PETER LAUSCH
Der Fluss der Zeit
Oft werde ich gefragt, warum ich denn
immer wieder nach Irland fahre und mehr noch, immer wieder in die selbe
Gegend: in den Westen Irlands.
Und immer wieder antworte ich: Ich
weiß, es gibt viele schöne Gegenden der Welt, die ohne Schwierigkeiten
bereist werden können und auch von Leuten wie mir tatsächlich bereist
werden. Ich hingegen habe in meinem nunmehr langen Leben gerade mal von
Wien aus die Ostsee besucht, die Bretagne einmal, doch bin ich mehrmals
auf einer Route Nationale durch die Bretagne gefahren, Mallorca auch
einmal, dann Italien bis Venedig, England einige Male vor vielen Jahren,
den Tessin seit dreißig Jahren fast in jedem Jahr, und - seit
Jahrzehnten fahre ich nach Irland. Ach, in New York war ich auch einmal,
ehe die Amerikaner von Angst gepackt wurden vor Fremden und Hürden
aufbauen, die ich nicht überwinden will, obgleich ich könnte. Doch bin
ich kein Bittsteller in einem fremden Land, ich lasse ja mein Geld dort.
Denn wer mich nicht will, der wird auch nicht mein Geld bekommen. Würden
doch nur mehr Menschen von diesen Boykottmöglichkeiten Gebrauch machen!
Übrigens: der Boykott ist in Irland erfunden worden und war wirksam.
Aber mehr noch, es hat viele Vorteile,
ein Land, oder einen bestimmten Teil eines fremden Landes öfters zu
besuchen. Ich nehme die Dinge nicht hin, wie sie sind, denn ich weiß,
wie sie gewesen sind und wie sie sein könnten. Gewiss, die Erfahrungen
eines Einzelnen in dreißig Jahren sind immer begrenzt, sie hängen ja
auch von persönlichen Vorlieben und Abneigungen ab, von dem, was einen
interessiert und was nicht.
Ich weiß Vieles nicht: ich weiß nicht,
in welchem Pub in Galway man die beste Folkmusik hören kann, ich weiß
nicht, wie man irische Mädchen anmacht, ich weiß auch nicht, welches
Gefühl man hat, wenn man einen Lachs an der Angel hat.
Ich weiß auch nicht, wie es war, in den
50er-Jahren ein <schlechtes> Mädchen zu sein, oder für eines gehalten zu
werden und mit Gewalt, wenn auch vergeblich, zu einem angeblich christlichen Leben
hingedrillt zu werden: durch Sprechverbote untertags, durch schwere
körperliche Arbeit auch für Jugendliche, 14 Stunden lang in einer Wäscherei, und bei
Unbotmäßigkeit von Klosterschwestern (Christinnen!) mit Weidenstab oder
Ledergürtel zur Räson gebracht, von Ohrfeigen erst gar nicht
zu reden, die routinemäßig verabrecht wurden. Niemals auch habe ich verzweifelt nach Hilfe aus solchen
Lebensumständen gesucht, vergeblich natürlich, denn der
allerchristlichste Staat der Welt hat gar nicht wissen wollen, was in
den Magdalenwäschereien irischer Orden so vor sich gegangen ist. Was die
Kirche tut, ist richtig, denn siehe, sind ihre VertreterInnen nicht von
Gott eingesetzt?
Knaben zu missbrauchen, wie bei den
Schulbrüdern vorgekommen (auch in Österreich), wem schadet das? Doch wäre es nicht ein viel
größeres Übel, die Menschen würden Zweifel an der Reinheit der irischen
Priester und Ordensschwestern bekommen? Kluge Mütter haben ihren halbwüchsigen Söhnen ohnehin
seit Generationen eingetrichtert, ja nicht, nie, mit einem Priester
allein zu sein. Wird schon seine Gründe gehabt haben, so wie in
österreichischen Verhörzimmern ein Wasserkübel zum Inventar gehörte,
lange vor dem kleinen Bush.
Weiß ich auch von den Verbesserungen
seitdem?
Ich sehe die Änderungen zum Besseren,
ich sehe, dass sich das Land und seine Menschen voll Entsetzen von den
Machenschaften eines missratenen Klerus und einer noch viel
missrateneren Hierarchie abwenden, deren Mäuler von verlogenen
Entschuldigungen nur so triefen.
Denk' ich an die Armut vieler alter
Menschen, ihre Verlassenheit, ihre Einsamkeit, die noch in den Jahren
nach 1970 ganz offenkundig war (sie ist immer noch existent, aber man
sieht sie nicht mehr) und an die Gefügigkeit, mit der sie ihr
ungerechtes Schicksal trugen, so steigt der Zorn noch immer in mir hoch.

Eine Weile habe ich gebraucht, bis ich
merkte, was das denn für überdimensionale Schachteln aus Holz und Pappe
sind, die da und dort am Wege standen (in manchen Gegenden recht häufig,
in Donegal etwa): Doch ich habe die gebeugte Alte nicht vergessen, die
mühsam aus dieser ihrer Schachtel in Leenane kroch und einer Katze einen
Teller Milch vor die Tür stellte, während zur selben Zeit ein Filmteam
im Pub an der Kreuzung schottischen Single Malt Whisky soff: 2001 war
das.
2002 habe ich dieselbe Katze des Abends
vor der Schachtel sitzen sehen, an einem kühlen regnerischen Abend, und
sah die Tür aufgehen und das Tier in die Schachtel schlüpfen. Und ich
sah dieselbe Schachtel, als vor der Tür Unkraut wuchs und keine Katze
mehr wartete: 2004 war das. Und ich habe das neu erbaute Haus neben der
Schachtel stehen sehen, als die Erbschaft abgewickelt war und neue
Grundeigentümer das Grundstück übernommen hatten: der keltische
Tiger brüllte ja laut und unüberhörbar und Kredite waren billig,
2007.
2011 ist die Schachtel längst
verschwunden, die Bodensenke, in der die Schachtel stand, ist planiert:
kein Zeichen mehr von der Existenz der alten Frau, die hier einst lebte.
Von der Katze keine Spur. Das neuerbaute Haus freilich ist immer noch
nicht ordentlich verputzt, denn ach, der Tiger brüllt nicht mehr.
Wer, frage ich mich, am Straßenrand
stehend und mich an etwas erinnernd, was nicht mehr existiert, wer wohl
erinnert sich noch an die alte Frau, außer mir, der ich sie nicht kannte
und mit ihr nie ein Wort gesprochen habe? Auf dem Friedhof am Meeresufer
fände ich vielleicht ihr Grab, wüsste ich bloß ihren Namen.
So wie ich dort auch das Grab der 37
Jahre alten Sinead King finde, die am 27. November 2009 vor ihrem
Elternhaus von einem Auto niedergestoßen und getötet wurde. Sie habe ich
gekannt. Ihr Vater sagte über ihren Tod: <Such things happen!>.

Dies, denke ich mir dann, dies ist der
Fluss der Zeit und bald schon erinnert nichts mehr an diese
Menschen und die vielen anderen.
Erstellt: 23. Juli 2011
© 2011/Peter Lausch
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