PETER LAUSCH
Carrowmore Megalithic Cemetery

In Carrowmore, ein wenig südlich des charakteristisch
geformten Berges Knocknarea liegt auf relativ kleinem Raum die größte
Ansammlung prähistorischer Denkmale in Irland: Ganggräber, Steinkreise,
Cairns, Portalgräber, Standing Stones, 4-6000 Jahre alt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren es
noch gezählte 200 Stück, Mitte des 19. Jahrhunderts wurden noch etwa 80
gezählt, heute sind auch für den Laien weniger als 30
auf Anhieb in der Landschaft erkennbar, wenngleich insgesamt noch 70
Gräber in unterschiedlichem Zustand erhalten sein dürften, vielleicht
auch schon weniger. Den vielfach schlechten
baulichen Zustand und die Vernichtung der übrigen hat die Nachwelt ungebildeten
Bauern zu verdanken, welche vor Jahrzehnten den Großteil der den
Traktoren im Weg stehenden Steinsetzungen beseitigt haben. Etliche
Steine wurden offenbar auch für die Errichtung irgendwelcher Steinmäuerchen um ihre Felder verwendet, sie waren ja da, Eigentum
sozusagen, was kümmert einen irischen Bauern die historische Bedeutung
einer Steinsetzung? Hindernisse waren sie zwar immer bei der
Bewirtschaftung, aber früher besaß der Durchschnittbauer keine Radlader
und konnte keine Bagger mieten.
Vor etlichen Jahren hat daher der irische Staat
Grundstücke mit wichtigen Steinsetzungen gekauft und zur Vermeidung weiterer
Vandalenakte eingezäunt. Seit damals kann der Interessierte die
Steinsetzungen gegen Eintrittsgebühr in der eingezäunten
Anlage besichtigen. Broschüren und einen kleinen Parkplatz gibt es im
bzw. beim in einem umgebauten Farmhaus untergebrachten Besucherzentrum zwischen
Mai und Oktober von 10 - 17 Uhr. In dieser Zeit kann das eingezäunte
Gelände auch betreten werden.
Das Eintrittsgeld ist indessen
hinausgeworfenes Geld; gegenüber dem Eingang zum Besucherzentrum sind
zwei sehr schöne Steinsetzungen von der Straße aus zu sehen, 20 Meter Richtung Sligo
eine weitere auf dem Gelände eines Bauernhofes - von außen
und gratis. Ein Plakat warnt jeden, dass man bei Betreten der Wiesen
sich auf dem Gelände einer Farm befinde. Vorsicht ist daher geboten,
aber nicht wegen eine Heugabel schwingender Farmer oder wegen der friedlich herumliegenden Rindviecher, sondern
primär wegen ihrer Hinterlassenschaften, zahlreich und überall
vorzufinden. Die Rindviecher selbst sind Besucher schon gewöhnt,
ja, sie haben, scheint es, auch schon einige Tricks gelernt: Damit der
Fotograf einen Größenvergleich für die Dolmen auf dem Bild hat, lassen
sich die Kühe passend vor den Dolmen und inmitten der Steinkreise
nieder. Vorne Kuh, dahinter Dolmen, im Hintergrund Knocknarea, darüber
blauer Himmel und Sonnenschein, aber leider halt nicht immer.


Dieser Steinkreis auf der Wiese hat in der
Mitte eine Steinsetzung: drei oder vier mannshohe Steine sind
aufgestellt worden, darüber wurde ein massiver Steinbrocken gewuchtet.
Die Fachleute sagen, dies sei einer der schönsten in Irland. Zwar könnte
unsereins so etwas mit einem Caterpillar leicht auch schaffen. Daher hat
das Office of Public Works (OPW) bei jedem echten Überbleibsel einen
Betonklops hinzugesetzt, auf dem in Irisch und in Englisch sinngemäß
dasselbe steht, nämlich, dass es sich hier um ein nationales Denkmal
handle etc. Dieses hier ist archäologisch untersucht worden,
ausgerechnet von schwedischen Wissenschaftlern. In den Buchhandlungen
auf der Rockwood Parade und in der O´Connell Street gab es oder gibt es
noch eine Beschreibung der Fundstellen, ihrer Geschichte und ihrer
Bedeutung von Göran Burenhult, dem seinerzeitigen Leiter der Ausgrabung
Ende der 70er- und in den 80er-Jahren. Die Broschüre ist zwar dünn, ihr Geld
aber jedenfalls wert.
