PETER LAUSCH
KÍA e-NIRO Platin UVO E-Motor LR

MEINE ERFAHRUNGEN


e-niro

 

Seit 19.5.2021 fahre ich einen e-Niro mit dem Long Range Akku  in der Ausstattungsvariante Platin.

Lang genug, um die bisherigen Eindrücke bei der Benützung dieses rein elektrisch angetriebenen PKW zusammenzufassen und das Auto mit Stärken und systembedingten Schwächen zu bewerten.

Den Niro gibt es schon einige Zeit mit Benzinmotor bzw. als Plug-in Hybrid. Konsequenterweise folgte auf ein Vorgängermodell anfangs 2021 eine neue rein elektrische Variante, der e-Niro in 2 Ausführungen mit 289 km Normreichweite und  39,2 kWh-Batterie oder 455 km mit 64 kWh. 98% der Kunden wählen wohlweislich die Long-Range-Variante und wissen, was sie tun.

Die Koreaner haben, im Unterschied zur deutschen Autoindustrie, den Umstieg auf die E-Mobilität nicht verschlafen. Dort werden nicht kleine Akkus in bestehende Fahrgestelle eingefügt, sondern es gibt ein eigenes Fahrgestell für den Niro (und folgende Modelle), das den Bedürfnissen optimal entspricht – so wie bei den technischen Brüdern Hyundai Kona Elektro und Kia e-Soul. Und während VW noch am ID3 herumwerkelte, waren bereits die Vorgängermodelle von Niro und Kona (mit langen Wartezeiten) längst lieferbar. Wartezeiten gibt es auch heute noch, aber sie sind überschaubar, prompt lieferbar ist auch der e-Niro nicht. Alternativ gibt es aber ausreichend Vorführfahrzeuge, vor allem, aus Preisgründen, in den besseren Ausstattungsstufen. Die Stufe Platin ist sehr gut ausgestattet, das macht das Fahren angenehm und den Stadtverkehr leicht erträglich.

Der Kia e-Niro Platin im Einzelnen:

1.

Der Innenraum ist ordentlich gefertigt. Der Boden über der großen Batterie liegt angenehm hoch über der Straßenoberfläche. Design und Instrumentierung gefallen mir. Wie alle heutigen Autos ist auch im e-Niro viel Elektronik verbaut, Journalisten erklären die Bedienung gerne für übersichtlich – eine Bedienungsanleitung mit mehr als hundert Seiten spricht allerdings Bände. Allerdings hat das Innenleben die Anmutung eines Leichenwagens, schwarz wohin man schaut, nur der Dachhimmel ist hellgrau. Meiner soll blaue Ziernähte haben, mir scheinen sie eher schwarz. Aber seit 1999 bin ich U.S. SUVs mit beiger, hellbrauner bzw. dunkelbrauner Einrichtung gefahren, da wird man halt anspruchsvoll.

Armaturenbrett e-Niro

Dank moderner Technik kann der Lenke ganz unterschiedliche Ansichten im Armaturenbrett auswählen.

 

Der Klavierlack auf Teilen des Armaturenbretts spiegelt und eine Plastikleiste, die wie Aluminium aussehen soll, reflektiert Lichtreflexe. Ja nach Ausstattung lassen sich die Vordersitze in Längsrichtung und Höhe elektrisch verstellen, allenfalls auch in der Sitzhöhe. Beim Platin kann die Sitzposition, Lenkradverstellung etc. für 2 Personen separat gespeichert werden. Auch sonst gibt es nichts auszusetzen. Die Radioanlage klingt gut, lässt sich einfach verstellen – allerdings, CD-Player gibt es keinen, man muss einen Stick verwenden, will man sich eigene Musik zusammenstellen.

2.

Alltagstauglichkeit und Lademöglichkeiten sind gut. Die 64 kWh-Batterie kann serienmäßig mit Wechselstrom (AC, Steckertyp 2) aufgeladen werden. Ein Ladekabel für Laden über eine Schuko-Steckdose (im Notfall, dauert endlos) ist dabei, das Kabel für die öffentlichen AC-Steckdosen (dreipolig) nicht, der geneigte Kunde darf es für €386 extra kaufen – eigentlich eine Zumutung. Dieses Zusatzkabel lässt sich nur umständlich unterhalb des Kofferraums verstauen und liegt daher bei mir meist im Kofferraum herum. An einer Wallbox dauert Vollladen bei ca. 3,7 kW etwa 12 Stunden. Alternativ funktioniert auch die Ladung mit Gleichstrom über CCS. Die Ladung dauert bis 80% Kapazität an einer bei uns üblichen 50 kW-Ladesäule etwa eine Stunde. Zum Laden siehe einige kritische Bemerkungen unten.

3.

Der Kofferraum ist klein und flach, wenn Sichtschutz verwendet. Dann fasst er ca. 280 Liter, ohne Sichtschutz und mit umgelegten Hintersitzen bis oben vollgeräumt, 1175 Liter. Wer will so fahren?

4.

Über die Bedienung schreibe ich nichts. Auch die preiswerteste Ausführung ist mit allem Nötigen ausgestattet, die Ausführung Platin hat auch alle nötigen Spassettln, die das Leben angenehm machen. Details liefert der Katalog. Nach einiger Eingewöhnung findet man sich auch in den diversen Untermenüs zurecht, im Zweifel hilft anfangs die Bedienungsanleitung.

