Meine Irlandreisen


Die letzte Reise bisher nach Irland, 2019


Im September 2019 fuhr ich wieder einmal nach Irland. So wie in den letzten Jahren mit dem Jeep Grand Cherokee. Wie schon üblich, nach 1 Uhr morgens fuhr ich aus der heimischen Garage, danach quer durch Wien und im Westen Wiens auf die Autobahn A1 bis Linz und dann über Passau, Regensburg immer nach Westen bis in die Gegend von Homburg. Gegen 12 Uhr langte ich in der Raststätte Waldmohr an der Autobahn A6 ein, aß dort einen typisch deutschen Kantinenfraß, nahm mir ein Zimmer im dazugehörigen Motel und schlummerte süß bis 4 Uhr morgens. Von Waldmohr aus fuhr ich quer durch Frankreich, durchquerte Paris im üblichen Stau, kam - wie jedes Jahr - an mehreren Unfällen vorbei, und gegen 14 Uhr erreichte ich Tregueux. Im Carrefour kaufte ich Vorräte ein, und quartierte mich im Premiere Classe Hotel im Ort ein. Am Morgen danach ging es weiter bis Roscoff mit einer langen Rast auf dem Parrkplatz am Hafen samt Stadtbesichtigung und einigen Einkäufen von Dingen, die ich nicht wirklich benötigte, die mir jedoch ins Auge fielen (Sardinen und Makrelen in allen möglichen Zubereitungsarten in Dosen, einen Kaffeebecher mit Aufschrift Roscoff und ähnlichem). Gegen Abend fuhr ich zum benachbarten Porte du Blonchon und wartete auf die Auffahrt auf das Schiff der Irish Ferries nach Cork in Irland.
Zur Überfahrt ist nichts zu sagen. Dank rechtzeitig eingenommener Pillen gegen Seekrankheit verschlief ich das Schaukeln des Schiffs während der nächtlichen Überfahrt. Vom Hafen Ringaskiddy bei Cork fuhr ich über Kinsale nach Timoleague und wiederholte auf diese Weise meine erste Autofahrt in Irland im Jahre 1980.
In Orten wie Kinsale und Timoleague merkt man den wirtschaftlichen Aufschwung des Landes in den letzten 40 Jahren. Viele neu gebaute Häuser und die alten sind großteils renoviert oder zumindest bunt angemalt. Auch gibt es deutlich mehr Touristen, wozu wohl der Wild Atlantic Way beiträgt, dessen Route die Individualreisenden folgen. Das wird mir auf dieser Reise noch oft bewusst, etwa in Allihies und Eyeries auf der Halbinsel Beara: die Hausfassaden in allen Farben des Regenbogens angemalt, manchmal stimmig, manchmal reißt man ob der Kontraste die Augen auf. Von der Trostlosigkeit dieser beiden Orte im Jahre 1980 ist scheinbar wenig übrig geblieben, zumindest sieht der Fremde nichts mehr davon: die wirtschaftliche Lage dürfte indessen nur wenig besser sein, die Abgeschiedenheit hat sich nicht geändert.
Immer wieder stoße ich aber auch auf die Überreste gescheiterter Projekte, bei Dunboy Castle nahe Castletownbere etwa: Dort wurde das von den Bediensteten 1920 aus Liebe zum Eigentümer (einem Leuteschinder) angezündete Puxley Castle zu Zeiten, als der Keltische Tiger brüllte, wieder aufgebaut, äußerlich fast fertiggestellt, nur der Innenausbau fehlte noch, als die Finanzkrise hereinbrach und Wahnsinnsprojekte wie dieses zum Scheitern brachte. Ein 6 Sterne Hotel wollten die Finanziers aus der Ruine machen, mit Hubschrauberflügen für die reichen Scheichs aus dem Nahen Osten, damit diese auf der Anreise von Cork nicht mit dem gemeinen Volk in Berührung kommen müssten. Der vorgesehene Hotelbetreiber zog sich rechtzeitig zurück, das umgebaute Castle verfällt seither wiederum sichtbar und umgefallen um ihr Geld sind die Banken, die allzu leichtfertig Kredite vergaben. Umgefallen um ihr Geld sind natürlich in Wirklichkeit nicht die Banken, sondern die Sparer, die Geld in solche Projekte steckten und die irischen Steuerzahler, welche mit ihren Steuergeldern die Banken vor dem Bankrott bewahren durften - ungefragt natürlich.
