Wie man 1931 mit der Leica fotografierte

 Peter LAUSCH

 

1. Teil 
Wie man heutzutage fotografiert

   Sicher haben Sie erst unlängst eine Filmpatrone in Ihre Kamera eingelegt, die Filmzunge bis zu einer Marke gezogen und die Rückwand geschlossen. Die Kamera hat mit ihrem Motor den Film bis zur 1. Aufnahme aus der Patrone gezogen, auf dem Display auf der Kameraoberseite haben Sie gesehen, alles ist in Ordnung, der Film ordentlich eingelegt. Aufnahme auf Aufnahme haben Sie sodann gemacht, die DX-Markierung auf der Filmpatrone und die Programmautomatik samt Mehrfeldmessung in der Kamera haben für richtig belichtete Aufnahmen gesorgt, der eingebaute Autofokusmotor hat die Entfernung zum Motiv richtig eingestellt. 

   Nur um eines mussten Sie sich kümmern: dass die Tante Emma mit Kopf und Füßen ganz auf dem Bild drauf ist. Ich meine, die Füße sind nicht so wichtig, der Kopf aber umso mehr. Vielleicht hat sich auch das eingebaute Blitzgerät einige Male automatisch eingeschaltet und die Kamera hat, unter Berücksichtigung des Blitzlichts bei der Belichtungsmessung, Blitzaufnahmen gemacht – normalerweise ebenso richtig belichtet wie die Aufnahmen bei Sonnenschein. 

   Am Ende des Films hat der Motor den Film in die Kassette zurückgespult, Sie haben ihn aus der Kamera genommen, zum Händler getragen und einen Tag später die Vergrößerungen betrachtet: alle technisch in Ordnung, die Tante lacht auf einigen Bildern ein wenig schief  (diese Bilder  werden Sie ihr nicht zeigen), über die anderen wird sie sich freuen – und Sie als Lieblingsneffen hoffentlich im Testament bedenken. Der ganze Spaß hat wahrscheinlich samt Film 10 - 15 Euro gekostet.

   So einfach ist es 2001. Und wie wäre es vor 70 Jahren gewesen, im Herbst1931? Versetzen wir uns mehr als 70 Jahre zurück. Ich will Ihnen den Vorgang beschreiben, wie er sich 1931 abgespielt hätte. 

   Dabei werde ich jeweils auf die Fortschritte hinweisen, die es seit 1925 gegeben hat, als die LEICA auf den Markt gekommen ist. Ich werde Sie aber auch, damit wir uns nicht auf ein allzu enges zeitliches Fenster beschränken, auf die technischen Neuerungen hinweisen, die im Herbst 1931 unmittelbar bevorstanden, damit Sie sehen, wie sich das Fotografieren mit der LEICA schrittweise vereinfacht hat

Wie man im Herbst 1931 fotografierte

Die LEICA

   Wollen Sie im Herbst 1931 eine Kleinbildkamera verwenden, haben Sie nicht die Qual der Wahl, sondern haben sich eine LEICA gekauft. Qualitativ Gleichwertiges gibt es nicht, die Contax von Zeiss wird erst ab 1932 angeboten werden. 

   Die LEICA ist schon 5 Jahre auf dem Markt.   Seit März 1930 hat die Leica eine Schraubfassung für die Objektive, die von nun an gewechselt werden können. Der Käufer kann wahlweise seine Leica mit einem Elmar 3,5/50 mm oder mit einem lichtstärkeren Objektiv, dem Hektor 2,5/50 mm, erstehen. 

   Sie konnten sich, so Sie genügend Geld hatten, ab Mitte 1930 zusätzlich zwei Wechselobjektive kaufen, ein Weitwinkelobjektiv Elmar 3,5/35 mm und ein langbrennweitiges Objektiv, das Elmar 4,5/135 mm. Haben Sie getan? Hoffentlich hatten Sie genug Geld, sich beide Wechselobjektive gleichzeitig zu kaufen, denn die Objektive müssen bei Leitz in Wetzlar extra an die jeweilige Kamera angepasst werden – Kamera und Objektive sind noch nicht auf Null abgeglichen. Das änderte sich erst im Lauf des Jahres 1931.

