PETER LAUSCH
Alcock & Brown
Flug mit der Vickers Vimy über den Atlantic

Vickers Vimy vor dem Start in
Neufundland
Im Jahr 1913 lobte die Tageszeitung „Daily
Mail“ ein Preisgeld von £10000 für jenen Piloten aus, der „als Erster
den Atlantik von den USA, Kanada oder Neufundland Richtung Europa mit
einem Flugzeug überqueren und danach in Großbritannien oder Irland
innerhalb von 72 Stunden nach dem Start landen würde.“
Allerdings fand sich kein Bewerber, der
mit den damaligen Flugzeugen (kaum 10 Jahre nach dem ersten
erfolgreichen Motorflug der Gebrüder Wright am 17.12.1903) das Wagnis
auf sich nehmen wollte.
Angesichts des beträchtlichen technischen
Fortschritts während des 1. Weltkrieges bei der Konstruktion
leistungsfähigerer Flugzeuge und insbesondere Motoren erneuerte die
Daily Mail im Jahr 1919 ihr Angebot, änderte es aber geringfügig: eine
Zwischenlandung war nun nicht mehr gestattet.
Diesmal fand sich eine Reihe von
Flugzeugfirmen, die ihren Flugzeugen (und den zur Verfügung stehenden
Piloten) zutrauten, einen solchen Non-Stop-Flug zu absolvieren. Die
Flugzeugfirmen Martinsyde, Handley-Page, Sopwith und Vickers waren nur
zu gerne bereit, vorhandene Bombertypen für die Anforderungen eines
solches Langstreckenfluges zu adaptieren: Während des
Ersten Weltkrieges war zwar die Flugzeugproduktion stark angekurbelt
worden. Nach dem Krieg mussten die Flugzeughersteller ums Überleben
kämpfen, da nicht mehr so viele Militärflugzeuge gebraucht wurden.
Gerade in Europa gingen viele der ehemaligen Flugzeughersteller in
Konkurs, wenn es ihnen nicht gelang, ihre Produktion auf zivile Güter
umzustellen. Für die Hersteller war es daher eine Existenzfrage,
sich einen entsprechenden Marktanteil am entstehenden Markt für zivile
Flugzeugtypen zu sichern. Da konnte ein auch den Laien überzeugender
Beweis für die Leistungsfähigkeit der Flugzeuge nur positive
Auswirkungen auf die zukünftigen Verkaufszahlen von Zivilflugzeugen
dieser oder jener Firma haben.
Im Frühjahr 1919 warteten insgesamt vier
Pilotenteams mit Flugzeugen der Firmen Martinsyde, Handley-Page, Sopwith
und Vickers in St. John’s auf Neufundland auf günstige Startbedingungen.
Neufundland wurde unabhängig voneinander von ihnen gewählt, weil es dem
Ziel am nächsten war, näher als Flugfelder sonstwo in den USA oder
Kanada. Allerdings galt es, mannigfache Schwierigkeiten zu überwinden –
vor allem besaß St. John’s kein Flugfeld.
Vickers wollte den Flug mit einem
umgebauten Langstreckenbomber des 1. Weltkriegs des Typs Vickers Vimy
unternehmen und wählte John Alcock als Pilot und Arthur Whitten Brown
als Navigator. Die beiden suchten daher als Erstes eine geeignete
Startbahn, fanden keine und ebneten schließlich mit 30 Arbeitern eine
Strecke von knapp 300 Metern Länge soweit ein, dass die Vimy von dort
aus starten konnte. Dann warteten sie auf gute Bedingungen. Die
Besatzungen der anderen Flugzeuge warteten nach Beseitigung diverser
technischer Probleme ebenfalls in St. John’s auf gutes Wetter.
Als erste Maschine startete am 18.5.1919
die Sopwith Atlantic. Die Besatzung musste allerdings nach etwa 2
Drittel der Strecke wegen des überhitzten Motors in Sichtweite des
dänischen Frachters SS Mary notlanden – die Besatzung wurde von einem
Schiff in der Nähe aufgenommen und überlebte. Allerdings galten sie bis
zur Ankunft des Frachters im nächsten Hafen als vermißt, weit die SS
Mary über kein Funkgerät verfügte. Unmittelbar danach startete das
Flugzeug von Martinsyde, stürzte jedoch kurz nach dem Start ab.
Die Vimy mit Alcock und Brown startete
schließlich am 14. Juni 1919 gegen 16 Uhr Ortszeit: der Wetterbericht
für die gesamte Flugstrecke war günstig, wie der Wetterdienst
behauptete. Nach Augenzeugenberichten schaffte die voll mit Treibstoff
beladene Vimy mit Mühe und Not den Start, überflog knapp die hohen Bäume
am Ende der Startbahn und überflog schließlich gegen 16,30 Uhr die
Ostküste Neufundlands in einer Höhe von 366 Metern. Der lange
Atlantikflug hatte begonnen. Lang war er, weil eine Strecke von 3667 km
zu bewältigen war und lang war er auch deshalb, weil die Vimy, wie alle
anderen Flugzeuge der damaligen Zeit, ja kein schnelles Flugzeug war.
