PETER LAUSCH
Der Burren
1.
Landschaft und Pflanzenwelt
2. Landschaft und Menschen im Lauf der Geschichte

Das Foto des Poulnabrone Dolmen (oben) zeigt
ihn inmitten der ihn heute umgebenden Landschaft.
Zu der Zeit, als der Dolmen errichtet worden ist, also um ca. 4000
v. Chr., muss die Landschaft ganz
anders ausgesehen haben als heute, wie man aus Bodenproben weiß. Lichte Nadelwälder mit vereinzelten
Ulmen, Lärchen und Haseln dürften vorgeherrscht haben unterbrochen von offenem
Grasland.
Die steinige Landschaft die man in großen
Teilen des Burren heute antrifft, ist das
Resultat von absichtlicher Rodung zur Gewinnung von Acker- und Weideland;
diese Rodungen haben
schon in der Bronze- und frühen Eisenzeit begonnen. Menschen wie die, welche die
Gräber errichteten, haben wohl auch bereits die vorgeschichtlichen
Steinmauern als Feldbegrenzungen errichtet, die der Kundige heute noch
im Burren vielfach sehen kann. Beispielsweise befindet sich westlich der
Grabanlage (in der Aufnahme oben hinter der Anlage) eine solche, heute zusammengefallene und mit Gras bewachsene
vorgeschichtliche Mauer:

Solche Mauern sind zahlreich erhalten,
doch bedarf es eines geschulten Auges, den in sich zusammengefallenen
Steinhaufen als ehemalige Mauer zu erkennen. Auch sind natürlich nicht
alle zusammengefallenen Mauern 2000 Jahre alt oder noch älter, die
Fachleute vermögen jedoch aus der Art des Steinhaufens und aus
Pollenuntersuchungen unter denselben auf das Alter zu schließen. U. a.
haben sie das anlässlich der vor etlichen Jahren durchgeführten
Untersuchung des Dolmen bei der abgebildeten einstigen Mauer getan.
Die vorzeitliche Gemeinschaft aus Bauern, welche solche Mauern
errichtete, dürfte höchstwahrscheinlich in viereckigen Holzhäusern
gelebt haben. Die Existenzgrundlage dieser Menschen bildeten im Wesentlichen auf den Erträgen ihrer Felder, auf denen sie vor allem
Weizen und Gerste anbauten und auf Haustieren, vor allem auf
Rinderherden. Sie jagten außerdem, fischten und fingen Vögel, um ihren
Lebensunterhalt aufzubessern. Das zeigten unter anderem die Grabbeigaben
aus Tierknochen, welche sich in den Grabstätten fanden, auch im
Poulnabrone Dolmen oder in den Gräbern von Parknabinnia in der Nähe.
Im Gegensatz zu ihren eigenen vergängliche Häusern, von denen nichts
übrig geblieben ist, errichteten sie für ihre Toten massive steinerne
Gräber. Bedenkt man den Zeit- und Kraftaufwand für die Errichtung dieser
Gräber, so muss die Totenverehrung eine ganz wesentliche Rolle in ihrer
Lebensauffassung gespielt haben. Dazu gehört auch, dass diese
Grabstätten im Lauf der Jahrhunderte, ja, Jahrtausende, immer wieder
benutzt worden sind, auch wenn wahrscheinlich das Wissen um die
Gründe für die Errichtung der konkreten Anlagen im Lauf der Zeit verloren gegangen
ist. Offenbar aber war auch sehr viel späteren Generationen bewusst,
dass diese Stätten der Verehrung der Toten dienten und sie bestatteten
hier ihre eigenen Verstorbenen.
So sind sie auch heute noch unvergängliche Zeugen einst heiliger
Stätten.
Diese Stätten vorzeitlicher Totenverehrung sind übrigens relativ häufig:
So befinden sich allein 75 so genannte <wedge tombs> im Burren. Es gibt
aber nicht nur Grabmonumente als Zeugen der Besiedlung des Burren durch
Menschen in der Vorgeschichte: weit weniger spektakulär sind die vielen
<cist graves>, Steinplatten, die hochgestellt einen Sarg bildeten und,
noch weniger spektakulär und vielfach auch für Fachleute schwer
auffindbar, die <fulacht fiadhs>, vorzeitliche Kochstellen, wie man
annimmt und von denen wahrscheinlich erst ein Bruchteil entdeckt worden
ist.
Dass sich alle diese Fundstätten erhalten
haben und nicht, wie anderswo in Europa, als willkommene
Ansammlungen von Baumaterial durch die Nachfahren verwendet wurden, geht
auf einige spezielle Umstände zurück:
- Wer im Burren Baumaterial
benötigte, der fand in der unmittelbaren Umgebung des Baugrundes
genug handliche Steine für sein Werk;
- Ein Bauwerk aus Stein hält
natürlich länger, es verfault nicht wie Holz, es verbrennt nicht, es
wird nicht wie ein Erdwall durch Erosion und Anflug abgeflacht und
wird nicht von Sträuchern und Bäumen überwachsen.