Sie haben noch eine "alte" LEICA, eine vor März 1930 erzeugte, bei der das Elmar fest eingebaut ist? Oder vielleicht eine aus dem Jahr 1925 mit dem Anastigmat 3,5/50 (die ersten 144 Exemplare) oder mit Elmax 3,5/50 mm (weitere 714 Kameras)? Macht nichts, Leitz baut Ihre Leica um auf Wechselfassung, kein Problem. Bloß – Ihre Nachkommen werden 2003 weinen, weil die umgebaute Leica viel weniger wert ist als die wenigen im Urzustand erhaltenen Leicas, die nicht umgebaut worden sind. Aber das werden Sie 1931 nicht bedacht haben, Sie wollten einfach eine moderne und vielseitige Kamera.

   Nehmen wir aber der Einfachheit halber an, Sie hätten sich Ihre Leica mit Wechselgewinde M39 erst im Herbst 1931 gekauft. Seit Sommer 1931 wird die Leica "auf Null abgeglichen" geliefert, das heißt, mit einem bei jedem Exemplar einheitlichen Abstand von 28,8 mm zwischen Filmebene und Objektivauflage. Ansonsten handelt es sich immer noch um die LEICA (LEICA I, wie man 70 Jahre später sagen wird), noch immer fehlt ein eingebauter Entfernungsmesser. Und schon beim Kauf konnten Sie sich entscheiden, was Sie zu Ihrer LEICA haben wollten: das Elmar 3,5/50 mm oder das wesentlich teurere und lichtstärkere Hektor 2,5/50 mm. Das gibt es seit Ende 1930.

   Vorher hätten Sie sich entscheiden müssen, wollen Sie die LEICA mit fix montiertem Elmar oder mit dem Hektor? 1300 Käufer haben sich für die LEICA mit fix montiertem Hektor 2,5/50 entschieden, viel mehr hingegen für die LEICA mit Elmar 3,5/50. Dabei braucht man nur drei Schrauben lösen und kann die Objektive untereinander austauschen und danach Kamera und Objektiv aufeinander abgleichen. Fälscher tun das gerne noch heute, denn naturgemäß erzielt man mit einer LEICA mit fest eingebautem Hektor einen viel höheren Preis als für eine baugleiche LEICA mit Elmar.

  Was aber kaufen Sie im Herbst 1931 am Besten zuerst, das langbrennweitige Elmar oder das Weitwinkelobjektiv? 

   Mit wenigen Ausnahmen werden Ihnen alle Ihre Bekannten raten, das langbrennweitige Objektiv. Das Selbe sagen auch alle Fachleute. Und sinnvoll ist dieser Ratschlag. Denn leider, die Filme sind eher grobkörnig, man kann sie nicht stark vergrößern, daher heißt die Devise: so nah heran als möglich, so groß das Motiv auf dem Negativ als möglich. Und das Elmar 135 mm vergrößert das Motiv gegenüber dem "Normal"-objektiv 2,7-fach. Warum nicht 2-fach (100 mm Brennweite), warum nicht 3-fach (150 mm Brennweite)? Einfach: das Elmar 135 mm ist kein neues Objektiv, neu gerechnet etwa von Max Berek, der viel später dann Professor werden wird. Nein, das Elmar ist ein schon älteres Objektiv für eine großformatige Plattenkamera und Leitz hat der Einfachheit halber nur eine neue Fassung konstruiert und dem Objektiv einen vertrauten Namen gegeben. Die Leistung des Elmar ist nicht berühmt, das wussten 1931 auch die Fachleute bei Leitz; 1933 wird es durch das von Berek für die Bedürfnisse der Kleinbildfotografie neu gerechnete (bessere und teurere) Hektor 4,5/135 mm ersetzt werden. 

   Und als zweites Objektiv dann das Weitwinkelobjektiv. Das ist neu gerechnet, von Berek. Warum 35 mm? Warum nicht 28 mm? Weil jedes Objektiv ein Kompromiss ist zwischen technisch Möglichem und Bezahlbarem. Und technisch möglich war bei einer gewünschten Lichtstärke von 3,5 mit den vorhandenen Glassorten und Rechenmethoden eben nur ein Objektiv mit Brennweite 35 mm. Erst 1935 schafft Leitz mit dem Hektor 6,3/28 mm das erste wirkliche Weitwinkelobjektiv, wenn auch nur mit bescheidener Lichtstärke und ebenso bescheidener Leistung bei voller Öffnung. Zeiss hat das mit dem Tessar 28 mm zur neuen Contax zwei Jahre früher geschafft, wenn auch das Tessar die noch bescheidenere Lichtstärke 8 besitzt.