Immerhin, dank Rückenwinds schaffte die Maschine dennoch eine
durchschnittliche Geschwindigkeit von 185 km/h.
Schon nach 1 Stunde allerdings lag eine
massive Nebel- und Wolkenbank vor dem Flugzeug, die nicht umflogen, aber
auch nicht überflogen werden konnte. Der optimistische Wetterbericht
erwies sich leider als falsch.
Damit begann der problematische Teil des
Fluges. In heftigen Turbulenzen wurde die Maschine hin- und hergeworfen,
die Sicht war zeitweise so gering, dass die Besatzung kaum die Propeller
der Motoren sehen konnten: hören konnten sie die Motoren indessen, vor
allem nachdem Auspuff und Schalldämpfer des rechten Motors losgebrochen
und schließlich abgefallen war. Von da an war eine Konversation nicht
mehr möglich, der Motorenlärm verhinderte dies. Sie halfen sich, indem
sie auf Notizzettel schrieben und dem Partner den Zettel vor die Augen
hielten. Dass auch das Funkgerät ausfiel, beunruhigte die Besatzung
nicht, dass sie infolge Nebel und Wolken ihre Position nicht bestimmen
konnten, indessen schon. So waren sie auf die wenigen Instrumente im
Cockpit der Maschine angewiesen, im Wesentlichen auf Kompass und
Höhenmesser. Unangenehmer war, dass die elektrische Heizung ihrer
Fliegeranzüge nach einigen Stunden nicht mehr funktionierte: die
Batterie hatte sich entladen. Den Benzinstand in den beiden Tanks der
Motoren kontrollierten sie regelmäßig; gingen die Vorräte zur Neige,
mußte Brown mit einer Handpumpe die Motortanks aus dem großen Tank im
Rumpf wieder auffüllen.
Zweimal gerieten sie ins Trudeln, beide
Male gelang es Alcott, die Maschine sozusagen im letzten Augenblick
wieder abzufangen; Brown will beim ersten Mal schon das Rauschen der
stürmischen Wellen unter ihnen gehört haben.
Nur einmal, am frühen Morgen riß ein
einziges Mal die Wolkendecke auf, Brown konnte die Position mit dem
Sextanten feststellen: sie waren fast genau auf Kurs Richtung Galway in
Irland, wo Alcott landen wollte. Die Freude hielt nicht lange an: eine
neue Wolkenwand baute sich vor ihnen auf, Regen und Hagel peitschten auf
das Flugzeug und schließlich fiel die Temperatur so stark, dass der
Regen sich in Schnee verwandelte und Tragflächen und Lufteinlässe der
Motoren allmählich vereisten. Die Vereisung war lebensgefährlich, denn
sie veränderte die Aerodynamik der Flügel. Es gab nur eine Lösung: Brown
kletterte aus seinem Sitz auf die Tragflächen, hielt sich mit einer Hand
(bei 185 km/h) an der Verspannung der Flügel fest und reinigte sie vom
Eis. Er reinigte auch den Lufteinlass des rechten Motors, kletterte
sodann zurück in die Kabine und auf den linken Flügel, wo er die
Prozedur wiederholte. Insgesamt 5x mußte er die relative Sicherheit der
engen, offenen Kabine verlassen. Dann vereiste auch der Höhenmesser.
Erst als Alcock in den Sinkflug ging und das Eis in der nun etwas
wärmeren Luft auftaute, funktionierte das Instrument wiederum.
Inzwischen schmolz auch der Schnee in der offenen Kabine und Pilot und
Navigator saßen im kalten Schmelzwasser.
Gegen 8 Uhr morgens erblickten sie die
Westküste Irlands; eine kleine Stadt identifizierte Brown als Clifden in
Connemara. Sie beschlossen, hier zu landen und suchten einen geeigneten
Landeplatz.

Marconis Funkstation südlich Clifden,
etwa 1919
Südlich der Stadt entdeckten sie Marconis
Funkstation und daneben eine tiefgrüne Fläche, die sie für eine Wiese
hielten. Das Personal der Funkstation winkte hektisch, Alcock und Brown
hielten für eine Begrüßung, was in Wahrheit eine Warnung war: die
Vickers Vimy landete mit ihrer Besatzung auf der grünen Wiese, die sich
als Teil des Derrygimlagh Moors entpuppte; die Räder der Maschine
blieben im Morast stecken, die Maschine kippte nach vor: Flugzeugnase
und Propeller gruben sich tief in den weichen Boden ein. Die beiden
Piloten blieben fast unverletzt. Um 08,40 Uhr GMT am 15. März 1919
hatten sie erfolgreich die Reise vollendet und den Atlantik als die
ersten Menschen von Westen nach Osten in einem Non-Stop-Flug überquert.