- Dies steinige Landschaft ist
landwirtschaftlich in weiten Teilen nicht zu nutzen, die
vorzeitlichen Bauwerke sind im Burren keine Hindernisse, die den
Bauern bei der Bewirtschaftung einfach im Weg umherstehen und daher
beseitigt werden - siehe aber die Entwicklung in Carrowmore bei
Sligo und anderswo.
Im Burren sind indessen nicht nur
vorzeitliche Steinsetzungen zu finden; es gibt eine Anzahl von Kirchen-
und Klosterruinen (teilweise aus dem 1. Jahrtausend, die das
ursprüngliche Bethaus Temple Cronan), wie etwa Corcomroe Abbey. Es gibt,
teils auch aus dem 1. Jahrtausend unserer Zeitrechnung eine ganze Anzahl
von sogenannten Ringforts; als Beispiel das in den letzten Jahren
restaurierte und bequem zu besuchende
Caherconnell Fort oder das
abgelegene und daher kaum besuchte Cahercommaun Fort, Siedlungen, die
mit großteils aus vorhandenen Bruchstücken zusammengefügten Ringmauern
umgeben waren und in denen sich die Unterkünfte für Mensch und Haustiere
befanden. Ebenso haben sich aus dem Mittelalter Wohntürme erhalten, wie
etwa der von Leamanegh Castle, an den in der beginnenden Neuzeit ein
Wohnhaus aus Stein angebaut wurde (auch dieses eine Ruine, von der nur
mehr die Außenmauern stehen, mangels Bedarfs an Baumaterial aber
ansonsten nicht beschädigt außer durch die Zeit).
Angenommen wird, dass der Burren schon
seit der mittleren Steinzeit besiedelt war. Die ersten Bewohner waren
Jäger und Sammler. Bedingt durch ihre Lebensweise, benötigten sie eine
recht große Fläche, die sie bejagen konnten und auf der sie Beeren,
Pilze und anderes Essbares sammeln konnten. Alles in allem dürften sich
gleichzeitig nicht mehr als max. 2 Sippen zu je max. 20 Menschen
aufgehalten haben. Von ihnen hat sich nichts erhalten.
Erst um ca. 6000 v. Chr., also in der
Jungsteinzeit, dürften die Menschen sesshaft geworden sein und
Landwirtschaft betrieben haben. Sie scheinen kleinere Waldflächen
gerodet oder niedergebrannt und nach einigen Jahren der Nutzung diese
Felder wieder aufgegeben zu haben. Von diesen Rodungen hat sich nichts
erhalten. In den von ihnen errichteten Grabanlagen wie etwa dem
Poulnabrone Dolmen und der Parknabinnia Wedge Tomb, haben sich jedoch
vereinzelt Getreidekörner erhalten. Die Zähne jener insgesamt wohl 22
Menschen, die im Lauf von 600 Jahren ab 5800 v. Chr. im Poulnabrone
Dolmen beigesetzt wurden, waren relativ stark abgenutzt, was auf den
Verzehr von grob gemahlenem Getreide mit vereinzelten Steinabrieb vom
Zerkleinern des Getreides hindeutet. Sie haben daher offenbar Getreide
angebaut; die gefundenen Tierknochen deuten darauf hin, dass sie Rinder,
Schafe und Ziegen hielten (und verzehrten).
Siedlungsspuren wurden bisher im Burren
aus dieser Zeit keine gefunden; geht man von den Verhältnissen anderswo
zur selben Zeit aus, dürften diese Menschen in viereckigen, aus Holz und
Flechtwerk gebauten Häusern gewohnt haben, die sich nicht erhalten
haben.
Erst ab der frühen Bronzezeit, vor
allem aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. haben sich vorgeschichtliche
Siedlungsreste erhalten, ebenso wie eine nunmehr größer Anzahl von
Gräbern. In Parknabinnia etwa finden sich 12 <wedge tombs> auf einem
Feld, sodass manche von einem <vorgeschichtlichen Friedhof> sprechen.
Warum diese Gräber, die anscheinend zu verschiedenen Zeiten und von
verschiedenen Sippen errichtet wurden, ausgerechnet an dieser Stelle und
in der Nachbarschaft anderer Grabanlagen erbaut wurden, weiß niemand.
Aus Bodenuntersuchungen weiß man, dass
in der Bronzezeit relativ großflächige Rodungen im Burren stattgefunden
haben. Dies deutet auf die Ausweitung der landwirtschaftlichen Nutzung
und wohl auch auf ein entsprechendes Bevölkerungswachstum hin. Gemeinsam
mit Klimaveränderungen könnten diese Rodungen den allmählichen Verlust
der Humusschichte eingeleitet haben - die Ursache für den heutige
Aussehen der Landschaft in weiten Teilen des Burren.