   Zum Trost könnten Sie sich aber zu Weihnachten 1931 eines der ersten lichtstarken Objektive von Leitz zur Leica kaufen, das Hektor 1,9/73 mm. Auch dieses Objektiv weist bei voller Öffnung eine Reihe von Schwächen auf: geringer Kontrast; geringe Schärfe bei allen Blendeneinstellungen zeichnet es überhaupt aus. Aber für Theateraufnahmen mit großen Helligkeitskontrasten ist es durchaus geeignet. Die "duftige" Schärfe wird allseits gelobt und zaubert die Falten im Gesicht der Schauspieler weg.

   Ach ja, und fremdgehen könnten Sie natürlich auch schon 1931 und statt des Elmar oder Hektor als Normalobjektiv ein Kino-Plasmat von Hugo Meyer, Görlitz, mit den Daten 1,5/50 mm verwenden. Allerdings bekommen Sie das Leica-Gehäuse nicht allein, das heißt, nicht ohne Leitz-Objektiv. Das bleibt Ihnen sozusagen übrig, wenn Sie das Meyer-Objektiv anschrauben. Zufall? Macht aber nicht viel aus, denn das Leitz-Objektiv könnten Sie im Vergrößerungsapparat verwenden oder im Diaprojektor - dort passt es und erspart im Normalfall den Kauf entsprechender Objektive.

  Noch eine Alternative haben Sie um diese Zeit vor 70 Jahren: an Stelle des Hektor 4,5/135 mm könnten Sie sich das damals ganz neue Elmar 4/90 mm kaufen, als leichtes Tele. Das gibt es nur in der standardisierten (auf Null abgeglichenen Fassung), aber wir nehmen ja an, Sie hätten sich Ihre LEICA auf dem neuesten Stand im Herbst 1931 gekauft – Jahrzehnte später werden die Sammler sagen: eine LEICA I, Modell C. Und die gleichen Sammler würden von Ihrem Elmar 4/90 mm sagen, Sie hätten sich ein "fettes" Elmar gekauft, der Spitzname abgeleitet von der voluminösen Fassung. Die wiederum entspricht weitgehend der des Hektor 1,9/73 mm. 1933 wird dann das dicke Elmar durch das "dünne" Elmar abgelöst. Weniger als 2.500 dicke Elmars hat es gegeben, 2001 werden die Sammler den wenigen dicken Elmars hinterherjagen. 

   Seit es beide langbrennweitigen Objektive gibt, werden Ihnen wohlmeinende Berater im Herbst 1931 nicht anders als 70 Jahre später ohnehin eher zum Elmar 90 mm als zum 135er raten: die Brennweite 90 mm bietet dem Fotografen mehr Möglichkeiten und der Unterschied im Bildwinkel des Normalobjektivs zum 90er ist geringer als zum 135er.

   Was aber sehen Sie im Sucher Ihrer Leica, wenn Sie ein Weitwinkel- oder Teleobjektiv (der Einfachheit nenne ich alle langbrennweitigen Objektive Teleobjektive, ist aber nicht ganz richtig, ich weiß) anschrauben? Alles Mögliche, nur nicht den richtigen Bildausschnitt. Damit werden Sie leben müssen, bei Ihrer LEICA Jahrgang 1931, bis zur LEICA M3 des Jahres 1954, denn der Sucher aller Schraubleicas (mit Ausnahme der IIIg) zeigt immer nur den Bildwinkel des Normalobjektivs mit der Brennweite 50 mm. Im Herbst 1931 werden Sie das als systemimmanent hinnehmen und nicht darüber nachdenken, wie schön es wäre, wenn ....

  Um mit dieser Tatsache leben zu können, brauchen Sie einen passenden Wechselsucher. Den gibt es, mit dem schönen Namen VISOR (für buchstäblich jeden Zubehörteil von Leitz gibt es solche Codewörter, insgesamt über 2000), von Oskar Barnack konstruiert, der Form wegen "Torpedo-Sucher" genannt, später dann in vielen verschiedenen Versionen (und mit schönen Codewörtern) für alle möglichen Kombinationen von Brennweiten. Blicken Sie durch den in den Zubehörschuh der LEICA gesteckten Sucher, sehen Sie Rahmen für 135 und 50 mm Brennweite; alles, was sie drumherum sehen, ist das Bildfeld für 35 mm Brennweite. 

