Kleinbildkameras vor der Leica

 

Die Leica wird seit 1925 erzeugt. Die "Kleinbildfotografie" ist nicht von Oskar Barnack erfunden worden; die Leica war nicht die erste "Kleinbildkamera". Mit der Leica - und den zeitgleichen Verbesserungen der verwendeten Kinofilme - erfolgte allerdings der Durchbruch der Kleinbildfotografie, wie wir sie heute kennen.
   
   Der 35mm breite Kinofilm mit rechteckigen Perforationslöchern auf den Seiten wurde von Thomas A. Edison entwickelt. Georg Eastman schuf  nach 1880 für die dann 1889 auf den Markt gebrachten "Kodak Camera" einen 7 cm breiten Rollfilm, mit dem 100 kreisrunde Aufnahmen mit einem Durchmesser von 2,5 Inches (6,4 cm) gemacht werden konnten.  
   
   Im Mai 1889 kaufte Thomas Alva Edison eine Kodak Camera. Der 70 mm breite Film war ihm zu groß. Er ließ von der Eastman Company 1891 einen halb so breiten Film herstellen. Dieser 35 mm breite Film wurde ab 1893/94 in seinem dann marktreifen Kinetoskop verwendet. Das war ein hölzerner Guckkasten, in dessen Innerem eine endlose Filmschleife mittels eines Rollensystems an einem Guckloch mit vergrößernder Linse vorbeigeführt wurde, durch welches jeweils eine Person den Film betrachten konnte.

   Von Edison wurde somit der Urtyp des Kinofilms für Aufnahmen im Format 18 x 24 mm und je 4 rechteckigen Perforationen zu beiden Schmalseiten jedes Einzelbildes und damit der Ahne unserer heutigen Kleinbildfilme geschaffen. 

   1909 kam es zur Gründung der Motion Pictures Patents Company in New York, mit der die 9 größten Filmproduzenten die auf der Basis von Edisons Entwicklung von Bell & Howell als Produzent von Filmkameras vorgegebenen Standards akzeptierten (Bildformat 18x24 mm, 64 Perforationen per Fuss).  Diese Standards wurden noch im selben Jahr an einem Kongress der Editeurs de Films in Paris akzeptiert; seit damals wird der Kinofilm mit 35 mm Breite als <standard size stock> und im Deutschen als Normalfilm bezeichnet.

   Dieser neue Standard verdrängte letztlich für Jahrzehnte alle anderen Filmformate mit ihren teils unterschiedlichen Perforationen. Mit diesem Standard wurden so etwa ab 1910 praktisch alle Spielfilme gedreht. Daher lag es nahe, übrig gebliebene unbelichtete Filmstücke anderweitig zu verwenden.

   Oskar Barnack benutzte ab 1913 relativ kurze Filmstücke in seiner "Ur-LEICA". Andere nahmen sich der üblichen Restlängen von durchschnittlich 15 oder 30 Meter Länge an.
   
   Mit anderen Worten: ab 1909 waren genormte Filme vorhanden, deren Reststücke wirtschaftlich verwertet werden konnten. Somit lag die Konstruktion einer geeigneten Kamera nahe. Und siehe: ab 1910 finden sich die ersten Stehbildkameras für den 35 mm Kinofilm, wobei manche Konstrukteure lieber auf unperforierten Film zurückgriffen, der größere Bildformate ermöglichte. Und so findet man schon Jahre vor der Konstruktion der Ur-Leica mit dem Aufnahmeformat 24 x36 mm eine Reihe von Kameras für so unterschiedliche Aufnahmeformate wie etwa: 18 x 24, 19 x 25, 24 x 24, 24 x 30, 24 x 36, 30 x 40, 30 x 42, 32 x 44 mm.

   Das erste Patent für eine solche Kleinbildkamera mit 35 mm breitem Kinofilm wurde schon 1908 drei Engländern erteilt, doch wurde diese Kamera nicht in Serie hergestellt. 

Die erste eigentliche und in ca. 1500 Stück zwischen 1913 und 1920 hergestellte Stehbildkamera für Kinofilm war die Homeos der Pariser Firma Jules Richard, einer Stereokamera im Format (2x) 18 x 24 mm mit zwei Zeiss Tessaren mit den Daten 4,5/28 mm.

Homeos, eine der 1. Kleinbildkameras

   1913 begann die Produktion, 1914 wurde dann dem in New York lebenden Österreicher Paul Dietz das Patent für seine Tourist Multiple Camera erteilt. Mit dieser ersten eigentlichen Leica-Vorläuferin konnten bis zu 750 Aufnahmen im Format 18 x24 mm auf einem 15 Meter langen Filmstück gemacht werden. Die Tourist Multiple wurde von der New Ideas Manufacturing Camera mit Sitz in New York und Philadelphia hergestellt und zum stolzen Preis von damals US$ 175.- vertrieben, was nach heutigem Geldwert dem Kaufpreis einer Leica M6 TTL entspräche. Bezogen mit braunem Leder, ausgestattet mit wahlweise einem Tessar 3,5/50 mm, einem Goertz Hypar 3,5/50 mm oder auch einem Steinheil Triplar 2,5/50 mm (!) und einem Rotationsverschluss mit 7 einstellbaren Belichtungszeiten von 1/4 sec. bis 1/200 sec. wurden ca. 1000 Stück erzeugt. Dann brachte der Ausbruch des 1. Weltkrieges die weltweiten Vergnügungsreisen reicher US-Bürger, auf deren Kaufkraft die Kamera zielte, ebenso zum Erliegen wie die Produktion der Kamera selbst.

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Peter LAUSCH
Zuletzt geändert am 
25. Juli 2009

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