Allerdings herrscht unter den Fachleuten weder Einigkeit über das Alter
der Steinsetzungen noch über ihren Zweck. Burenhult hat auf Grund von
Radiokarbondatierungen organischer Reste angenommen, zumindest einzelne
Steinsetzungen seien gegen Ende der Altsteinzeit errichtet worden, die
Mehrzahl seiner Zunftkollegen indessen meint, sie stammten aus
der jüngeren Steinzeit und seien so um zwischen 4000 und 3500 v. Chr. errichtet
worden. Welchen Zweck sie ursprünglich dienten, weiß man nicht, da man
ja über allfällige religiöse Vorstellungen der Menschen in grauer
Vorzeit nichts weiß. Insofern ist es gewagt, von einem <Megalithic
Cemetery> zu reden.
Ja, man weiß auch nicht mit Sicherheit, ob die
Steinsetzungen in Carrowmore ursprünglich so ausgesehen haben wie heute:
allgemein wird angenommen, dass zumindest der größte durch einen Steinhaufen
ummantelt war, ob dies auch für die kleineren, hier abgebildeten gilt,
ist eher unwahrscheinlich. Die Steinringe um einzelne von ihnen sprechen
nach Auffassung der Fachleute eher dagegen.
Die Ausgrabungen haben auch gezeigt, dass die
Steinsetzungen
offenbar auch noch in der Eisenzeit als Grabstätten benutzt wurden, meist aber nicht als Gräber von
Einzelpersonen, sondern für ganze Sippen oder Gruppen von Menschen. In
einer solchen Steinsetzung hat man die Asche von mehr als 50 Menschen
gefunden. Nur in der größten Anlage auf der Hügelspitze, die von den
Archäologen einigermaßen erforscht wurde, hat man die Knochen von
Menschen entdeckt, aber auch nicht ganze Skelette. Man nimmt daher an,
dass die Leichen irgendwo aufbewahrt wurden und nach ihrer teilweisen
Entfleischung
vom restlichen Fleisch befreit und erst in diesem Zustand endgültig
bestattet wurden.
Nach wie vor ungeklärt ist, welche Gründe die
Menschen damals bewegt haben, wenn es sich denn um Grabdenkmale handelt, ihre Toten mit soviel Aufwand
beizusetzen und warum andererseits im Lauf der Jahrhunderte nur so relativ wenigen Menschen
hier beigesetzt wurden. Denn der Transport der Steine und deren
Aufrichtung, die Überdeckung schließlich durch den jeweils massiven
Deckstein erforderte sicherlich die Zusammenarbeit einer großen Anzahl
von Menschen - wer den
Labby Stone gesehen hat oder den Brown Hill Dolmen, weiß, dass dies
nur mit einer straffen sozialen Ordnung möglich war. Und vor allem, warum hier, an
einer bestimmten Stelle. Man muss sich bloß umsehen. Sicherlich schaut
die Landschaft heute anders aus als vor 5000 Jahren, aber geändert hat
sich der Bewuchs, nicht das Gelände. Scheinbar zufällig verstreut auf
einer Wiese, einem Hang, befinden sich die Steinsetzungen. Allerdings
zeigen fast alle mit der Öffnung in Richtung der größten Anlage auf der
Hügelkuppe.
Dazu kommt, dass der heute torfige Boden erst
in den letzten paar tausend Jahren infolge Klimaänderungen entstanden
ist. Vor 6000 Jahren, als die Menschen nach der letzten Eiszeit Irland
besiedelten, war das Land wohl überwiegend von Mischwald bedeckt und
mussten die Plätze für die Steinsetzungen erst einmal gerodet werden. Man
hat ausgerechnet, dass das Wetter nur 1 oder 2 Grad Celsius wärmer war im
Jahresdurchschnitt heute; das reichte aber aus für eine ganzjährige
Vegetationsperiode. Der kahle Westen Irlands war damals von einem
Eichenmischwald mit einem hohen Anteil an Nadelbäumen bewachsen.
