Meine Irlandreisen



Warum fahre ich nach Irland?


Wenn ich an Irland denke, erinnere ich mich immer wieder an meine erste Reise in jenes Land und auch an den Entscheidungsprozess, der dieser Reise vorangegangen war.
Jahre lang hatte ich jeden Urlaub, teils in Österreich, teils auf Mallorca, als Badeurlaub verbracht. Irgendwann jedoch hatte ich genug davon, faul und eingefettet in der Sonne zu liegen und sonst nichts zu tun. Also entschloss ich mich, in ein anderes Land zu fahren. Aber in welches?
Die Schweiz kannte ich schon, nach Deutschland wollte ich nicht. Also Skandinavien, doch ach, in Norwegen gab es auch 25 Jahre nach Kriegsende noch Ressentiments gegen deutsch redende Touristen. Schweden war das Land der Smorgasbrods, die mit Dille bestreut sind, ein Gewürz, das ich so gar nicht mag. Blieb Finnland, von dem mein Vorgesetzter schwärmte, hatte er doch dort den Krieg - friedlich - verbracht. Aber was gab es dort zu sehen? Wald, viel Wald, winzige Orte, deren Namen auf jeder Landkarte zu finden waren, nur, seinen Erzählungen nach, nicht in der Natur, weil es lauter Streusiedlungen sind. Vor allem aber ist das Meerwasser kalt, und es gibt Millionen von Mücken, die sich auf den Touristen stürzen. Das wollte ich mir denn doch nicht antun. Also keine Skandinavienreise. In die Nachbarstaaten (des damaligen Ostblocks) zu fahren, kam bei meinem Beruf nicht in Frage.
Blieb England, dort aber war ich schon auf Kurzreisen gewesen. Blieb weiter westlich Irland, von dem Heinrich Böll in einem Büchlein schwärmte.
Das war es also, Irland.

Die erste Reise nach Irland, 1980

War die Entscheidung getroffen, war alles andere einfach: Das Reisebüro organisierte eine sogenannte IT-Reise, das heißt im konkreten Fall, den Flug von Wien nach Dublin mit der AUA und zurück sowie eine zweite touristische Leistung, die Miete eines Autos, bei Avis. Außerdem besorgte es für die erste und die letzte Nacht in Irland ein Hotel: Eines in Malahide wählte das Reisebüro aus, mit Busverbindung nach Dublin. Das Hotel gibt esumgebaut und mit anderem Namen (Mallahide Grand Hotel nun) noch immer, aber ich erinnere mich noch deutlich an den alten Kasten mit dem großen Zimmer und, ganz ungewohnt, mit dunkelbraun gestrichenen Wänden. Den Abend verbrachte ich im Pub des Hotels, roch erstmals Torfrauch, trank Guinness und hörte einem Menschen am Nachbartisch zu, der von seinem Restaurant schwärmte, mit 40 Evening Meals jeden Tag.
Der nächste Tag war, für mich, enttäuschend: das mir in Wien zugesagte Auto wurde nicht zugestellt, ein Anruf einer deutschen Praktikantin am Empfang des Hotels klärte auf: keine Zustellung im Vertrag vereinbart, aber die Taxifahrt zum Flughafen würde mir bezahlt. Dort gäbe es das Auto. So war es auch.
Die erste Fahrt ging nach Glendalough. Es war kühl, regnete leicht, wenige Autos auf dem kleinen Parktplatz bei den Ruinen der mittelalterlichen Kirchen: die Ruinen selbst umwerfend schön. Da entstanden die ersten Fotos von Kevin's Kitchen, denen so viele andere in späteren Jahren folgen sollten. Auch die Wanderung zum Oberen See mit seiner versteckt gelegenen Ruine der Reefert Church auf einem alten heidnischen Kultplatz inmitten der prachtvollen Landschaft war herrlich - und unvergesslich..
Das Auto indessen, ein Nissan Micra, war die Sparausführung. Es besaß zwar nicht eben Sitze aus Blech, aber die Rücklehnen ließen sich nicht umlegen, an Schlafen im Auto war gar nicht zu denken.
Aber direkt beim Eingang stand ja das Royal Hotel. Im menschenleeren Hotel läutete ich die Glocke in der Rezeption, wartete endlos, doch als ich bereits gehen wollte, erschien eine sorgsam gestylte Rezeptionistin und nahm meinen Wunsch nach einem Einbettzimmer für 3 Nächte gnädig entgegen. Nach langem Suchen im Gästebuch fand sie ein freies Zimmer im Dachgeschoß, ein Eckzimmer mit 2 Mansardenfenstern, geblümter Tapete und einer Einrichung, die aus dem 19. Jahrhundert stammen musste. Das also war meine erste selbstgewählte Unterkunft in Irland. Am Morgen merkte ich, die lange Suche nach einem freien Zimmer war nur Show gewesen: außer einem Ehepaar aus Australien mit 2 gestriegelten Töchtern gab es keine Gäste.
Von Glendalough aus ging es damals weiter.Durch kleine Städte mit bunt bemalten Häusern in strahlenden Farben kam ich an diesem grandiosen Sommertag. In Killarney war ich, wohnte dort im Killarney Ryan Hotel in der Cork Road, das 2000 ein Opfer der Grundstücksspekulation geworden ist. Muckross House und Ross Castle besuchte ich und was weiß ich noch. Von Killarney fuhr ich weiter nach Limerick ins Limerick Ryan Hotel in der Ennis Road, das es als Gebäude immer noch gibt, aber mit Appartements und unter anderem Namen. Und nach Sligo kam ich in den Folgetagen, genau gesagt nach Rosses Point, quartierte mich im Yeats Country Ryan Hotel ein. Auch dieses Hotel existiert noch heute, umgebaut und im Besitz eines Brian McEnniff und seiner Familie.
Rosses Point wurde in der Folgejahren mein Traumziel, mit dem langem Sandstrand und dem kleinen Hafen beim Hotel, mit der von Efeu überwucherten Ruine eines Hauses, das einst einem John Middleton gehörte, einem Onkel des Nobelpreisträgers William Butler Yeats, einem der großen irischen Dichter. In Egan's Shop kaufte ich am ersten Tag bei einer alten Frau eine Orange. Auch dieses Haus gibt es noch, umgebaut zum Wohnhaus und in anderer Farbe. Seltsam, woran man sich erinnert.
So oft bin ich in diesem Hotel gewesen, dass mich nach Jahren die Rezeptionistin Yvonne mit Welcome back begrüßte, war ich doch wohl der einzige Österreicher, der dort vorbeikam. Auch die Rezeptionistin gibt es nicht mehr.
Von Sligo aus fuhr ich am letzten Tag quer durch Irland zurück nach Dublin und auf dem Flughafen schwor ich mir, ich komme wieder.
Dieses Versprechen habe ich gehalten - bis 2019. 2020 ist die Reise in dieser oder ähnlicher Form nicht mehr möglich und was 2021 sein wird, weiß kein Mensch.
Ich denke, Irland wird mich nicht wieder sehen.