   Damit es nicht so einfach wird, das Bild im Sucher ist zwar aufrechtstehend, aber seitenverkehrt. Sie werden mit dieser Tatsache einige Jahre leben müssen, dann erst wird es – durch Einbau eines Prismas – derartige Sucher mit seitenrichtigem Sucherbild geben.

   Aber: wohin stecken Sie jetzt Ihren Entfernungsmesser FODIS oder FOFER? Oskar Barnack hat auch daran gedacht. Praktisch alle frühen Versionen des Torpedo-Suchers haben für diesen Zweck einen Zubehörschuh auf der Oberseite – nur der abgebildete (spätere) Sucher hat partout keinen.

   Wenn Sie sich nun Ihre kleine und handliche LEICA mit aufeinander gesteckten VISOR und FOFER oder FODIS ansehen, kommt Sie Ihnen nicht mehr so klein und handlich vor? Alles ist relativ, eine Plattenkamera 6x9 cm ist noch viel größer. Und: haben Sie Geduld. Rom ist nicht an einem Tag erbaut worden und die LEICA war nicht 1931 vollendet; es hat schon bis 1932 gedauert.  Da erschien die LEICA II auf dem Markt, mit eingebautem und gekuppeltem Entfernungsmesser, und 1933 kam dann der von Ernst Leitz II persönlich entworfene VIDOM in vielen Varianten in den Handel, der klassische Universalsucher für alle gängigen Brennweiten, meistens mit aufgebautem Zubehörschuh wie in der Abbildung. Zwanzig Jahre später wird dann von der Firma Leitz mit der LEICA M3 und ein wenig später mit der M2 das Problem endgültig und technisch elegant gelöst.

Sie haben also eine LEICA, Sie haben Wechselobjektive, Sie haben den passenden Zusatzsucher und Sie haben einen Entfernungsmesser. Und welchen Film legen Sie Ende 1931 in diese LEICA ein? Was gibt es überhaupt auf dem Markt?

 

2. Teil

 Filme für die Leica

  Schon 1925 hatten Sie Auswahl genug. Sie konnten praktisch irgendeinen Film für Kinofilme kaufen, doppelt perforiert, 35 mm breit und etwa 30 Meter lang. Aus diesem langen Film schnitten Sie sich die einzelnen Filmstreifen in der für die Leica richtigen Länge ab (1,65 Meter). Das taten Sie naturgemäß in einem verdunkelten oder fensterlosen Raum. Die meisten Filme waren damals orthochromatisch, das heißt, für rotes Licht weitestgehend unempfindlich. Daher musste der Raum nicht unbedingt absolut dunkel sein, Sie konnten auch eine speziell rot eingefärbte Dunkelkammerlampe brennen lassen und tappten nicht in absoluter Finsternis umher.

   Das war schon deshalb gut, weil sich die abgeschnittenen Filmstücke  gerne zusammenrollten, einem aus der Hand fielen und auf dem Boden herumrollten.

Den Film in die richtige Länge geschnitten, mussten Sie ihn in eine lichtdichte "Kammer" hineinpraktizieren, die ihrerseits in die Leica passte. Diese, wie wir heute sagen würden, Kassette, war in geschlossenem Zustand absolut lichtdicht; durch einen Hebel am Boden der Leica wurde sie beim Befestigen des Bodendeckels am Gehäuse geöffnet. Dadurch war es möglich, den Film in der geschlossenen LEICA nach jeder Aufnahme vor- und am Filmende wieder zurückzuspulen, ohne den Film zu verschrammen. Naturgemäß wurde eine solche Kassette  von Anfang an von Leitz angeboten. Die Kassette bestand aus drei Teilen: der Hülle, dem Spulenkern, auf dem der entsprechend zugeschnittene Filmanfang in einen Schlitz gesteckt wurde und dem Deckel, der das Ganze abschloss. Das war das Magazin A. Mit dem sind viele Eigentümer einer Leica nicht recht glücklich geworden, weil die Kassette beim Herausnehmen aus der Kamera manchmal von selbst aufging. Das Magazin A wurde sehr schnell durch das Magazin B ersetzt, dem diese Macke nicht zu eigen war. Die Version B wurde bis 1954 geliefert.