Wer waren diese Menschen? Welche Kenntnisse
vom Naturgeschehen hatten sie? Es gibt recht wilde Theorien. Keine
Kelten, die kamen erst später nach Irland. Sprache, Religion, soziale
Schichtung, alles unbekannt. Zwar gibt es fantasievolle Untersuchungen
über die geografische Ausrichtung einzelner Cairns, auch im Internet,
und die Errichtung von Newgrange im Tal des Flusses Boyne etwa setzt
erstaunliche astronomische Kenntnisse voraus, aber nach allem, was man
weiß, handelte es sich um Jäger und Sammler, die später dann schon
Getreide anbauten. Der zeitliche Ablauf verkompliziert die Sache noch
mehr, denn viele sterbliche Überreste stammen aus viel späterer Zeit.
Die Cairns und Steinkreise wurden als Begräbnisstätten benutzt, weil sie
da waren, ohne dass die späteren Nutzer wohl die wahre Bedeutung
kannten, welche die Erbauer tausend oder mehr Jahre vorher ihnen
beigemessen hatten. Jene Menschen indessen, welche die Anlagen planten
und die große Anzahl von Arbeitskräften organisierten, dürften indessen
sehr wohl recht exakte astronomische Kenntnisse besessen haben - wichtig
für die Planung der Arbeiten auch in der Landwirtschaft.
Manchmal wundert man sich über die Häufigkeit frühzeitlicher Monumente:
schaut man sich die Karten im Maßstab 1:50.000 an, ist die Gegend um
Sligo, und nicht nur diese, gesprenkelt mit roten oder schwarzen
Punkten, die meist ein frühzeitliches Monument, gelegentlich aber auch
ein mittelalterliches Kloster bzw. seine Ruine bezeichnen. Gewiss sind
diese Monumente "häufig", selbst wenn man berücksichtigt, dass viele
davon in der Vergangenheit zerstört worden sind. Man muss aber auch
bedenken, dass "vorzeitlich", wie diese Periode der
Menschheitsgeschichte vereinfacht genannt wird, im Fall Carrowmore einen
Zeitraum von mehreren tausend Jahren bezeichnet. Die ältesten Monumente
sind etwa 4.000 vor Christus von Menschen der jüngeren Steinzeit
geschaffen worden, wie wir aus Beigaben wissen, die datiert werden
konnten. Nun sind
an die 200 Monumente, so viele etwa waren es ursprünglich in Carrowmore
"viel", in sagen wir, mehreren 100 Jahre aber wieder wenig. Es müssen
daher schon besondere Ereignisse oder Anlässe gewesen sein, welche die
Menschen damals bewogen haben, einen Cairn oder sonst eine Steinsetzung
zu errichten.
Die irischen Feensagen und die Kämpfer in den
zahlreichen Heldensagen mögen ein ferner Widerhall der Ereignisse von
damals sein, welche die mündliche Überlieferung bewahrt hat.

Burenhult selbst
als Leiter der seinerzeitigen Ausgrabungen weist neuerdings ausdrücklich
auf die Probleme
bei der Datierung der Anlagen hin und auf die Probleme, die sich aus
der Verwendung allenfalls kontaminierten Materials bei den
seinerzeitigen Radiokarbondatierungen ergeben haben könnten.
Doch wie auch
immer: die Steinsetzungen von Carrowmore sind rätselhafte
Hinterlassenschaften jener Menschen, die wohl als die ersten das
sozusagen jungfräuliche Irland besiedelt haben.
Man muss auf
einer Urlaubsreise Carrowmore nicht sehen, um dennoch ein schönes und
interessantes Land zu erleben. Gruppenreisenden ist Carrowmore ohnehin
verschlossen, denn die Straßen sind zu schmal, als dass großmächtige
Reisebusse hinfahren könnten. Doch wer in die Nähe kommt und wem die
Geschichte Irlands interessiert, der sollte Carrowmore gesehen haben.
Erstellt: 23. Juli 2011
© 2011/Peter Lausch
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