Die Zahl der Fundstellen aus der
Bronzezeit ist um ein Vielfaches größer: man kennt etwa buchstäblich
hunderte von <cists>, Gräbern aus hochkant gestellten Steinplatten. Da
die Gräber mit einem Steinhaufen abgedeckt wurden, der inzwischen
überwachsen ist, sind sicherlich noch viele Cists gar nicht als solche
identifiziert worden. Zahlreich sind auch <fulacht fiadh>,
etwa 5000 Jahre alte Kochstellen, erkennbar an winzigen
Holzkohlestückchen und durch Hitzeinwirkung gesprungenen Steinen.
Die Eisenzeit brachte einen Rückgang
der Besiedelung mit sich, aber auch Änderungen der Landschaft:
Die Bewirtschaftung der höheren Teile des Burren wurde weitgehend
aufgegeben. Gründe dafür könnten darin liegen, dass einerseits das Klima
sich änderte und weniger Regen fiel als in früheren Epochen und dass
andererseits infolge Erosion und Entwaldung die ohnehin dünne
Humusschicht verweht wurde; die Landschaft sah in weiten Teilen nicht
viel anders aus als heute.
Mit den ersten klösterlichen Siedlungen
im Burren ab 1000 n. Chr., in Oughtmama etwa, änderte sich die Art der
Land- und vor allem der Viehwirtschaft. Waren in der Vergangenheit
Rinder vor allem wegen der Fleischversorgung gehalten worden, wurde nun
auch die Milch zu Käse und Butter weiterverarbeitet - die Tiere wurden
zu ganzjährigen Nahrungslieferanten und entsprechend hoch geschätzt
wurden sie. Um die Tiere des Nachts vor Raubtieren, vor allem Wölfen, zu
schützen, wurden sie während der Nacht in steinernen Ringforts (Cahers)
untergebracht, die in großer Zahl im Burren errichtet wurden - bekannt
sind den Fachleuten an die 500 in unterschiedlichem Erhaltungszustand.
Neben dem Schutz der Menschen, welche innerhalb der Cahers wohnten, vor
räuberischen Nachbarn dienten diese Anlagen somit primär dem Schutz der
Haustiere, neben den Rindern vor allem auch Schafe. In einem
Ringfort wohnte in der Regel ein Familienverband, Kinder, Eltern,
Großeltern, unverheiratete Geschwister etc. Ein schönes Beispiel für
diese Siedlungsart ist das restaurierte
Caherconnell Ring Fort
an der R480 südlich des Poulnabrone Dolmen. Zwar wurden nun auch wieder
die höher gelegenen Teile des Burren bewirtschaftet, doch namentlich die
klösterlichen Siedlungen, Oughtmama etwa oder Corcomroe Abbey, liegen
sozusagen auf halber Höhe: Die Ländereien um die Klostersiedlungen
wurden als Viehweiden genutzt, die tiefer gelegenen Wiesen vor allem für
die Heugewinnung, denn die Tiere mussten ja nun das ganze Jahr über mit
Nahrung versorgt werden und dafür reichten die kargen hochgelegenen
Weiden nicht aus.
Verkehrstechnisch <erschlossen> im
Sinne etwa einer mitteleuropäischen Kulturlandschaft ist der Burren auch
heute noch nicht, aber es gibt immerhin schmale Straßen und Fahrwege.
Verkehrswege im Burren sind eine Errungenschaft vor allem des 19.
Jahrhunderts; ein Teil der heutigen Straßen und Wege wurde erst um die
Mitte des 19. Jahrhunderts im Rahmen der Hilfsaktionen für die hungernde
Bevölkerung errichtet (Famine Roads). Noch um 1850 etwa war Ballyvaughan
mühelos eigentlich nur per Dampfschiff von Galway aus erreichbar, wie
unter anderem aus der Beschreibung einer Reise durch Irland im
Jahre 1842 seitens William Thackeray (The Irish Sketchbook) hervorgeht.
Im Mittelalter gab es bestenfalls
Fußpfade durch die menschenleere Landschaft. Anziehungspunkt für
christliche Einsiedler, die sich hier, so wie auf dem abgelegenen Great
Skelligs vor der Westküste, vor den Versuchungen des Teufels und der
menschlichen Triebe sicher fühlten. Vermutlich ging daher dem
Temple Cronan in
seiner heutigen Form eine Einsiedlerklause voran, ehe das ohnehin kleine
Bethaus errichtet wurde.
Auch heute ist das als Burren
bezeichnete Gebiet vor allen in den Randzonen besiedelt, aber auch die
bekannteren Siedlungen, wie Ballyvaughan, Corofin, Kilfenora sind, denkt
man sich die Touristen und die vereinzelten Hotels hinweg, kleine,
bedeutungslose Dörfer. Und fährt man etwa auf der der R480 sozusagen
quer durch den Burren, so sieht man bloß dann und wann die eine oder
andere Farm, weitab von der Straße; der Celtic Tiger ist bis in diese
einsamen Hochflächen nicht gelangt.
Erstellt: 6. August 2011
© 2011/Peter Lausch
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