PETER LAUSCH
Coole Park

Ca. 3 km nördlich von Gort erreicht man auf der  N18 einen nach links (nach Westen) zeigenden Wegweiser zum Coole Park. Folgt man dem Hinweispfeil, so ist  nach weiteren ca. 2 km der Parkplatz erreicht.

Coole Park mit dem Coole House war einst Wohnsitz von Lady Augusta Gregory und ab 1880 das geistige Zentrum des Irish Literary Revival und ist mit vielen Erinnerungen an den Literaturbetrieb in Irland am Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts verknüpft.

Isabella Augusta Persse wurde 1852 als Tochter reicher protestantischer Grundbesitzer geboren. Ihre Eltern verboten ihr als leichtfertig und den Müßiggang fördernd das Lesen von Büchern jedweder Art. So wusste sie als Mädchen zwar nichts von der angelsächsischen oder europäischen Literatur an sich, war dafür aber vertraut mit der irischen Sagen- und Feenwelt, in die sie das Kindermädchen einführte, von dem sie auch fließend die irische (gälische) Sprache lernte. Mit 28 Jahren machte sie eine sehr vorteilhafte Partie, das heißt, sie wurde mit einem 35 Jähre älteren Pensionisten verheiratet, der es in britischen Diensten u. a.   bis zum Gouverneur von Ceylon gebracht hatte. Sir William Gregory war nicht nur reich, besaß  umfangreichen Grundbesitz in der Umgebung von Gort, sondern war auch kunstbeflissen und belesen. Seine Gattin, die nach ihrer Heirat den Titel  <Lady Gregory> führte,  gebar ihm einen Sohn, Robert, und unternahm mit dem Gatten viele Reisen, vor allen in den Nahen Osten und nach Indien.
 


Lady Gregory als Witwe
 

Nach seinem Tod 1892 verstärkte sich das lebenslanges Interesse der nunmehr 40 Jahre alten Lady Gregory an der Geschichte und den Geschichten ihrer irischen und katholischen Landsleute, fürwahr keine Selbstverständlichkeit, bedenkt man ihre Herkunft aus einer Familie reicher Protestanten. Bei einem Besuch in Doorus House (heute ein Hostel mit vielen Erinnungsstücken an die früheren Besitzer und die illustren Gäste, wie Yeats, Synge, St. John Gogarty und eben Lady Gregory, lernte sie W. B. Yeats kennen und fand in ihm einen Menschen mit den gleichen Interessen an Literatur mit irischen Wurzeln. Die beiden verband fortan eine durch diese Interessen gefestigte lebenslange Freundschaft. Ihr Wohnsitz Coole House wurde zu einem Zentrum der Bewegung des Irish Literary Revival. Ziel dieser literarischen Bewegung war die Wiederbelebung der alten irischen Folklore sowie der Legenden und Traditionen des irischen Volkes vor und unter der britischen Herrschaft. Yeats hat dazu 1888 mit seinen Büchern <Fairy and Folk Tales of the Irish Peasantry> und <The Celtic Twilight> beigetragen.

Die entsprechenden literarischen Werke sind nicht denkbar ohne den Wunsch des irischen Volkes nach Erlangung der Unabhängigkeit Irlands von der britischen Oberherrschaft, ein Kampf auch mit militärischen Mitteln, bekannt durch den  <Easter Rising> des Jahres 1916. Im Rahmen dieser literarischen Bewegung sind einige der für die Entwicklung des Dramas und der Literatur allgemein wichtigsten Werke des 20. Jahrhunderts entstanden: die Dramen von Synge etwa oder von Sean O'Casey, aber auch die Dichtungen von W. B. Yeats. Eine der wichtigsten Errungenschaften war das Abbey Theater in Dublin auf Betreiben von Lady Gregory und anderen, weil dadurch ein Ort geschaffen wurde, an dem dem Publikum die dramatische Dichtung im Zuge des Revivals nahe gebracht werden konnte.

Lady Gregory selbst wurde zu einer  wichtigen Persönlichkeit in dieser Bewegung; sie  schrieb auch Romane mit irischen Themen, vor allem aber eine Reihe von Theaterstücken, die in dem von ihr mitbegründeten Abbey-Theater in Dublin auch aufgeführt wurden, freilich meist unter endenwollendem Beifall des Publikums. Heute sind ihre Schauspiele und ihre Romane weitgehend vergessen, mit Ausnahme vielleicht des Romans <Cuchulain de Muirhemne>, (1902), vor allem aber ihrer Darstellung der irischen Mythologie (1904), die es gemeinsam als irish Mythology in Form eines Paperbacks zu kaufen gibt - mit einem überschwänglichen Vorwort von - wem wohl? Dem langjährigen Weggenossen W. B. Yeats natürlich.