Von Castletownbere reiste ich nach Killarney, und von dort nach Limerick, Galway, den Burren, Westport und nach Rosses Point bei Sligo. Lissadell House besuchte ich, Slish Wood, den Felsen von Dooney, den Glencar Waterfall, allesamt Thema von Gedichten von William Butler Yeats, der aus der Gegend stammte. Und wie fast jedes Jahr seit 1980 ging ich den langen Sandstrand von Rosses Point entlang im Sonnenschein, bis zum nördlichen Ende, dem eigentlichen Rosses Point, von dem die Halbinsel ihren Namen hat. Bei Dead Men's Point südlich davon, am Ende der Straße, blickte ich nach Westen auf den Leuchturm, hinter dem nichts mehr kommt außer dem Ozean und - nach tausenden von Kilometern - Amerika.
I hear an army, plunging upon the beach ..... schrieb ein anderer großer Dichter Irlands.
Immer wieder fragt man mich, weshalb ich jedes Jahr nach Irland fliege oder, seit ich in Irland kein Mietauto mehr bekomme (aus Altersgründen) die Mühe auf mich nehme, fast 2000 Kilometer an den Atlantik zu fahren und von dort über Nacht mit der Fähre nach Irland und am Ender wieder zurück.
Es ist genau jenes Gefühl, wieder zurückzukommen, das Yvonne von der Rezeption des Yeats Country Hotels mit den Worten beschrieb: "Welcome back".
Ich sehe die Änderungen zum Guten und zum weniger Guten. Stehe ich an der Straßenecke in Rosses Point, wo die Straße zum Hotel abbiegt und sehe ich gegen Osten und Sligo in der Ferne, sehe ich das Haus, in dem mir eine alte Frau vor 40 Jahren eine Orange verkaufte, ich sehe Austies Bar, weiß, dass es den Menschen Austie längst nicht mehr gibt, ich sehe einen 2-stöckigen Neubau, wo einmal Boyer's Shop gewesen ist, gegenüber Egan's. Von jender Ecke aus, blicke ich nach Süden, sehe ich den Meeresarm zwischen Rosses Point und Oyster Island, mit den verlassenen weißgetünchten Häusern, dem kleinen dicken Leuchtturm und dem Midden, den Muschelhaufen, den vorzeitliche Menschen aus den Schalen der von ihnen gegessene Muscheln angehäuft haben. Und ich sehe den flachen Meeresarm südlich der Insel, trocken liegend bei Ebbe und mit dem Auto befahrbar, und dahinter sehe ich Strandhill mit seinem Flughafen und seinen weißen Häusern, allesamt neu. Am Horizont aber, aufsteigend südlich von Strandhill, sehe ich den Berg Knocknarea und obenauf den Steinhaufen, in dem Queen Maeve von Connacht seit Jahrtausenden begraben liegt, wie man sagt.
So mischt sich in solchen Augenblicken meine Erinnerung an Menschen, Häuser und Dinge, die teils schon nicht mehr existieren mit dem Anblick von Dingen, die gleichsam immer schon existiert haben und noch existieren werden, wenn ich nicht mehr an sie denke, weil ich nicht mehr bin.
Das macht für mich den Reiz solcher Reisen nach Irland aus.
Und wie jedes Jahr, wenn ich mit dem Auto in die heimische Garage einfahre, denke ich mir, dass ich im nächsten Jahr wieder nach Irland fahren werde.
Doch, der Mensch denkt und Gott lenkt. Infolge des Corona-Virus ist die Fahrt nach Irland nicht möglich, die Einreise nur mit 2-wöchiger Quarantäne. So denke ich, dies war 2019 meine letzte Reise ins Traumland. Schade.