Die Compur-Leica

 

Leider, die LEICA (I) war teuer und sie war durchaus keine vollkommene Kamera, die den Bedürfnissen der damaligen Zeit vollkommen entsprochen hätte.

2 Eigenschaften, die uns Heutigen als Mängel erscheinen mögen, wies die Kamera anfangs auf:

  • sie war teuer,
  • ihr fehlten die längeren Verschlusszeiten bis zu 1 Sekunde, wie man sie mit Zentralverschlüssen einstellen konnte.

Gegen den hohen Preis ließ sich wenig unternehmen. Das Fehlen der langen Verschlusszeiten war infolge der Konstruktion des verwendeten Schlitzverschlusses unvermeidbar. Die Einstellmöglichkeit auf <lange> Zeiten war damals jedoch viel wichtiger als heute: die Filme waren nur gering empfindlich (umgerechnet hatten sie eine <Empfindlichkeit> von weniger als ISO 10), sie waren grobkörnig und sie waren nicht panchromatisch, was die Verwendung von lichtschluckenden Farbfiltern zur Erzielung augenrichtiger Tonwiedergabe notwendig machte. Und, seien wir ehrlich: auch das Elmar 3,5/50 ist nicht gerade ein lichtstarkes Objektiv. Ja, und die heutigen Blitzgeräte mit vielerlei Einstellmöglichkeiten gab es damals natürlich auch nicht.

Daher wurde ab dem Jahr 1926 von Leitz zusätzlich die Compur-LEICA angeboten. Viel billiger war sie allerdings auch nicht als die LEICA mit Schlitzverschluss. Kostete diese damals RM 220.,-, kostete das Modell mit dem Compur RM 192.-, beide mit Elmar 3,5/50 mm ausgestattet.

Das Gehäuse dieser Kamera entspricht dem Gehäuse der LEICA I. Allerdings fehlt der Schlitzverschluss. Statt dessen ist zwischen der zweiten und den verkitteten dritten und vierten Linsen des fest eingebauten Elmar 3,5/50mm ein Compur-Zentralverschluss der Fa. Deckel mit den Zeiten 1s – 1/300 sec. und B sowie T eingebaut. 

Infolge der räumlichen Trennung von Verschluss (vorne im Objektiv) und Filmtransportmechanismus (im Gehäuse der Kamera) fiel die Kopplung von Filmtransport und Verschlussaufzug, wie sie für die LEICA charakteristisch war, weg. Der Benützer musste in zwei gesonderten Schritten den Film weiterdrehen und ferner den Verschluss aufziehen. Vergaß man den Filmtransport, konnte man durchaus eine zweite Aufnahme auf das selbe Filmstück machen (schön, wenn man Doppelbelichtungen im Sinn hatte, ansonsten aber recht ärgerlich). 

Compur-LEICAS sind heute sehr selten, denn sie verkauften sich nicht gut. Bis zur Produktionseinstellung der oben abgebildeten ersten Variante (die große Kamera ist ein Demonstrationsmodell ohne Funktion) im Jahr 1929 wurden nur ca. 630 Stück hergestellt. Sie sind nach meiner bescheidenen Meinung nicht gerade schön anzusehen, vor allem nicht mit ausgezogenem Objektiv in Aufnahmeposition. Der dünne Objektivtubus mit dem doch ein wenig unförmigen Auswuchs des Verschlussgehäuses an der Vorderseite der Kamera ist sozusagen gewöhnungsbedürftig. 
   
Andererseits wiesen sie einige Vorzüge auf (aus denen sich durch Umkehrschluss natürlich auch einige, oben bereits erwähnte, Schwächen der LEICA I ergeben): Der wichtigste Vorteil der Compur-LEICA ist der Verschluss mit der Möglichkeit, die langsamen Zeiten von 1 – 1/20 sec. zusätzlich zu den kurzen Verschlusszeiten (kürzesten Verschlusszeit von 1/300 sec.) einzustellen. Hingegen standen ei der LEICA I mit Schlitzverschluss nur die Zeiten von 1/20 – 1/500 sec. zur Verfügung. Berücksichtigt man die damals nur geringe Filmempfindlichkeit, wird klar, dass der Benützer der LEICA mit Schlitzverschluss sozusagen nur bei Schönwetter aus freier Hand unverwackelte Aufnahmen machen konnte. Was man heute mit einem gängigen Film von 100 ISO mit Bl. 8 und 1/125 sec. Verschlusszeit aufnimmt, konnte man damals eben nur mit Bl. 8 und 1/20 sec aufnehmen. Damit war der LEICA-Fotograf des Jahres 1926 jedoch auch bei sonnigem Wetter bei Landschaftsaufnahmen zu sehr langen Belichtungszeiten gezwungen, falls er nicht die Blende seines Elmar weit öffnete, was einerseits die Schärfentiefe verringerte und andererseits die – relativ – schwache optische Leistung bei den großen Blendenöffnungen offenbarte. Das wurde nicht kritisiert - Besseres war man damals ja nicht gewöhnt.


   

Von der zwischen 1929 und 1931 gebauten zweiten Variante der Compur-LEICA mit dem sogenannten Ring-Compur wurden knapp 800 Stück verkauft.
   