Wichtiger und weit einflussreicher als ihre literarischen Ergüsse war daher ihre Rolle als gleichsam Muse der jungen Literaten und als unermüdliche Propaganistin ihres Lebensziels: dem reichen Erfahrungsschatz des irischen Volkes den gebührenden Einfluss im Geisteslebens Irlands zu sichern.

Privat verlief ihr Leben nicht ungetrübt - mit 40 Jahren (1892) schon Witwe geworden, verlor sie 1918 ihr einziges Kind, Robert Gregory, der als Pilot der britischen Luftwaffe über Padua versehentlich von einem italienischen Piloten abgeschossen wurde, der Gregorys Flugzeug für ein deutsche Flugzeug gehalten hatte. Die schwer getroffene Mutter inspirierte W. B. Yeats zu einem durchaus berührenden Gedicht: "An Irish Airman Foresees His Death". Sir Gregory hatte seinen Sohn als Erben eingesetzt. Nach dem Tod des Sohnes erbte daher seine Gattin, Lady Gregorys Schwiegertochter, den Besitz. Die ungeliebte Schwiegertochter verkaufte 1927 das Haus und das Anwesen (Coole Park)  an den Irischen Staat, nachdem schon einige Jahre vorher Teile des Grundbesitzes verkauft und auf verschiedenen Kleinbauern zur Abrundung ihres Besitzes weiterverkauft worden waren. Im Zuge dieser Transaktion erlangte übrigens Yeats 1916 das Eigentum an dem von ihm später als Thoor Ballylee bezeichneten Wohnturm in der Umgebung.

Der damals 75 Jahre alten Lady Gregory wurde allerdings ein lebenslanges Wohnrecht in Coole House gesichert. Nachdem sie 1932 im Alter von 80 Jahren an Brustkrebs  gestorben war, stand das Haus leer. 9 Jahre nach Lady Gregorys Tod im Jahre 1932  verkaufte die Regierung Coole House einem Bauunternehmer für den Materialwert. Der nützte die Gelegenheit - alles, was man heute von Coole Haus sieht, ist eine Rasenfläche, umgeben von den Fundamenten des Hauses.
 


An Stelle des Hauses, wie es einst war, obige Blechtafel


Der heutige Zustand

 

Ein ähnliches Meisterstück fantasieloser Bürokraten sollte sich übrigens viele Jahre später anlässlich des Verkaufs von Lissadell House nördlich von Sligo wiederholen - auch ein geschichtsträchtiger Ort, an dem Constance Gore-Booth, die nachmalige Gräfin Markiewicz, Teilnehmerin am Oster-Aufstand 1916, erste weibliche Ministerin in einer irischen Regierung usw. geboren wurde und wo übrigens der erwähnte W. B. Yeats auch zu Gast gewesen ist, der über Constance und ihre Schwester Eva ein Gedicht geschrieben hat. Irische Politiker sagten, es sei kein Geld da - in Zeiten, in denen der Celtic Tiger laut brüllte. Zwei reiche Rechtsanwälte schlugen zu und erstanden Lissadell House und den umliegenden Park, zogen ein großmächtiges Tourismusunternehmen auf und führten rechthaberisch einen kostspieligen Prozess über Wegerechte der Anrainer. Den Prozess haben die beiden verloren, beleidigt haben sie die Touristen aus  Lissadell House  ausgesperrt, die dort viel Geld ausgaben.  Jetzt sollen sie die Prozesskosten zahlen und können nicht, sagen sie, die Armen.

Aber das ist eine andere Geschichte.

Heute ist Coole Park ein gratis zu besuchendes Vogelschutzgebiet mit vielen Erinnerungen an Lady Gregory und ihre Literaten. Man kann den Platz besuchen, an dem einst Coole House stand und im Park daneben den <Autograph Tree> besichtigen, eine in der Zwischenzeit zu beträchtlicher Größe herangewachsene Blutbuche, in deren Rinde sozusagen alles, was in in der irischen Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts  Rang und Namen hatte, ihre Initialen eingekratzt hat.
 