filmkammerD1931.jpg (27169 Byte)   Im Herbst 1931 war jedoch bereits was ganz Neues lieferbar, die Kassette Modell D, eine Metallhülse mit einem mit Samt gefütterten Schlitz und abnehmbaren Deckel. 

filmeinlegen31.jpg (16258 Byte) In diese Kassette wurde der auf der Spule aufgewickelte Film eingeführt, wobei der Filmanschnitt durch den Schlitz nach außen ragte. Das getan, wurde der Deckel aufgesetzt und verschraubt. Eine nur geringfügig veränderte Variante verwenden wir noch heute, aber das wussten Sie 1931 natürlich noch nicht.

   Welche Filme standen Ihnen denn nun im Herbst 1931, also vor 70 Jahren, zur Verfügung und in welchen Konfektionierungen waren sie lieferbar?

1931 hatte der Fotograf einige Auswahl. Filme gab es primär von Agfa, von Kodak, von Mimosa und von Perutz und zwar alle miteinander orthochromatisch und in Empfindlichkeiten von 16 – 23 Grad Scheiner, je nach Sorte. Perutz lieferte zusätzlich einen panchromatisch sensibilisierten Film, den Perutz-Panchro mit 14-15 Grad Scheiner. Relativ lichtempfindlichere und damit grobkörnigere panchromatische Filme waren auch der Agfa Superpan und der Kodak SS mit jeweils 23 Grad Scheiner. Daneben gab es eine Reihe von kleineren Firmen, wie etwa Hauff, Eisenberger und Lomberg, welche ebenfalls orthochromatische Filme anboten. An den Maßstäben von 2003 gemessen, waren alle Filme geringempfindlich: 23 Grad Scheiner entsprechen etwa ISO 12.

   Der sparsame Fotograf kaufte sich Meterware (z. B. 30,5 Meter in Blechdose), die er in der Dunkelkammer selbst auf passende Länge schnitt. und in die Kassette füllte. Danach konnte außerhalb der Dunkelkammer der Filmanfang zurechtgeschnitten werden, sodass eine ca. 10 cm lange Filmzunge entstand, wobei der Anschnitt zwischen zwei Perforationslöchern verlaufen musste. Das war wichtig, sonst gab es beim Filmeinlegen Probleme. Leitz lieferte daher für Ungeschickte eine Schneideschablone (ABLON), mit der sich dieser Vorgang vereinfachen ließ. Alternativ hatte Leitz ab 1925 bereits zugeschnittene Filme angeboten, die lediglich in die passende Kassette eingesetzt werden mussten. 1931 gab es diesen Service von Leitz aber schon nicht mehr.  

   1931 lieferten nämlich die großen Firmen auch bereits passend zugeschnittene Filmstücke aus, einige, wie etwa Kodak und Perutz boten auch so genannte Tageslichtfüllungen an:  zugeschnittene Filme, auf Spule aufgerollt, der Filmanschnitt mit einem langen, losen Vorspann aus Papier, welches den eingewickelten Film lichtdicht abdeckte.

Diese "TALI"-Packung wurde bei – gedämpftem – Tageslicht in die Kassette eingeschoben, der Papierstreifen mit dem Filmanschnitt aus der Kassette gezogen, der Papieranschnitt weggeworfen – und der bereits richtig zugeschnittene Filmanfang ragte aus der Kassette heraus. Diese Art der Konfektionierung war relativ preiswert und hat sich durchgesetzt. Solche "Tageslichtfüllungen" waren noch bis Anfang der 60er-Jahre lieferbar – und konnten natürlich nicht nur in der Leica verwendet werden, sondern auch in allen anderen Kleinbildkameras.

