irischen Clans mit ihrem Rechtssystem und überkommenen Sitten und Gebräuchen unter dem Ansturm der Engländer allmählich zusammen. Die Clans erwiesen sich zu lange als unfähig, sich gegen den einen gemeinsamen Feind zusammenzutun, und führten lieber ihre Kleinkriege gegen Nachbarn etc. weiter. Den Engländern wiederum gelang es, in die Front ihrer Feinde Keile zu treiben: manche wurden militärisch besiegt, manche wiederum unterwarfen sich der englischen Krone und erhielten ihre Ländereien als Lehen seitens der britischen Krone wieder zurück - Königin Elisabeth I. und ihre Statthalter betrieben eine kluge Politik in Irland.  Auch sie freilich - zumindest zum Teil - Getriebene: getrieben von der Angst, die katholischen Iren könnten sich mit den katholischen Erzfeinden Englands, mit Frankreich und Spanien, einlassen: die Aussicht, spanische oder französische Heere durch Irland marschieren zu sehen, war ein Albtraum für die englische Krone.

Die Ängste waren nicht unbegründet: ein Angriff Spaniens auf England erfolgte mittels der riesigen Flotte der  spanische Armada im Frühjahr 1588 scheiterte zwar zunächst im Ärmelkanal, doch waren die Verluste der Spanier schwer, aber nicht katastrophal. Zur Katastrophe wurde erst die Rückfahrt auf dem Seeweg nördlich von Schottland und westlich von Irland, als infolge Navigationsmängeln viele Schiffe viel zu nahe an die felsige Küste Irlands gerieten und in schweren Stürmen gegen die Klippen getrieben wurden und - unter Verlust tausender Menschenleben - sanken. Die Überlebenden wurden teils von den Engländern gleich an Ort und Stelle umgebracht, etlichen jedoch gelang mit aktiver Unterstützung irischer Clans die Flucht nach Schottland und von dort in die Heimat.

Auch vor der Insel Clare scheiterte ein Schiff der Armada; zwar wurden die Überlebenden großteils von den Inselbewohnern getötet, aber das hinderte die englischen Amtsträger nicht, Grace O'Malley des Hochverrats zu beschuldigen. Ganz besonders tat sich dabei der zuständige Vertreter der Krone, Sir Richard Bingham, hervor, der sie sozusagen als die <Mutter aller Aufstände in den letzten 40 Jahren> bezeichnete sowie einen ihrer Söhne des Hochverrats beschuldigte und in den Kerker warf. Zusätzlich besetzte er Rockwell Castle und beschlagnahmte ihre beträchtlichen Rinder- und Pferdeherden.

Grace O'Malley wandte sich daraufhin mit Hilfe ihrer Beziehungen direkt an die britische Krone und umging dadurch Sir Bingham; als die Lage besonders kritisch wurde, machte sie sich 1593 nach London auf und wurde in der Folge von Königin Elisabeth I empfangen. Auf diese machte Grace offenkundig trotz entsprechender Vorhaltungen Binghams einen vertrauenswürdigen und reuigen Eindruck und erreichte, dass Bingham ihren Sohn freilassen und Rockwell Castle, die übrigen beschlagnahmten Gebiete und ihre Herden zurückgeben musste.

Nach den vorhandenen Aufzeichnungen wurde bei dieser Audienz Englisch gesprochen, Grace O'Malley muss es daher gut genug gesprochen haben, um sich in der ihr fremden Sprache geschliffen auszudrücken und zu erreichen, was sie wollte. Ebenso haben sich in englischer Sprache abgefasste Briefe erhalten, die der Vorbereitung der Audienz dienten.

So durfte Grace O'Malley zwar unbeschadet nach Irland zurückkehren und hatte sicherlich auch das Leben ihres Sohns Tiobod gerettet; der indessen unterwarf sich in der Folge formell der englischen Krone, kämpfte auf Seiten der Engländer gegen seine Landsleute  und wurde schließlich zum Viscount Mayo ernannt. Einige Jahre später wurde er von einem Gegner ermordet, ein damals nicht untypisches Ende.

Den Prozess der fortschreitenden Unterwerfung der irischen Oberschicht und deren Vertreibung und Ersetzung durch englische Adelige konnte auch Grace O'Malley nicht aufhalten. Ja, man weiß zu wenig, um zu sagen, dass sie das überhaupt wollte; dazu hätte sie eine politische Vision von einem geeinten gälischen Irland besitzen müssen. Ihr ging es wohl primär um ihr und ihrer Familie eigenes Überleben und die Wahrung ihres - beträchtlichen - Besitzstandes.

1603, nach anderen Quellen schon 1599, starb sie, angeblich in Rockfleet Castle. In den Ruinen eines Klosters auf der Insel Clare finden sich die Reste eines prunkvoll verzierten leeren Grabmals; ob es das Grab Grace O'Malleys war, weiß man nicht.

Alles in allem ist Grace O'Malley eine historisch durchaus fassbare Persönlichkeit gewesen. Die wesentlichen schriftlichen Quellen finden sich indessen nicht in Irland, sondern im britischen Staatsarchiv in Form von Aufzeichnungen der britischen Amtsträger in Irland. In den irischen Annalen, die von vielerlei Mönchen unabhängig voneinander verfasst wurden, wird sie indessen nicht erwähnt, auch nicht in jenen, die sozusagen zu ihren Lebzeiten verfasst wurden. Viele meinen, als Frau, die <ihren Mann> stellte, war sie der katholischen Kirche nicht genehm, denn dem gewünschten Bild der gottesfürchtigen Mutter am heimischen Herd entsprach sie ja durchaus nicht. Und so wurde sie in den bald nach ihrem Tod entstandenen <Annalen der vier Meister> nicht einmal erwähnt. Erhalten blieb die Erinnerung an sie in einer Vielzahl von Legenden, deren Wahrheitsgehalt nicht immer überzeugt. Dazu kommt neuerdings das Internet, das eigenen Regeln folgt: einmal wird sie selbst an Bord eines Schiffes geboren, einmal ist es einer ihrer Söhne, den sie während eines Kampfes mit algerischen Piraten auf die Welt bringt.

Wie Grace O'Malley ausgesehen hat, weiß auch nicht, soweit sich das nicht aus den diversen Berichten über sie zu ergeben scheint. Als Kind soll sie schön anzusehen gewesen sein. Nun ja. Eine Suche bei Google unter ihrem Namen ergibt zwar eine Vielzahl von Abbildungen von Kyra Knightley und vielen anderen, aber kein historisch echtes Abbild. Es gibt anscheinend auch keines, aber es gibt andererseits auch von vielen anderen Mächtigen in Irland aus dieser Zeit keine Darstellungen.

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In den letzten Jahrzehnten ist eine Reihe von Büchern über diese ungewöhnliche Frau erschienen, die aber letztlich alle infolge der Armut an Quellen zwangsläufig phantasievolle  Züge aufweisen. Am ehesten dürfte das vor einigen Jahren neu aufgelegte Buch aus dem Verlag Gill und Macmillan: "Granuaile, Ireland's Pirate Queen"  von Anne Chambers lesenswert sein, das  in irischen Buchhandlungen, allenfalls auch über www.amazon.de,  erhältlich ist:

In den USA wurde sogar ein Musical verfasst und aufgeführt, mangels Publikumserfolg jedoch schon nach 85 Aufführungen im Juni 2007 wieder abgesetzt: <The Pirate Queen>. Die einschlägige Webseite nennt zwar den Tag der letzten Aufführung, verschweigt aber das Jahr 2007.

 

 
Erstellt:
5. Juli 2011
© 2011/Peter Lausch

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