Der Autograph Tree ist als einzige Blutbuche weit und breit leicht zu erkennen.
Das Foto ist vom Park aus aufgenommen, der Eingang in den Park und zum Zugangsweg zur Buche ist links außerhalb des Bildes.
 

Leider nicht nur sie, auch eine ganze Menge von <Niemanden>, sodass der Baumstamm mit einem Gitter vor weiterer Verunzierung geschützt werden musste. Da der Baum in der Zwischenzeit in die Höhe und in die Breite gewachsen ist, kann man durchaus nicht alle Initialen leicht entziffern, eine daneben angebrachte Tafel gibt Hinweise, wer wo zu finden ist. V.M. = Violet Martin zum Beispiel ist eine der unbekannteren Damen in der illustren Schar, aber nur, weil sie mit ihrer Schreib- und Lebensgefährtin unter dem Pseudonym Somerville and Ross (sie war die <Ross>) vor 100 Jahren auch heute noch lesenswerte, dennoch weithin vergessene humorvolle Geschichten über die protestantische Oberschicht in Irland geschrieben hat. Wieso sie zur Blutbuche kam? Weil ihre Familie mit Lady Gregory befreundet war und sie selbt nicht allzu weit entfernt zur Welt gekommen war, in Ross Castle, heute als Ross House eine Fremdenpension, die recht hübsch anzusehen ist:
 


Aber auch das ist eine andere Geschichte.

In den ehemaligen Stallungen des Coole House, vor denen sich heute der Hauptparkplatz befindet, ist ein Besucherzentrum untergebracht, in dem der Interessierte allerlei ein wenig schön Gefärbtes über das Leben und die Geschichte der Gregorys erfahren kann.

Wer das nicht will, dem sei vom Besucherzentrum aus  eine kleine Wanderung auf gut erhaltenen Wegen durch dichten Laubwald zum Coole Lough empfohlen, das ist der See, von dessen Ufer aus Yeats die Schwäne beobachtet hat, die er in seinem einschlägigen Gedicht verewigt hat. Nicht nur führen alle Wege durch schönen Wald, schattig auch im Sommer unter dem Blätterdach der Bäume - man spaziert dort, wo sich die Berühmtheiten der irischen Literatur des frühen 20. Jahrhundert auch erholt haben.

Ich habe die kurze und schöne Waldwanderung schon mehrfach unternommen, <auf trockenen Wegen> im Sinne des Gedichts, aber leider, alle 59 Schwäne machten jedes Mal gerade einen Ausflug. Jedenfalls hat Yeats in seinem 1915 entstandenen Gedicht: <The Wild Swans at Coole> von 59 Stück gesprochen.

Mehr noch, vor meinen Besuchen und hoffentlich nicht meinetwegen hat sich auch der Coole Lough verflüchtigt: Das ist an sich kein Wunder. Der Coole Lough ist nämlich ein so genannter <Turlough>, ein Karstsee. dessen Wasser bei wenig Niederschlägen im porösen Kalkboden versickert und erst wieder nach Starkregen oder im Winter an der Oberfläche steigt. Ist das Wasser indessen versickert, verbleibt bloß ein weißer, nicht eben wohlriechender Algenteppich auf dem trockenen Seeboden. Ist daher der Turlough bei Ihrem Besuch nicht vorhanden, im Internet gibt es einschlägige Fotos, die ich aus aus Gründen des Urheberrechts hier nicht zeigen kann.

Solche Turloughs gibt es mehrere im Westen Irlands. In der Karstlandschaft des Burren bei der Ortschaft Carran zum Beispiel gibt es auch einen, den man sich unter günstigen Umständen ansehen kann.

Wenn Sie denn schon in der Gegend sind, erscheint auch ein Besuch im Kiltartan Gregory Museum in Kiltartan Cross empfehlenswert. Das Museum ist in einer ehemaligen Schule untergebracht, für deren Bau die Gregorys gespendet haben und enthält eine Reihe von Ausstellungsstücken, die an die Gregorys und an die Besucher von Coole House erinnern sollen. Nach gründlicher Renovierung wurde es 1996 eröffnet, im Beisein von  Mary Robinson, der damaligen Präsidentin, die freilich eine ganze Menge vergleichbarer Einrichtungen eröffnet hat - eine jede heutzutage mit einer entsprechenden Hinweistafel. Auch auf diese Weise kann man unsterblich werden. 

Näheres finden Sie bei Interesse hier.

 
Erstellt:
17. Juli 2011, geändert am 27.9.2014
© 2011/Peter Lausch

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