   Wem das zu teuer war, konnte sich von Mimosa eine Dose mit 30,5 Meter Film kaufen, der bereits richtig konfektioniert war. Die einzelne Filmlänge musste nur vom Rest in der Dose in der Dunkelkammer abgerissen werden. Damit erübrigte sich das richtige Zuschneiden der Meterware. Dieses System hat sich nicht durchgesetzt, mag sein, dass Mimosa eine zu kleine Firma war, um die Marktentwicklung maßgebend zu beeinflussen. Aber immerhin gab es in den folgenden Jahren "DUKA"-Packungen von Agfa, Kodak, Adox und anderen Firmen mit je einem einzigen Film von 1,65 Meter Länge, ausgeliefert ebenfalls bis in die 60er-Jahre.

   Im Sommer 1931 hat Perutz erstmals etwas heute ganz Selbstverständliches getan: Perutz hat die Filme passend durchnummeriert und mit Firmen- und Typenbezeichnung versehen. Würden Sie in unserem Gedankenspiel Perutz-Persenso-Film mit 23 Grad Scheiner verwenden, bräuchten Sie nicht mehr mit einem Messer am Filmanschnitt die Filmtype einritzen, um zu wissen, welchen Film Sie beim Entwickeln vor sich haben.  

   1932 und 1933 werden dann die fertig konfektionierten Kleinbildpatronen von praktisch allen maßgebenden Firmen angeboten werden und sich sehr rasch durchsetzen. Meterware, TALI- und DUKA-Packungen werden von da an nur mehr eine Nischenrolle spielen.

Filmeinlegen in die Leica 1931

   Sie nehmen also die D-Kassette von Leitz, öffnen Sie, befestigen den Film auf der Spule, indem Sie ihn unter deren federnde Zunge legen, wickeln den Film auf die Spule (es gibt auch ein passendes Gerät, welches das Aufwickeln beschleunigt, mit dem Codenamen AGRIF), stecken die Spule  so in die Kassette, dass der Filmanfang durch den mit Samt bezogenen Schlitz herausragt und verschließen die Kassette mit dem dazugehörigen Deckel. Danach schneiden Sie die Filmzunge richtig aus – freihändig oder mit der Filmanschnittschablone mit dem Codenamen ABLON, öffnen danach mit dem Knebel im Bodendeckel der LEICA bei Tageslicht, aber möglichst nicht im direkten Sonnenlicht, die Kamera, indem Sie den Bodendeckel abheben. 

Die Aufwickelspule nehmen Sie aus der Leica, stecken den Film mit der Schichtseite nach innen unter die federnde Zunge der Spule und setzen danach Patrone und Aufwickelspule mit dem Film dazwischen in die auf der Oberseite stehenden Kamera, wobei der Film in den Filmkanal gleitet. Wenn Sie jetzt noch den Bodendeckel aufsetzen und mehrere Leeraufnahmen machen, sind Sie sogleich aufnahmebereit. 

Wie man das auch nach 70 Jahren noch richtig macht, habe ich hier im Einzelnen beschrieben. Da vor 70 Jahren die Filmanschnitte, der Konstruktion der LEICA entsprechend, länger waren, war dieser Vorgang wesentlich einfacher als das Filmeinlegen in eine Schraubleica im Jahre 2001. Ab den 50er-Jahren wurden Filme nur mit den heute noch üblichen kurzen Filmanschnitten (Zungen) ausgeliefert.

3. Teil


Wie man 1931 eine Aufnahme machte

   Mit einem Wort: umständlicher als heute.

Versetzen Sie sich wiederum in den Herbst 1931 und stellen Sie sich vor, Sie hätten ein Motiv gefunden wie das nebenstehende. Daher stellen Sie Zeit und Blende richtig ein. Wie? Drei Möglichkeiten haben Sie, die richtige Belichtung zu bestimmen: 1. Erfahrung, 2. Belichtungstabelle, 3. Optischer Belichtungsmesser, die elektrischen waren noch nicht erfunden. Das Bild oben ist im Oktober 1930 gegen Mittag mit Hauff Leica-Film (21 Grad Scheiner = ca. ISO 8) mit Blende 9 und einer Belichtungszeit von 1/20 Sekunde aufgenommen worden. Anstelle des damaligen Fotografen machen Sie zur Sicherheit lieber mehrere Aufnahmen mit unterschiedlichen Zeiten und Blenden. Man weiß nie. Übrigens: im Jahre 1931 wäre Ihnen Blende 9 ganz normal vorgekommen, inzwischen haben wir uns an andere Blendenwerte gewöhnt. Für die Praxis genügt es, zu sagen, Blende 9 entspräche in etwa dem Mittelwert der Blendenwerte 8 und 11.