Aus- und Einstieg sind bequem. Durch die Batterie unter dem Wagenboden sitzt man 51cm über der Straße, das Auto ist 1,55 m hoch. Für Normalgroße erfordert Ein- und Aussteigen keine Verrenkungen.

Infolge des eingebauten kleinen e-Motörchens mit max. 205 PS ist der Innenraum faktisch so groß wie beim Vorgänger, einem Jeep Grand Cherokee Summit mit 3,0 l großem Dieselmotor, wenn auch etwas schmäler, obgleich das Auto fast einen halben Meter kürzer ist als der Jeep. Auf der Hinterbank sitzt man im Niro besser, Sitzriese sollte man lieber nicht sein.

5.

Wie fährt man in der Praxis:

Gestartet wird, so man den Schlüssel bei sich hat, durch Druck auf den Startknopf. Ein kleines Mäusekino erscheint auf dem Display, verlöscht sogleich, wenn alles in Ordnung. Jetzt kann man losfahren – die Handbremse hat sich automatisch gelöst.

Drehknopf auf Mittelkonsole auf Rückwärts stellen und nach hinten aus der Parkbucht ausfahren. Rückfahrkamera schaltet sich automatisch ein, Querverkehrswarner ebenfalls. Bei Hindernissen piept es – an das Piepsen moderner Autos muss man sich gewöhnen, doch überwiegen weit die Vorteile der kleinen Helfer. Drehknopf in Drive stellen drehen und leise surrend losfahren.

Im Straßenverkehr verhält sich der e-Niro unauffällig, bei Bedarf ein Tritt aufs Pedal und schon ist man am Auto nebenan vorbei. Die Beschleunigung verblüfft, auch im Eco-Mode, den ich meist benütze. Mehr als 125 – 130 Km/h kann man auf Dauer fahren, (175 Km/h sind das Maximum) sollte man indessen im Interesse der Reichweite tunlichst unterlassen. Auf Autobahnen ist man deshalb nicht der schnellste, man gewöhnt sich daran. Ich fahre möglichst mit ACC, also der adaptiven Geschwindigkeitseinstellung, die bei langsameren Fahrzeugen automatisch die Geschwindigkeit einstellt und den voreingestellten Abstand einhält. Überholt man, wird die vorgewählte Geschwindigkeit wieder erreicht.

Am Ziel wird die elektrische Handbremse eingeschaltet. Bei Bedarf schließt man das Auto an eine Ladesäule an – siehe unten.

e-niro

6.

Vor- und Nachteile von E-Autos allgemein und des e-Niro im Besonderen:

Überzeugendster Vorteil ist sicherlich die Beschleunigung aus dem Stehen heraus, die zu zügigen Starts an Kreuzungen verleitet. Mangels Getriebe eines Autos mit Verbrennungsmotor beschleunigen e-Autos auch völlig ruckellos. Für alle Passanten überzeugend die geringe Geräuschentwicklung. Man hört ein summendes Geräusch, das ist alles. Bei höherer Geschwindigkeit machen sich Windgeräusche und das Abrollgeräusch der Reifen bemerkbar, viel leiser als ein Auto mit Verbrennungsmotor sind alle e-Autos, auch der e-Niro. Die Rekuperationswirkung kann verstellt werden, das Auto wird dann langsamer auch ohne Betätigung des Bremspedals. Deshalb schleichen e-Autos vor Kreuzungen so oft an die Kreuzung heran – man gewinnt auf diese Weise Strom.

Ach ja, umweltfreundlich sind sie auch.

Bleibt die Frage, ob die Umweltfreundlichkeit die zahlreichen Nachteile aufwiegt. Ich führe nur einige an, jeder Einzelne muss selbst entscheiden, ob er sich ein e-Auto kauft.

Weder die Bedienung noch die Strompreise sind einheitlich geregelt. Jeder verlangt so viel wie möglich. Relativ günstig sind die großen Anbieter, in Österreich die Landestromgesellschaften, wie Wien Energie oder EVN. Daneben gibt es viele kleinere Anbieter. Untereinander werden Roaming-Verträge geschlossen, dann kann der Wiener etwa mit seiner Karte von Wien Energie auch in Niederösterreich das Auto aufladen, in der Regel jedoch mit einem Preiszuschlag. Sinnvoll daher der Besitz mehrerer Karten. Viele Anbieter haben je nachdem, wie oft Ladesäulen benützt werden, unterschiedliche Tarifmodelle, zwischen denen man bei Vertragsabschluss weise auswählen kann. Am Ende des Ladevorgangs zieht man das Kabel wieder ab. Das war es. Wieviel der Ladevorgang kostet, sieht man nicht an der Ladesäule, es gibt auch keine Rechnung nach dem Laden. Am Ende des Monats etc. gibt es dann eine Sammelrechnung. Barzahlung an Ort und Stelle ist nirgends möglich.

Bei Fahrten ins Ausland sind sorgfältige Erkundigungen notwendig. Ladesäulen gibt es in ganz Westeuropa, vielfach sind aber im Ausland eigene Karten der dortigen Anbieter nötig. Kia baut ein eigenes Ladenetz für Autos von Kia in Europa auf.

Bei Autobahnfahrten lädt man also mit Vorteil alle 300 Km an einer Schnellladesäule auf.

Diese Erfahrung steht mir noch bevor.

Die Zahl der Ladesäulen  reicht derzeit aus, werden mehr e-Autos gekauft, wird es Wartezeiten geben – oder mehr Säulen werden nötig. Das wird dann der Knackpunkt der e-Mobilität, denke ich.

 

29.6.2021

PETER LAUSCH