Naturgemäß sucht man bei beiden Varianten vergeblich nach einer Blitzsynchronisation. Die gibt es ja bei der LEICA I nicht und sie fehlt auch bei der Compur-LEICA. 

Erst viele Jahre später gab es LEICAs mit umständlich zu bedienender Blitzsynchronisation und auch heute noch ist bei den M-LEICAs die langsame Synchronzeit ein – technisch überwindbares – Hindernis bei der Blitzaufhellung bei Tageslicht – wer hier heutzutage perfekte Lösungen will, kauft sich eine Nikon SLR oder eine Canon oder ..... 

Das ist einer der Gründe, warum Leica-Jubler heute noch gerne in den Ruf ausbrechen, mit einer Leica verwende man kein Blitzgerät ... Schließlich habe der hl. Cartier-Bresson das ja auch nicht getan - als er berühmt wurde, gab es aber auch noch keine Elektronenblitze auf dem heutigen Level. Aber lassen wir das.

Im Jahre 1926 war von Blitzsynchronisation aber ohnehin noch nicht die Rede. Indessen konnte der Unverzagte durchaus blitzen, nach der Offenblitzmethode nämlich: Kamera im dunklen Raum oder bei Nacht im Freien auf Stativ stellen, Einstellung auf B oder T, offenes Blitzpulver, oder Pulver in Säckchen für die Ungeschickten, sachgerecht gezündet, große Flamme, großer Knall, hoffentlich richtig belichtet. Die aufgerissenen Augen der abgebildeten Personen stammen meist nicht vom Schreck über den Blitz, sondern in der Dunkelheit vor der Aufnahme haben sich einfach die Pupillen weit geöffnet.
   
Falls Sie das Geld aufbringen wollen für eine Compur-LEICA, achten Sie darauf, es gibt vom Verschluss wie gesagt zwei Versionen: die ältere hat auf der Oberseite ein kleines Einstellrad für die Verschlusszeiten, die jüngere (und wie ich meine, relativ schönere der Beiden) einen äußeren Ring mit Verschlusszeiten, so wie man ihn noch von vielen deutschen Kameras der 50er- und 60er-Jahre kennt.
   
Sollten Sie sich zum Kauf entschließen, wird das kein billiges Vergnügen: Eine durchschnittlich erhaltene Compur-LEICA der späteren Version (Ringcompur) kostet Sie um die 900 Euro, aber schon vor bald 20 Jahren wurden bei Versteigerungen für einzelne, besonders schöne Exemplare auch weit höhere Preise erzielt. Bei einer Auktion in Wien Ende 2002 legte der Meistbieter über 10.000 Euro für ein sehr schönes Exemplar der 1. Version auf den Tisch des Hauses.

Wie das? Nun, erstens ist die Kamera die einzige LEICA mit einem Zentralverschluss. Zweitens wurde sie in kleiner Auflage erzeugt, denn es fanden sich nur wenige Käufer. Drittens ist sie alt und etliche Exemplare werden den 2. Weltkrieg wohl nicht überstanden haben. Viertens werden manche als altmodisches Zeug und defekt in den Mistkübel gewandert sein. Daher dürften bestenfalls 3-400 Stück überhaupt noch existieren. Fünftens hat sich die Zahl der Sammler von alten Kameras dramatisch vermehrt. Sechstens wandert jede alte LEICA in dieser Preisklasse in eine Vitrine und bleibt dort, bis der Sammler stirbt. Dann werfen sie die - diesbezüglich jedenfalls glücklichen - Erben auf den Markt. Daher sind sie nur selten zu bekommen - das erhöht den Preis.

Und das gilt naturgemäß nicht nur für die Compur-LEICA, sondern auch für andere seltene Ausführungen. Denken Sie an die Luftwaffen-Leicas, die als Zielkameras in deutsche Jäger eingebaut wurden und mit diesen gemeinsam abgeschossen wurden und verloren gingen. Daher waren die von Leitz an die deutsche Luftwaffe gelieferten und speziell markierten Leicas zwar nicht selten, aber nur wenige haben überlebt. Das erklärt den Preis echter Luftwaffen-Leicas, aber auch das Auftauchen von ungezähltenFälschungen zu wohlfeilem Preis auf Trödelmärkten und zu unverschämten Preisen in so genannten Fachgeschäften. Grundsatz ist: 98% aller Luftwaffe-Leica sind gefälscht, selbst wenn es sich um an sich echte Leicas handelt. Die weitaus überwiegende Zahl der Fälschungen beruht aber auf russischen FED- oder Zorki-Kameras.
   
Bezüglich Preisgestaltung gilt Ähnliches aber auch für andere Modelle der Leica, die an sich in größerer Zahl erzeugt worden sind, weil es dabei auch seltene Varianten gibt. Die Leica I wurde in 70.000 Exemplaren erzeugt. Eine Leica I mit Anastigmat ist fast doppelt so teuer wie eine mit Elmax-Objektiv, die etwa 1500 Euro kostet, während das Volumens-Modell mit Elmar  so um 900 Euro kostet. Und für eine LEICA I mit Hektor 2,5/50 mm müssen Sie an die 3500 Euro  bezahlen.

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Peter LAUSCH
Zuletzt geändert am 
12.12.2004

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