  Sollten Sie aber die oben gezeigte Aufnahme mit Ihrem Hektor 4,5/135 mm machen wollen, werden Sie mit dem verwendeten Film der Firma Hauff wenig Freude haben und mit 1/20 Sekunde nur eine verwackelte Aufnahme erhalten. 2 Möglichkeiten haben Sie: Sie verwenden einen höher empfindlichen Film, vielleicht den Tempo-Rot-Film von Schleussner (Adox) mit 23 Grad Scheiner, oder Sie verwenden ein Stativ.

   Die Entfernung müssen Sie auch einstellen. Dafür haben Sie den aufsteckbaren FOKOS. Schaut gewöhnungsbedürftig aus. Im nächsten Jahr, 1932, würden Sie sich zweifellos den in waagrechter Stellung auf der LEICA aufsteckbaren FODIS kaufen, aber 1932 werden Sie, genug bares Geld vorausgesetzt, keinen aufsteckbaren Entfernungsmesser mehr brauchen, denn ab März 1932 gibt es die LEICA II mit eingebautem und gekuppeltem Entfernungsmesser im Handel. Mit dem Modell II wird die Leica fertig entwickelt sein, alles, was bis zur LEICA M3 1954 kommen wird, sind kleine Verbesserungen, angenehm und nützlich, aber nicht unbedingt nötig.

Entwickeln und Vergrößern im Herbst 1931

   Film vollfotografiert? Zurückspulen ist einfach. Wenn Sie so wollen, können Sie den Film selbst entwickeln. Dafür gibt es seit 1925 ein seltsames Gerät namens FIMAN, eine Glastrommel mit Ständer, der in einer Wanne mit Entwickler steht. Um die Trommel wickeln Sie den Film, drehen danach die Trommel, bis der Film ausreichend Zeichnung aufweist. Das sehen Sie, weil die Filme ja orthochromatisch sind und Sie den Fortgang der Entwicklung bei passendem, rotem, Licht mitverfolgen können. Sie haben einen panchromatischen Film verwendet? Dann werden Sie ja im Herbst 1931 schon eine Entwicklungsdose mit Correx-Band haben, die es seit 1929 gibt. Im Dunklen legen Sie den Film in die Dose (Sie hängen den Film mit seiner Perforation in die Nocken des Bandes und spulen beides richtig um die Aufwickelspindel der Dose und schrauben die Dose lichtdicht zu) und entwickeln nach Zeit und Temperatur – nicht viel anders als im Jahre 2003. Auch der Fixiervorgang und die Wässerung des Film ist praktisch gleichgeblieben.

Ein Bild 2,4 x 3,6 cm wird Sie im Herbst 1931 ebensowenig befriedigen wie uns heute. Von Leitz gibt es das nebenstehend gezeigte Vergrößerungsgerät FILIX seit 1925, mit dem Sie jedes Negativ vergrößern können – Endergebnis ist ein Papierbild in Postkartengröße. Und schon seit 1926 gibt es ein Vergrößerungsgerät FILES mit variablem Vergrößerungsmaßstab, das nicht anders funktioniert als die Vergrößerungsgeräte des Jahres 2003.

   Wahlweise können Sie Ihren Film aber auch schon im Herbst 1931 zum Fotohändler tragen und dort entwickeln lassen.

   Schuhkartons für die Aufbewahrung Ihrer Meisterwerke sind auch 1931 schon üblich.

   Haben Sie 1931 in der Dunkelkammer beim Vergrößern, Entwickeln und Fixieren Ihrer Bilder nicht gepfuscht, sondern die Bilder ordentlich ausgearbeitet, werden die Bilder auch 70 Jahre später praktisch unverändert sein. Schwarz-Weiß natürlich, Farbe gibt es für den Amateur noch nicht. 

   Und die Nachfahren werden sich fragen, was Sie denn 1931 zu solchen Aufnahmen bewogen hat und wer um Gottes Willen die abgebildeten Familienangehörigen, Freundinnen etc. wohl sein mögen, die kein Mensch mehr identifizieren kann.

   So viel zum Thema Ewigkeit.

 

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Geändert am 30.1.2010
© Peter Lausch/2010