Vickers Vimy nach der Landung - von
Neugierigen umlagert
Am Nachmittag desselben Tages fuhren sie
mit der Eisenbahn von Clifden nach Dublin und von dort nach London. Im
Namen des Eigentümers der Daily Mail, Lord Northcliff, überreichte ihnen
der damalige Kriegsminister Winston Churchill den gewonnenen Geldpreis;
einige Tage später wurden sie von König George V. im Buckingham Palast
empfangen und verließen den Palast als Sir John Alcock und Sir Arthur
Whitten Brown.
Als Nachgeborene können wir uns die
Leistung von Alcock und Brown, denke ich, nicht wirklich vorstellen: Wir
wissen, dass ihr Unternehmen erfolgreich war; Atlantiküberquerungen mit
riesigen Flugzeugen sind tägliche Routine; doch jeder Passagier in einem
solchen Flugzeug weiß um die hohe Sicherheit bei einer solchen Reise:
für Alcock und Brown war es ein Flug ins Ungewisse. Hundert Dinge hätten
schiefgehen können und fast in jedem dieser vorstellbaren Szenarios
wären sie getötet worden.
Wie ging es mit den beiden weiter?
John Alcock nahm seine Arbeit bei Vickers
wieder auf; bei einem Überführungsflug nach Paris stürzte er nahe Rouen
auf einem Feld ab, wurde schwer verletzt und starb noch am selben Tag,
dem 18. Dezember 1919. Arthur Whitten Brown starb nach einem offenbar
weitgehend ereignislosen Leben am 4. Oktober 1948.
Andere waghalsige Fliegerinnen und Flieger
sind mit ihren Flügen über den Atlantic in einem weit höherem Maß in der
Erinnerung der Menschen verankert: Charles Lindbergh, der als erster
Mensch allein von den USA nach Europa flog, oder etwa Amelia Earhart,
welche 1932 als erste Frau allein den Atlantik überquerte.
Alcock und Brown’s Flug ist dennoch nicht
vergessen: am 3. Juli 2005 landete der für seine Flugrekorde bekannte
Millionär Steve Fossett an Bord einer nachgebauten Vickers Vimy in der
Nähe Clifdens und wiederholte so den historischen Flug, benötigten für
dieselbe Strecke aber 45 Minuten länger. Natürlich waren die Motoren im
Jahr 2005 betriebssicherer, Flugbenzin und Motoröl weiter entwickelt als
1919, und verfügten Pilot und Co-Pilot über die modernsten Navigations-
und Funkgeräte für den Notfall etc., auch wenn sie ihre Position während
des Fluges mit dem Sextanten bestimmten. Man kann den Flug Alcocks und
Browns nachholen, aber die Waghalsigkeit des Unternehmens im Jahre 1919
nicht mehr realisieren.
Doch waren weder Alcock und Brown, noch
Lindbergh, noch Earhart die ersten Menschen, die den Atlantik von
Amerika aus nach Europa mit Flugzeugen überquerten: die ersten waren
amerikanische Marineflieger in Flugbooten von Curtiss, die anfangs 1919
in einer ungeheuer komplexen und teuren Expedition (im Atlantik wurde
alle 80 km ein Zerstörer positioniert, um notfalls zu helfen) und mit
vielen Pannen und langwierigen Reparaturen von den USA nach Lissabon
flogen, um den Ruhm der amerikanischen Marine zu mehren – ein
Propagandaunternehmen, welches angesichts der Leistung von Alcock und
Brown zur Episode verblasste.
Den Landeplatz der Vickers Vimy südlich
Clifden kann man heute noch besichtigen, ebenso die Fundamente der
Funkstation von Marconi. Sehenswert ist weder der Landeplatz (heute
ebenso ein Moor wie damals und nur ungenau mit einem Steinsockel
markiert) noch die Funkstation, von der nur kümmerliche Mauerreste
erhalten sind – und eine Menge Hinweistafeln auf das, was nicht mehr
existiert. Näher der Straße von Clifden nach Roundstone, mit dem Auto
bequem erreichbar, existiert noch ein weiteres Denkmal aus Beton in Form
des Seitenruders eines Flugzeuges – der Platz ist für den Flug von
Alcock und Brown ohne historische Bedeutung, das Seitenruder hat keine
Ähnlichkeit mit dem Seitenruder der Vimy.
Im British Science Museum in London ist
die von Vickers geborgene und reparierte Vickers Vimy, die den Atlantic
überflogen hat, zu besichtigen. Flugfähig ist sie natürlich schon lange
nicht mehr. Der Nachbau, den Fossett im Jahre 2005 verwendete, ist
ebenso erhalten und wird zur Zeit überholt.
Erstellt: 15. Februar 2012
© 2011/Peter Lausch
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